Eine Mitweltethik als postmoderne Überlebensphilosophie (Teil 3)


Autor: Christian Demmer mit Material von Univ. Doz. Dr. Weish

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3. Das Bild von Mensch und Umwelt im Laufe der Zeit

3.1 Von der abiotischen zur kulturellen Evolution

3.1.1 Kleine Geschichte der Genetik und Evolutionstheorie [Rosenf83]

3.1.1.1 Von der DNS zur kausalen Evolutionsforschung

3.1.1.2 Die DNS als sich selbst reproduzierende Stoffwechselmaschine

3.1.1.3 Die Reproduktion, Differenzierung, der Phänotyp und neuronale Netze

3.1.1.4 Mutationsmechanismen

3.1.1.5 Stammesgeschichte und Verwandtschaftsforschung, Neodarwinismus

3.1.1.6 Kausale Evolutionsforschung

3.1.1.7 Mutation und Selektion, Genetische Drift [Czhiak76]

3.1.1.8 Das Hardy-Weinberggesetz und der "balancierte Polymorphismus" [Czhiak76]

3.1.1.9 Artenbildung [Czhiak76]

3.1.1.10 Die evolutionäre Erkenntnistheorie

3.1.2 Die Evolution des menschlichen Verhaltens

3.1.2.1 Die Wurzeln der Menschheit, das Märchen vom Raubtier

3.1.2.2 Eine kritische Betrachtung der Kulturgeschichte

3.1.2.3 Vom Australopithecus zum Homo sapiens

3.1.3 Die kulturelle Evolution jenseits des Sozialdarwinismus

3.1.3.1 Evolution der Kommunikation - Magie und Informationsverarbeitung

3.1.3.2 Entspringt der Geist einer biologischen Maschine, die Informationen verarbeitet?

3.1.3.3 Evolution der Kommunikation - Mathematik

3.1.4 Evolution der Erkenntnis und Kommunikation

3.1.4.1 Von der Nachahmung zur inneren Repräsentation der Mitwelt und der Sprache

3.1.4.2 Sprache und Mitweltmodellierung als Überlebensfaktor

3.1.4.3 Die Rolle der Sprache und Intelligenz in der kulturellen Evolution

3.1.5 Kulturelle Evolution als Evolution gesellschaftlicher Organisationsformen

3.1.5.1 Industrielle Revolution, Ökonomisierung, Sozialdarwinismus, das 3. Reich

3.1.5.2 Die kulturelle Evolution als Fehlentwicklung?

3.1.5.3 Faktoren der Destabilisierung und ein Blick in die Zukunft

3.2Philosophiegeschichte — Überblick und Auszug: Moderne und Postmoderne

3.2.1 Philosophiegeschichte: Mensch und Umwelt in der Aufklärung

3.2.2 Positivismus, Materialismus und Pragmatismus

3.2.3 Vom Humanismus zum Frühsozialismus, Anarchismus

3.2.4 Vom Existentialismus zum Konstruktivismus

3.2.5 Jürgen Habermas Diskursethik


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3. Das Bild von Mensch und Umwelt im Laufe der Zeit

Kurzfassung: In diesem Abschnitt werde ich mich bemühen, einige wichtige Aspekte der Denkrichtungen des sich anbahnenden 21 Jahrhunderts zu geben, wie etwa die evolutionär gewachsenen biologische Grundlagen geistiger Fähigkeiten. Die "Strukturen" von Körper, Geist und deren Wechselwirkungen werden dabei im Mittelpunkt stehen. Damit verwandt ist die bereits in der Einleitung aufgeworfene Frage, ob und wie geistige Fähigkeiten materiell repräsentiert sein können [Czhiak76], [Minsky86], [Chomsky81], und welche Veränderungen sie durchlaufen und durchlaufen haben. All diese Einblicke sollen helfen, ein neues Verständnis von uns als Menschen zu erlangen, um in den folgenden Kapiteln der Formulierung einer neuen Ethik nachgehen zu können. Hierbei gilt es, den Geist einer fortgesetzten Aufklärung im Sinne des eingangs skizzierten humanökologischen Ansatzes zu bewahren.

Der "universale Entwicklungsbegriff" [Vollmer75], [Chomsky81], sehr vage bereits von Hegel und später Spencer angedeutet, ging in die moderne Naturwissenschaft als die Lehre der "abiotischen und biotischen Evolution" ein, und verursachte einen nie dagewesenen Wandel der Wertvorstellungen. Der humanökologische Ansatz (2.3) versucht diese Erkenntnisse zu berücksichtigen, und sie in einem adäquaten Menschen- und Weltbild einzubinden.

Neben der Berücksichtigung "ökologischer Gleichgewichte", hat die Idee einer gerichteten "universalen Entwicklung" überall anzutreffende Veränderungen und deren unterschiedliche Geschwindigkeiten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Um eine langfristig harmonische Weiterentwicklung in die Wege zu leiten, können wir uns nicht auf die Verbesserung von "Zuständen" beschränken, sondern müssen viel mehr die ständige Verfeinerung von "Verbesserungsprozessen" in Angriff nehmen, mit deren Hilfe die unterschiedlichen Ansprüche unserer menschlichen Existenz in Einklang mit der sich fortentwickelnden "Mitwelt" gebracht werden können. Ein solcher Ansatz wird als "Metaethik" bezeichnet.

Peter Kafka beschreibt die Evolution komplexer, d.h. hochgradig verflochtener Systeme folgendermaßen:

"In der Nachbarschaft eines Zustands eines hochkomplexen Systems gibt es fast unendlich viele mögliche andere Zustände, darunter auch solche etwas höherer Komplexität. Unter dem Angebot freier Energie sind diese durch natürliche oder aufgezwungene Schwankungen erreichbar. Der Darwinsche Grundgedanke des "survival of the fittest" hat offenbar etwas damit zu tun, daß Zustände höherer Komplexität lebensfähiger und daher wahrscheinlicher sind, als die anderen. Beim Abtasten der benachbarten Zustände erlahmen all die erfolgloseren Tastbewegungen, die erfolgreichen aber werden lebendige Routine, und das Gesamtsystem hat nun etwas erhöhte Komplexität."

Die Bedingungen der Evolution (man könnte auch sagen, der Wertschöpfung in der Biosphäre) sind Vielfalt und Gemächlichkeit. Sie werden heute durch die schnellen, globalen Veränderungen verletzt. Bei den Versuchen, die Welt zu verbessern, wird mehr Komplexität ab- als aufgebaut. Es fehlt die Zeit, um durch Versuch und Irrtum zu lernen, was besser ist, und was schlechter.

"Wesentliche Veränderungen müssen langsam ablaufen, im Vergleich zur Dauer der typischen Zyklen der jeweiligen Strukturen.... Von welchen Dingen reden wir? Von Menschen und ihren Gesellschaften... Der relevante Zyklus ist daher das Heranwachsen und Reifwerden eines Menschen... Und was bedeutet all die hastige, angeblich überlebenswichtige Innovation? Daß ein Mensch in der Mitte seines Lebens die Welt nicht mehr wiedererkennt. Sogar die Wurzeln des irdischen Lebens werden innerhalb weniger Jahre geschädigt — Artensterben, Waldvernichtung, Klimaänderungen zeigen das nur zu deutlich. Es wird in der Tat wild darauf los verflochten — aber wegen der Eile kann nichts Lebensfähiges entstehen. Auch der schnellste Informationsaustausch reicht nicht, um die wesentlichsten Teile des Geflechts zu schaffen. Wir haben nicht genug Information, und wenn wir sie hätten, wäre es so viel, daß auch die größten denkbaren Computer sie nicht schnell genug verarbeiten könnten. Es entstehen daher nicht Organe, sondern Krebsgeschwüre"

Seit Spencer sehen viele PhilosophInnen in der allumfassenden "strukturellen Evolution" ein allgemeines Prinzip, das sowohl der belebten, als auch der unbelebten Materie bzw. Energie innewohnt. Unter Materie, bzw. Energie oder einer bestimmten Struktur der Raumzeit im Sinne des "erweiterten Materialismus" (2.3, 5.4.1) verstehe ich einen vom Menschen zur Welterklärung erdachten Träger von Veränderungen (Dynamik) einer Form (Information, Komplexität). Daraus leitet sich der sogenannte "Strukturalismus" ab, der zwischen der (physischen) Repräsentation einer Form, der Struktur einer Form, und der Bedeutung einer Form unterscheidet.

Materie kann für die folgenden Überlegungen idealistisch als "Erdachtes" (Konstruktivismus) angesehen werden, da sie nur durch die Überlegungen von Menschen "existent" wird. Oder sie ist als selbstständig existent (Realismus) anzusehen, wobei aber die Rolle des/der BeobachterIn berücksichtigt werden muß, der/die unweigerlich in gegenseitiger Beeinflussung bzw. Wechselwirkung mit dem beobachteten Subjekt steht (vgl. z.B. die "Heisenbergsche Unschärferelation" [Dittrich94]). Es ist also immer von einem System auszugehen, welches aus einem materiell repräsentiertem Betrachter, mit einem verinnerlichten Prozeß der Betrachtung besteht. Betrachtung bzw. Beobachtung bedarf materiell/energetisch vermittelter Wechselwirkungen [Chomsky81], [Deutsch97]. Der Materiebegriff inkludiert in diesem Zusammenhang alle heute bekannten physikalischen Wechselwirkungen, und solche, die noch zur Erklärung zukünftiger empirischer Erfahrungen aufgestellt werden. Die wichtige Rolle des Beobachtungsprozesses für diesen "erweiterten Materialismus/Strukturalismus" wurde in 2.3 an Hand der Interpretation von Zeichenbedeutungen erläutert.

Strukturelle Evolution bedeutet nun das Ausbilden von Strukturen ohne übergeordneten Konstrukteur, Baugerüst, Bauplan etc. (Selbstorganisation). Um einem großen Irrtum in diesem Zusammenhang zu begegnen, dem etwa Konrad Lorenz wie zahlreiche PhysikerInnen verfielen, soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß die derart ausgebildete Ordnung im Grunde nicht "mehr Struktur" umfaßt, als in der "Summe der Einzelteile" und den vorherrschenden Rahmenbedingungen vorgegeben war. Die Einführung eines metaphysischen, mystischen Ordnungselementes (Fulguration) würde den hier vertretenen "erweiterten Materialismus" ad absurdum führen. Der Denkfehler liegt darin, nur das statische Element einer Struktur zu sehen, die aber immer das Produkt eines Prozesses ist. Als Beispiel für diesen Zusammenhang sei etwa die Beziehung zwischen einem Pullover und dem zu Grunde liegenden Strickvorgang genannt: Die Fäden müssen nach relativ einfachen Regeln verknotet werden, und das dauert seine Zeit — siehe auch 2.3.

Um Komplexität zu vergrößern muß also ein einfaches Verfahren, wie die universelle "Versuchs-Irrtumsmethode" zum Aufbau einer Struktur angewandt werden. Auch die Bausteine müssen relativ einfach sein. Aus diesem Grund sind sowohl Verfahrensschritte des Produktionsprozesses als auch Bausteine mehrfach, eventuell variiert, einzusetzen ("Schleifen"). Auf diese Weise läßt sich über einen derartigen Prozeß Komplexität aus der zeitlichen Dimension in die räumliche Dimension transferieren. Die Produkte solcher Prozesse haben selbstähnliche, fraktale Struktur. Alle menschlichen und tierische Zellen sind ähnlich, der Bauplan der Enzyme bzw. Proteine, aber auch der ganzer Organe und Glieder wird mehrfach verwendet.

