Eine Mitweltethik als postmoderne Überlebensphilosophie (Teil 4)


Autor: Christian Demmer mit Material von Univ. Doz. Dr. Weish

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4. Ketzerische Thesen zu Wissenschaft, Technik und Politik

4.1 Das Märchen von der Objektivität, Unabhängigkeit und Wertfreiheit

4.1.1 Der frühere Typ des Wissenschafters:

4.1.2 Wissen ist Macht (einer Lobby)

4.1.3 Verlust des Ganzen

4.1.4 Ausschaltung von Qualitäten oder eine Neuorientierung?

4.2 Über die Eigendynamik der Technik und die Behinderung von Alternativen

4.2.1 Ethische Aspekte der Atomrüstung

4.2.2 Die Natur von Strahlenspätschäden

4.2.3 Gentechnik und Pharmaindustrie

4.2.4 Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Risken

4.2.5 Das Problem der unabsehbaren Folgen

4.2.6 Moderne Eugenik: PID

4.2.7 Beliebige Neukonstruktion des Lebendigen?

4.3 Aufklärung über Wissenschaft, Technik, natürliche und künstliche Sprachen

4.3.1 Die Aufklärung fortsetzen ...

4.3.2 Einengung durch blinde Wissenschaftsgläubigkeit

Zu diesen Charakteristika gehört

4.3.3 Für die endgültige Ablösung des mechanistischen Weltbildes

4.3.4 Kriterien für "Wahrheit" und Universalität, Quantentheorie der Berechnung

4.3.4.1 Über die Zulässigkeit einer absoluten Logik

4.3.4.2 Logiken für jeden Zweck ...

4.3.5 Die Bedeutung natürlicher und künstlicher Sprachen

4.3.5.1 Geschichte der Sprachtheorie

4.3.5.2 Fünf Aspekte sprachlicher Äußerungen

4.4 Forschung u. Lehre zum Wohle der Allgemeinheit, Mehrstufige Zivilisation

4.4.1 Die Frage der Verantwortung und die Legitimität von Kontrolle

Kontrolle der Naturwissenschaft?

Grenzen individueller Verantwortung

Vergesellschaftung der Verantwortung

4.4.2 Für eine neue Wissenschaft

4.4.3 Ein Beispiel: "Wai Dan Gung" oder Thai Kung

4.4.4 Für eine mehrstufige Zivilisation

4.4.5 Reformpädagogik, Alternativschulen

4.5 Kleiner Ausblick auf die Technologie von morgen


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4. Ketzerische Thesen zu Wissenschaft, Technik und Politik

Ein gigantischer Computer rechnete 7,5 Millionen Jahre an der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Antwort lautet seiner Meinung nach: "Zweiundvierzig". Experten kamen zu dem Schluß, daß vielleicht die Frage falsch gestellt wurde. Man ging daran, ein noch viel aufwendigeres Computerprojekt ins Leben zu rufen, um die richtige Frage zu finden.

Zitat aus: Aus Hitchhiker`s Guide to the Galaxy [Douglas]

 

Kurzfassung: Dieser Abschnitt über Wissenschaft und Technik ist eng mit der Entwicklung und der gesellschaftlichen Bedeutung der Wissenschaften verbunden, die bereits im philosophiegeschichtlichen Abschnitt behandelt wurden. Nur wenige hervorragende Geister können heute naturwissenschaftliche Erkenntnisse technischen Laien zugänglich machen. Die Frage nach dem Nutzen zum Wohle der Allgemeinheit wurde bei den meisten der neuartigen Technologien niemals wirklich gestellt. Stattdessen begnügt man sich damit, eine Fülle von zivilen Alibianwendungen für die meist aus militärischen und ökonomischen Gründen forcierten Forschungsarbeiten aufzuzählen. Das Märchen von der Wertfreiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft kommt ebenfalls zur Sprache. Alternative Vorschläge werden sich auf einen neuen Verantwortungsbegriff, auf eine an Nachhaltigkeit und Ökologie orientierte Technik und die Idee der "Forschung zum Wohle der Allgemeinheit" konzentrieren.


4.1 Das Märchen von der Objektivität, Unabhängigkeit und Wertfreiheit

Das Neutralitätsargument besagt, daß Wissenschaft und Technik — als wissenschaftliches Erkennen und technisches Konstruieren — selbst wertfrei sind, nur die Anwendung unterliege ethischer Bewertung. Karl Jaspers (zit. nach Bayertz S.174): "Weil sie selbst (die Technik) keine Ziele steckt, steht sie jenseits oder vor allem Gut und Böse. Sie kann dem Heil oder dem Unheil dienen. Sie ist beidem gegenüber an sich neutral". Und da Wissenschaftler und Techniker auf die Art der Anwendung ihrer Ergebnisse keinen Einfluß haben, können sie für die Folgen nicht verantwortlich gemacht werden. Wissenschaft als reines Streben nach Erkenntnis mußte vor Unterdrückung bewahrt werden, die Wissenschaftler vor Verfolgung. Dieses vielzitierte Neutralitätsargument umfaßt bei weitem nicht den gesamten Bereich der Wissenschaft und Technik.

4.1.1 Der frühere Typ des Wissenschafters:

Neben Universitätsprofessoren waren Wissenschafter wie Darwin, Alexander von Humboldt u.v.a. unabhängige, wohlhabende Leute, die ihr Vermögen in ihre Forschungen investierten. Viele betrieben die Wissenschaft als Hobby neben dem Beruf, so auch der Geistliche Gregor Mendel.

Die erste Forschungsgesellschaft, die Bacons Sichten und Galileis Impulse in einer Institution verkörperte, die Londoner Royal Society, war allerdings keine exklusive Gemeinschaft von "Professoren" und "Klerikern" mehr, wie sie bisher die Wissenschaft pflegte, sondern eine Versammlung von Laien, die meist aus dem tätigen Leben kamen. Kaufleute der City, Landeigentümer, Juristen, Ärzte und Geistliche — Liebhaber also fanden sich hier zusammen, um ihre Erkenntnisse und ihre Forschungsergebnisse auszutauschen und der Natur ihr Geheimnis durch organisierte Zusammenarbeit abzugewinnen. Statt Höflingen und Gelehrten, die von der Gunst eines Fürsten abhängig waren, wie noch Galilei und Kepler, waren sie unabhängige Männer, reich und interessiert genug, um aus eigenem Antrieb zu forschen, und "praktisch" genug, dabei stets den Nutzen der Forschung in ihrem Blickfeld zu haben.

Auch die Schwestergesellschaft in Frankreich, die Academie des Sciences in Paris, entstand nach einem Jahrhundert des Bürger- und Glaubenskriegs nicht aus der Hochschulwissenschaft, sondern aus den Zusammenkünften von Laien und Außenseitern — meist Ärzten, Juristen und Geistlichen, die bei den schnell aufblühenden Wirtschafts-, Handels- und Kolonialunternehmungen Förderung durch die Regierung fanden. Auch diese Akademie ging von technischen Zeitproblemen der Seefahrt, der Kriegsführung und des Gewerbes aus. Von ihr aus vollzog sich der Einzug der Wissenschaft in die Gesellschaft und ihre Anerkennung als führende geistige Macht [Wagner64].

Durch die Aufgabe, bessere Navigationsmittel zu beschaffen, wurde in beiden Ländern die neue Forschung, die ihre Methoden seit Newton und Huygens entwickelt, aber nur auf die Astronomie angewandt hatte, zur Voraussetzung einer weltgeschichtlichen Umwälzung.

Grundlagenforschung, wie wir sie heute an den Universitäten kennen, gab es zu jener Zeit aber kaum, sieht man vom allgemeinen Interesse der intellektuellen Eliten an der Disziplin der Mathematik ab. Der folgende Abriß der Wissenschaftsgeschichte wurde einer Vorlesung über die "Wissenschaften in der Geschichte der Moderne" entlehnt, die von Prof. Dr. Mitchell G. Ash an der Universität Wien angeboten wird.

Die theoretischen Grundlagen für die technische Gewinnung mechanischer Energie schuf Carnot mit der Motivation, schwere, gepanzerte Kriegsschiffe zu bauen, die vom Wind unabhängig sind. Die Realisierung der ersten Dampfmaschinen ließ aber noch einige Zeit auf sich warten. Seine Forschungen, sowie die in der Folge geschilderten Entwicklungen entsprachen der Tradition der erwähnten englischen und französischen Wissenschaftsgesellschaften, die bald Nachahmer in den Kolonien und Industriezentren fanden. Die technische Revolution der "unermüdlichen" Maschinen revolutionierte den Wissenschaftsbetrieb neuerlich. Nun wurden plötzlich Ingenieure mit Kenntnissen in der Mechanik und Wärmelehre in großer Zahl gebraucht, was eine Neugründung nationaler Lehrstätten zu Folge hatte. Das mechanisierte Transportwesen veränderte rasch die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Plötzlich rückten Rohstoffe näher zu den Zentren ihrer Verarbeitung. Neue Quellen des Reichtums erschlossen sich für das Großkapital, der Hunger nach Macht und Rüstungsgütern versprach nicht enden wollende Nachfrage.

Mit der Entstehung der groß-chemischen Industrie in Deutschland wurden neue, der Forschung verpflichtete Institutionen mit aufwendiger Ausrüstung geschaffen. Eine wichtige Fragestellung war zunächst eine klare Einteilung (Klassifikation) der "reinen Stoffe", die schließlich zur Entdeckung der chemischen Elemente führte. Daran beteiligten sich zahlreiche neu eingerichtete private Labors und Universitätsabteilungen.

Waren die Dampfmaschinen noch unhandliche mechanische Ungetüme, bot die Kraft der Elektrizität eine wesentlich flexiblere Gestaltung automatischer Fertigungseinrichtungen. Die Elektroindustrie setzte auf der erwähnten chemischen Industrie auf, und wurde mit einer Verfeinerung der Mechanisierung kombiniert. Allerdings war dieser Entwicklungsschritt mit einer enormen Steigerung der Komplexität technischer Anwendungen verbunden. Das führte zur Entwicklung systematischer Designmethoden, die auf der Standardisierung von Einzelleistungen bzw. Teilen beruhte: die analytischen Ingenieurswissenschaften erlebten ihren Höhepunkt. Damit verbunden war eine weitere Spezialisierung von Forschungseinrichtungen, die dem Staat von der Industrie abgerungen wurden. Es handelt sich um Normungsinstitute wie die deutsche Physikalische-Technische Reichsanstalt und die Kaiser Wilhelm Gesellschaft. Die meisten Entdeckungen dieser Zeit wurden industriell verwertet, wie der Dynamo von Siemens. Justus Liebig forschte für BASF, Thomas Jefferson arbeitete für Dupont. In den USA wurden Stiftungen von Industriellen wie Carnegie und Rockefeller mit ähnlichen Zielsetzungen ins Leben gerufen, aber auch um den technischen Vorsprung der deutschen und französischen Industrie zu begegnen. Thomas Edison wurde z.B. von der Carnegie Foundation gefördert. Die wirtschaftlichen Interessen der Geldgeber verursachten einen bis heute bestehenden Konflikt zwischen der Lehre und Grundlagenforschung auf der einen Seite und der Zweckforschung auf der anderen Seite. Letztere ist ausschließlich kurzfristigen Gewinnen verpflichtet, streng geschützte Patente als Resultat der Bemühungen werden in der Folge kommerziell verwertet.

4.1.2 Wissen ist Macht (einer Lobby)

Zitat H. Scheer (bearbeitet): Da die moderne Wissenschaft nach dem Wort Bacons "Macht" ist, da sie dem Willen zur Macht gehorcht und Machtmittel erzeugt, war ihre Bindung an die politische Form dieser Macht, den Staat und seine Regierung, in einer Epoche des Machtstaates und seiner Machtpolitik von weltgeschichtlichen Folgen. Nach ihrer Organisierung durch diesen Staat galt die Forschung mehr und mehr als nationaler Bestand, ja als nationaler Besitz, der sie zu einem Beitrag etwa zur Kriegsrüstung oder zur Wirtschaftsentwicklung verpflichtete.

Das Prinzip der "Freiheit" der Wissenschaft wirkte, als das ihrer ethisch-sozialen Neutralität, noch ideologisch fort, doch wurde es Schritt für Schritt von der Pflicht der Forscher ausgehöhlt, durch Innovationsdrang und dessen Anwendung auch nationale Aufgaben zu erfüllen. Im Maße, in dem diese Anwendung wuchs, erhöhte sich auch das Gewicht der Wissenschaft für einen Staat, der selbst von den Wirtschaftsmächten bestimmt war und dem die Forschung als Rüstungsfaktor so unentbehrlich wurde, daß er sie nicht nur im Frieden förderte, sondern begann, sie zur Kriegszeit durch seine Geheimhaltungs- und Überwachungsmaßnahmen sicherzustellen. Atomwissenschaft und die Raumfahrtforschung sind zudem so kostspielig, daß sie nur mit Staatshilfe zu betreiben sind.

Da andererseits die höchste Machtstellung eines Forschers nur die eines Gutachters oder Beraters und darum ohne formelle Verantwortung ist, bleibt das Problem der sozialen Funktion dieser Forschung vieldeutig in der Schwebe zwischen Erkenntnis und Zweck, Grundlagenforschung und Anwendung, während die Wissenschaft nicht nur die Wirklichkeit ständig verändert, sondern auch ständig neue Wirklichkeit schafft ...

4.1.3 Verlust des Ganzen

Zitat H. Scheer (bearbeitet): Seit Urzeiten hatte der Mensch durch die Sonne gelebt und ihr daher in seinen Kulten und Mythen göttlichen Rang eingeräumt. Durch die Sonne wachsen die Pflanzen, die Menschen und Tiere ernähren, sie zeugt den Wind und die Regen spendenden Wolken und treibt den Wetterzyklus vom Meer zur Wolke, zum Regen, zum Fluß und zum Meer. Das Sinnbild dieser "Kultur" war der Tageslauf wie der Jahreslauf der lebenbeherrschenden und lebenerneuernden Macht, der dem immer gefährdeten Menschendasein seinen "Charakter" gab. Ihr Organ war der Kosmos der Ordnungen, der — von der Ehe über die Kulte bis zu den politischen und sozialen Gemeinschaftsformen — dem Leben Gestalt gab und Dauer und Sinn verlieh.

Erst jene Natur-"Wissenschaft", die seit dem Jahrhundertbeginn als Mit- und Gegenspieler des Menschen mehr und mehr die Natur verdrängt, schafft für ihn eine zweite Wirklichkeit, die keinen lebenhaltigen Ursprung mehr hat. Solange der Logos, als griechische Lebensmacht der Vernunft oder als christliche Offenbarung, die Wissenschaften durchdrang, blieb auch der Trieb des Forschens auf die umgreifende Wahrheit der Wirklichkeit selber beschränkt. Die Wahrheit, die hier erforscht und erkannt wird, umfaßt die Natur wie das menschliche und macht den Wissenden frei durch die Erkenntnis des "wahrhaft" würdigen oder möglichen Seins.

Die "exakte" Wissenschaft aber — deren Modell heute tief in die Geisteswissenschaft wirkt — gewinnt den Zugang zu den Entdeckungen und Erfindungen, die ihre Macht und Autorität begründen, erst durch die Preisgabe dieser Sinn- und Wesensfrage nach Seinswahrheit und Existenzwahrheit. Seit Galilei führt der Verzicht auf Metaphysik zur Physik. Der Drang nach Wahrheit verwandelt sich in ihr zur wissenschaftlichen Neugier, die Wahrheit selber zur Allgemeingültigkeit und zur Richtigkeit der "Ergebnisse". Das Festhalten solcher Forschung am alten Anspruch auf "Freiheit" und "Wahrheit" ohne die Seinsbindung und Existenzbezogenheit dieser Werte ist nur ein Maskenspiel, das den Zwiespalt zwischen der Wissenschaft und der Wirklichkeit in seinem Zwielicht verhehlt.

4.1.4 Ausschaltung von Qualitäten oder eine Neuorientierung?

Zitat H. Scheer (bearbeitet): "Da der "exakten Wissenschaft" alles Nicht-Meßbare als sekundär (weil "objektiv" nicht erfaßbar) galt, wurde die Wissenschaft zu einer außermenschlichen und dadurch auch unmenschlichen Welt, die das geistig-geschichtliche und das soziale Dasein des Menschen ausschloß. Durch ihre Methode der Ausschaltung der "Qualitäten" und der Isolierung der Forschungsobjekte gewann diese Wissenschaft ihre Weltmacht durch ihre Erkenntnisse und Erfolge, verlor aber die Existenzwahrheit, die einst die Wissenschaft mit der Wirklichkeit und dem Menschen verband. Die Scheidung des "positiven" vom "normativen" Wissen, der Techniken und Funktionen von den Organen und Zwecken, des Ursachenwissens vom Zielwissen, die jenen Zuwachs aus Wissen und Können hervortrieb, brach auch das Wachstum der Normkräfte, deren das Leben bedarf, um seine Gestalt zu bewahren.

Während die Forschung durch ihre Entdeckungen und Erfindungen die alten Ordnungen aushöhlte, dehnte sie zugleich die Macht des Menschen ins Unermeßliche aus, ohne ihm andere Normen zu geben, als die ihres Fortschrittes und ihrer "wertfreien" Normlosigkeit. Ihre Erdentfremdung schloß, wie die Selbstentfremdung der Forscher, die Menschenwelt grundsätzlich aus einer derart entmenschten Wissenschaft aus, während diese immer mächtiger wurde und immer stärker, mittelbar oder unmittelbar, auf die Menschenwelt wirkte. ..."

Der in 5.4.1 skizzierte "erweiterte Materialismus/Strukturalismus" versucht dieser Kritik zu begegnen, in dem die menschliche Fähigkeit zum "ganzheitlichen Erkennen und Bewerten" mit Hilfe der Gefühle und des unbewußten Teils der Psyche anerkannt und ausreichend berücksichtigt wird. Es würde jedoch unserem Streben, die Aufklärung fortzusetzen, widersprechen, würden wir den naturwissenschaftlichen Ansatz zur Problemlösung gänzlich verwerfen. Gerade das Gefühl und andere kognitive Fähigkeiten lassen sich erfolgreich als in "Materie repräsentiert" und der wissenschaftlichen Analyse zugänglich beschreiben [Chomsky81]. Viel mehr fehlte es bis jetzt am Willen, den Popperschen Ansatz ernst zu nehmen, und überprüfbare Theorien auch zu Themen aufzustellen, deren Vernachlässigung Hermann Scheer zuvor kritisiert hat. Noch gravierender war das wissenschaftliche Dogma des "Instrumentalismus", der das von Popper geforderte "Verständnis" für problemlösende Theorien für unnötig und sogar unwissenschaftlich erklärt.

Ich habe in dieser Arbeit zahlreiche wissenschaftlich untermauerte Lösungsvorschläge präsentiert, die zentrale Probleme wie eine gestörte gesellschaftliche Kommunikation, eine nachhaltige Lebensweise usw. ansprechen, und hoffentlich auch verständlich machen. Ich kann Hermann Scheer aber nicht folgen, wenn er eine naturwissenschaftliche Betrachtung menschlicher Fähigkeiten von vornherein ausschließt und verdammt. In der Einleitung und in 3.1 habe ich z.B. die Möglichkeit quantitativ erfaßbarer Modelle von kognitiven Fähigkeiten skizziert, etwa am Beispiel der Zeicheninterpretation und des Sprachverstehens. Das Verständnis solcher "geistigen" Fähigkeiten, aber auch die Auseinandersetzung mit dem menschlichen "Gefühlsapparat" in der Psychologie, Neurologie und Biochemie liefert wichtige Indizien dafür, warum die Menschheit so anfällig für Fehlentwicklungen wie die zuvor beschriebene Technisierung ist.

Ich möchte am Ende dieses Unterkapitels noch einmal an Hans Jonas Pflichten der Zukunftsethik erinnern, die Beschaffung der Vorstellung von den Fernwirkungen und die Aufbietung eines angemessen gefühls. Dafür muß in einer zeitgemäßen wissenschaftlichen Methodik die systematische Auseinandersetzung mit Technikfolgen garantiert werden.

4.2 Über die Eigendynamik der Technik und die Behinderung von Alternativen

Seit dem Unfall in Tschernobyl ist die Debatte über Sicherheitsrisken "östlicher" Atomreaktoren nicht mehr verstummt. Atomkraftwerke sind deshalb so gefährlich, weil große Mengen gefährlicher Substanzen in Verbindung mit hohen Energiedichten und komplizierten Anlagen unberechenbare Wechselwirkungen zur Folge haben. Endgültige Sicherheit ist bei weder bei solchen, noch bei irgendwelchen Systemen erreichbar. Werden nun halbfertige russische Reaktorkonstruktionen mit "westlicher" Technik fertig gebaut, noch dazu ohne Einbeziehung der erfahrenen Konstrukteure, so treten zahlreiche neue Probleme auf und es gibt gute Gründe anzunehmen, daß das Ergebnis mindestens so gefährlich ist, wie die unveränderten Reaktoren mit fehlenden Sicherheitsvorkehrungen gewesen wären — sieht man/frau von dem nachträglichen Einbau eines "Containmentbehälters" ab. Jedenfalls verdienen seit geraumer Zeit westliche Firmen das große Geld im Osten. Finanzierungsprobleme sind nebensächlich, Rückzahlungen durch billige Atomstromexporte stellen kein Problem dar, nachdem die EU für die Bereitstellung der notwendigen Stromautobahnen gesorgt hat.

Bei der Atomkraft geht es aber nicht nur um das Unfallrisiko. Besorgniserregend ist die Untrennbarkeit ziviler und militärischer Atomindustrie. In einer Welt mit einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, mit einer Verknappung erschöpflicher Ressourcen und einer dramatischen Zerstörung der Lebensgrundlagen ist zu befürchten, daß Einzeltäter, Terrororganisationen und das organisierte Verbrechen sich spaltbares Material in ausreichender Menge verschaffen und ganze Völker als Geiseln nehmen können. Entwicklungsländer wie Indien und Pakistan haben gezeigt, wie schnell diese verlockende Technologie in "falsche Hände" geraten kann. Die größte Gefahr, die von der Atom- aber auch von der Gentechniklobby ausgeht, liegt aber vermutlich darin, daß beide mit ihren finanziellen und strukturellen Machtmitteln zukunftsverträgliche Technologien und soziale Entwicklungen blockieren, da sie Unmengen an Steuergeldern ohne praktischen Nutzen für die Gesellschaft binden, und zudem künftige Generationen mit enormen Investitionen belasten. So müßte zur Sanierung bekannter "Altlasten" (illegale Deponien) in Österreich das gesamte Umweltbudget eines halben Jahrhunderts aufgebracht werden, um die Umweltsünden aus den 60er und 70er Jahren zu beseitigen.

4.2.1 Ethische Aspekte der Atomrüstung

Schweitzers Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" hat für unsere Generation eine besondere Bedeutung. Unsere Inhumanität ist ja größer geworden als die der früheren Geschlechter. Dadurch, daß wir in Besitz von Atomwaffen gekommen sind, hat für uns die Möglichkeit und die Versuchung, Leben zu vernichten, ins Unermeßliche zugenommen. Durch die großartigen Fortschritte der Technik ist die Fähigkeit grausigster Vernichtung von Leben zum Schicksal der heutigen Menschheit geworden. Von diesem Schicksal kommen wir nur los durch die Abschaffung der Atomwaffen.

Ermöglicht wird diese Abschaffung aber erst dadurch, daß weltweit eine öffentliche Meinung entsteht, die solche Schritte ohne Kompromisse einfordert. Die notwendige Gesinnung kann nur durch die Ehrfurcht vor dem Leben geschaffen werden. Der Gang der Geschichte der Menschheit bringt es mit sich, daß nicht nur die Einzelnen durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ethische Persönlichkeiten werden müssen, sondern die ganze Gemeinschaft. Leider gelang es den erwähnten Lobbies, die "Öffentlichkeit" gezielt zu demontieren — siehe 5.4.

4.2.2 Die Natur von Strahlenspätschäden

Die medizinische Forschung hat die genetische Natur vieler Stoffwechselkrankheiten aufgeklärt, siehe z.B. 1.2.1. Ein gutes Beispiel ist die Sichelzellenanämie, die erste Erbkrankheit, deren biochemische Ursache genau erforscht wurde. In der Beta-Polypeptidkette des Hämoglobin A, die aus einer Abfolge von 146 Aminosäuren besteht, ist an der sechsten Position statt Glutaminsäure Valin eingebunden. Ein minimaler "Druckfehler" in der Erbinformation, ein einziger "falscher Buchstabe", ist somit Ursache einer schweren, unheilbaren Krankheit, wenn beide Eltern den gleichen (rezessiven) Gendefekt an einen Nachkommen vererben. "Es braucht nur einen kleinen Zufall, ein Atom am falschen Platz, um dich zu verderben, um dich zu erniedrigen, um dir deinen Verstand zu nehmen, auf den du so stolz bist" [Barthelmesz59].

Die Zynik, mit der Personen im Wissenschaftsbetrieb ihre eigene Ratlosigkeit im Bezug auf ethische Fragen überspielen, soll das folgende Beispiel verdeutlichen. In einem Hauptreferat der Ersten Internationalen Konferenz zur "Friedlichen(?) Nutzung der Kernenergie" in Genf (1955?) kommentierte E.R.Carling die Gefahr genetischer Defekte durch die zivile Nutzung der Atomkraft folgendermaßen: "Überdies ist es begreiflich, daß in einer Welt, die in eine Zukunft blickt, in der ihr Bevölkerungszuwachs ihre Ernährungsgrundlage sprengt, die verminderte Fruchtbarkeit und die Verkürzung der Lebensdauer nicht allzusehr bedauert werden wird. Insofern ein Sinken des allgemeinen Intelligenzniveaus eintritt, ist diese Erwartung bedrückend, doch steht zu hoffen, daß es auch dann noch Neuzüchtungen von äußert hoher Intelligenz geben wird, die genügen, das Massenniveau zu durchdringen. Dem Nichtgenetiker mag es erscheinen, daß für das künftige Wohl der Gesamtmenschheit eine Mutation, die einen Aristoteles, Leonardo, Newton, Gauß, Pasteur oder Einstein hervorbringt, 99 Mutationen vollständig aufwiegen könnte, die zu Schwachsinnigen führen." — nach [Wagner64]. Ich habe im dritten Abschnitt darauf hingewiesen, daß bei höheren Lebewesen bloß Spontanmutationen eine kleine Zahl konkurrenzfähiger Mutationen hervorbringen, während radioaktive Strahlung und mutagene Chemikalien fast ausschließlich schädliche Wirkung zeigen.

4.2.3 Gentechnik und Pharmaindustrie

Die genetische Ausstattung aller irdischer Lebewesen und ihre evolutive Weiterentwicklung habe ich im dritten Abschnitt ausführlich behandelt. Dabei wurde bereits auf die Gefahren von menschlichen Eingriffen hingewiesen. Während die biologische Evolution sich hunderttausende Jahre für einschneidende Veränderungen Zeit nimmt, schaukelt sich die kulturelle Evolution des Menschen in einem außer Kontrolle geratenen Prozeß zu immer größeren Veränderungen auf. Nun soll in diesen Prozeß auch noch die genetische Substanz des irdischen Lebens einbezogen werden, nachdem es nicht einmal gelang, die im Vergleich dazu primitiven Vorgänge der makroskopischen Welt von sich langsam weiterentwickelnden Ökosystemen, mechanischen Maschinen und neuerdings auch elektronischer Informationsverarbeitung in die gewünschten Bahnen zu lenken.

4.2.4 Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Risken

Ganz ähnlich wie in der Atomtechnologie wird hier ohne Rücksicht auf etwaige Risken das Potential einer neuen Technologie ausgelotet, macht- und geldgierigen Lobbies zu dienen. Die bei der ersten amerikanischen Atombombe herbeizitierten Soldaten waren Versuchskaninchen. Die meisten starben einen qualvollen Tod nach langen Jahren des Leidens. Die Gentechnik findet eine unveränderte Situation vor, die neuen Versuchskaninchen stehen schon bereit! In den USA flossen im Jahr 1998 beträchtliche Summen an Steuergeld in die Entwicklung von gentechnisch manipulierten Pilzen, die Mohn, Canabis und Koka Pflanzen angreifen sollen. Der "Drogenkrieg" diente schon einmal als willkommene Spielwiese für Militärs. Das verheerende Entlaubungsmittel "Agent Orange" wurde so vor dem Vietnameinsatz getestet. Heute noch leiden Menschen und Tiere an den Folgen dieser mutagenen Chemikalie.

Der amerikanische Chemiemulti "Monsanto", der seinerzeit "Agent Orange" entwickelte, überschwemmt heute den Weltmarkt mit einem Gemisch aus gentechnisch verändertem und herkömmlich produziertem Soja, um die Konsumenten vor vollendete Tatsachen zu stellen. Erschreckend ist die unverschämte Offenheit, mit der dabei vorgegangen wird. Denn vom gentechnisch veränderten Soja sind im Moment noch recht bescheidene Mengen verfügbar. Als Grund für diese Vorgangsweise wurde die "Gewöhnung" der AbnehmerInnen angeführt, um drohenden Gegenkampagnen den Wind aus den Segeln zu nehmen. 1998 wurde der Konzern bei einem verdeckten Polizeieinsatz in Großbritannien dabei ertappt, daß bei genehmigten gentechnischen Versuchen fast alle vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen ignoriert wurden. Ähnlich agierten auch vier weitere Firmen, so daß der Eindruck entsteht, daß diese Branche ihre Zusicherungen und Beschwichtigungen selbst nicht ernst nimmt.

Durch die EU-Freisetzungsrichtlinie (90/220/EWG) sind seit 1996 eine gentechnisch veränderte Rapssorte der Firma Plant Genetic Systems, eine Mais Sorte der Firma Ciba-Geigy (jetzt Novartis), Radiccio Rosso der Firma Bejo Zaden und das angesprochene Monsanto Soja im ganzen EU Raum zum Teil für Versuchszwecke, zum Teil zur Lebens- und Futtermittelproduktion zugelassen worden. 1997 wurden weitere Ansuchen eingereicht.