Aus thermodynamischer Sicht ist zwischen einem Strukturtransfer durch Strukturzerstörung an anderer Stelle und einem Strukturgewinn aus dem "Nichts" zu unterscheiden, wenn z.B. spontan Partikel entstehen. Strukturtransfer kann auch als Strukturkonzentration etwa durch den Aufbau organischer Substanz in Pflanzen im Zuge der Photosynthese angesehen werden, die durch Strukturverlust in der Sonne erkauft wird. Die Entropie des Gesamtsystems muß nach dem Entropiegesetz zunehmen. Wird ein abgeschlossenes System über einen längeren Zeitraum hindurch betrachtet, kann nach Erkenntnissen der modernen Physik nur Strukturtransfer beobachtet werden. Der Begriff "über einen längeren Zeitraum" deutet schon auf die Grenzen dieser Theorie hin, die mit Mandelbrots Metapher von der Längenmessung einer Meeresküste verwandt sind. Je nachdem, welchen Maßstab ich bei der Messung heranziehe, werde ich zu anderen Ergebnissen gelangen. Entspricht z.B. die Gestalt eines zu vermessenden Küstenverlaufes Fraktalen einer höheren fraktalen Dimension, wird der Küstenumfang z.B. immer länger, je genauer gemessen wird.

Außerdem spielen abgeschlossene, leicht überschaubare Systeme in der Praxis kaum eine Rolle. Deshalb konzentriert man/frau sich in jüngster Zeit mehr auf die Gesetzmäßigkeiten von Strukturtransfers bzw. Gewinnen in offenen Systemen.


3.1Von der abiotischen zur kulturellen Evolution

Die Annahme einer immanenten Fortentwicklung ohne außerweltliche Eingriffe, die kosmische Evolution, führte zu einigen Verwirrungen in der philosophischen Gemeinschaft. Ich möchte darum an dieser Stelle einen kurzen Überblick bieten — und auf die zitierte Fachliteratur verweisen.

Die eng miteinander verflochtene biologisch-organische Evolution und die abiotische (unbelebte Natur) Evolution in der Urgeschichte des Kosmos sind teilweise überlagert — so daß eine Trennung wie bei den Disziplinen der organische Chemie, Geologie und Biologie unzulänglich erscheint.

Die Erde wurde bis vor ca. 3,9 Milliarden Jahren regelrecht "bombardiert" mit Meteoriteneinschlägen, so daß die Entstehung des Lebens etwas später angesetzt werden muß, da bereits vor 3,5 Milliarden Jahren entstandene "Urzellen" von Blaualgen als Fossile nachgewiesen wurden [Nultsch91].

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 17: 3,5 Milliarden Jahre alte Fossilien von Fadenbakterien (Austr.) - Archiv Fiebag

Frühe Organismen, z.B. hitzeliebende Archaea, dürften Schwefelwasserstoff als Energiequelle, im Wasser gelöstes Kohlendioxid (CO2) als Kohlenstoffquelle, und zum Teil dadurch entstandene metallische Oxide als Sauerstoffquelle benutzt haben, bis später die Pflanzen einen anfangs ungenutzten Sauerstoffüberschuß produzierten. Dieser Überschuß wäre ihnen wohl zum Verhängnis geworden, hätten nicht andere Organismen gelernt, dieses Angebot direkt zu nutzen, wobei sie ihre Energieeffizienz durch die Veratmung von Sauerstoff um mehr als das achtfache steigern konnten. Es handelt sich bei dieser Anpassung um ein beeindruckendes Beispiel für Koevolution — dem neodarwinistischen Gegenstück [Kropotkin10], [Schneirla49] zum veralteten, aber schrecklicher Weise immer noch stark verbreitenden Sozialdarwinismus, der einzig das Recht des Stärkeren als dominanten Entwicklungsfaktor predigt. Ich habe mich mit dieser verhängnisvollen Mißinterpretation der Darwinschen Lehre schon ausführlich auseinandergesetzt — siehe 2.4.

Vor rund 540 Millionen Jahren begann die Tier- und Pflanzenwelt sich rasant zu entfalten, in relativ kurzer Zeit besiedelten tausende von Arten die Ozeane [Czhiak76]. Zu dieser Zeit stieg der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre schon vor der erwähnten Ausbreitung höherer Pflanzen relativ rasch an, der Grund dafür ist nicht geklärt. Der Geochemiker Graham Logan vermutet, daß dieser Sprung auf die Entstehung der ersten Vielzeller mit Mundöffnung und getrenntem Verdauungstrakt zurückzuführen ist, da deren Exkremente schneller auf den Ozeanboden sanken, und dadurch nicht vollständig von Bakterien abgebaut wurden. Dadurch wurde im globalen Lebenskreislauf der von Algen und Cyanobakterien bei der Photosynthese produzierte Sauerstoff nicht mehr zur Gänze aufgebraucht, und er konzentrierte sich in der Atmosphäre. Die chemische Sauerstoffproduktion durch Wasserspaltung in den äußersten Schichten der Atmosphäre hätte für eine derartige Konzentrationsverschiebung nicht ausgereicht.

Dadurch änderten sich die Lebensbedingungen, und unzählige neue Arten differenzierten sich in einer relativ kurzen Zeitspanne. Bereits vor 800 bis 1200 Millionen Jahren sollen Bakterien die Kontinente erobert haben, die durch ihre Kolonien die Verwitterungsprozesse an Land stark beschleunigt haben [Sasse96]. Darauf deuten fossilierte Funde in feinen Rissen des Mescal Kalksteins (?) von Arizona hin. Höhere Pflanzen und Tiere konnten an Land seit 400 Millionen Jahren nachgewiesen werden.

Durch unzureichende Versorgung mit lebensnotwendigen Nährstoffen und durch ungünstige klimatische Faktoren wurden auf den Kontinenten jenseits des tropischen Gürtels Humusschichten von schwer abbaubaren Organismenresten aufgestapelt. Der Humus beschleunigte als Bioreaktor die Lebensvorgänge und damit auch die chemische Verwitterung der darunterliegenden Gesteinsschichten. Durch versickernde organische Säuren werden so lebensnotwendige Mineralien wie Kalzium, Kalium, Phosphor und Magnesium schneller gelöst.

In den alten Böden der Tropen wird das Ergebnis dieses Verwitterungsprozesses eindrucksvoll sichtbar. Die verarmten Böden bestehen fast ausschließlich aus meterhohen Schichten rötlicher Metalloxide. Andere Mineralien wie Kalk und Silizium wurden seit der Kreidezeit ausgewaschen. Europäische Böden sind wesentlich jünger und nährstoffreicher, da die alten Schichten in der Eiszeit abgetragen wurden. Zudem sind durch die Faltung der Alpen nährstoffreiche Meeressedimente aufgeschichtet worden, in denen der in früheren Epochen ausgewaschene Kalk (z.B. Dolomit) aber auch Siliziumverbindungen angereichert sind. Die biblische Weisheit von den abgetragenen Bergen und aufgefüllten Tälern im Zuge der Verwitterung muß überdacht werden — denn selten bleibt Gesteinen an der Erdoberfläche genügend Zeit zur vollständigen Verwitterung. Viel häufiger werden sie wieder in die Tiefe geschoben, und durch hohe Drücke und Temperaturen umgeformt, da sich die schwimmende Erdkruste ständig bewegt.

Luftstickstoff bindende Mikroorganismen finden im erwähnten Humus verbesserte Lebensbedingungen, z.B. relativ konstante Temperatur und Luftfeuchte. Sie sichern die Versorgung mit lebensnotwendigem Stickstoff. Standortfremde Pflanzen können allerdings durch abfallende, unter den lokalen Bedingungen nicht verrottbare Biomasse wie Nadeln und Laub das Bodenleben auch zerstören (z.B.: Bodenversauerung durch Fichtenmonokulturen). Die verstärkte Verdunstung (Evapotranspiration) in der so aufgebauten Biosphäre an Land half schließlich mit, das Klima zu stabilisieren. Denn der hohe Luftfeuchtigkeitsunterschied zwischen den Kontinenten und Ozeanen in der Urzeit führte zu unterschiedlicher Erwärmung durch die absorbierte Sonnenenergie. Es wehten ständig orkanartige Ausgleichsstürme.

Hinreichend bekannt ist der gigantische Umsatz von Mineralien durch Meeresbewohner, deren Sedimente wie Muschelkalk und Silikatskelette etwa in den Alpen zu Gebirgen aufgetürmt wurden.

Wo Meere, Kontinente bzw. Störungen und Brüche in der Erdkruste entstehen, haben hingegen andere Kräfte bestimmt, deren Ursache in Konvektionsströmungen (Wärmeausgleich) im immer noch flüssigen Erdinneren vermutet werden. Zusammengefaßt wurde die entsprechende Theorie der Kontinentalplatten erstmals von Wegener. Eine Diskussion dieser Mechanismen würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen, ich möchte aber auch bei dieser Gelegenheit auf die überraschend vielfältigen Strukturen der geologische Evolution hinweisen, die durch das Abkühlen eines sich zum Planeten verdichteten Staubhaufens im Rahmen der kosmischen Evolution entstanden sind.

Bereits Galilei konnte mit seinen Fernrohren erkennen, daß die vermeindlich exakten Himmelskörper keine glatten Kugeln waren. Als Hubble sich mit seinem riesigen Hooker Teleskop daran machte, eine exakte Sternenkarte zu erstellen, konnte er über sogenannte Cephei Sterne, mit einer bekannten Strahlungszusammensetzung und Helligkeit, sogar den Abstand weit entfernter Galaxien abschätzen. Obwohl die Atomphysik noch in den Kinderschuhen steckte, konnte man bereits die Spektralzerlegung des Sternenlichtes zur Geschwindigkeitsmessung entfernter Objekte nutzen, auch wenn niemand so recht verstand, was es mit den mehr oder weniger verschobenen Spektrallinien (Frauenhoferlinien: seit 1816) auf sich hatte. Ein Theologe und Hobbyphysiker aus dem Vatikan, Lemaitres, legte sich mit dem zu dieser Zeit bereits zu Ansehen gelangten Albert Einstein an, als er dessen scheinbar willkürlich gewählte "kosmologische Konstante" in der Relativitätstheorie kritisierte. Einstein mußte diese universelle Gegenkraft einführen, um erklären zu können, warum die von ihm postulierte Gravitation nicht das ganze Universum zu einem gemeinsamen Schwerpunkt zusammenzieht. Andererseits konnte im Zuge einer Sonnenfinsternis Einsteins Vorhersage bestätigt werden, daß die gewaltige Materieansammlung der Sonne das Licht dahinter liegender Sterne abzulenken vermag. Lemaitre hatte eine bessere Erklärung für Einsteins Korrekturkonstante — sie entspricht der Kraft einer gewaltigen Explosion am Tag der Schöpfung, und erklärt sich durch das "Auseinanderfliegen" des in einem Punkt verdichteten Universums nach dem "Urknall". Doch weder Einstein, noch andere bedeutende Astrophysiker wie Fred Hoyle wollten eine derartig spektakuläre Geschichte glauben.

Aber die akribische Kartierungsarbeit Hubbles bestätigte überraschenderweise genau diese Annahme: die erwähnte Methode der Geschwindigkeitsbestimmung führte zu der Erkenntnis, daß das Universum "auseinanderfliegt". Einstein und sein Widersacher besuchten später Hubble bei der Arbeit, um sich über die Folgen dieser Entdeckung zu unterhalten. Nach jüngsten Berechnungen mußte der "Urknall" vor etwa 15 Milliarden Jahren stattgefunden haben [Hawking97]. Die letzten Gegner dieser Theorie wurden schließlich bekehrt, als die Hintergrundstrahlung dieses Ereignisses überall im All nachgewiesen werden konnte. Allerdings sorgte die scheinbare Gleichmäßigkeit der Strahlung für Verwirrung, denn diese fossilen Wärme-Spuren würden ja auf ein gleichmäßiges Universum hindeuten. Erst 1992 lieferte der COBE Satellit der NASA eine ausreichend genaue Karte der angesprochenen "Hintergrundstrahlung", in der tatsächlich "Riffeln" erkennbar sind, die als Kerne heutiger Galaxien gedeutet werden [Hawking97].

Solche Vorgänge konnten in der klassische Newtonsche Physik nicht im Detail erklärt werden, sieht man/frau von den nach ihren Atomgewichten sortierten Elemente in der Erdkruste ab. So ist die Konzentration des leichten Siliziums im Erdmantel sehr hoch, während der flüssige Erdkern aus schweren Elementen besteht. Diese Sortierung läßt sich durch die mechanische Fluchtbewegung in der sich drehenden Staubwolke erklären, die durch ihre eigene Gravitation zu einem festen Körper verdichtet wurde. Zuvor mußten höhere chemische Elemente wie Eisen allerdings erst in einem großen Stern durch Fusionsvorgänge gebildet werden, die sich dann im Zuge einer Supernova Explosion im All verteilt haben [Hawking97].

Die folgende Abbildung aus [Schneider97] soll diesen Vorgang illustrieren. Der helle Fleck (links) symbolisiert eine Wolke dünn verteilten Gases. Ist die gesamte Masse groß genug, zieht die Schwerkraft die Materie zusammen, im Zentrum nimmt die Temperatur zu. Bei ausreichend hohen Temperaturen kommt es zur Kernfusion, ein Stern wie die Sonne entsteht, ansonsten wird ein Planet, Mond oder Asteroid gebildet. Für weiter außen liegende Gas- und Staubteilchen war die Schwerkraft der Materiekonzentration nicht ausreichend hoch, um sie ins Zentrum zu ziehen. Im Lebenszyklus besonders großer Sterne gibt es auch Phasen, wo neu gebildetes Material durch die Fusionskräfte wieder ins All geschleudert wird, etwa bei der erwähnten Supernova-Explosion. Es sammelte sich im Laufe von Jahrmillionen nach einem vergleichbaren Prinzip wie bei der Entstehung der Sterne und bildete Planeten.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 18: Entstehung eines Planetensystems (von links n. rechts), aus [Schneider97]

Denkt man/frau in kosmischen Maßstäben können auch die Planetensysteme unserer Galaxie als eine sich verdichtende Staubwolke angesehen werden. In Zentren der Verdichtung werden schwarze Löcher vermutet, die die gewohnte Raumzeitstruktur stark verzerren. Weder räumlich ausgedehnte Formen noch Zeit im Sinne unserer Erfahrung sind in diesen Zonen hoher Materiekonzentration möglich. Auffällig stark strahlende Objekte, sogenannte Quasare, die mit Radioteleskopen entdeckt wurden, könnten ebenfalls durch schwarze Löcher erklärt werden, die beim "Fressen" von Materie einen Teil des Materials ins All schleudern [Hawking97]. Wenn auch noch viele Fragen über den weitere Verlauf dieser Vorgänge offen sind, die heute bekannten physikalischen Erklärungsmodelle sind erstaunlich konsistent. Die fieberhafte Suche nach der "universellen Theorie" in der Physik (z.B. M-Theorie, Superstrings) wird aber noch lange nicht abgeschlossen sein.

3.1.1 Kleine Geschichte der Genetik und Evolutionstheorie [Rosenf83]

Nachdem ich zuvor überblicksmäßig die kosmische Entwicklung gemäß dem heutigen Wissensstand grob umrissen habe, gilt nun mein Augenmerk einem besonders spannenden Teil dieses Entwicklungsprozesses — der Entstehung der Arten bzw. des Lebens auf der Erde. Dazu müssen wir uns zunächst verdeutlichen, wie es zur heutigen Sichtweise des zu Grunde liegenden Evolutionsprozesses kam.

Bis ins 19. Jahrhundert wurden in der Biologie zur Unterscheidung von Arten ausschließlich morphologische Merkmale von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen herangezogen, die später durch Verhaltensmuster, Rollen in typischen Lebensgemeinschaften und durch genetische Merkmale wie die "16 S-Sequenz" der Mitochondrien-DNA ergänzt wurden [Nultsch91] .

Lange Zeit mußte sich die Wissenschaft mit vagen Spekulationen ob der angesprochenen "inneren Ordnung" von Lebewesen begnügen, wie z.B. die Vorstellung der "Vitalisten" (Aristoteles), daß das unstrukturierte Ei, bzw. Schlamm und Lumpen durch Gottes Hände geformt werden [Altner81]. Erst die Formulierung eines abstrakten Informationsbegriffes regte zu neuen Überlegungen bezüglich biologischer Informationsträger an. Im Gegensatz zu den "Vitalisten" waren die "Epigenetiker" wie Bonnet vom aufstrebenden Rationalismus beeinflußt. Sie postulierten, daß der gesamte Organismus bereits von Anfang an in Spermie und Ei angelegt sei.

Bereits viel früher wurde die Vererbung von "angeborenen" Eigenschaften im Alltag beobachtet und etwa bei Kulturpflanzen und Haustieren gezielt ausgenutzt. Kreuzungsversuche an Erbsen von Gregor Mendel führten zur Unterscheidung von dominantem und rezessivem Erbgut. Rezessives Erbgut verhält sich nach der Vererbung passiv in Anwesenheit von dominantem Erbgut. Das heißt, rezessive Gene treten nur in Erscheinung, wenn beide Geschlechtspartner rezessive Gene für das selbe Merkmal einbringen, denn sonst würde das dominate Gen die codierte Aufgabe übernehmen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machten die deutschen Naturforscher Schleiden und Schwann die Zellen als die grundlegenden, kleinsten Einheiten des Lebens aus, und Rudolf Virchow verkündete 1855: "Jede Zelle entsteht aus einer Zelle".

Auf Grund von Untersuchungen an Embryonen (siehe Abbildung) äußerte Ernst Haeckel die Vermutung, daß die embryonale Entwicklung die stammesgeschichtliche Entwicklung der entsprechenden Art nachvollziehe [Rosenf83]. Die Ähnlichkeit verschiedener Embryonen deutet demnach auf eine stammesgeschichtliche Verwandtschaft hin. Einer seiner Schüler bemerkte zu Haeckels ersten veröffentlichten Zeichnungen über die Ähnlichkeit verschiedener Embryonen, daß es sich dabei bloß um händisch variierte Abbildungen von Hühnerembryos gehandelt habe, die seine These illustrieren sollten.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 19: Ähnliche embryonale Stadien verweisen auf frühgeschichtliche Verwandtschaft [Czhiak76]

Jedenfalls konnten all diese Hinweise der modernen Genetik noch nicht zum Durchbruch verhelfen, obwohl zu dieser Zeit z.B. von Hunt Morgan bereits an genetischen Karten etwa der Fruchtfliege Drosophila gearbeitet wurde. Er unterschied vier Koppelungsgruppen von zusammengehörigen Genen. Die Genkarten wurden aus statistischen Beobachtungen von vermessenen Chromosomenbrüchen beim "Crossing over" abgeleitet. Die damals getroffene Annahme einer sequentiellen Anordnung von Genen auf den Chromosomen hat sich bis heute gehalten. Der kurze Lebenszyklus der Fruchtfliegen von 14 Tagen ermöglichte umfangreiche Kreuzungsversuche. Morgans Schüler Muller erhöhte die nachgewiesene natürliche Mutationsrate durch Röntgenstrahlung, und führte diese Beobachtungen auf "chemische Unfälle" im Erbgut zurück. Im folgenden Bild aus [Czhiak76] wird die Häufigkeit der erwähnten "spontanen" Veränderungen des genetischen Codes demonstriert, die überraschenderweise stark von Störungen durch mutagene Chemikalien abweicht. Natürliche Mutationen gehorchen also bestimmten Regeln, während Gifte und Strahlung willkürliche Schäden anrichten.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 20: Spontanmutationen im genetischen Code des Coli-Phagen (aus [Czhiak76])

Erst das Zusammenspiel weiterer Entdeckungen auf dem Gebiet der Medizin, die bereits erwähnten Fortschritte der Informationstheorie und verfeinerte Methoden der molekularen Analyse gebaren die moderne Genetik.

Fred Griffith und Oswald Avery (1877-1955) bemerkten 1944, daß abgetötete virulente (ansteckende) Bakterienfragmente nicht virulente Stämme in virulente Lungenentzündungserreger umzuwandeln vermögen, ein Vorgang der sich nur durch molekulare Vererbungsmechanismen erklären läßt [Rosenf83]. Harmlose Bakterien konnten durch den Austausch von Informationen zu gefährlichen Krankheitserregern werden. Diese Entdeckung leitete eine Lawine von Untersuchungen über die Nukleinsäuren ein.

Zur selben Zeit machte die Sprachwissenschaft und Mathematik große Fortschritte. Formalismen zur Beschreibung komplexer Grammatiken und Syntaxregeln wurden entwickelt. Der Physiker Erwin Schrödinger machte sich Gedanken über die Struktur des Trägers von Vererbung und sprach in Anlehnung an Turing und Laplace vom "Code des Lebendigen". Er stellte die Frage, wie die Grundstrukturen des Vererbungsträgers in verschiedenen Lebenshandlungen umgesetzt werden [Lecourt97].

Claude Shannon stellte in seinem 1937 veröffentlichten Aufsatz "Eine symbolische Analyse der Relais und Schaltungen von Stromkreisen" eine Verbindung zwischen den binären Zahlen, der symbolischen Logik der boolschen Algebra und der Funktionsweise von Stromkreisen her [Lecourt97]. Angeregt durch diese in Entstehung begriffene Informationstheorie hielt der geistige Vater von programmierbaren Computern, John von Neumann, [Grechenig91] einen Vortrag über sich selbst reproduzierende Roboter, die ihresgleichen nach einem vorgegebenen (operativen) Bauplan anfertigen könnten. Wird gleichzeitig den "Nachkommen" eine Kopie des ursprünglichen Bauplans weitergegeben, so sind sie selbst wieder reproduktionsfähig. Ob sich damals jemand überlegt hat, was passiert, wenn beim Kopieren des Bauplanes kleine Fehler auftreten würden? Eine direkte Verbindung zwischen den Arbeiten der genannten Mathematiker, Physiker und Biologen hat nach heutigem Wissen aber nicht bestanden.