Mit anderen Argumenten versucht es die österreichische Bundeswirtschaftskammer: "In fast allen Lebensmitteln steckt bereits Gentechnik" titeln etwa die Salzburger Nachrichten (10/96) nach einem Kongreß, denn ohne (gentechnisch hergestellte) Zusatzstoffe, Enzyme und Mikroorganismen können weder Wein, Bier, Salami, Käse noch Sauerkraut hergestellt werden. Es folgt eine Lobeshymne auf Anwendungen der Gentechnologie in der Tierhaltung, der Medizin und der Industrie. Was dabei aber nicht erwähnt wird, sind die qualitativen Unterschiede der menschlichen Eingriffe bei den in einem Atemzug genannten Verfahren. Viele der erwähnten Biokatalysatoren sind schon lange vor der Gentechnik verwendet worden, und die neue Technologie wird in diesem Bereich meisten nur zur exakten "Nachzüchtung" bereits bewährter, natürlich entstandener Organismen eingesetzt. Freilich sind auch schon kleine Manipulationen vorgenommen worden. Meist stellen diese Mikroorganismen nicht das verzehrte Endprodukt dar, und sie unterliegen wegen ihrer enormen Vermehrungsrate vermehrt natürlichen genetischen Veränderungen, ganz im Gegensatz zu höheren Organismen.

4.2.5 Das Problem der unabsehbaren Folgen

Deshalb sind Versuche mit transgenen Pflanzen, mit Tieren oder oft auch nur mit ausgewählten tierischen Zellen (z.B. Milchdrüsen) Eingriffe in die Natur, die keinesfalls mit den zuvor angesprochenen Techniken vergleichbar sind [Wagner64]. In einer dänischen Studie wurde 1996 (Mikkelsen et al.) festgestellt, daß Herbizidresistenzgene von gentechnisch verändertem Kulturraps auf eine kreuzbare Wildart überging, wobei die entstehenden Hybriden sogar fruchtbar waren. In Australien ist ein Versuch mit künstlich verursachten Wildkaninchenseuchen dokumentiert, der auf einer abgeschlossenen Insel in einem Hochsicherheitslabor und Gehege durchgeführt wurde. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen brach diese Seuche nach einiger Zeit auch am Festland aus, und vernichtete z.B. die wirtschaftliche Grundlage zahlreicher Kaninchenzüchter. Auf ähnliche Weise könnte jederzeit ein unbeabsichtigter Freilandversuch mit gentechnischen Fantasieprodukten ins Leben gerufen werden.

4.2.6 Moderne Eugenik: PID

In Geo 11/96 berichtet Steven Dickman über die Praxis von genetischer Selektion im Jahr 1996. Alleine im Genetics & IVF Institute (Fairfax, Virginia) in den USA wurden bereits 1100 Kinder künstlich gezeugt. Bei einigen der Embryonen wurde zuvor ein genetischer Test durchgeführt. Das Labor arbeitete früher ausschließlich in der Viehzucht, bis man begann, die Verfahren auch auf menschliche Embryonen auszudehnen. Bei der sogenannten Prä-Implantationsdiagnostik (PID, kostete 1996 etwa 10.000 US$ pro Behandlung) wird der Embryo in einem sehr frühen Stadium aufgeschlitzt, um einige Zellen zu entnehmen, die zu diesem Zeitpunkt alle das gleiche Erbgut enthalten. Die entnommenen Zellen bildet der Embryo normalerweise sofort nach. Im Labor werden die zu untersuchenden DNS-Fragmente der Probe durch gentechnische Verfahren (PCR) millionenfach kopiert, und mittels Elektrophorese oder durch Genmarkerchips analysiert. Die Analyse beruht auf dem Vergleich mit bekannten "Markern", z.B. mit Mustern von Erbleiden, die für verschiedene Formen von Krebs, Alzheimer, der Duchenne Krankheit und andere Erbkrankheiten identifiziert wurden. Dabei können meist nur Wahrscheinlichkeiten für den Krankheitsausbruch bei männlichen und weiblichen Nachkommen angegeben werden. Nur bei wenigen Krankheiten tritt der Defekt bei entsprechendem Erbgut zwangsweise auf, selbst in diesen Fällen ist der Kranheitsverlauf nicht vorhersehbar, z.B. bei der erblichen Veranlagung für Brustkrebs. Es sind schon einige erfolgreiche Anwendungen dieser Technik bekannt, freilich sind auch genügend Fehldiagnosen dokumentiert worden.

4.2.7 Beliebige Neukonstruktion des Lebendigen?

1993 wurde für das Jahr 2000 ein Verkaufswert für gentechnisch veränderte Pflanzen von ca. 65 Milliarden Us$ und für gentechnisch veränderte Tiere von ca. 25 Milliarden Us$ vorhergesagt. Der NR Abg. Dr. Schwimmer von der österreichischen Volkspartei (ÖVP) bemerkte anläßlich der Debatte zum Gentechnikgesetz im Nationalrat 1994, daß Österreich bei einem Markt mit solchen Wachstumsraten nicht fehlen dürfe, es müsse vielmehr versuchen, einen möglichst großen Teil dieses Kuchens abzuschneiden. Heute sind diese Traumzahlen nach unten revidiert worden, und viele biopharmazeutische Firmen fahren große Verluste ein.

So wie die übertechnisierte Medizin kaum mehr Probleme lösen konnte, als sie letztlich wieder schuf, wird wohl auch die Gentechnik nicht das große technische Wunder vollbringen. Die teuflische Spirale unserer immer schneller voranschreitenden Entwicklung ohne Ziel wird sich noch schneller drehen.

4.3 Aufklärung über Wissenschaft, Technik, natürliche und künstliche Sprachen

Unsere verinnerlichte Welt, das sogenannte Weltbild (hier auch: "Mitweltmodell", "Sinnwelt") erscheint uns zwar als sinnvoll, auch der Konsens mit den Mitmenschen scheint uns die Gewißheit zu geben, daß unsere Ideen richtig sind [Fromm76]. Doch bereits in der Antike vermuteten einzelne Sophisten, daß dieses Weltbild zwar eine wichtige psychologische Funktion erfüllt, daß es aber weder völlig wahr noch falsch ist, sondern bloß eine Annäherung an erfahrbare Zusammenhänge, die ausreicht, um Menschen das Leben zu ermöglichen.

Im Abschnitt über die Geschichte der Philosophie habe ich gezeigt, daß die Entwicklung der Aufklärung von Descartes über Kant mehrmals von "idealistischen" Gegenströmungen unterbrochen wurde, wie sie heute von der New-Age Bewegung vertreten werden. Georg Lukacs [Lukacs81], sah, wie schon erwähnt, den "Weg Deutschlands zu Hitler auf dem Gebiet der Philosophie" als eine "Zerstörung der Vernunft" an.

4.3.1 Die Aufklärung fortsetzen ...

Die gesellschaftliche Funktion solcher irrationalen Strömungen besteht im allgemeinen darin, "den Menschen die Illusion einer vollen Freiheit, die Illusion der persönlichen Selbständigkeit, der moralischen und intellektuellen Höherwertigkeit zu geben". Dieser Irrationalismus richtet sich gegen jede Form der Gesellschaftskritik, aber auch gegen basisdemokratische Bewegungen, etwa in der Tradition des Urchristentums. Nach Lukacs ist "die Möglichkeit einer faschistischen, einer aggressiv reaktionären Ideologie in jeder philosophischen Regung des Irrationalismus enthalten. Wann und wo aus einer solchen — unschuldig scheinenden — Möglichkeit eine fürchterliche faschistische Wirklichkeit wird, das entscheidet sich nicht in philosophischen sondern in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen."

An dieser Schwachstelle der Massengesellschaft setzt die geforderte "Fortsetzung der konsequenten Aufklärung" an, die allerdings über den puren Materialismus hinaus zu der im zweiten Abschnitt skizzierten humanökologischen Sichtweise (St-3) erweitert werden muß. Aufklärung darf auch nicht vor den Naturwissenschaften selbst halt machen. Viel mehr verlangt sie nach aktiver Technologiepolitik mit dem vorrangigen Ziel, neue Technologien nach den Bedürfnissen der Menschen zu entwerfen, umzusetzen und zu fördern. Öffentliche Gelder sollten so gut wie ausschließlich in diese konzeptive Richtung kanalisiert werden. Forschung und Entwicklung im Interesse der Konzerne hingegen soll auch von diesen bezahlt werden. Das Patentrecht ist zu diesem Zweck so umzugestalten, daß Nutzungsgebühren nur bis zur Abdeckung der Forschungsausgaben eingehoben werden dürfen. Danach muß das Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden.

Im Sinne einer "Verpflichtung zum Wissen" soll neben sinnvoller Grundlagenforschung vorwiegend eine integrative Wissenschaft gefördert werden, die Wissen gestaltet und dessen Verständnis ermöglicht. Heute kann der breite Zugang zu Informationen durch geförderte Volkshochschulkurse, durch gut aufbereitete Unterlagen für das Selbststudium und durch moderne Medien wie Internet und interaktive CDs realisiert werden. Eine enge Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit ist deshalb in allen Forschungsbereichen anzustreben, etwa die Unterstützung lokaler Umweltschutz- und Abwasserprojekte in Gemeinden, deren BewohnerInnen sich nicht mit "Lösungen von oben" zufrieden geben wollen, siehe 5.3.1.

 

 

4.3.2 Einengung durch blinde Wissenschaftsgläubigkeit

Bereits aus der Antike sind Meinungsverschiedenheiten über die Zulässigkeit von diversen Regeln der Logik überliefert. In der alltäglichen Argumentation werden zudem verschiedene Kriterien von Wahrheit angewendet, z.B. gibt es Naturwissenschaften, die den Kriterien "objektiver Wirklichkeit" zu entsprechen versuchen, aber auch normative Wissenschaften, die den Kriterien der Richtigkeit menschlicher Interaktion entsprechen (Rechts- und Sozialwissenschaft), und schließlich solche mit subjektiven Authentizitätsansprüchen, wie z.B. Psychologie, Ästhetik und Literaturwissenschaft [Krieger97]. Besonders die Naturwissenschaften tendieren dazu, ihre Prinzipien anderen gesellschaftlichen Bereichen aufzudrängen, wo das erwähnte Wahrheitskriterium völlig falsch am Platz ist. Diese Tendenz wird "Szientismus" genannt.

Bayertz: "Der philosophische Grundfehler von Szientismus und Technokratie besteht in der Identifikation des spezifischen Rationalitätstypus von Wissenschaft und Technik mit der Rationalität schlechthin. Dabei wird übersehen, daß die wissenschaftlich-technische Denk- und Arbeitsweise durch spezifische Charakteristika geprägt ist, die zwar die Basis ihres einzigartigen theoretischen wie praktischen Erfolgs darstellen, zugleich aber ihre Grenzen definieren."

Zu diesen Charakteristika gehört

 

4.3.3 Für die endgültige Ablösung des mechanistischen Weltbildes

Ich habe an anderer Stelle erwähnt, daß die exakte "Quantifizierung" im Sinne des überholten klassischen Positivismus ohnehin nicht möglich ist, auch nicht die exakte Wiederholung eines Experiments (vgl. Quantenmechanik).

Das mechanistische Weltbild und die zugrunde gelegte "aristotelische Logik" (Binärlogik, siehe 3.2.5) von wahr und falsch, und die Königsdisziplin des vorangegangen Jahrhunderts, die Mathematik haben ein falsches Bild von dem vorgegaukelt, was "Intelligenz" eigentlich ausmacht. Nicht das exakte Schließen mittels streng definierter Regeln aus unumstößlichen Fakten hat dem Menschen einen Überlebensvorteil verschafft, sondern der Umgang mit vagen Informationen und flexiblen, fehlertoleranten Methoden der Informationsverarbeitung, wie dem Assoziieren, der gefühlsmäßigen Bewertung und dem Versuchs- Irrtums Ansatz.

Karl Popper [Popper82] zeigte zunächst, daß "induktive" Schlußfolgerungen aus wiederholten Experimenten einer logischen Grundlage entbehren, da ein wiederholt auftretendes Phänomen nicht gleich als Beweis für dessen Allgemeingültigkeit gelten kann. Er ersetzt deshalb die Verifikation durch die Falsifikation. Hypothesen können nicht durch empirische Erfahrung bewiesen werden, sie lassen sich aber zumindest widerlegen.

Auch die Erweiterung dieses wissenschaftstheoretischen Gebäudes durch Carnap konnte sich nicht halten, und wir müssen heute gemäß Nelson Goodman, Ernst Glaserfeld und Heinz von Foerster davon ausgehen, daß es keine "objektive" von der Alltagserfahrung des/der Einzelnen unabhängige Wahrheit bzw. Wahrheitsbeweise geben kann. Deshalb entspricht Poppers Forderung nach einer verständlichen Erklärung und der Überprüfbarkeit heute noch mehr den Kriterien einer "brauchbaren Theorie" als der zeitgeistige "Instrumentalismus", der Erklärungen für überflüssig hält [Popper74,82]. David Deutsch formulierte Poppers Kriterium neu: "es gilt den Beitrag einer Theorie zur Lösung und zum besseren Verständnis von Problemen und Phänomenen zu prüfen" [Deutsch97].

 

4.3.4 Kriterien für "Wahrheit" und Universalität, Quantentheorie der Berechnung

In der Wissenschaftstheorie mißt sich die "Universalität" einer Theorie daran, wie weit die Theorie selbstreferentiell ist, d.h. sich selber erklären kann [Krieger97]. Diese Forderung darf nicht mit dem bekannten "Zirkelschluß" verwechselt werden, der vorgaukelt, etwas durch fundierte Argumente bzw. Schlüsse bewiesen zu haben, wobei in der Beweisführung aber die zu beweisende Annahme zuvor schon eingeschmuggelt wurde. Eine selbstreferentielle Theorie braucht und kann nicht von außen her bewiesen werden, es ist viel mehr die Frage interessant, was sie in sich einschließt, und was nicht. Dies ist eine weitere Umformulierung von Kants "Wende" in der Erkenntnistheorie, wonach die Gegenstände der Erkenntnis nach dem Erkenntnisvermögen bzw. nach den Rahmenbedingungen des Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsapparates richten müssen und nicht umgekehrt, d.h. unsere Brille der Wahrnehmung bestimmt die Möglichkeiten des Wahrnehmbaren. Heute sind es aber nicht mehr bloß die Rahmenbedingungen des Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsapparates (transzendentale Subjekt) wonach sich die Erfahrung zu richten hat, sondern deren Abstraktion, die durch eine "Super- bzw. Metatheorie" erfaßte "symbolische Ordnung bzw. Struktur". Natur, der Forschungsgegenstand der Naturwissenschaft, ist z.B. selbst ein Kulturprodukt, das nicht bloß durch den Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsapparat der forschenden Menschen, sondern durch deren Weltbild und gesellschaftliches Umfeld geprägt ist. Ein wichtiger Bestandteil dieses Umfelds ist aber auch die Naturwissenschaft selbst geworden, die sich folglich selbst beeinflußt, bzw. lenkt.

Diesen Einschränkungen wird der sogenannte "Turing-Test" gerecht, ein empirischer Nachweis für die relativen Gültigkeit eines Modells der Realität, der in konstruktivistischer Manier von direkter, subjektiver Wahrnehmung ausgeht. Der Turing-Test soll belegen, daß eine Nachahmung unter bestimmten Bedingungen nicht vom Original unterschieden werden kann. Wie zuvor erwähnt, muß diese Nachahmung auf einem "verständlichen", bzw. nachvollziehbaren Modell beruhen. Quantifizierbarkeit vor diesem Hintergrund kann als Annäherung an die physische Realität etwa im Sinne eines vergleichbaren Zeitverhaltens (Synchronisation und Geschwindigkeit) und einer vergleichbaren Komplexität des Verhaltens in der Simulation verstanden werden. Die eigentliche "Quantifizierung" stellt die Analyse des zugrunde liegenden Modells dar. Die entsprechende Güte der Simulation muß nach menschlichen Ermessen im Turing Test solange verglichen werden, bis Versuchspersonen die Simulation vom Original nicht mehr unterscheiden können. Streng genommen liefert der Turing Test also für jeden Betrachter/jede Betrachterin ein anderes Ergebnis, auch die angesprochene "Verständlichkeit" des Modells läßt sich nicht absolut bewerten.

Erkenntnis bedingt die Verarbeitung von Information, die in der Mathematik mit "Berechnung" gleichgesetzt wird. Ich habe im Zuge des "erweiterten Materialismus" darauf hingewiesen, daß diese Gleichstellung eine unzulässige Reduktion darstellt, da die unmittelbare Lebenserfahrung als Quelle jeder "Bedeutung" von Informationen ausgeblendet wird. Nur bei der Konstruktion "kommunizierter Weltbilder", also von den zuvor erwähnten Modellen bzw. Erfahrungen, die eine Gemeinschaft teilt, kann die Berechnung bzw. Simulation von Modellen selbst als vollständige Information angesehen werden, die allerdings von jedem Mitglied der Gemeinschaft z.B. im Zuge eines Turing Tests ähnlich interpretiert werden müssen.

In diesem Zusammenhang ist es daher für jede Modellbildung essentiell, über die Grenzen der Berechenbarkeit im allgemeinen Bescheid zu wissen. Alan Turing gelang der bahnbrechende Nachweis, daß ein von ihm skizzierter, abstrakter Universalcomputer (Turing Maschine) theoretisch alle möglichen Berechnungen durchführen kann, so daß damit jede Form der Informationsverarbeitung simuliert werden kann. Als David Deutsch Richard Feynmans Idee eines "Quantensimulators" mit der zuvor erwähnten "Church Turing These" im Postulat eines "Quantencomputers" kombinierte, mußte die Universalität der Berechnungen allerdings noch einmal erweitert werden [Deutsch97]. Die klassische Komplextätstheorie wurde durch eine "Quantentheorie der Berechnung" mit überaschenden Aussichten abgelöst, auch wenn die praktische Realisierung solcher "Quantencomputer" im Moment noch nicht geklärt ist.

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas (siehe 3.2.5) knüpfte an Karl Popper und Rudolf Carnaps "Diskursethik" an, und propagierte "kommunikatives Handeln" [Habermas81], sowie einen "herrschaftsfreien Dialog" zur Konstruktion eines gemeinsamen Weltbildes aus einer Vielzahl von individuellen Ansichten. Dieser Diskurs kann nur entscheiden, ob eingegebene Inhalte unter gleichberechtigten, kompetenten Diskussionspartnern Fragen der Gerechtigkeit verletzen, er kann aber nicht entscheiden, ob ihm vorgegebene Inhalte "gut" bzw. "richtig" sind, dafür ist die angesprochene Lebenswelt selbst zuständig. Dieser Umstand wurde an anderer Stelle mit der "Sinngebung" bzw. "Bedeutungsstiftung" durch persönliche, körperliche Erfahrung umschrieben, die zuvor auch als unverzichtbare Quelle jeder "Bedeutung" bei der Verarbeitung von Informationen angesprochen worden ist.

4.3.4.1 Über die Zulässigkeit einer absoluten Logik

Weitere Möglichkeiten, allgemeine Kriterien für die Bewertung von elementaren Axiomen und Regeln einer Logik zu finden, schließen an diese Idee von Habermas an. Es geht darum, einen "Konsistenzbeweis" zu erbringen, die üblichen Schlußregeln sprachphilosophisch zu unterbauen (vgl. z.B. Kolmogoroff) oder die Regeln der Logik als eine Schematisierung des konkreten Handelns und Hantierens vor dem Hintergrund der Lebenswelt eines biologischen Systems, bzw. eines Lebewesens zu deuten. Es geht letztlich um die Frage, wie die bekannten Wahrheitstafeln von logischen Operatoren begründet werden können, z.B. daß eine Verknüpfung von zwei wahren Aussagen mit "und" wiederum eine wahre Aussage ergibt. Die Logik wird so zu einer empirischen Wissenschaft. Der Versuch eines allgemeinen "Konsistenzbeweises", wie ihn etwa Hilbert anstellte, scheidet aus, da wir vom konstruktivistischen Standpunkt aus auf keine "objektiven Realität", und in weiterer Folge auch auf keine objektive, für sich alleine stehende Wahrheit zurückgreifen können.

Logisches Schließen als Handlung eines Lebewesens zu deuten ist eng verwandt mit dem Ansatz der Sprachphilosophie, da Sprechakte und in natürlicher Sprache formulierte Schlüsse (z.B. Wenn ... dann) als Handlungen aus der Motivation heraus gedeutet werden können, die biologisch geprägten Lebensbedingungen zu verbessern — siehe 4.3.5.5. Wenn sich nun aus individueller Erfahrung und in Übereinstimmung mit gesellschaftlicher Erfahrung eine in Einklang mit dem menschlichen Verhalten bzw. Handeln stehende Logikbasis finden läßt, dann muß sie sich in der sogenannten gemeinsamen "Mitwelt" bzw. "Sinnwelt" bewähren, bzw. deren Strukturen berücksichtigen. Eine solche Bestätigung wäre im eingangs erwähnten Sinne auch selbstreferentiell und universal, da die Mitglieder einer Gesellschaft gemeinsam Regeln aufstellen, deren Vorteile vom Einzelnen direkt erfahren werden können. Sie bedürfen somit keines Betrachterstandpunktes von außen. Gleichzeitig bedienen sich die Gesellschaftsmitglieder in diesem, wie in jedem anderen Erkenntnisprozeß derselben Regeln. Sie lassen sich somit auf sich selbst anwenden.

Allerdings sollten wir nicht vergessen, daß die "Reinheit" dieser konstruktivistischen Sichtweise getrübt ist, denn ich gehe von zahlreichen Vorgaben aus, z.B. daß Handeln in der Lebensumwelt von logischen Schlüssen und Informationsverarbeitung mit logischer Repräsentation geleitet ist, daß Menschen biologische Organismen sind, usw. Es handelt sich deshalb nicht um einen "Konsistenz-Beweis", sondern eher um einen "Konsistenz Erweis" [Minsky86], [Chomsky70, 81].

4.3.4.2 Logiken für jeden Zweck ...

Schon lange vor der Mathematik des Chaos und der "Fuzzy Logic" (vage Logik), die sehr anspruchsvollen Teildisziplinen darstellen, wurden zahllose Modallogiken (ontisch, deontisch, ..) zum Ausdruck von möglichen, unmöglichen, tatsächlichen, oder mehr oder weniger wahrscheinlichen Aussagen (Informationen) aufgestellt. Viele dieser Arbeiten gehen auf die Schwerpunkte des "Wiener Kreises", aber auch auf die philosophischen Werke Quines zurück. Auch die "Warschauer Logikschule" (z.B. Alfred Tarski) hat sich intensiv mit der Bedeutung von sprachlichen Äußerungen beschäftigt.

Sogenannte "Glaubenslogiken" (logics of belief) sind formuliert worden, um darzustellen, wer über welches Wissen verfügt. Auf diese Weise läßt sich zum Beispiel beschreiben, daß jemand darüber nachdenkt, was jemand anderer glauben könnte, der eine bestimmte Aussage gemacht hat. Solche auf den ersten Blick kompliziert erscheinenden Überlegungen sind aber wichtiger Bestandteil des menschlichen Alltags bzw. des Soziallebens. Darum mußte die einfachste Form der Logik, die "Prädikatenlogik erster Stufe" für praktische Anwendungen dahingehende erweitert werden.

Oft wird der Mathematik auch heute noch eine mystische Rolle zuerkannt, die ich im Zusammenhang mit dem "erweiterten Materialismus" anfechten muß. Vor diesem Hintergrund stellt die Mathematik einfach eine für menschliche Begriffe sehr umständliche, und schwer faßbare Sprache dar, die wie jede künstliche und natürliche Sprache als "Denkwerkzeug" (vgl. Deweys "Instrumentalismus") mit Bezug zu Alltagserfahrungen dient. Das äußert sich etwa darin, daß sowohl eine Untermenge mathematischer Formalismen (z.B. Mathematica, MatLab, Marple V), als auch eine adaptierte Prädikatenlogik (Prolog) heute in der Computertechnik als Programmiersprachen eingesetzt werden. Es konnte nachgewiesen werden, daß die Mächtigkeit der mathematischen Sprache gleichwertig mit der natürlicher Sprachen ist, so daß in ihr prinzipiell alles ausgedrückt werden kann, was natürliche Sprachen auszudrücken vermögen.

Diese Diskussion würde hier aber zu weit führen, ich verweise deshalb nur auf die Möglichkeit der maschinellen Sprachverarbeitung. Mathematische "Algebren" können mit einem beliebigen Universum von Symbolen und Operatoren ausgestattet werden, so daß für jedes natürlichsprachliche Wort ein eigenes Symbol definiert werden könnte (Syntax). Jedes dieser Symbole kann mit einer Vielzahl von anderen Informationen verknüpft werden, um die verschiedenen Wortbedeutungen zu berücksichtigen. Dieser kurze Ausflug in die Sprachtheorie wird nun durch eine ausführlichere Einführung vertieft.

4.3.5 Die Bedeutung natürlicher und künstlicher Sprachen

4.3.5.1 Geschichte der Sprachtheorie

Im dritten Abschnitt wurden die wichtigsten Vorteile der natürlichen Sprache als praktisches Überlebenswerkzeug untersucht. Hier wird die Geschichte der Sprachforschung skizziert. In 5.4.4.3 werde ich auf die Einsatzmöglichkeiten maschineller Sprachverarbeitung eingehen.

Im Gegensatz zu der These des jungen Wittgenstein [Wittgenstein21] von der Gefangenheit in der Sprache lieferte der Wiener Kreis sehr aufschlußreiche Analysen der natürlichen Sprache. Auf Wittgensteins aufschlußreiche Charakterisierung des sogenannten "Sprachspiels" werde ich aber noch zurückkommen. Carnap kam zur Erkenntnis, daß gewisse Grundbegriffe der zu seiner Zeit als Allheilmittel betrachteten formalen Logik bloß syntaktische Begriffe seien, die also nur die Form von Äußerungen ohne direkte Beziehung zur ihrer Bedeutung festlegen. Carnap hat sich auch mit neu geschaffenen Sprachen wie Esperanto beschäftigt.

Er äußerte den Vorschlag, alle Wissensgebiete in einer "Metasprache" zu vereinen, um über Sprache sprechen zu können — ein wichtiger Schritt in Richtung einer evolutionären Erkenntnistheorie, die von einer physischen (biologischen) Repräsentation geistiger Phänomene ausgeht. Eine naturwissenschaftliche Disziplin des Sprachvergleiches wurde von Ferdinand de Saussure ins Leben gerufen, die um die Jahrhundertwende zur Linguistik ausgebaut worden ist. Dieser Ansatz ist später zum sogenannten "Strukturalismus" erweitert worden, der im wesentlichen zwischen der (physischen) Repräsentation einer Form, der Struktur einer Form, und der Bedeutung einer Form unterscheidet.

Saussure trennte den einzelnen Sprachakt ("parole") vom dabei benutzten "Zeichensystem" (Semiotik), um Bedeutungen und Funktionen aus Beziehungen zu anderen Zeichen zu kodieren, übermitteln und dekodieren zu können [Störig92]. Die Bedeutung oder der Sinn des Zeichens kommt also nicht von seiner Referenz zu den Dingen, sondern von den Beziehungen der Zeichen untereinander, in der Kommunikationstheorie als "Code" bezeichnet. Allerdings wird etwa in [Krieger97] und [Wehrt96] die Auffassung vertreten, daß sich sprachliche Bedeutung ohne persönliche Körpererfahrung des Individuums einstellen kann. Meines Erachtens ein fataler Irrtum, der auf verkürzte Zeichentheorie zurückgeführt werden kann — siehe 2.3 unter "Sonderstellung des Geistes".

Benjamin Lee Whorf 1897-1941 beschäftigte sich eingehend mit den indianischen Sprachen der Hopi und Navaho, was schließlich die These von Humboldt bestätigte, daß jede Sprache eine gewisse Weltsicht verkörpert. Claude Levi Strauss führte die Methode des Strukturalismus in die Ethnologie ein. Im Gegensatz zur später noch angesprochenen scharfen Objektstrukturierung der westlichen Kultur in statische Objekte und getrennt betrachtete mögliche Aktionen in der Objektwelt, betonen die indianischen Sprachen die Einheit von Situationen bzw. Zusammenhängen und deren Wandlungsmöglichkeiten. Da wir Sprache hier als Denkwerkzeug im Sinne Satres betrachten, welches auf das erwähnte "Mitweltmodell" zurückführbar ist, können wir ihre Bedeutung nun genauer fassen, nämlich als Manipulationswerkzeug für "simulierte Realitäten". Genaugenommen ist die Sprache aber kein bloßes Instrument der Kommunikation bzw. Naturbeherrschung, sondern nach D. Krieger die "kommunikative Form des pragmatischen Vollzugs menschlicher Existenz selbst". Ich möchte aber hier nicht näher auf dieses Problem eingehen, um das Verständnis nicht unnötig zu erschweren.

Durch die Anwendung der privaten Sprache, bzw. durch gesellschaftliche Kommunikation lassen sich besondere Überlebensvorteile durch symbolisch- bzw. sequentiell-analytische (Vernunft), aber auch subsymbolische- bzw. parallel-holistische Intelligenz (Gefühl, Sinne) gewinnen, siehe 2.3 und 3.1. Das Unterkapitel 3.2.5. handelt von der gesellschaftlichen Kommunikation aus der Sicht Jürgen Habermas.

Die vor diesem Hintergrund entstandene moderne Sprachwissenschaft hat unter anderem durch die praktischen Anwendung ihrer Formalismen in der Computerlinguistik zu einer Fülle neuer Erkenntnisse und Grammatiktheorien geführt. Es ist aber bis heute nicht gelungen, einen umfassenden Sprachanalyse- bzw.- Synthesemechanismus zu beschrieben. "In der Folge der "linguistischen Wende" hat die Erforschung der Strukturen und Bedingungen der Sprache als Medium der Verständigung (Hermeneutik), als Zeichen (Semiotik), als System und als Sprechhandlung (Kommunikationstheorie) die positivistischen Voraussetzungen der traditionellen Wissenschaftstheorie ersetzt [Krieger97]." Bemerkenswert für die Fortschritte der Geisteswissenschaften durch neue, naturwissenschaftliche Ansätze war Noam Chomskys [Chomsky81] Postulat einer genetisch vorgegeben "Universalgrammatik", mit deren Hilfe Menschen Sprachen lernen. Diese Idee führte einerseits zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Verfechtern der "nicht quanifizierbaren" Natur geistiger Phänomene, brachte aber ihre Anhänger einen Schritt näher zu einem neuen Verständnis der menschlichen Natur. Denn im Prinzip läßt sich diese These auf alle "mentalen" Organe [Vollmer75], [Dudel96], [Minsky86] (z.B. Sehapparat) übertragen, und erklärt erstmals, wie biologisch repräsentierte Informationsverarbeitung funktionieren könnte [Czhiak76], [Dorffner91], [Cruse98], ohne metaphysische Momente zu Hilfe zu nehmen.