3.1.1.1 Von der DNS zur kausalen Evolutionsforschung

Das Zusammenspiel verschiedener Entdeckungen auf dem Gebiet der Immunologie in der Medizin [Rosenf83], die Fortschritte der Informationstheorie [Shannon49], [Grechenig91], [Foerster97] und verfeinerte Methoden der molekularen Analyse gebaren die moderne Genetik, deren Geschichte im vorangegangenen Unterkapitel vorgestellt worden ist.

Es sollten noch einige Jahre vergehen, ehe die Grundlagen des biologischen "Bauplans", der DNS ansatzweise geklärt werden konnten, auf die ich nun näher eingehen will.

Die ältesten Spuren frühen Lebens sind Zellen von versteinerten Blaualgen, die in ca. 3,5 Milliarden Jahren alten Gesteinen entdeckt wurden. Da, wie ich bereits in der Einleitung erwähnt habe, die Erde bis vor ca. 3,9 Milliarden Jahren regelrecht mit Meteoriten bombardiert wurde, läßt sich die Entstehungszeit des Lebens mit diesem Zeitintervall eingrenzen. Manche Meteoriten wiesen einen Durchmesser von bis zu 400 km auf, deshalb ist auch die "Panspermientheorie" nicht so abwegig, die davon ausgeht, daß auf diesem Wege einfache Organismen die Erde erreichten.

Ein Großteil der Forschungsgemeinschaft hält es aber für wahrscheinlicher, daß das organische Material für die präbiotische Evolution auf unserem Planeten, wie bereits erwähnt, von selbst entstanden ist, auch wenn das bekannte "Ursuppenexperiment" von Stanley Miller [Rosenf83] heute revidiert werden muß, da er von einer falschen Zusammensetzung der damaligen Atmosphäre ausging. Heute wird angenommen, daß die Hauptbestandteile Kohlendioxid, Wasserdampf und Stickstoff waren, während Miller große Mengen von Methan und Ammoniak vermutete.

Möglicherweise haben Sulfide und zweiwertiges Eisen, freigesetzt aus dem Erdinneren, Sauerstoffatome (O2) aus dem Kohlendioxid (CO2) aufgenommen, das im Wasser gelöst war. Der Kohlenstoff (C) hätte daraufhin in organische Moleküle eingebaut werden können (z.B. im sog. "reduktiven Citratzyklus"). Die nötige Energie für das Entstehen solcher organischer "Biomere" (einfache organische Verbindungen) könnten das ultraviolette Sonnenlicht oder Schwefelwasserstoff geliefert haben. Dieser tritt vor allem in heißen Tiefseequellen am Grund der Ozeane aus, wo bis heute vom Sonnenlicht unabhängige, vielfältige Tiefseeökosysteme bestehen. Die Rolle der Pflanzen übernehmen Schwefelwasserstoffbakterien, die auch in sauren, heißen Quellen z.B. im amerikanischen Yellowstone Nationalpark gefunden wurden.

Die angesprochenen "Biomere" könnten Fettröpfchen gebildet haben, eine Art "Urmembran", d.h. eine funktionelle Haut ohne eigenständiges Leben, in der und um die chemische Prozesse abliefen, deren Endprodukte Anfangsprodukte eines neuen Zyklus waren. Die "funktionelle Schutzschicht" bestand ähnlich wie die bei Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren verbreiteten Biomembranen aus einer Doppelschichte von Lipiden, die sich durch ein wasserabweisendes und ein an Wasser bindendes Ende selbstständig zu Kugelförmigen Gebilden anordnen. Als prähistorische Bausteine sind auch einfachere Aminosäuren mit polaren Resten denkbar. Auf diese Weise wurden verschiedene, immer komplexere organische Substanzen automatisch produzierten, bzw. vermehrt. Die molekularen Systeme bilden also Produktionsstätten für eventuell leicht variierte neue molekulare Systeme und so weiter. Der Molekulargenetiker Maturana prägte den Begriff "Autopoiesis", der Selbstgestaltung von Systemen [Hinterberger96], der von der allgemeinen Systemtheorie übernommen wurde [Dalenoort95], [Lewin92].

Die so gebildeten Makromoleküle waren sehr instabil. Ihre Konzentration konnte nur durch Adsorption an Tonmineralien (Si, Fe: Komplexbildner und durch die ständige Neubildung stabilisiert werden. In jüngster Zeit wurden Bioreaktoren aus Wasserblasen mit Staub-, Ton- und Salzteilchen untersucht [Sasse96].

Im Moment reicht es jedenfalls, sich diese Vorgänge größtenteils mechanistisch, aber immer leicht variiert ablaufend vorzustellen.

Wir begegnen hier einem wichtigen Prinzip strukturschaffender Prozesse, nämlich dem Wechselspiel von Stabilität und Dynamik an der Grenze zum Chaos [Diettrich94]. Während die durch physikalische Vorgänge entstandenen Fetttröpfchen die Stabilität der chemischen Kreisprozesse im Inneren begünstigen, würde der fehlende Nachschub von Substanzen zur Gewinnung chemischer Energie und zum Aufbau der Zwischenprodukte diesen Vorteil wieder wettmachen, wenn die Membrane nicht durchlässig für eben diese lebensnotwendigen Stoffe gewesen wären. Die Filterwirkung für bestimmte Substanzen war für manche chemische Prozesse förderlich, und verschaffte quasi einen Informationsgewinn bzw. Effizienzvorteil, indem störende Stoffe ferngehalten werden. Allerdings mußten zur weiteren Effizienzsteigerung Energiequellen für den Stofftransport angezapft werden, um das Konzentrationsgefälle, letztlich eine Folge der Entropie, zu überwinden.

Doch zurück zu den möglichen Vorläufern solcher Lebensformen. Die sich auf diese Weise aufblähenden Fetttröpfchen teilen sich ab einer bestimmten, durch die Oberflächenspannung begrenzte Größe, und wenn zufällig eine passende Mischung der primitiven Stoffwechselprodukte in beiden Hälften vorhanden war, konnte nach einer Ergänzung der Membran auf eine neuerliche Teilung hingearbeitet werden. Auch die Lipidmebran pflanzlicher und tierischer Zellen ist übrigens kein starres Gebilde und kann durch Einlagerung weiterer Lipidmoleküle ohne großen Aufwand vergrößert werden. Ihre physikalischen Eigenschaften können durch unterschiedlichen Aufbau der Lipide verändert werden. Der Anteil ungesättigter Fettsäuren erhöht zum Beispiel die Geschmeidigkeit bei tiefen Temperaturen.

Wenn sich nun alle notwendigen Stoffwechselprodukte gleichmäßig im passenden Verhältnis über die so angedeutete Vervielfältigung von Information vermehrten, stand einem exponentiellen Wachstum derartig "intelligenter Kreisläufe" in den Urozeanen nichts im Wege. Im Sinne einer positiven wurde auf diese Weise allen anderen Prozessen ohne Informationserhaltung die Substanz entzogen.

Ich habe bis jetzt ausschließlich von Vorstufen des Lebens gesprochen, denen eine wichtige Klasse von organischen Verbindungen fehlte: die Nukleinsäuren (DNS, RNS). Sie steuern einerseits den Stoffwechsel von Zellen, andererseits sorgen sie durch ihre "Vermehrungsfähigkeit" für eine (relativ) exakte Weitergabe ihres "Steuerprogrammes" an abgespaltene Tochterzellen. Es wird für möglich gehalten, daß sich in frühirdischen Bedingungen im beschriebenen Stoffwechsel involvierte, einfache RNS Moleküle (Ribonukleinsäuren) ohne Enzyme reproduzieren konnten, denkbar ist auch eine der RNS ähnlichen Vorstufe auf Thioesterbasis (Schwefelverbindungen).

Die RNS Moleküle vermehrten sich teils durch die angesprochenen Kreisprozesse, teils durch selbstständige Ergänzungen inaktiver Moleküle ohne enzymatische Unterstützung. Solche Vorgänge konnten ansatzweise bei den Bausteinen des Tabakvirus beobachtet werden. Dieser besteht aus einer RNS-Schraube, die von gleichartigen Proteinuntereinheiten gestützt wird.

Schließlich sollen aus diesen Vorstufen "irgendwie" die ersten einzelligen "Lebewesen" entstanden sein, welche sowohl die schützende Membran, als auch die am Stoffwechsel beteiligten Substanzen vervielfältigen konnten. Ein Schritt, der allerdings noch viele ungeklärte Fragen aufwirft.

Manche Forscher vergleichen die Wahrscheinlichkeit, daß aus diesen Bausteinen ein Lebewesen entsteht, mit der Wahrscheinlichkeit, daß sich ein abgestürzter Jumbojet auf einem Schrottplatz durch Wind und Wetter von selbst zusammensetzt [Sasse96]. Dabei wird aber vergessen, daß biologisches Leben anders organisiert ist, als vom Menschen geschaffene technische Systeme, die im höchsten Maße von äußerer Kontrolle abhängig sind. Außerdem wurde im Urozean an Abermillionen "Jumbojets" auf unzähligen Schrottplätzen nach dem Prinzip der positiven Selektion herumgebastelt, von denen sich jede erfolgreiche Zwischenstufe, wenn auch nicht unter voller Erhaltung der bereits gewonnenen Informationen, rasch vermehren konnte.

3.1.1.2 Die DNS als sich selbst reproduzierende Stoffwechselmaschine

Auf zahlreichen Um- und Irrwegen gelang es, den genetischen Code (SV-40 Virus) einfacher reproduzierbarer Lebewesen, ähnlich den gerade beschriebenen Urzellen, zu entschlüsseln, und den Einsatz der genetischen Information im Stoffwechsel (Atmung, Energiegewinnung, ...) nachzuvollziehen [Czhiak76]. Die DNS (Desoxiribonukleinsäure), deren chemischer Aufbau in Form einer Doppelhelix erstmals von Watson und Crick beschrieben wurde, trägt demnach genetische Informationen, die durch Basentriplets eine Sequenz von Eiweißbausteinen (Monomeren) kodieren. Das DNS Molekül ist eine Doppelspirale, die aus langen, untereinander gewundenen Fäden bestehen. Die Fäden bestehen aus stickstoffhaltigen chemischen Verbindungen, den angesprochenen Basen, die als Dreiergruppen (Triplets) je ein Monomer, also eine Aminosäure in einem Eiweißmolekül kodieren. Eiweißmoleküle bestehen aus Millionen von aneinandergereihten Aminosäuren und können als "Maschinen" (Enzyme) der "Stoffwechselfabrik Zelle" angesehen werden. Millionen solcher Zellen bilden Organe mit bestimmten Funktionen, deren Gesamtheit den Organismus von Pflanzen, Tieren und Menschen ergibt.