Die folgende kurze Einführung in die Sprachwissenschaft soll die Bedeutung des Informations- und Kommunikationsbegriffes für die "kulturelle", d.h. außerbiologische Evolution des Menschen (siehe auch 5.4 und 3.2.5.) beleuchten.

 

4.3.5.2 Fünf Aspekte sprachlicher Äußerungen

Die zuvor angesprochene Analyse und Formalisierung der natürlichen Sprache revolutionierte das Bild vom menschlichen Verstand [Diettrich90]. Der sogenannte "Konnektionismus" [Dorffner91], [Lewin92] veränderte auch die Vorstellung von der Vernunft und dem Gefühl unter Einbeziehung "subsymbolischer" Informationsverarbeitungsmechanismen (Mustererkennung, Bildverarbeitung, Gefühlsmäßige Beurteilung, ...). Mit "subsymbolisch" ist gemeint, daß diese Informationen unterhalb der sprachlichen Ebene liegen, d.h. nicht direkt ins Bewußtsein gelangen. Wenn wir Farbflecken auf der Netzhaut unbewußt als einen Gegenstand identifizieren, werden viele Details der tatsächlichen visuellen Wahrnehmung plötzlich ausgeblendet.

Fünf Aspekte von Äußerungen jeder natürlichen Sprache können unterschieden werden. Natürlich sind auch deren materielle Repräsentation bzw. Kodierung sowie die dadurch festgelegten Prozesse der Informationsverarbeitung zu berücksichtigen, siehe 2.3. Zunächst muß im Sinne des "Strukturalismus" eine physikalisch/chemische Struktur des Signalträgers Sprachbausteine wie Buchstaben, Ziffern, Icons bzw. Bilder verschlüsseln, damit sie für den Empfänger bzw. der Empfängerin der Botschaft physisch präsent sind, und in weiterer Folge entschlüsselt werden können.

Als Bindeglied zwischen objektiver, abstrakter Form, d.h. zwischen Kommunikationsübereinkünften, wie sie etwa Wörter einer gemeinsamen Sprache darstellen, und der mehr oder weniger subjektiven Bedeutung solcher Wörter, die sich aus der persönlichen Lebenserfahrung eines Lebewesens ergeben, dient das "Zeichen", dessen Bedeutung Leibniz folgendermaßen definierte: "Das Zeichen ist ein Wahrgenommenes, aus welchem man die Existenz eines Nicht-Wahrgenommenen schließen kann". Ich habe in 2.3 zwölf wesentliche Aspekte des Zeichens vor dem Hintergrund des erweiterten, dialektischen Materialismus vorgestellt, die aus involvierten Informationsprozessen und deren materieller Repräsentation abgeleitet werden können. Der Interpretationsprozeß von gesprochenen oder geschriebenen sprachlichen Äußerungen läßt sich folgendermaßen gliedern:

Die Morphologie entspricht der formalen Struktur der Buchstaben oder Laute (eigentlich Phonetik) in den einzelnen Wörtern, die Syntax der formalen Struktur der Äußerung, die Semantik der "Bedeutung", welche nur im Zusammenhang ("Kontext") mit der jeweiligen, individuellen Lebenserfahrung und einer konkreten Gesprächssituation verstanden werden kann.

Die Intention von sprachlichen Äußerungen wird als "Pragmatik" bezeichnet. Diese Interpretationsebenen beziehen sich auf "Wörter" und "Sätze", die mit Hilfe von Sprechakt- bzw. Dialogregeln zu Dialogen zusammengefügt werden können. Solche Dialoge beziehen sich auf bestimmte "Kommunikationssituationen", wobei die Gesprächspartner gewisse, kulturell geprägte "Rollen" einnehmen, wie die folgende Abbildung demonstriert. Außerdem sollten wir nicht vergessen, daß neben dem gesprochenen Wort gleichzeitig viele andere "Kommunikationskanäle" verwendet werden, so liefert z.B. der Gesichtsausdruck eines Sprechers / einer Sprecherin zusätzlich Informationen zum Verständnis des Gesagten.

Abbildung 32: Das Umfeld zwischenmenschlicher Kommunikation

David Krieger unterscheidet drei darauf aufbauende Ebenen der gesellschaftlichen Kommunikation in Anlehnung an Jürgen Habermas, die allerdings nicht auf den Gebrauch einer natürlichen Sprache beschränkt sind: den argumentativen Diskurs, den Grenzdiskurs, und den Erschließungsdiskurs, siehe 3.2.5.

Diese Begriffe werden nun an Hand eines konkreten Beispiels erläutert, bevor ich mich der "Bedeutung" von sprachlichen Äußerungen zuwende: Zur Konstruktion und Beschreibung geometrischer Figuren, einem Hobby zahlreicher Philosophen, benötigt man z.B. Hauptwörter (Substantive), die geometrische Objekte wie Punkte und Geraden bezeichnen, und Zeitwörter (Verben) für die wichtigsten Konstruktionen wie "verbinden", "Tangente legen" usw. Die Semantik der einzelnen Wörter identifiziert dann geometrische Objekte und das dazugehörige Wissen über ihre Eigenschaften. Punkte besitzen z.B. Koordinaten, Geraden können z.B. durch zwei Punkte festgelegt werden. Das "semantische" Wissen (inhaltlich, Bedeutung) über die oben genannten Zeitwörter dient dazu, komplexe Figuren auf eine Kombination weniger geometrischer Grundkonstruktionen zurückzuführen, die vom Konstrukteur beherrscht werden. Mit Hilfe von solchen elementaren Konstruktionsschritten (Operationen) kann eine komplexe Zeichnung aufgebaut werden [Arz85]. Die abfolge der Operationen läßt sich durch Sätze mit den erwähnten Wörtern beschreiben

Ich möchte abschließend an einem kleinen Beispiel die "Syntax", d.h. die "Struktur" einer sprachlichen Äußerung auf der Satzebene veranschaulichen. Die folgende Demonstration einer "kontextfreien" Phrase Structure Grammar (PSG) stammt aus [Tauber93]. Es geht darum, wie Wörter aneinandergereiht werden können, um korrekte Sätze zu bilden. "Kontextfrei" bedeutet, daß dabei kein "Hintergrundwissen" verfügbar ist, d.h. es ist nichts über den Zusammenhang bekannt, in dem die einzelnen Wörter verwendet werden. Auf der Syntaxebene gibt es aber in der deutschen Sprache derartige Zusammenhänge, so muß zum Beispiel ein Artikel zum Geschlecht des Hauptwortes passen. Die folgende "kontextfreie" Grammatik vernachläßigt solche Abhängigkeiten.

Die folgenden Grammatikregeln sind relativ leicht durchschaubar. Mit <NP> wird ein korrekter Satz symbolisiert (Nominalphrase), der aus weiteren abstrakten Teilen bestehen kann, die durch die anschließend beschriebenen Regeln definiert werden. Die senkrechten Striche bedeuten, daß z.B. <Det> aus einem der angeführten Artikel besteht. <Adj> steht für ein Adjektiv, <PP> für eine Beifügung, die auch fehlen kann (e ... Endsymbol, Leersymbol) . Eine Beifügung <PP> wird mit einer Präposition wie "mit", "auf" usw. eingeleitet. Anschließend wird ein Beispielsatz gezeigt, der aus diesen Regeln abgeleitet werden kann.

 

<NP> Æ <Det><Adj><Nomen><PP>

<Det> Æ der | die | das | ein | eine | dem | einem

<Adj> Æ große | kleine | großen | kleinen

<Nomen> Æ Bub | Mädchen | Hund | Katze

<PP> Æ e | <Prep> <NP>

<Prep> Æ mit | auf

Abbildung 33: Phrasenstrukturbaum eines ungrammatikalischen Satzes aus [Tauber93]

Aus diesen Regeln lassen sich also verschiedene Sätze erzeugen, indem das <NP> Symbol durch die Symbolfolge hinter dem Pfeil ersetzt wird, und zwar solange, bis nur mehr Wörter vorkommen. Allerdings müssen nicht alle Sätze grammatikalisch korrekt sein, da diese Grammatik den (syntaktischen) Kontext vernachläßigt, wie das obige Beispiel zeigt.

Abbildung 34: Allgemeiner Phrasenstrukturbaum eines deutschen Satzes [Tauber93]

Grammatikregeln lassen sich (manchmal) einfacher als "Strukturbäume" notieren. Die zuvor beschriebene Grammatik für "Nominalphrasen", die keine Verben (Zeitwörter) enthalten, ist Teil (siehe den Ast <NP>) der obigen, allgemeineren Grammatik für vollständige deutsche Sätze. Die Abkürzungen in der letzten Abbildung stehen für Pronomina, Verben (Zeitwörter), Hilfszeitwörter (ADV), Nomen (Hauptwörter), Eigenschaftswörter (ADJ) usw.

Die Begriffe der Morphologie, der Semantik und Syntax können also relativ leicht formalisiert werden, so daß auf diesen Ebenen des Sprachverstehens mathematische Methoden eingesetzt werden können. Diese für viele Denker der alten Schule sehr überraschende Tatsache ebnete den Weg zum abstrakten "Informationsbegriff". Allerdings werden dazu wesentlich kompliziertere Grammatiken und Semantikmodelle verwendet, als die hier vorgestellten Beispiele. Allein die deutsche Sprache besitzt zudem einen Wortschatz von 240000 Worten (Duden), ein gebildeter Mensch benutzt etwa ein Zehntel davon. 4.3.5.3 Die Ebene der sprachlichen Bedeutung bzw. Semantik

Dazu müssen wir uns noch etwas ausführlicher mit der Bedeutung, der sogenannten "Semantik" von sprachlichen Äußerungen beschäftigen. [Herkner86] unterscheidet folgende Interpretationen der "Bedeutung":

 

Bedeutung als Bezeichnung

Die Bedeutung wird durch den Gebrauch eines Begriffes festgelegt, es handelt sich hier um die erste Ausprägungsform der Bedeutung in der Evolution der Kommunikation. Typische Beispiele für Bezeichnungen sind Eigennamen, Städtenamen usw. Dieser Sprachgebrauch ist allerdings sehr unflexibel und verunmöglicht Abstraktionen und Schlußfolgerungen.Bedeutung als Assoziation

Diese Weiterentwicklung der vorangegangenen Stufe erlaubt die Verbindung eines beliebigen Reizes mit einem Ensemble von Erfahrungen, z.B. mit einer "typischen Situation" in der ein bestimmter Gegenstand gebraucht wird.Bedeutung als Vorstellung

Leichter vorstellbare Begriffe sind besser reproduzierbar, ich habe an anderer Stelle auf die Bedeutung graphischer Darstellungen hingewiesen. Das "Assoziative Gedächtnis" hat durch bildliche Hinweise mehr Information zur Verfügung, um mit Hilfe einer verteilten Wissensdarstellung einen Inhalt zu rekonstruieren. Wir erinnern uns also besser an Informationen, die bildlich dargestellt wurden.Bedeutung als Begriff

In der Interpretation der theoretischen Linguistik kann die Bedeutung als eine Liste von Verweisen auf andere Begriffe aber auch auf konkrete Objekte und Aktionen angesehen werden. Konkrete Objekte haben "Identität". Wenn es sich z.B. um Personen handelt, tragen sie einen Namen, siehe auch "Bedeutung als Bezeichnung". Es handelt sich formal gesehen um eine mehrdeutige mathematische Abbildung zwischen Wortkernen und Bedeutungssymbolen.Bedeutung als gefühlsmäßige Bewertung, Manipulation eines Mitweltmodells

Diese Interpretation entspricht der Idee des "erweiterten dialektischen Materialismus", sie beinhaltet eine kommunizierbare Komponente, sogenannte Begriffe, sowie damit verbundene, nur unzureichend kommunizierbare persönliche, gefühlsmäßige Erfahrungen. Kommunizierbare Bedeutung umfaßt Eigenschaften und das Verhalten von Objekten, sowie mögliche Aktionen und Beziehungen in der Objektwelt, die einen Teil des persönlichen Mitweltmodells des einzelnen Benutzers/der Benutzerin darstellt.

4.3.5.4 Die Ebene der Pragmatik

Die Pragmatik gibt Auskunft über die gewünschte Reaktion auf eine (— bzw. über die Schlußfolgerung aus) einer Äußerung in einer konkreten Situation. Die wichtigsten Ziele des Sprachgebrauchs sind, wie schon mehrmals erwähnt, das Vermitteln von Information über vergangene Erlebnisse, über die aktuelle Situation des Sprechers/ der Sprecherin bzw. die Anweisung zu Handlungen [Grechenig91]. Oft liegt die Bedeutung bloß in der Pflege sozialer Kontakte, wobei der Inhalt des Gesprächs dann meist belanglos ist.4.3.5.5 Sprache als Erkenntnisvehikel und Überlebenswerkzeug

Ich habe bereits erwähnt, daß sich die Eigenschaften der Sprache als "Manipulationswerkzeug" von "Mitweltmodelleb" (3.1) auf die Assoziation von (ähnlichen) Formen und Inhalten, die Objektstrukturierung und Operationen zur Reflexion über die Dynamik, bzw. Zeitlichkeit von Ereignissen zurückführen läßt, siehe 3.1.4.2.

Die Objektstrukturierung natürlicher Sprachen hat sich auch in der modernen Computertechnik als leicht verständliches Prinzip zur Wissensdarstellung bewährt. Sie kann folgendermaßen umschrieben werden: Die Summe der möglichen "Attributwerte", also der möglichen Realisierungen von Eigenschaften (z.B. die Farbe "hellgrün") von materiellen Objekten, legt sogenannte "Attribute" fest. Es muß sich dabei um den menschlichen Sinnen direkt oder indirekt zugängliche Eigenschaften handeln. Mehrere Attributensembles können zu einer "Objektbeschreibung", bzw. einer Objektklasse zusammengefaßt werden. Folglich gibt es konkrete Realisierungen so einer Objektklasse, z.B. ein Individuum namens "Hobbes", das ein Tiger ist. Objektklassen können untereinander Eigenschaften vererben. Da z.B. Tiger Säugetiere sind, können wir annehmen, daß auch Tigerinnen ihren Nachwuchs säugen.

"Individuen" von Objektklassen, sogenannte "Instanzen", müssen übrigens nicht in jeder Eigenschaft durch einem "Attributwert" festgelegt sein. Es sind auch abstrakte Attributbeschreibungen möglich. Solche abstrakten Individuen spielen im Alltag eine große Rolle, wenn wir etwa von "Hunden", "freundlichen Menschen" usw. sprechen. Es ist in der Praxis gar nicht möglich, einen Gegenstand in allen möglichen Details zu beschreiben. Wir sind immer auf Verallgemeinerungen angewiesen!

Zusammenhänge, bzw. Relationen zwischen Attributen und Objekten können deklarativ oder prozedural beschrieben werden. Deklarative, logische Beschreibungen (Spezifikationen) geben an, welche Form das Ergebnis haben soll, während prozedurale, bzw. operationale Beschreibungen eine zeitliche Abfolge von Zwischenschritten festlegen, deren Abbarbeitung zum Ziel führen soll. Es muß also neben den erwähnten, aus Attributen zusammengesetzten Objekten und deren Beziehungen auch noch Aktionen in der Objektwelt geben.

Diese Theorie der sprachlichen Lebensweltmodellierung geht stillschweigend von folgenden Annahmen aus, die zum Teil in 4.3. als "unzulässig" kritisiert werden:

Es folgt ein kurzer Überblick über Möglichkeiten der Manipulation einer solchen verinnerlichten Objektwelt (persönliches Weltbild) sowie der mit anderen Menschen geteilten Weltsicht (kommuniziertes, gesellschaftlich geteiltes Weltbild einer Sprach- und Lebensgemeinschaft) mit Hilfe der Sprache.

 

Direkte Beschreibung

Sprache erlaubt es, bestimmte Dinge durch eine Beschreibung ihrer Eigenschaften zu identifizieren, während bei direkter Manipulation alle angesprochenen Objekte sichtbar bzw. unmittelbar erreichbar sein müssen. Es ist im Sinne des Konstruktivismus nicht möglich, ein Objekt der realen Welt direkt bzw. vollständig zu erfassen, wir hantieren eigentlich immer nur mit verinnerlichten Modellen von Objekten, d.h. mit "Beschreibungen" [Foerster97]. Die direkte Beschreibung setzt deshalb eine Situation voraus, in der Sprecher und Zuhörer einem Objekt gegenüberstehen, bzw. dessen Position kennen. Das Erkennen und Interpretieren eines Objektes obliegt dem Zuhörer, zwischen Sprecher und Zuhörer werden nur abstrakte Informationen ausgetauscht, die helfen sollen, die Aufmerksamkeit auf das vermeintlich selbe Objekt zu lenken. Eine vollständige sprachliche Beschreibung eines Objektes ist aus den genannten Gründen nicht möglich, und müßte zudem für jeden Betrachter unterschiedlich ausfallen.

Durch eine Kombination mehrerer Bedingungen für verschiedene abstrakte Attribute können außerdem bestimmte Gruppen von Objekten aus der gemeinsamen Begriffswelt gefiltert werden, was sich mit der Suche in einer Datenbank oder einer Kartei vergleichen läßt, z.B.: ... die Notizen in denen das Wort "Essen" vorkommt... . Indirekte Beschreibung

Auch ohne direkte Beschreibung von Eigenschaften kann man Objekte ansprechen, zum Beispiel durch Angabe von Relationen.

Bsp.: "... die Notizen vor dem vorletzten Eintrag am Notizblock ...".

Referenzierung

Durch Verwendung von Pronomina und Fürwörtern kann man/frau sich auf Dinge beziehen, die zuvor im Dialog vorgekommen sind, ohne diese noch einmal näher beschreiben zu müssen.

Bsp.: "Diese Wiese pflegt Martina. Sie wächst sehr rasch."

Zeitliche und logische Spezifikation

Da es möglich ist, Aktionen an eine Kombination von zeitlichen und logischen Bedingungen zu knüpfen, kann man/frau sehr komplexe Anweisungen formulieren. Diese Tätigkeit läßt sich mit der des Programmierens vergleichen, setzt aber keine EDV-spezifische Kenntnisse voraus.

Bsp.: "Rufe am Dienstag ab 9 Uhr solange bei Peter an, bis du ihn persönlich erreichst, und mache mit ihm einen Termin wegen meiner Diplomarbeit aus."

Quantoren

Quantoren wie "alle ...." bilden ein mächtiges Werkzeug zum Formulieren komplexer Aufträge. Der Allquantor steckt zum Beispiel in den meisten Fragen implizit, wie z.B. in "Gibt es einen Termin am 25. Jänner ?". Der/die SprecherIn scheint zu erwarten, daß es nur einen solchen Termin gibt, oder daß alle an diesem Tag fixierten Termine aufgezählt werden. Leider ist es oft nicht möglich, den "scope", d.h. den Gültigkeitsbereich von Quantoren eindeutig festzustellen, ohne die Bedeutung einer Äußerung zu kennen. Es muß deshalb zuvor die Plausibilität verschiedener Interpretationen verglichen werden.

Koordination

Mit den Konjunktionen "und", "oder" kann man/frau mehrere Objekte und Aktionen zusammenfassen, wobei die Reihenfolge der Bearbeitung mit der Reihenfolge in der Aufzählung übereinstimmen sollte. Auch ganze Sätze können durch Konjunktionen verbunden werden, aber auch durch komplexere Konstruktionen wie das zuvor angesprochene "Wenn-Dann-Konstrukt".

Negation

Sie wird durch Wörter wie "kein, bis auf, außer, ohne, nicht" etc. ausgedrückt. Hier kann es ebenfalls zu Schwierigkeiten beim Feststellen des Gültigkeitsbereiches kommen. Der Vorteil der Negation liegt darin, daß auf diese Weise Objekte auch dadurch identifizieren kann, daß sie eine Eigenschaft nicht besitzen, was die Beschreibung in gewissen Fällen wesentlich erleichtert.

Komparativ

Mit seiner Hilfe lassen sich Vergleiche formulieren, die sich auf quantifizierbare Eigenschaften von Objekten oder auf die Anzahl von Objekten beziehen. Sehr oft sind diese Vergleiche relativ, ihre Semantik kann nur durch den Kontext ermittelt werden. "Große Menschen" und "große Wälder" beziehen sich auf jeweils ganz unterschiedliche, zu den Objekten passende Maßstäbe. Der Sprecher kann sich durch sehr vage Formulierungen auf die wesentlichen Merkmalsunterschiede beschränken, ohne absolute Maße angeben zu müssen.

Soziale Funktion und das Unbewußte

Zum Abschluß möchte ich noch darauf hinweisen, daß viele Gespräche nicht mit dem Ziel des Informationsaustausches geführt werden. Dialoge der Art "Wie geht’s? - mpf - Ah, hab ich mir gedacht, und sonst? - Kannst du bitte Ruhe geben? - Danke, hat mich gefreut" dienen bloß der Pflege sozialer Kontakte. Solche Kommunikationsakte überwiegen im Alltag. Ich habe bereits auf die treibende Kraft der sozialen Anerkennung im Zuge des "Kommunikationstriebes" hingewiesen. In diesem Zusammenhang wurden viel Verhaltensformen bereits internalisiert, d.h. sie laufen unbewußt ab.

Außerdem tragen wir zahlreiche Masken zum Erreichen und Verschleiern unserer Ziele in der Gesellschaft (siehe 1.4), so daß wir für eine Person zahlreichen Rollen und Interessensgebiete unterscheiden müssen, denen nicht nur ein verschiedener Sprachgebrauch (z.B. Dialekt/ Hochsprache) sondern auch völlig unterschiedliche Charaktere (geduldig-höflich / gelangweilt) zugeordnet werden können.

4.3.5.6 Die Mathematik als Werkzeug und Kunstsprache

Der Vorteil dieser Kunstsprache ist ihre relative Exaktheit. Aber auch die Mathematik muß, ihre Definitionen auf die vage menschliche Lebenswelt zurückführen, wie etwa die vorauszusetzende Fähigkeit des Zählens. Auf die zugrundeliegenden neuronalen, biologischen Architekturen zur Implementierung ähnlichkeitserhaltender Abbildungen, bzw. zur biologischen Wissensspeicherung und Verarbeitung habe in der Einleitung hingewiesen.

Mit Hilfe der exakten Mathematischen Sprache definierte Formalismen sind nicht immer widerspruchsfrei, wie Kurt Gödel mit seinem "Unvollständigkeitstheorem" aufgezeigt hat. Die Weiterentwicklung der Mathematik etwa im Zuge der Informations- Quanten- und Chaostheorie spiegelt also die Evolution unserer Denkwerkzeuge (Computerjargon: Softwareentwicklungswerkzeuge) wieder, sie stellt aber keine eigene mystische Quelle der Erkenntnis dar.

Das universelle Prinzip der Selbstorganisation finden wir aber auch in einer so abstrakten Schöpfung des Menschen wieder, wie sie die Mathematik darstellt. So kann aus einem kleinen aufgestellten mathematischen Satz eine riesige Theorie abgeleitet werden. Das für die Materie geltende Prinzip der Selbstorganisation gilt eben auch für unsere geistigen Schöpfungen, die ja auf materiell repräsentierter Information und sie verarbeitende Prozesse zurückgeführt werden können, vgl. 5.4.1.

Komplizierte Sachverhalte lassen sich sowohl als "deklarative" als auch als "prozedurale" Beschreibungen in formalen (künstlichen) Sprachen darstellen. Während deklarative Spezifikationen das Ziel durch logische Formeln beschreiben, wird die Effizienz von prozeduralen Beschreibungen von konservativen NaturwissenschafterInnen in Frage gestellt. Es handelt sich dabei um eine Beschreibung, was getan werden muß, um ein Ziel zu erreichen.

Da aber Menschen selten genau wissen, was sie eigentlich wollen, und daher zunächst keine klaren Ziele angegeben können, setzt sich auch in der Technik langsam ein evolutionärer Designansatz [Dem96] auf Basis zahlreicher Versuchs- und Irrtumszyklen durch, wobei die Betonung am "Lernen durch Probieren liegt". Die prozedurale Beschreibung gibt nicht das Ziel, sondern den Weg zum Ziel an, und stellt somit eine adäquatere Dokumentation des evolutionären Ansatzes dar, da wir durch verschiedene Wege und Umwege zum letztlich akzeptierten Ziel gelangen. Häufig werden auch mathematische Erkenntnisse im Nachhinein dadurch verklärt, daß der verschlungene Weg, auf dem sie erlangt wurden, versteckt, bzw. zu Gunsten einer eleganteren Ableitung korrigiert wird.

Deklarative Regeln z.B. zur Sprachanalyse können auch für die Spracherzeugung eingesetzt werden, und bieten flexible Ableitungsmöglichkeiten mit Hilfe automatisierterer Rechenschemata. Deklarative Beschreibungen eignen sich also eher für die maschinelle Bearbeitung, während Menschen den prozeduralen Ansatz vorziehen, sobald eine gewisse Komplexität überschritten wird. Wer kann z.B. einen Grundriß eines gemütlichen Hauses mit einem Blick erfassen, und durch Symmetrieregeln beschreiben? Unsere Augen begeben sich auf "eine Wanderung" durch die Planzeichnung. Das Abtasten, das Begreifen der Zusammenhänge stellt eine konstruktive Tätigkeit dar, ist also prozedural bzw. operational.

Die Logikforschung beschäftigt sich heute mit einer eingeschränkt deklarativen Spezifikationssprache mit der Bezeichnung "Z", sowie mit dem "Constraint Logic Programming" (CLP), das erfolgreich für komplexe Produktions- und Planungsaufgaben eingesetzt wird, wobei eine Fülle von Rahmenbedingungen und Einschränkungen automatisch berücksichtigt werden können. Auch bei Rechenverfahren auf Basis deklarativer Regeln können zum besseren Verständnis immer prozedurale, sprachliche Erklärungen einer abgeleiteten Lösung mitgeliefert werden.

4.4 Forschung u. Lehre zum Wohle der Allgemeinheit, Mehrstufige Zivilisation

Erich Fromm fordert in [Fromm76] eine "neue" Wissenschaft, und beruft sich auf Vico, der im 18. Jahrhundert die Grundlagen dafür gelegt hatte. "Wir brauchen eine humanistische Wissenschaft vom Menschen als Basis für die angewandte Wissenschaft und Kunst der gesellschaftlichen Rekonstruktion. ... Die menschliche Utopie des Messianischen Zeitalters kann Wirklichkeit werden, wenn wir das gleiche Maß an Energie, Intelligenz und Begeisterung dafür aufbringen, das wir für unsere technischen Utopien aufwandten. Man kann nicht U-Boote bauen, in dem man Jules Verne liest, wir können keine humanistische Gesellschaft bauen, in dem wir ausschließlich Propheten lesen."

Ich habe in 1.4 bereits zahlreiche Fragen und Vorschläge für diese "neue Wissenschaft" im Zusammenhang mit dem Themenkreis der Psychologie und Sozialwissenschaften geäußert. Eine weitere Frage hat sich in den vorangegangenen Unterkapiteln angekündigt:

4.4.1 Die Frage der Verantwortung und die Legitimität von Kontrolle

Während die Notwendigkeit und Legitimität von Kontrolle im Hinblick auf die Technik unstrittig ist, stößt die Idee der Kontrolle auf dem Feld der Wissenschaft auf heftigen Widerstand. Sie wird als eine Bedrohung der intellektuellen Autonomie angesehen, die durch das Grundrecht auf Freiheit der Wissenschaft garantiert ist. Der philosophische Ursprung dieses Freiheitsgebots ist die Gleichsetzung von Wissenschaft mit Erkenntnis; seine historisch-politische Wurzel sind Versuche der Kirche, Innovation zu unterdrücken.

Von der Verfolgung des kopernikanischen Weltbildes durch die Katholische Kirche und der Verurteilung Galileis im 17. Jahrhundert, über den Kampf gegen die Darwinsche Evolutionstheorie im 19. Jahrhundert bis zur Unterdrückung der modernen Genetik während der 40er und 50er Jahre dieses Jahrhunderts in der Sowjetunion ist immer wieder versucht worden, der Wissenschaft ihre empirischen Befunde und theoretischen Einsichten von außen vorzuschreiben. Trotzdem kann die Idee einer moralisch motivierten Kontrolle der Wissenschaft nicht von vornherein als unzulässig zurückgewiesen werden, zumal die angesprochenen Verzögerungen nicht zwanghaft Nachteile für die menschliche Entwicklung gewesen sein müssen.

"Wir regulieren im Interesse des Allgemeinwohls, wie die Leute ihre Autos benutzen, wie sie ihre Berufe ausüben, wie sie ihre Geschäftsunternehmen führen oder ihre Häuser bauen. Warum nicht auch wie sie ihre Forschungen betreiben? Der Erwerb von Information ist nur ein menschliches Vorhaben unter vielen anderen. Es ist daher angemessen, ihn moralischen Erwägungen des Allgemeinwohls unterzuordnen. Genau wie bei anderen Tätigkeiten ist das öffentliche Interesse eine potentielle Quelle angemessener Einschränkungen" [Rescher87].

Kontrolle der Naturwissenschaft?

Die Idee einer Kontrolle der Wissenschaft zielt nicht auf die Einschränkung ihrer intellektuellen Autonomie, sondern auf die Steuerung ihrer materiellen Konsequenzen und mehr noch ihrer Voraussetzungen.