Die Reproduktion von derartig aufgebauten Lebewesen, bzw. ihrer Zellen, aber auch der Lesevorgang zum Aufbau notwendiger Zellbau-, Nähr- und Kontrollstoffe erfolgt durch die Aufspaltung der doppelsträngigen RNS in zwei einsträngige Teile. Diese Teile können entweder zu zwei vollständigen RNS Strängen ergänzt werden, wenn sich die Zelle teilt (Mitose), oder sie werden nach dem Auslesen wieder zur ursprünglichen Form zusammengesetzt, wobei auch Fehler auftreten können. Jede Base kann nach dem "Schlüssel-Schloß" Prinzip durch eine festgelegte zweite Base ergänzt werden. Dieses Prinzip wird von allen Lebewesen auf unserem Planeten genutzt.

Das zuvor skizzierte "Auslesen" einzelner Codeteile erfolgt über einen enzymatisch gesteuerten "Transkriptionsprozeß". Die gewonnene Information wird auf eine sogenannte "Messenger-RNS" kopiert. Spezielle Enzyme müssen die DNS zum Auslesen an geeigneter Stelle "aufreißen". Eine derartige Kopie dient bei höheren Lebewesen in den aus ribosomaler RNS gebildeten Proteinfabriken als Bauplan für eine bestimmte Aminosäuresequenz der angesprochenen Eiweißmoleküle [Rosenf83]. Da AIDS-Viren einen Bauplan von sich selbst in das Erbgut von Zellen des menschlichen Immunsystems einpflanzen, kann ihre Verbreitung durch eine Blockade dieses Auslesevorgangs teilweise eingedämmt werden.

Die in der Proteinfabrik eingesetzten Bausteine, die sogenannte "Transfer-RNS", besteht aus einer Aminosäure und einem Codeteil (Basentriplett), das zur jeweiligen Basensequenz auf der Messenger RNS, und daher auch auf die ursprüngliche Kopiervorlage, die DNS passen muß. Gemäß dem Bauplan werden dann die jeweiligen Aminosäuren der Transfer-RNS aneinandergehängt, um komplexere Proteine (Eiweißmoleküle) aufzubauen. Auch die Herstellung aller erwähnten RNS-Bausteine dieser Apparatur erfolgt analog. Ein mechanistischer, durch mehr oder weniger komplizierte Regelungsmechanismen gesteuerter Vorgang sorgt somit für die Umsetzung der genetischen Information in einfache (RNS) und komplexe, aus Aminosäuren zusammengesetzte (Proteine) Stoffwechselprodukte wie Enzyme, Strukturproteine und Speicherbausteine.

Unter einem Gen versteht man/frau einen Abschnitt auf der DNS mit einer bestimmten Funktion. Meist sind mehrere Varianten der Kodierung möglich, sogenannte Allele, die diese Funktionen besser oder schlechter, oder im Falle von Erbkrankheiten manchmal auch gar nicht erfüllen. Da es aber keinen allgemeinen Maßstab für "gut" und "schlecht" in diesem Zusammenhang gibt, weil die Auswirkungen solcher genetischer Variationen nur in Verbindung mit den jeweiligen Lebensumständen eines Organismus gesehen werden können, sind wir auf das später diskutierte "Dilemma der Gentechnik" gestoßen.

Neben der Produktion von Rohstoffen für Stoffwechselvorgänge haben manche Genabschnitte auch ganz andere Funktionen, wie etwa die Ausbildung von Form und Farbe verschiedener Organe, oder die Kontrolle der Zeitdauer biologischer Zyklen. Hierbei könnte es sich herausstellen, daß der Begriff des "Gens" nicht zur Erklärung der Zusammenhänge ausreicht, da die notwendigen Informationen nicht an einem Ort konzentriert sein müssen, und manche Abschnitte mehr als eine Bedeutung haben. Es ist auch möglich, daß bestimmte Funktionen nicht immer an der selben Stelle in der DNS festgelegt sein müssen.

Alle angesprochenen Kodierungsmethoden sind aus der mathematischen Theorie der "genetischen Algorithmen" (Programme) bekannt. Die ursprüngliche Vorstellung vom "Gens" soll deshalb mehr als Einstieg in die Enträtselung biologischer Informationsverarbeitung angesehen werden, denn hierbei handelt es sich um die einfachste Form der Dekodierung. Heute sind Gensprünge und dreidimensionale Faltungsvorgänge bekannt, welche die Komplexität enorm vergrößern. Die individuelle Kombination der alternativen Varianten aller Gene (Allele) wird als das Genom eines Individuums bezeichnet. Als statistisches Maß für die Unterschiedlichkeit zweier Genome dient die "Genetische Distanz".

3.1.1.3 Die Reproduktion, Differenzierung, der Phänotyp und neuronale Netze

Die bis jetzt skizzierte Übersetzung des genetischen Kodes der DNS hat sich auf die Produktion (Synthese) von Stoffwechselprodukten in einzelnen Zellen und die Zellteilung beschränkt. Trotz der finanziell gut ausgestatteten Tumorforschung und Gentechnik ist heute noch wenig über die genetische Steuerung der Zelldifferenzierung und das Zellwachstum höherer Organismen bekannt, d.h. wie sich die einzelnen Zellen zu einem höheren Lebewesen zusammenfügen. In jüngster Zeit wurde dieser Aspekt aber wieder zum Gegenstand zahlreicher Studien. Unter Differenzierung wird eine Spezialisierung von einzelnen Zellverbänden auf eine bestimmte Aufgabe verstanden, wie sie etwa Leber- und Netzhautzellen erfüllen. In den ersten Differenzierungsschritten bei der embryonalen Zellteilung wird eine Abfolge von "Zustandsänderungen" (State transitions) in genetisch kodierter Form verwendet, d.h. jede Zelle durchläuft ein vorgegebenes Programm an Teilungen, wobei nach dessen Ablauf ein festgelegter Folgezustand für jede Zelle des Verbandes entweder aus dem Teilungsprogramm oder aus dem Zusammenspiel bereits entstandener Strukturen ist, der je nach der weiteren Differenzierungsaufgabe unterschiedlich sein kann. Beim Menschen wurden sogar eigene "Zelluhren" in den Endabschnitten der Chromosomen nachgewiesen. Diese Abschnitte (Telomere) werden bei jeder Zellteilung ein Stück kürzer, bis die Zelle teilungsunfähig wird und stirbt. Bei Krebszellen kann dieser Mechanismus durch das Enzym Telomerase ausgeschaltet werden, sie wuchern ohne Rücksicht auf den Gesamtorganismus.

Diese autonome "Genaktivierung" auf Zellebene wird in frühen Entwicklungsphasen durch im Eiplasma vorhandene Wachstumsmoleküle reguliert. Bei Pflanzen konnte die Ausbildung von Wurzeln oder Keimblättern aus neutralen Zellen durch ein bestimmtes Verhältnis von Phytohormonen induziert werden. In dieser Phase entnommene Zellen werden durch eine zusätzliche Zellteilung sofort ergänzt, ein Reperaturmechanismus den die später erläuterte PID Technologie zur genetischen Analyse von (menschlichen) Föten nützt.

Jedem dieser Folgezustände, die durch unterschiedliche Markierung des gerade aktiven Programmes und vielleicht auch durch eine bestimmte Faltung der DNS repräsentiert sein könnten, sind nun wieder neue Teilungsprogramme und Folgezustände zugeordnet. Alle Zellen enthalten zwar den selben Kode, der jeweils nachfolgende Markierungsort oder die neue Faltung der DNS wird während jeder Teilung durch einen "Programmausführungsmechanismus" aktiviert.

Die folgende Abbildung zeigt die Steuerung des Wachstums an der Längsachse durch sogenannte "Hox-Gene".

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 21: Hox-Gene steuern das Wachstum entlang der Längsachse (Geo Graphik 1/96)

Durch die Mutation solcher Gensequenzen konnten vielfältige Lebensformen entstehen, die aber doch alle einem einheitlichen Grundbauplan genügen, da sie ansonsten kaum lebensfähig wären. "Hox- Gene" sind mittlerweile auch beim Menschen nachgewiesen worden.

In späteren Phasen der Differenzierung gestatten die dreidimensionalen Nachbarschaftsbeziehungen der Zellgruppen noch komplexere Wachstumssteuerungsmechanismen, etwa durch interzellulären Informationsaustausch, der "Induktion" genannt wird [Nultsch91], [Czhiak76]. In der Medizin sind viele Störungen dieser Wachstumssteuerung bekannt, wie der Kleinwuchs bei Liliputanern. Auch äußere Wachstumsfaktoren wie Schwerkraft, Licht, Konkurrenz, Bodenphysik und Chemismus spielen eine entscheidende Rolle, besonders im Pflanzenreich. Pflanzen reagieren aber nicht isolierte Reize, es kommt viel mehr auf den "Jahresgang" eines Reizensembles an. Neben Schwerkraftsensoren kommen vor allem Licht-, Nährstoff- oder Ionengesteuerte Phytohormone zum Einsatz. Je nach dem Verhältnis einzelner Phytohormone (z.B. IES, Giberellingsäure) können bei undifferenzierten Zellen verschiedene Teilungsprozesse eingeleitet werden, unabhängig davon, von wo sie aus der Pflanze entnommen wurden, z.B. die Bildung eines Stammsprosses mit Keimblättern, eines Wurzelsprosses oder von Kallusgewebe, das zum Verheilen von Wunden gebildet wird. Mit dieser Technik lassen sich aus einzelnen Pflanzenzellen lebensfähige Embryonen ziehen, die wiederum zu einer vollständigen Pflanze auswachsen [Nultsch91]. Ethen wiederum bewirkt die Verholzung von lebendem Gewebe, das in der Folge abstirbt.

Nach diesen Ausführungen über das Wachstum des gesamten Organismus möchte ich kurz auf die Differenzierung im Inneren eingehen. Aus einer neuronalen "Grundausstattung" (Neuralplatte/rohr) können verschiedene Typen von Nervenzellen abgeleitet werden, die die erstaunliche Vielfalt des Nervensystems kennzeichnen. Gemeinsam mit der Neuralplatte trennen sich Gewebeteile ab, aus denen Verdauungs und Atmungsorgane entstehen.

Dazu sind zwei grundlegende Mechanismen bekannt. Einerseits können die durch weitere Teilungen entstehenden Zellen direkt von den Vorläuferzellen ihre Form und Eigenschaften übernehmen, die also zu diesem Zeitpunkt eine ihrer Position im Organismus entsprechende Differenzierung aufweisen müssen. Es kommt zu keiner weiteren Differenzierung außer z.B. durch lokale Variation. Das würde aber bedeuten, daß die Komplexität des ausgewachsenen Organismus in dieser frühen embryonalen Phase bereits festgelegt sein müßte, was mit Sicherheit nicht zutreffen kann.

Wie bereits bei der Ausbildung des "Grundbauplans" kommt es auch in dieser Stufe der Entwicklung zu Differenzierungen, die aber fast ausschließlich auf verschiedene Arten des Informationsaustausches zwischen mehreren Zellen und ganzen Zellverbänden beruhen. Übrigens können sich auch bei fehlerlosem Erbgut auf dieser Entwicklungsstufe zahlreiche Fehler einschleichen, die z.B. beim Menschen von der Frau gar nicht bemerkt werden, wenn sie zum frühen Absterben des Embryos führen. Es sind auch zahlreiche Korrekturmechanismen auf molekularer Ebene und auf höheren Ebenen bekannt. Immerhin weist eines von 20 Babys zumindest einen Geburtsfehler auf, von denen aber die meisten im Leben des Erwachsenen keine Rolle spielen.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 22: Differenzierung des Komplexauges der Fruchtfliege [Dudel96]

Ein sehr detailliert untersuchtes Beispiel für die Selbstorganisation durch den Austausch von Substanzen mit benachbarten Zellen ist die Organisation des Komplexauges der Fruchtfliege (Drosophila). Das ganze Auge ist selbstähnlich, d.h. es besteht aus ca. 600 gleich strukturierten Teilen mit jeweils 20, nach einem präzisen Muster angeordneten lichtempfindlichen Zellen, Haupt- und Nebenpigmentzellen sowie Nervenzellen. Diese Teilstrukturen entstehen aus zuvor gleichartig aufgebauten Zellen, die sich durch den Austausch von Proteinen durch eine Kaskade von regulatorischen Signalen organisieren [Dudel96]. Dieser Vorgang konnte bis in die molekulare Ebene der genetischen Steuerung verfolgt werden, da es bei Mutanten zu einem vorzeitigen Abbruch der Differenzierung kam, der durch eine entsprechende Korrektur des genetischen Programmes verhindert werden konnte. Die mit R8 gekennzeichnete Zelle vermittelt ein Protein an R7, das die entsprechende Differenzierung einleitet. Die Entwicklung von R 2-5 löst durch Botenstoffe die Differenzierung von R 3-4 aus.

Zum Abschluß soll noch ein weiterer wichtiger strukturschaffender Mechanismus angedeutet werden. Bei Nervenzellen wurde beobachtet, daß diese wandern, bzw. sich nach bestimmten Vorgaben ausbreiten können, bis sie eine endgültige Verbindung eingehen. Das kann soweit führen, daß durch Verpflanzung von embryonalem Nervengewebe durchgetrennte bzw. fehlende Nervenverbindungen wieder geschlossen werden. Dazu ist es notwendig, daß z.B. durch chemische Rezeptoren ein richtiger Weg sowie eine richtige Verbindungsstelle gefunden werden kann. Wanderung und Wachstum der Nervenzellen werden vom sogenannten Wachstumskegel ausgeführt, mit deren Hilfe sowohl Axone als auch Dendriten wachsen. Die Wanderung kann aber auch durch Leitschienen wie radial angeordnete "Gliazellen" gesteuert werden, die die ganze Tiefe der Hirnrinde durchspannen, wie die folgende Abbildung zeigt. D.h. die Neuronen werden auf einer zentralen Ebene gebildet, und wandern dann entlang der Gliazellen in die Netzwerkstruktur. Diese Vorgangsweise ermöglicht den Aufbau wesentlich komplexerer Architekturen als die bloße Zellteilung.

Im Max Delbrück Zentrum in Berlin wurde die embryonale Entwicklung von Mäusen studiert. Dabei stieß man/frau auf eine Art biologischer Planzeichnung. Denn nicht nur die Nervenzellen müssen erst zu ihrem "Einsatzort" wandern, das gilt auch für Muskelzellen. Diese wachsen links und rechts vom erwähnten Neuralrohr in den sogenannten Somiten heran. In den Armknospen werden bestimmte Moleküle abgesondert, ein sogenannter "Streufaktor", der bis zu den Somiten durch das embryonale Gewebe diffundiert. Wenn diese Moleküle die Somiten erreichen, wird eine Wanderung der Muskelzellen ausgelöst, die sich an der Spur des Streufaktors orientieren und so den reservierten Raum mit Gewebe auffüllen. Beim Wachstum von Tieren und Pflanzen werden also physikalische Vorgänge wie die Diffusion zur Formgebung eingesetzt.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 23: Vorgabe eines groben Bauplans der Hirnrinde durch Gliazellen

 

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 24: Fraktale Ausfällungen in Sandstein weisen Ähnlichkeit mit biol. Architekturen auf

Ich lasse es mir nicht nehmen, auch an dieser Stelle auf die Problematik von Tierversuchen hinweisen, die in 1.2.2.7 noch einmal zur Sprache kommt.

Die mathematischen Grundlagen einfach codierter Wachstumsregeln innerhalb ähnlicher Zellgruppen werden in jüngster Zeit auch mit dem Formalismus "zellulären Automaten" und der "Artificial Life"-Forschung [Lewin92] untersucht.

Umweltbedingungen beeinflussen viele Differenzierungsmechanismen. Die "Vorverdrahtung" der menschlichen Gehirnzellen folgt z.B. groben Rahmenbedingungen, im Detail regiert zunächst der Zufall. Die Grundlage all dieser Vorgänge, aus konzentrierter Information größere selbstähnliche Strukturen zu schaffen, wie z.B. Schneeflocken und andere Fraktale, liegt im bereits angedeuteten, mathematisch beschreibbaren Prinzip der "Selbstorganisation" begründet [Dalenoort95], [Peak95], [Diettrich94]. Neben der Selbstähnlichkeit, also der Wiederholung eines Architekturprinzips spielt auch die nach strengen Vorgaben, nach Umweltbedingungen oder vom Zufall gesteuerte Variation bei der erwähnten Wiederholung von Architekturmerkmalen eine entscheidende Rolle. Der Komplexitätsgrad des wachsenden Organismus erhöht sich nur durch die Berücksichtigung der angesprochenen Umweltbedingungen, die bloße Reproduktion vorgegebener Erbinformationen verändert ihn aus theoretischer Sicht nicht. Die Genetiker sprechen deshalb vom Phänotyp, dem Erscheinungsbild eines Organismus mit all seinen Merkmalen, die dem Zusammenspiel von genetischen Anlagen und der Umwelt entspringen. Gemäß diesem Prinzip bildet eine Vielzahl einfach aufgebauter Einheiten mit einfachem Verhalten einen Organismus höherer Ordnung, dessen Verhalten nicht aus der Komplexität eines einzelnen Bausteins abgeleitet werden kann. Im Zuge der materialistischen Philosophie wird dieses Phänomen als das "Umschlagen von Quantität in Qualität" bezeichnet. Dieses Prinzip finden wir auch bei der Ausbildung der auf parallelen, neuronalen Netzwerken basierenden Sprach- Hör- und Sehapparate des Menschen [Rumelhard84], [Minsky86], [Dorffner91], [Chomsky81], [Cruse98] sowohl in der Aufbauphase (Kleinkind) als auch in der späteren Lernphase wieder.

Während in der Aufbauphase die Aufgabe der einzelnen Zentren festgelegt wird, beruhen komplexe geistige Fähigkeiten und die Funktion des Gedächtnisses einer "Feinjustierung" bereits vorgegebener Verbindungen.

Solche "Netzwerke" zur Informationsverarbeitung sind aus Nervenzellen, sogenannten Neuronen, aufgebaut, die elektrische Signale relativ schnell zwischen anderen Neuronen und "Rezeptoren", wie z.B. dem Auge und "Effektoren" wie Muskelzellen übertragen.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 25: Neuron: Zellkörper mit Dendriten — Detail: Verbindung zw. Axon, Dendrit [Watzl.]

Diese Nervenzellen sind wahrscheinlich aus sekretorischen Zellen entstanden. Kommunikation zwischen Zellen unter Einschluß von chemischen Transmittersubstanzen, Neuropeptiden, Second-Messeger Systemen, Ionenkanälen und Membranpotentialänderungen sind somit älter als Nervenzellen und Nervensysteme [Dudel96]. Polypen der Gattung Hydra besitzen das einfachste bekannte Nervensystem und waren Gegenstand zahlreicher Studien. Neurotransmitter Moleküle sind bereits bei Einzellern vorhanden, wenn auch mit anderer Funktion.

Der Teil des Neurons, der ein Signal aufnehmen kann, wird als Dendrit bezeichnet. Die oft verzweigten Weiterleitungskanäle werden Axone genannt. Sie verbreiten durch ihre längliche Gestalt Information über nennenswerte Entfernungen. Mittels elektrisch-chemischer Informationsübertragung an der Verbindung zwischen dem Axon und einer weiteren Nervenzelle, der sogenannten Synapse, wird die Übertragung eines Signals bewerkstelligt, aber auch unerwünschte Rückkoppelungen vermieden, die bei einer bloßen elektrischen Übertragung unvermeidlich wären. Außerdem kann durch die chemische Zwischenstufe eine hemmende oder anregende Wirkung einer Verbindung festgelegt werden. Der Signalempfänger muß außerdem den Reiz nicht sofort weiterleiten, sondern erst nachdem eine gewisse Reizschwelle durch mehrere einlaufende Signale überschritten wurde [Czhiak76], [Dudel96], [Cruse98].

Abgesehen davon dauert es eine gewisse Zeit, bis Neuronen nach einer Anregung überhaupt ein Signal über das Axon weiterleiten können, da das notwendige elektrische Potential durch chemische Prozesse aufgebaut werden muß — beim Denken wird also tatsächlich "Gerhirnschmalz" verbraten. Bei Neugeborenen verbraucht das Gehirn etwa 60% aller vom Körper aufgenommener Energie. An anderer Stelle werde ich auf die Bedeutung des "zufälligen Feuerns" hinweisen, die Neuronen müssen von Zeit zu Zeit auch ohne Reiz ein Signal weiterleiten. Auf diese Weise wird durch resultierende Hintergrundrauschen bei allen mentalen Prozessen eine gewisse Beruhigung erzielt, um z.B. ewig im Kreis laufende Anregungen abzuschwächen. Wird diese Abschwächung blockiert, können Erregungsschleifen entstehen, die sich in epileptischen Anfällen (Spikes) äußern.

Das menschliche Gehirn unterscheidet sich in seiner strukturellen Komplexität von dem der Säugetiere nicht in irgendeiner qualitativen Weise [Dudel96]. Von einer Sonderstellung des Menschen zu sprechen, erscheint deshalb übertrieben. Wie das Gehirn der Säugetiere arbeitet es mit molekularen, zellulären und netzwerkartigen Mechanismen die in vielen, manche sogar in allen Nervensystemen der Tiere vorkommen. Die Studie der Fülle von evolutiv entstandenen tierischen Nervensystemen, der Vergleich von Struktur und Funktion, ihre ontogenetische Entwicklung und erfahrungsabhängige Anpassung können deshalb wesentlich zum Verständnis der spezifischen menschlichen Gehirnfunktionen beitragen [Dudel96], bergen andererseits die Gefahr unzulässiger Verallgemeinerungen.

Wie die nächste Abbildung verdeutlicht, sind beim Gehirn der Schädeltiere (Craniaten: Myxinoiden und Wirbeltiere) fünf deutlich ausgeprägte Teile erkennbar, bestehend aus Endhirn (Telencephalon), Zwischenhirn, Mittelhirn, Hinterhirn und Nachhirn das in das Rückenmark übergeht [Dudel96]. Das Hinterhirn weist mit dem Kleinhirn ein Spezialorgan auf, das Mittelhirn mit dem Sehnerv und dem Zentrum für die Augenmuskel bzw. für die Steuerung des Sehapparates. Die römischen Ziffern kennzeichnen Nervenverbindungen, z.B. II., für "Nervus opticus", III., für "Nervus oculomotoris".