Im Hinblick auf die unmittelbaren Folgen wissenschaftlichen Handelns ist dies unstrittig. Die Wissenschaftsfreiheit kann nach einem Beschluß des Bundesverfassungsgerichts "nicht grenzenlos sein; ein Forscher darf sich z. B. bei seiner Tätigkeit, insbesondere bei etwaigen Versuchen, nicht über die Rechte seiner Mitbürger auf Leben, Gesundheit oder Eigentum hinwegsetzen" (BVerfG 47, 327 ff). In demselben Beschluß wird eine Pflicht zum Mitbedenken von weitreichender Folgen bekräftigt, soweit es sich um "schwerwiegende Folgen für verfassungsrechtlich geschützte Gemeinschaftsgüter" handelt. Wenn aber solche Pflichten existieren — nicht nur als moralische, sondern als Rechtspflichten — dann kann die Kontrolle ihrer Einhaltung nicht von vornherein unzulässig sein. Es handelt sich eher um ein Problem der Güterabwägung zwischen dem Grundrecht auf Freiheit der Wissenschaft auf der einen, anderen Grundrechten wie Leben, Unversehrtheit, Eigentum etc. auf der anderen Seite. Moralische Verantwortung ist zunächst immer die Verantwortung von informierten Individuen.

Grenzen individueller Verantwortung

Nun ist es eine Tatsache, daß die Wahrnehmung dieser Verantwortung durch individuelle Wissenschaftler und Ingenieure meist nur geringe Wirkung zeitigt.

Als Beispiel sei auf jene Physiker verwiesen, die jede Beteiligung an militärischer Forschung, insbesondere an der Entwicklung von Kernwaffen, verweigerten. Ein Teil von ihnen, darunter die berühmten "Göttinger Achtzehn", hat sich nicht mit der bloßen Weigerung begnügt, sondern ist der oben entwickelten Pflicht zur Aufklärung der Öffentlichkeit nachgekommen.

Verhindert haben sie die weitere Entwicklung von Kernwaffen dadurch indessen nicht. Es finden sich in solchen Fällen meist genügend andere, weniger skrupulöse Fachleute, die sich dem entsprechenden Projekt zur Verfügung stellen. In modernen arbeitsteiligen Systemen ist jedes Individuum prinzipiell ersetzbar. Oft genug dient dies als Vorwand, sich seiner moralischen Pflicht zu entziehen: "Wenn ich es nicht tue, dann tut es ein anderer; also kann ich es auch selbst tun!" Diese Ausrede kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß eine individuelle moralische Verantwortung sehr wohl besteht; sie gibt aber einen Hinweis darauf, daß sie oftmals nicht ausreicht, um ein moralisch fragwürdiges Projekt zu verhindern.

Ein weiterer Grund für die Wirkungslosigkeit individueller Verantwortungswahrnehmung ist die Ambivalenz vieler Resultate wissenschaftlicher Forschung und technischer Entwicklung. So können die Ergebnisse ziviler Grundlagenforschung aufgrund ihrer multifunktionalen Nutzbarkeit hohe militärische Relevanz besitzen.

Der Versuch eines Physikers, sich von jeder Mitwirkung an der Konstruktion neuer Massenvernichtungswaffen fernzuhalten, kann unter diesen Bedingungen höchstens zufällig gelingen: Er kann sich der direkten, nicht aber der indirekten Verflechtung in militärische Projekte entziehen. Auch wer an einem Laserproblem oder an der Entwicklung einer Programmiersprache arbeitet, kann ohne sein Wissen und Wollen einen wichtigen Beitrag zu einem militärischen Projekt leisten. Die Perversion der Produktivkraft Wissenschaft und Technik in eine Destruktivkraft kann daher durch die Wahrnehmung individueller Verantwortung nicht verhindert werden.

Vergesellschaftung der Verantwortung

Wissenschaftsethik kann offenbar nicht auf Wissenschafterethik und Technikethik nicht auf Ingenieurethik reduziert werden. Von verschiedenen Autoren ist daher eine Erweiterung des individualistischen Moralverständnisses durch die Idee einer institutionellen Verantwortung gefordert worden.

Da die Entscheidungen und Handlungen des einzelnen in arbeitsteiligen Systemen von vielfältigen institutionellen Randbedingungen abhängig sind, ist das traditionelle Konzept der Individualverantwortung unzureichend geworden; an die Stelle von Individuen als primären Subjekten der Verantwortung müssen daher Organisationen und Institutionen treten (Ropohl 1987). Im Bereich von Wissenschaft und Technik könnte man/frau sich die Realisierung dieser Idee in Gestalt von Ethikkommissionen vorstellen, wie sie bereits heute für die Kontrolle der Forschung am Menschen existieren, oder in Gestalt einer staatlich institutionalisierten Technikfolgenabschätzung. Eine solche Institutionalisierung und Vergesellschaftung von Verantwortung kann als moralische Entsprechung der Institutionalisierung und Vergesellschaftung von Forschung und Entwicklung selbst verstanden werden.

Dieses Gremium müßte neben fachlicher Verantwortung auch Verbindungen zur Politik pflegen, um z.B. eine Prioritätenliste von Förderungen für Forschungsbereiche zu erstellen: so sollen keine nennenswerten Gelder für Gentechnik, interstellare Raumfahrt usw. vergeben werden, bevor nicht befriedigende Lösungen anstehender ökologischer und sozialer Probleme seitens der subventionierten Wissenschaft angeboten werden.

4.4.2 Für eine neue Wissenschaft

Prinzipiell ist danach zu trachten, Kausal- (Wirkungs)zusammenhänge verständlich, aber auch bekannt zu machen um sie schließlich in der Realpolitik einfließen zu lassen. Zu diesem Zwecke wurde die im ersten Abschnitt vorgestellte "Verantwortungsethik" eingeführt. Der weltweite Diskurs ist zu suchen, sowohl innerhalb der Wissenschaft aber auch mit Vertretern der erwähnten "Realpolitik" und des "Alltagslebens". Als wichtiges Beispiel möchte ich die bereits mehrfach erwähnte Permakultur (Naturgartenkultur) anführen. Gerade wenn mit Hilfe von gemischten, größtenteils sich selbst überlassenen Pflanzen- und Tiergesellschaften hohe Erträge erzielt werden sollen, ist der Austausch und die Dokumentation von regionalem, aber auch lokalem Know How von großer Bedeutung. Dieses Wissen kann von konkreten "Schrebergartentips" wie "Radieschen wachsen hier optimal zwischen Lupinen" bis zur Bewertung abstrakter Effizienzbewertungsschemata mit Hilfe von geographischen Informationssystemen reichen. Von einer gemeinsamen Informationsplattform mit E-Mail, regionalen Datenbanken und Diskussionsforen würden in einem solchen Szenario alle Seiten profitieren.

Auch Marktforschung bzw. ökonomische Betrachtungen sollten in solchen Projekten angestellt werden, denn was nützt z.B. die energieeffiziente Produktion eines pflanzlichen Lupinenkäses, wenn sich das Produkt nicht verkaufen läßt.

Um Technologien zu forcieren, von denen die Allgemeinheit profitiert, ist es unabdingbar, Forschungseinrichtungen mit genau dieser Zielsetzung vom Staat, bzw. von Interessensgemeinschaften zu unterhalten. Um die Kosten zu senken und eine praxisgerechte Ausbildung zu garantieren, müssen StudentInnen und SchülerInnen bereits während der Ausbildung viel mehr als bisher in praktische, kommunale Projekte eingebunden werden. Nur so können alternative Techniken wie die Solarenergie und pflanzenbasierte Ernährung rasch die entsprechende Verbreitung finden.

4.4.3 Ein Beispiel: "Wai Dan Gung" oder Thai Kung

Seit Menschengedenken beschäftigte sich die Philosophie, die medizinische Forschung und Wissenschaft in China mit vorbeugenden Übungen, um den Energiehaushalt des Körpers bzw. dessen Heilkräfte zu fördern. Die ursprünglich "Wai Dan Gung" genannten "Übungen des äußersten Zinnobers" [LESA97] sind ein bemerkenswertes Beispiel für das Produkt einer "Wissenschaft zum Wohle der Allgemeinheit". Befreit von der für westliche Verhältnisse vielleicht irrational anmutenden Symbolik der inneren Alchimie handelt es sich um praktische Übungen, die durch tausendjährige Erfahrung (seit 2000 v. Chr!) in der Beobachtung des menschlichen Körpers entwickelt wurden — siehe auch 3.1.1.1. So wird mit der geheimnisvollen, in Fluß zu haltenden Lebenskraft des Ch’i von Laien oft das Gefühl bezeichnet, das auftritt, wenn mehr oder weniger verspannte Muskel, — übrigens die mit Abstand häufigste Schmerzquelle in der Zivilisationsgesellschaft — durch sanftes Überdehnen entkrampft werden. Außerdem wird die Durchblutung vernachlässigter Körperregionen angeregt, was nachweislich auch mit Hilfe der Akupunktur bewerkstelligt werden kann. Man/frau "spürt das Ch’i wieder fließen". Diese materialistische Interpretation entspricht wahrscheinlich nicht der Intention des ursprünglichen Thai Kung. Die Vorstellung der fließenden Energie (vgl. "Kreislauf") sowie anschauliche Titel für die Einzelübungen wie "Den Mond umarmen", "Wie die Schildkröte atmen" haben aber auch eine nicht zu unterschätzende pädagogische Funktion: sie erleichtern das Verständnis der richtigen Körperhaltung, und helfen, die Wirksamkeit der Übung z.B. durch das Ch’i Gefühl zu überprüfen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt einer "alltagstauglichen Wissenschaft" ist die Wahl der Mittel. Die Übungen können auf engstem Raum ohne Hilfsmittel durchgeführt werden. Außerdem ist auf eine praktische "Dosierung" geachtet worden, es reicht eine Viertelstunde vor dem Schlafengehen.

Auch ohne detailliertes Wissen über die Funktion der einzelnen Organe, Enzyme oder gar Gene des Menschen wurde eine Terminologie (siehe 3.1.1.1) zur ganzheitlichen Heilkunde entwickelt, die allerdings keinesfalls im Widerspruch zur modernen Schulmedizin steht. Erscheinen auch manche Annahmen falsch bis gewagt, so kann doch ein Großteil der Heilpraktiken aus heutiger Sicht als erfolgversprechend eingestuft werden. In der praktischen Anwendung hingegen brauchen die Resultate dieser Wissenschaft keinen Vergleich mit der Schulmedizin scheuen. Praktiken wie Thai-Chi wurden längst in das Standardprogramm moderner westlicher Gesundheitsvorsorge aufgenommen. Es handelt sich nicht nur um Entspannungsübungen, die die wichtigsten, für Verspannungen anfälligen Zentren im Körper lockern, es werden auch innere Organe, das Sinnes- und Nervensystem stimuliert.

Weitere interessante Beispiele für das überlieferte Heilwissens, das im Laufe der Jahrtausende gesammelt wurde, gibt Gert Baumgart in "Priester, Heiler, Magier- 5000 Jahre Heilkunst" [Baumgart97].

4.4.4 Für eine mehrstufige Zivilisation

An anderer Stelle habe ich die "mehrstufige Zivilisation" als Gegenentwurf zur "Risikogesellschaft" angesprochen. Eine umfassende Zusammenfassung wird in 5.5.3 gegeben. Die Idee ist vergleichbar mit dem von Jeremy Rifkin vorgeschlagenen "Dritten Sektor" und läßt sich so umreißen: Wir stellen zunächst die Frage, was zum Überleben einer lokalen Gemeinschaft unbedingt notwendig ist, und ergründen das "Naturkapital" der Region. Je nach der, heute immer noch wenig erforschten Vielfalt und Tragfähigkeit biologischer und geologischer Reserven vor Ort ergeben sich Rahmenbedingungen für die "Überlebensbedingungen" der Land- und Stadtbevölkerung. Wir können solche Tragfähigkeitsgrenzen keineswegs durch abstrakte Studien ermitteln oder gar errechnen, worauf ich bereits an verschiedenen Stellen hingewiesen habe. Wir können sie nur "er-leben", bzw. ausprobieren, mit Hilfe einer neuen Disziplin der Naturwissenschaft, die als "Alltagserforschung" umschrieben werden könnte.

Nun denken wir uns verschiedene "Katastrophenszenarien" aus, wie wir sie aus der Diskussion der "Risikogesellschaft" kennen. Es sind damit aber nur Katastrophen gemeint, deren Folgen durch organisatorische Maßnahmen zumindest gelindert werden können, nicht aber Ausnahmefälle wie ein Atombombenabwurf. Dann legen wir mehrere Stufen der regionalen Autarkie fest. Wir schneiden z.B. das "Wiener Becken" oder ein Gebirgstal für längere Zeit vom Stromimport ab. Daraus ergeben sich nun Rahmenbedingungen für eine möglichst rasch umsetzbare "Stromautarkie". Oder wir unterbrechen Lebensmittel- und Maschinenimporte, und malen ein Szenario der "Versorgungsautarkie", und schließlich der "Erdöl- Erdgasautarkie". Natürlich können und sollen sich TechnikerInnen den Kopf zerbrechen, welche technische Lösungen sich dafür anbieten. Es handelt sich jedoch weniger um eine technische Aufgabenstellung, diese Probleme sind viel mehr sozialer Natur. Wenn es z.B. nicht gelingt, in den nächsten 100 Jahren die erwähnte "Erdölautarkie" umzusetzen, dann stehen uns gewaltsame Auseinandersetzungen ins Haus, die die beiden Golfkriege, die Afghanistankrise und die jüngsten Massaker in Afrika als harmlose Balgereien erscheinen lassen [Kronberger98].

Für jede Stufe der Autarkie ergeben sich nun unterschiedliche Konsequenzen für die Lebensweise der Land- und Stadtbevölkerung. Auch die Permakultur kann und muß übrigens in Stadt und Land umgesetzt werden, wenn eine nennenswerte Steigerung der Nachhaltigkeit das Ziel ist. Die notwendigen Maßnahmen sollten in wissenschaftlich begleiteten, freiwilligen Experimenten Schritt für Schritt erarbeitet werden. Denkbar wäre ein "Stromfreies-Wochenende" in einer Region, oder ein Selbstversorgungsexperiment mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung, wobei der erreichte Grad an Autarkie in einem lustigen Wettbewerb ausgelotet werden könnte. Was kann der Baum im Park, das Gebüsch im Wald, unser kleiner Bach dazu beitragen, daß ich meinen Tee, meine Früchte usw. nicht mehr aus dem Supermarkt nach einer Reise um die halbe Welt beziehen muß? Wenn wir nur mehr einmal pro Woche Fleisch konsumieren, kann dann meine ganze Nachbarschaft von dem umliegenden Bauernhöfen versorgt werden?

Begleitender Unterricht von der Volksschule an, die Pflege der Pflanzenheilkunde und viele unterhaltsame, spannende Projekte müßten derartige Anstrengungen begleiten. Die so gewonnenen, umfangreichen Datenmengen können nur mit Hilfe moderner Informationstechnologie wissenschaftlich ausgewertet werden. Die persönlichen Erfahrungen der Beteiligten machen alle TeilnehmerInnen aber ohnehin unabhängig von wissenschaftlichem oder politischem Segen. Die Erfahrung, das erste Brot aus selbstgepflanztem Getreide zu backen, wiegt mehr als jahrelanger Ökologieunterricht. Auch das Bild von der Umwelt wird sich so rasch ändern.