Der Hirnstamm, zu dem bei Säugetieren auch das Mittelhirn und Nachhirn gerechnet werden, ist für die motorischen Komponenten (Bewegungssteuerung) Ursprung und für die sensorischen Komponenten Zielgebiet der meisten Hirnnerven. Der erste Hirnnerv (I) besteht aus Fortsätzen primärer Riechsinnzellen, der zweite Nerv (II) geht vom Auge aus ins Zwischenhirn (Thalamus, Hypothalamus) und Mittelhirn.

In der folgenden Abbildung wird die Umsetzung dieses Bauplans bei der Gans und beim Pferd demonstriert.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 26: Aufbau des Säugetiergehirns: Gans und Pferd [Dudel96]

Die Gestalt des Pferdegehirns entspricht der des menschlichen Gehirns. Wir werden uns nun den Gehirnfunktionen zuwenden. Die folgende Charakterisierung der Gedächtnisfunktion stammt aus [Dudel96].

Erst das Gedächtnis schafft die "Einheit der Wahrnehmung". Das Zusammenfügen verteilter Informationen, die nach einer komplexen Aufbereitung zum Gehirn weitergeleitet wurden — nach welchem neuronalen Mechanismus dies auch erfolgen mag — steht unter der Kontrolle des Gedächtnisses. Bereits während der frühesten Entwicklungsphase, in der das Gehirn Sinneseindrücke als Objekte wahrzunehmen lernt, organisiert sich das Nervensystem auf der Basis räumlicher und zeitlicher Übereinstimmung. Ein Objekt ist danach die Zusammenfassung aller Einzelmerkmale, die innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite ein gemeinsames raumzeitliches Schicksal haben. Es ergibt sich auf diese Weise ein enger Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Verhalten, Bewertung und Gedächtnis: Teilinformationen der Wahrnehmung werden vom Gehirn, bzw. unbewußt auch schon durch den Aufbau der Verbindungen zwischen Gehirn und den Sinnesorganen, zu einer Einheit zusammengesetzt. Ein nachgeschalteter Bewertungsprozeß (vgl. das "Überich" nach Freud) prüft diese Hypothese. Im Erfolgsfall wird die als "richtig" bewertete Wahrnehmung im Gedächtnis verankert, bzw. verstärkt und dient als Grundlage für neue Wahrnehmungen bzw. für Reaktionen auf Wahrnehmungen, die generell als "Verhalten" bezeichnet werden können [Dudel96].

Wir können zwischen einem Kurzzeitgedächtnis (wenige Sekunden) unterscheiden, das die Verbindungen zwischen etwa sieben unterschiedlichen "Chunks", bzw. "Informationsbrocken" gleichzeitig herstellen kann. Das intermediäre (2 Tage) und das Langzeitgedächtnis filtern längerfristig verfügbare Informationen aus dem unmittelbar Erlebten, wobei gleichzeitig ein chronologisch geordneter "Index" in Form eines "Erlebnisfilmes" angelegt wird. Dabei werden hauptsächlich Eindrücke berücksichtigt, mit denen eine stärkere emotionale Erregung verbunden ist.

Das Langzeitgedächtnis baut auf einer stark verteilten Informationsspeicherung chemischer Natur auf, welche durch "Justierung" der Synapsen größerer Netzwerkverbände erfolgt (Hippokampus, Neocortex), die auf der Basis des assoziativen Gedächtnisses trainiert und ausgelesen werden [McClelland94]. Bei Säugetieren ist der Hippokampus eine notwendige Struktur für kontextabhängiges Lernen, d.h. für das Verknüpfen verschiedener Informationen, z.B. eine Erwartung die aus einer bestimmten Situation abgeleitet wird. Der Hippokampus selbst ist aber gemäß verschiedener psychologischer Experimente nicht der Ort, an dem neue Inhalte abgelegt werden, er erfüllt eher die Aufgabe der notwendigen Vernetzung. Beim späteren Abrufen von assoziierten Inhalten ist diese Region nämlich nicht mehr beteiligt.

Die innere Repräsentation von Information, also das durch die Justierung der Synapsen gezeichnete "innere Bild" wird meist durch ähnlichkeitserhaltende Abbildungen direkt aus den Erregungsreizen gewonnen (vgl 5.4.1, [Kohonen84]). Das Kurz- und Intermediärgedächtnis kann assoziierte Gedächtnisinhalte anbieten, und zusammen mit Wahrnehmungen aus dem Sinnesapparat kurze Zeit konservieren, indem die Aktivierungen ständig im Kreis laufen. Dabei bestimmt vor allem der emotionale Hintergrund, welchen Details besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Beim Intermediärgedächtnis dürfte ein damit verbundener "Trainingseffekt" genutzt werden, der auf einer schwach ausgeprägten chemischen Justierung der betroffenen Synapsenverbindungen durch die erwähnten Aktivierungen im Kurzzeitgedächtnis beruht, bis sie durch neue Inhalte "überschrieben" werden.

Wir müssen also zwischen drei sehr unterschiedlichen Formen der Informationsdarstellung unterscheiden, die für verschiedene Aufgabenstellungen geeignet sind:

Kurzfristig verfügbare Aktivierung (z.B. Sehfeld)

Durch eine im Kreis laufende Erregung konservierte Aktivierung

Langfristige (chemische) Justierung von Neuronenverbindungen

Tabelle 11: Speicherung von Information in biologischen Systemen

Das Langzeitgedächtnis ändert sich kaum, da es durch den zur Verfügung stehenden "Platz" weniger oft mit neuen Inhalten überschrieben wird. Es ist aber noch unklar, ob dabei nicht auch ein über die Synapsenjustierung hinaus gehendes chemisches Prinzip der Informationsspeicherung beteiligt ist.

Zum "Auslesen" des Langzeitgedächtnisses in der Gehirnrinde muß ein Informationsinhalt in das Kurzzeitgedächtnis "geladen werden", welches über eine "koordinative Stufe" zwischen verschiedenen Bereichen des Langzeitgedächtnisses wechseln kann, die nicht unbedingt räumlich getrennt sein müssen (vgl. "Fokus" beim Sprachverstehen, 5.4.1). Räumlich getrennt sind auf jeden Fall die Zentren zur Verarbeitung verschiedener Signale (Schall, Licht usw.) und darauf aufbauender kognitiver Prozesse, die Noam Chomsky "mentale Organe" nannte (vgl. [Dietfurth80], [Chomsky70, 81]).

Ich werden solche Organe als "Apparate" ansprechen, z.B. als "Sehapparat". Zusammenfassend läßt sich sagen, daß wir uns alle "mentalen Organe" als physische, neuronale Netze (verbundene Nervenzellen) [Rumelhard84], [Kohonen84], [Bibbig95], [Wennekers95] realisiert denken können, deren Strukturen durch einen Grundbauplan genetisch grob vorgegeben sind. Dieser Grundbauplan unterstützt das Erlernen bestimmter Fähigkeiten durch die Verschaltung mit den für diese Teilaufgabe notwendigen Informationskanälen. Eine Sammlung von unterschiedlichen, aber grundlegenden "Operationen" wie die zeitliche Koordination von Bewegungen der Muskulatur oder die Interpretation von bildhaften, d.h. visuellen Wahrnehmungen werden jeweils durch eine spezielle Architektur der Vernetzung bereitgestellt. Solche Architekturen sind durch einen oder mehrere kombinierte Zelltypen einer Region sowie durch lokale Verschaltungsmuster der Zellen untereinander festgelegt. In den ersten Lebensjahren werden nützliche neuronale Verbindungen besonders ausgeprägt, während andere verkümmern, so daß diese Entwicklungsphase für die späteren Fähigkeiten eines Menschen eine besondere Bedeutung hat. Später können nur mehr die angesprochenen chemischen Kopplungen nachjustiert werden.

Neben räumlicher und logisch-abstrakter Struktur muß auch die Dimension der Zeit in eine zweidimensionalen Darstellung zur Bearbeitung in neuronalen Netzen gebracht werden, wie z.B. die Zeitplanung mittels (zweidimensionalem) Terminkalender, der vor dem "geistigen Auge" in (zweidim.) Tabellenform angelegt wird, um z.B. Tage mit freien Terminen "durchgehen" zu können. Worte, Musik und andere Informationssequenzen können im angesprochenen "assoziativen Gedächtnis" direkt gespeichert und ausgelesen werden, in dem z.B. beim Lernen eines Wortes eine Silbe an die darauf folgende Silbe erinnert bzw. mit ihr "assoziiert" wird. Dabei spielt die zeitliche Koordinierung dieser Erinnerungsvorgänge eine wichtige Rolle, um z.B. beim Musizieren im Takt zu bleiben, oder um die "Sprachmelodie" eines Wortes oder einer Zahl erfassen zu können.

Heinz von Foerster hat dieses Modell der menschlichen Erkenntnis folgendermaßen zusammengefaßt. Im naiven Realismus geht man/frau in Kenntnis der zuvor beschriebenen neuronalen Ausstattung davon aus, daß Erkennen im "Errechnen von Beschreibungen einer Wirklichkeit" besteht. Letztlich handelt es sich aber bloß um die unbegrenzte Wiederholung der Beschreibung von Beschreibungen, denn im Gehirn kann sich keine physische "Wirklichkeit" breit machen.

Die angesprochene Ordnung muß sich also nicht in Bezug auf irgendeine "Wirklichkeit" bewähren, sie soll bloß dem erkennenden Wesen das Leben erleichtern. Wo das offensichtlich nicht gelingt, liegt eine Störung ("Perturbation") vor, auf die zu reagieren ist, z.B. in dem sie einfach als Sonderfall vorgemerkt wird, im schlimmsten Fall, indem bereits bestehende Ordnungsstrukturen umgebaut werden.

3.1.1.4 Mutationsmechanismen

Mutationen sind in der Regel bleibende Veränderungen des genetischen Materials — ich habe bereits bei den sich selbst nach einem Bauplan reproduzierenden Robotern auf die Möglichkeit von Fehlern im kopierten Bauplan hingewiesen. Noch nicht erwähnt wurde der Unterschied zwischen Zellen der "Keimbahn" und des "Somas". Obwohl die meisten der vorgestellten genetischen Hypothesen bis heute gehalten haben, mußten auch einige falsche Annahmen revidiert werden, wie der angesprochene Glaube, daß jedes Körperorgan an der Reproduktion beteiligt ist. Diese etwa noch von Darwin [Altner81] vertretene These widerspricht den heutigen Vorstellungen der "Keimbahn", einer speziellen Gruppe von Zellen, die nur zur Fortpflanzung dienen, während sich genetische Schäden im Soma, also in allen übrigen Zellen nicht auf die Nachkommen auswirken.