In der Theorie der "mehrstufigen Zivilisation" muß der Schritt zurück auf eine einfachere Stufe wieder geplant, gelehrt und erprobt werden. Ich spreche absichtlich nicht von einem "Rückschritt", denn wir haben erstens mehr Know How zur Verfügung als unsere Vorfahren, zweitens kann eine Erhöhung der Bewegungsfreiheit niemals einen Nachteil darstellen. Es handelt sich gleichzeitig auch um ein großartiges Heilmittel gegen das "Langeweilesyndrom" der Industriegesellschaft, das schon Schopenhauer Kopfzerbrechen bereitet hat. Sobald die Schattenseite der krisenanfälligen "höchsten Stufe" überhand nehmen, wird sie vorübergehend verlassen. Die Naturwissenschaften könnten wieder eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung einnehmen, in dem sie in und für die Gesellschaft und nicht außerhalb und gegen sie agieren.

Der Schutz von Forschungsergebnissen durch ein Patent ist prinzipiell nur auf Einnahmen aus der Nutzung des Patentes zu beschränken, die zur Abdeckung angefallener Kosten und zur Erhaltung von Forschungseinrichtungen benötigt werden. Das Argument, eine "Regelmentierung" von Wissenschaft und Technik sei, der Unterdrückung der künstlerischen Freiheit im Dritten Reich vergleichbar und daher ebenso abzulehnen, geht daneben. Freiheit darf nicht mit dem Anspruch auf staatliche Förderung verwechselt werden.

In diesem Zusammenhang ist der freie Zugang zur Bildung bzw. zum "Weltwissen" unumgänglich, der nun kurz unter die Lupe genommen wird.

4.4.5 Reformpädagogik, Alternativschulen

An dieser Stelle wird auch klar, daß eine solche Entwicklung nur durch weitgehende Reformen des Bildungssystems eingeleitet werden kann. Mit der Verbreitung humanistischen Gedankengutes war von Anfang an die Suche nach humaneren Formen der Schule verbunden. Der folgende Überblick stammt aus einem empfehlenswerten Rundschreiben der Wiener Grünen zum Thema "Alternative Schulkonzepte" (1996?), ich konnte leider die AutorInnen nicht mehr rekonstruieren. Oberstes Merkmal reformpädagogischer Konzepte ist die Kindorientierung, ein Begriff, der vor allem das Umdenken im historischen Sinn signalisiert: nicht die Schule und ihre Ansprüche an das Kind stehen im Mittelpunkt pädagogischen Denkens, sondern die optimale Entwicklung des Kindes sowie die damit verbundenen Rahmenbedingungen. Schlagworte dieser Einstellung sind pädagogische Prinzipien wie Selbstständigkeit, Selbstbildung, Eigenverantwortlichkeit, Selbsttätigkeit, eigenständiges und autonomes Lernen, entdeckendes Lernen, Bildung der Imaginationsfähigkeit und soziales Lernen.

John Dewey kann als Stammvater der "Community Education" in den USA bezeichnet werden. Schon 1896 eröffnete er als Professor an der Universität Chicago eine Versuchsschule. "Das Lernen innerhalb der Schule solle in stetigem Zusammenhang mit dem außerhalb der Schule stehen. Zwischen Schule und Leben sollte ein freies Wechselspiel bestehen. Dies ist aber nur möglich, wenn zahlreiche Berührungspunkte zwischen den sozialen Interessen der Schule und denen des Lebens vorhanden sind. [Dewey94]". Ich möchte hier aus eigener Erfahrung auf ein wirklich großes Hindernis für den "lokalen", auf die unmittelbare Lebensumwelt bezogenen Unterricht hinweisen: die Haftungsfrage. Sobald LeherInnen vom Standardunterricht in den von der Außenwelt abgeschnittenen Schulräumen abweichen, wird es oft notwendig, Aufgaben zu teilen und die Klassenräume zu verlassen. Manchmal wird auch teure Infrastruktur wie Computer, Meßgeräte usw. benötigt. Dann stellt sich aber die Frage, wer es verantworten kann, daß SchülerInnen ohne Aufsicht in der Umgebung etwas unternehmen, und wer für die Kosten (z.B. Telefon, Kopieren) und Schäden (z.B. Meßgeräte, eigene Ausrüstung) im Rahmen eines offenen Unterrichts aufkommt.

Die Idee sogenannter "Village Colleges" wurde von Henry Morris 1925 veröffentlicht. Er bezieht in seine Pläne auch die Erwachsenenbildung, die soziale Versorgung und die Freizeitgestaltung mit ein. Seine zentrale Idee ist die Zusammenfassung aller Aktivitäten des Bildungs- und Sozialwesens in multifunktionalen Räumen an einem Ort.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich abschließend noch eine Anmerkung zum Reizwort "antiautoritäre Erziehung" anbringen. Die oft als mahnende Beispiele gehandelten Kinder von überforderten Eltern demonstrieren aber bloß "antiautoritäre Vernachlässigung", und nicht die Förderung von Eigenständigkeit und Kritikfähigkeit. Solche Fälle von Vernachlässigung ändern nichts am dringenden Reformbedarf im Bildungssektor.


4.5 Kleiner Ausblick auf die Technologie von morgen

"Computer wurden 1946 mit fliegenden Untertassen auf unseren Planeten gebracht. Sie sind Fremde! Die ersten aus dem All eindringenden Computer entgingen ihrer Entdeckung, weil sie wie Menschen aussahen! Aber keiner auf der Erde ist durch Menschen zu beeindrucken, bei Erdlingen kann man nur mit Maschinen Eindruck schinden. Mitte der fünfziger Jahre wurde ein neuer Invasionsversuch unternommen. Diesmal sahen die Computer wie Autos aus. Die Intelligenz, die in den Maschinen steckte, begann aufzuholen. Beladen mit Tonnen von Chrom und von massiver Statur, erfüllten die Maschinen fast die Zielsetzung derer, die sie gesandt hatten, indem sie reihenweise Menschen töteten.

Aber die geplante Invasion der Erde konnte erst stattfinden, wenn die Fremden größere Machtpositionen innehatten. Niemand hätte einen 56er Chevrolet zum Präsidenten gewählt. Der Durchbruch erfolgte erst in den siebziger Jahren. Die Fremden hatten es aufgegeben, uns zu täuschen, und drangen in großen Scharen ein. Die Städte der Fremden, extrem klein nach irdischen Maßstäben, entstanden überall. Man fand sie in Kühlschränken, Flugzeugen, Automobilen, Atomraketen, Kameras und Tausenden anderen wichtigen Produkten.

Wenn es einige auch nicht wahrhaben wollen: In ihrem Leben gibt es keine noch so große oder kleine Entscheidung, die nicht ein direkter Befehl der Chip-Leute wäre."

Zitat gekürzt aus : Handbuch für Computergegner [Arnesonive]

Während ich mich bis jetzt kritisch mit der Technikhörigkeit der modernen Gesellschaft auseinandergesetzt habe, dient der folgende Ausblick einem ganz anderen Zweck. Die hier angedeuteten technischen Innovationen sollen die Hoffnungen derjenigen zerstören, die meinen, daß sich der technische "Fortschritt" in naher Zukunft ohne Zutun erschöpfen wird, da nach den bahnbrechenden Entdeckungen und Veränderungen im 19. und 20. Jahrhundert keine derartigen Revolutionen mehr erwartet werden können. Ohne einschneidende Änderungen der Spielregeln im Hightech-Forschungsbetrieb werden uns die unliebsamen Überraschungen, wie wir sie z.B. aus der zivilen Atomtechnik kennen, bald aus dem Bereich der Gen- und Biotechnologie aber auch aus anderen Forschungsrichtungen überrollen.

Computer werden in naher Zukunft noch bedeutend schneller. Beinahe verlustfreies Schalten kann aber nur durch die Lichtleitertechnik (Interferenzen) erreicht werden, wobei in jedem Falle quantenmechanische und quanten-elektrodynamische Effekte die Annäherung an die theoretisch vorgegebene Grenze der Informationsausbreitung in mikroelektromechanischen Systemen (MEMS) vereiteln, oder eines Tages vielleicht auch erweitern. Als Richard Feynman sich 1982 Gedanken über einen "Quantensimulator" machte, mußte die zuvor geltende "Church-Turing These" von der Universalität der Berechnung mit Hilfe eines abstrakten Universalcomputers (Turing Maschine) erweitert werden. David Deutsch hat diese Idee mit der Turings im Postulat eines "Quantencomputers" kombiniert, der mit Hilfe von Effekten wie Interferenzen theoretisch Aufgaben lösen könnte, die mit Turings universellen Rechenmaschinen nicht lösbar sind [Deutsch97]. Damit könnten theoretisch mit Hilfe eines heute als sicher geltenden "RSA Schlüssels" verschlüsselte Botschaften in wenigen Minuten entschlüsselt werden. Es ist aber noch nicht geklärt, ob sich solche Mechanismen tatsächlich für Berechnungen heranziehen lassen.

Die Firma Texas Instruments arbeitet bereits an einer digitalen Lichtverarbeitungstechnologie (DLP) mit einem digitalen Mikrospiegelarray (500.000 rotierende Mikrospiegel) und Halbleiter gesteuerten Lichtschaltern. Optische Sensoren auf Halbleiterbasis (CCD) für digitale Kameras und Satellitenkameras erreichen bereits eine Auflösung von 7000 x 9000 Bildpunkten und können neben dem sichtbaren Licht nahes Infrarot, UV Licht und Röntgenstrahlung registrieren. In der Werkstoffkunde konnte Supraleitfähigkeit (Stromleitung fast ohne Widerstand) bei immer geringer unterkühlten Bedingungen erreicht werden, eine andere Möglichkeit der Informationsverarbeitung an der Grenze zur Lichtgeschwindigkeit. Wenn auch die Grenzen der Geschwindigkeit und Miniaturisierung bald erreicht sind, ermöglicht die massiv parallele Verarbeitung von Informationen in jedem Fall eine noch nicht genauer eingrenzbare Leistungssteigerungen. Die Praxis hat aber gezeigt hat, daß stark vernetzte Systeme kaum über die Geschwindigkeit ihrer schwächsten Glieder hinaus agieren können, die bald der Mensch selbst darstellen wird.

Neben der Verbesserung der "Hardware" stehen aber vielleicht noch bedeutendere Innovationen bei der Verbesserung der Mensch-Maschine Kommunikation durch graphisch simulierte Arbeitswelten und sprachverstehende Systeme sowie verbesserte weltweite Informationsnetze mit intelligenten elektronischen Assistenten ins Haus. In den Xerox PARC Laboratorien werden in den Alltag eingebundene, versteckte Computersysteme getestet, die den schrecklichen Bildschirmarbeitsplatz ablösen sollen. Overheadfolien werden durch ein interaktives, vernetztes "Liveboard" ersetzt. Der Siegeszug der kleinen tragbaren Computer, die vom Laptop bis zum "Personal Assistent" reichen, ein etwa Telefonhörer großes Kästchen, mit einem Stift für handschriftliche Notizen, und einem Mikrofon für gesprochene Nachrichten wird Hand in Hand mit der Handyentwicklung gehen, und zu einem Universalgerät führen, das über Spracherkennung, eine Kamera zur Bildtelefonie und über Verbindung zu allen verfügbaren Datenbanken verfügt. Diese Geräte sind über tragbares Modem oder einen eingebauten Funktelefonanschluß mit dem Internet und dem beschleunigten Telefonnetz (Lichtleiter, neue Kupfertechnologien, UMTS) verbunden. Internettelefonie wird bald überall verfügbar sein, heute gibt es in ganz Österreich Internetprovider zum Ortstarif.

Neurochirurgen versprechen ewiges Leben durch Gehirnverpflanzung, neue Psychopharmaka und Medikamente soll uns die Gentechnik bescheren. "Gehirnschrittmacher" für ParkinsonpatientInnen und die direkte Verbindung zwischen Computern und Nervenbahnen, z.B. um Blinde mit Bildern von einer Kamera zu versorgen, sind bereits in Erprobung. Die genetische Selektion von "geeigenten" menschlichen Embryonen (PID) habe ich bereits an anderer Stelle angesprochen.

In den Materialwissenschaften werden Werkstoffe bis zur atomaren Ebene manipuliert, metallische Schäume mit der Stabilität von Stahl, komplexe, exakte Polymerkonstruktionen die biologische Membrane oder Proteine nachahmen, fraktale Riesenmoleküle, Beschichtungsverfahren auf Basis der Biomineralisation und Sol-Gel Übergänge seien hier als Beispiele interdisziplinärer Arbeiten genannt. Sich selbst vermehrende Mikromaschinen könnten ein neues Zeitalter der Industrialisierung einleiten. Bis in den molekularen Bereich exakt konstruierte Werkstoffe, Enzyme und andere organische Bausteine bieten bisher nicht realisierbare Eigenschaften, was zugleich auch einen Nachteil darstellt, da die Natur keine Abbauwege für solche Stoffe kennt. Der beliebige Bauplan molekularer Strukturen eröffnet neue, gefährliche Perspektiven für die Gestaltung einer synthetischen Welt. Aber auch mit der heute verfügbaren Technik könnte durch verbesserte Wärmedämmung 20% an Heizenergie gespart werden, Biomassekraftwerke könnten fast CO2 neutralen Strom und vor allem Heizwärme mit minimalen Verlusten liefern. Intelligente, dezentrale, sich selbst überwachende Regelungsanlagen könnten Häuser, Kanäle und Verkehrssysteme flexibler, effizienter und vor allem intelligenter machen, die Menschliche Arbeit wird sich in die Bereiche Wartung, Kontrolle und Reperatur verlagern.

Neben dem Weg in den Mikrokosmos sind auch Projekte außerhalb der Erde geplant, die vorerst von einer billigeren, verläßlicheren Raumfahrttechnik abhängen. Bald wird sich "Deep Space" auf den Weg in den interstellarne Raum machen. Eine neue Generation von vollständig wiedereinsetzbaren Spaceshuttles soll zunächst die Installation größerer Raumstationen und Satelliten im Erdorbit ermöglichen. Weltraumteleskope werden helfen, für physikalische Modellbildung wichtige Informationen über sehr alte Teile des Universums zu gewinnen, die bei der Rekonstruktion des Urknalls helfen.

Mit der heutigen Technologie nicht realisierbar bleiben Reisen außerhalb des Sonnensystems, selbst wenn wir unsere Fühler mit Lichtgeschwindigkeit ausstrecken könnten. Der Grund dafür sind die für unsere Maßstäbe gigantischen Entfernungen. Denkbar wäre neben der fraglichen Nutzbarmachung von natürlichen Raum-Zeitkrümmungen bzw. quantenmechanischer Effekte wie dem Einstein-Podolsky-Rosen Effekt (siehe Einleitung zu 5.4.1) höchstens eine Technologie zur Überlistung der Zeit, in dem z.B. unsere Informationsträger von biologischen auf maschinell-biologische Systeme übertragen werden. Damit könnte unser Zeit- und Erlebensrhythmus so verändert werden, daß uns etwa tausend Jahre wie eine Sekunde erscheinen. Wir würden einfach um einiges langsamer denken, handeln, fühlen. Trotz beständiger Materialien für solche Konstruktionen müssen auch aus grundlegenden physikalischen Überlegungen automatische Reparaturmechanismen für eine derartige Repräsentation vorgesehen werden, um solche Zeiträume überdauern zu können. Eine Reise zu benachbarten Galaxien wäre dann in wenigen Minuten unseres Erlebens möglich — ein sehr hübsches Beispiel für die Eleganz der "konstruktivistischen Philosophie".


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