Bei höheren Lebewesen werden als spontane Mutationsrate Zahlen im Bereich von 1:100.000 genannt, eine Zahl die zur biologischen Evolution ausreicht [Czhiak76]. Spontane Mutationen treten meist bei der Vervollständigung von ausgelesenem Erbgut auf, und können auch unter idealen Lebensbedingungen nicht ausgeschlossen werden. Abb. 20 demonstriert die Häufigkeit von spontanen Mutationen auf einem DNS-Abschnitt. Ohne näher darauf einzugehen, soll noch erwähnt werden, daß nur ein Bruchteil von möglichen Veränderungen der DNS tatsächlich eine Mutation bewirkt, da z.B. völlig zerbrochene DNS Stränge nicht mehr reproduziert werden können, und viele nicht zusammenpassende Basenpaare und andere Fehlbindungen wie die Dimerisierung von Thymin automatisch korrigierbar sind. Außerdem konnte durch die Organisation des Erbguts (vgl. z.B. Hox-Gene) die Wahrscheinlichkeit von sinnvollen, bzw. überlebensfähigen spontanen Mutationen enorm gesteigert werden, während willkürliche Störungen praktisch nie konkurrenzfähige Organismen hervorbringen.

Ich habe bereits erwähnt, daß natürliche Auslese und genetische Wissensrepräsentation die Systeme an den Rand des Chaos treibt, was auch Simulationen im Zuge der "Artificial Life-forschung" [Peak95] bestätigt haben. Jede/r kann dazu ein einfaches Experiment machen: die Augen schließen, einen stillen Ort aufsuchen: auf der Netzhaut bilden sich von selbst seltsame, flirrende Muster, ein leichtes Rauschen ist zu hören, wenn man/frau vom Pulsieren des Blutes absieht. Das bildliche und akustische Rauschen waren selbst interessante Untersuchungsobjekte der Chaostheorie. Kauffman und Johnsen beobachteten in ihren "Lebensexperimenten", daß die simulierten Mitglieder der Gesellschaft am Rande des Chaos durchschnittlich am tauglichsten sind [Peak95]. Hier kann sich die Gemeinschaft am leichtesten an Veränderungen anpassen, und hier konstruiert sie die besten Modelle der Umwelt. Die in der Natur beobachtete "spontane Mutationsrate", aber auch nicht exakt vorgegebene Wachstumsprozesse sowie das Hintergrundrauschen neuronaler Netzwerke (Gehirn) scheinen diese These zu bestätigen.

3.1.1.5 Stammesgeschichte und Verwandtschaftsforschung, Neodarwinismus

Heute lebende Organismengruppen sind gemäß der Deszendenztheorie nach Darwin (1859) und Lamarck (1809) aus einfacher organisierten Gruppen früherer Erdepochen hervorgegangen [Darwin63], [Vollmer75]. Im Neodarwinismus sind die älteren Disziplinen der Paläontologie (Geschichte der Arten) und Morphologie (Form, Aufbau von Organismen) mit der Populationsgenetik und später mit der Mikrobiologie kombiniert worden.

Die folgenden Ausführungen wurden sinngemäß aus [Czhiak76] und [Dudel96] übernommen.

Im Laufe der Stammesgeschichte kam es zu einer Umwandlung in Gestalt, Funktion und Lebensweise, wodurch Nachfahren andersartig als ihre Vorfahren geworden sind. Kernpunkt ist der Gradualismus, der voraussetzt, daß Evolution durch zufällige, kleine Veränderungen (Mutation und Rekombination) erfolgt und über größere Zeiträume zu großen Abwandlungen bei Organismen führt, womit versucht wird, jede vergangene und jede gegenwärtige Erscheinungsform des Lebendigen zu erklären [Dudel96]. Diese Änderungen mögen heute zielgerichtet erscheinen. Es gibt aber eine Vielzahl von Belegen, daß die angesprochenen "zufälligen" Veränderungen des Erbguts in Kombination mit einer positiven, d.h. auf den "interessanteren" Geschlechtspartner bezogenen Selektion, und zweitrangig auch durch die Eliminierung benachteiligter Organismen, die heutige Formenvielfalt hervorgebracht haben kann. Überlebensfähigkeit ist eng mit der Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen verbunden. Ernst von Glaserfeld betont allerdings, daß Anpassung in der Evolutionstheorie nicht bedeutet, daß sich ein Organismus seiner Umwelt anpaßt, um mit ihr "übereinzustimmen", sondern nur, daß der Organismus in einer bestimmten Umwelt "Viabilität", d.h. seine Lebensfähigkeit aufrecht erhalten kann. Was immer der Organismus von seiner Umwelt weiß, ist keine Information über die Umwelt, wie sie "an sich" ist, sondern ein auf das praktische Leben bezogene Weltmodell, das in operationaler und informeller Geschlossenheit von der Umwelt, d.h. ohne "echte" Kommunikation mit der Umwelt aufgebaut wurde.

Neben dem grundlegenden Paradigma der "Graduation" gibt es auch Überlegungen, ob nicht große Veränderungen in der Evolution (Makroevolution) durch zusätzliche, nicht adaptive Prozesse herbeigeführt werden [Dudel96]. Dieser pluralistische Ansatz in der Evolutionstheorie erlebt momentan einen großen Aufschwung. Als Beispiel sei die Theorie des "unterbrochenen Gleichgewichtes" (Punktualismus) genannt, die aus den Beobachtungen abgeleitet wurde, daß es zu großen Veränderungen in der Evolution in geologisch kurzen Zeiträumen kam, die von langen Perioden gradueller (verfeinerter) Evolution abgelöst werden.

Beide Ansätze sind in der "pluralistischen Evolutionstheorie" vereint worden.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 27: Kladogramm nach neuronalen Merkmalen (Nervensystem) [Dudel96]

Ein typisches Beispiel für entsprechende Forschungsschwerpunkte dieser Disziplin ist die Aufstellung von "Kladogrammen", die eine Hypothese von Verwandtschaftsverhältnissen auf Grund äußerer Merkmale (Homologien) und genetischer Übereinstimmungen in einem Diagramm veranschaulichen. Die letzte Abbildung zeigt eine Einteilung der "höheren Tiere" in Bezug auf den Aufbau ihres Nervensystems.

Dabei wird das Prinzip der sparsamsten Erklärung angewendet, d.h. je weniger Entwicklungsschritte zwischen zwei Gruppen liegen, desto wahrscheinlicher ist die direkte Verwandtschaft. Ein weiteres hilfreiches Merkmal zur Rekonstruktion der Verwandtschaftsverhältnisse ist die 16S RNS von Mitochondrien, das sind Zellorganellen für die Atmung und Energiegewinnung von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen.

3.1.1.6 Kausale Evolutionsforschung

Der durch Umweltbedingungen variierbare, in den Grundzügen aber gleichbleibende Bauplan von Individuen einer Tier- bzw. Pflanzenart spiegelt eine der Biosphäre (Lebewesen, belebte Materie) eigene "innere Ordnung" wieder, die über die bloße morphologische und chemische Umwandlung toter Materie (z.B. Gesteinsbildung, Verwitterung, Ausbildung von Flußläufen) hinausgeht. Trotzdem konnte der Evolutionsbegriff als "Erkenntnis bzw. Struktur schaffender Prozeß" nach Konrad Lorenz später auf die unbelebte Natur, auf die Verhaltensforschung und nicht zuletzt auf die menschliche Kultur und Gesellschaftsordnung ausgedehnt werden.

Biologische Untersuchungen werden stets an einer beschränkten Auswahl von Individuen einer sogenannten "Population" vorgenommen. Streng genommen gelten die Resultate auch nur für diese untersuchten Lebewesen. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß Verallgemeinerungen über Generationen von Individuen und Populationen bis zu einem Gewissen Grad möglich sind. Generationen von WissenschafterInnen waren den Prinzipien dieser "inneren Ordnung" auf der Spur. Charles Darwin gelang schließlich der große "Wurf".

Er erkannte das richtungslose Variieren von Eigenschaften der Individuen einer Tier- oder Pflanzenart und bezeichnete vererbbare, also für die Evolution bedeutende Veränderungen als "sports", die heute Mutanten genannt werden [Darwin63], [Altner81]. Er betonte die negative Selektion im "Kampf ums Dasein" als Erklärung für die Entwicklung von Anpassungen an Umweltbedingungen [Czhiak76]. Als Modell für das Wirken der Selektion durch frühzeitigen Tod dienten Darwin die Haustiere und Nutzpflanzen des Menschen. Sie weichen in zahlreichen, dem Menschen dienlichen Eigenschaften von ihren wilden Stammformen ab, aus denen sie durch künstliche Zuchtwahl herausgezüchtet worden sind. In Grundzügen konnte dieses Modell beibehalten werden, die Bedeutung der negativen Selektion wird aber von einer positiven, d.h. auf den "interessanteren" Geschlechtspartner bzw. die gegenseitige Hilfe [Kropotkin02], [Czhiak76] und die Verbesserung der Lebensbedingungen (Koevolution) bezogenen Selektion in der Neodarwinistischen Theorie [Schneirla49] abgelöst.

Die Betonung der von Huxley hervorgehobenen negativen Selektion im "Kampf ums Dasein" in [Huxley] und ihre Anwendung in gesellschaftlichen Fragen hat zu einer Reihe von gefährlichen Mißverständnissen geführt, die unter dem Begriff Biologismus (St-4) und Sozialdarwinismus zusammengefaßt werden können — siehe 2.4.

Positive Selektion beruht aber eher auf unterschiedlichem Fortpflanzungserfolg, sowohl durch die Vorteile einzelner Individuen einer Art, die dann vermehrt Nachkommen zeugen, aber auch durch die Ausbildung eines überlegenen Genpools von ausgezeichneten, einander ergänzenden Gruppen mehrerer Arten, deren statistisch betrachtete Genhäufigkeitsverteilung innerhalb der Populationen aller beteiligten Arten durch schnelleres Wachstum weniger günstig zusammengesetzte (ko-evolutive) Gemeinschaften verdrängt. In beiden Fällen ist die Wirkung der Selektion nur statistisch feststellbare, da Individuen mit günstigeren Eigenschaften im Durchschnitt mehr Nachkommen hervorbringen als solche mit weniger günstigen Anlagen. "Günstige Eigenschaften" sind relativ zu einer gegebenen Umwelt zu sehen, die auch Individuen der eigenen Art beinhaltet (Rückkoppelung!). Auf solche Weise nimmt die Häufigkeit (Frequenz) günstiger Erbanlagen (Allele) in einer Population von Generation zu Generation zu, die weniger günstiger Anlagen nimmt ab. Im Falle der Koevolution vergesellschafteter Arten handelt es sich um die Häufigkeit der gleichzeitig auftretenden Kombinationen von Erbanlagen in sich gegenseitig beeinflussenden Populationen verschiedener Arten. Ein Allel ist eine Variante eines Gens, welches, wie gesagt, als ein Abschnitt auf der DNS mit einer bestimmten Funktion angesehen wird. Diese spezifische Funktion wird durch alle möglichen Allele besser oder schlechter, und manchmal auch gar nicht erfüllt. Nicht funktionstüchtige Allele sind dann meist rezessiv, d.h. sie werden bei der Vererbung zum Schutze des Individuums nicht aktiv, wenn eine zweite, funktionstüchtige Variante im doppelt angelegten Erbgut vorhanden ist. Bei Inzucht können rezessive Gene akut werden, da die doppelt angelegten Erbinformationen ident sind, weil die Geschlechtspartner mit dem selben oder mit ähnlichem Erbmaterial ausgestattet sind.

Neben der Konkurrenz als Selektionsmechanismus spielt die Erforschung der Strategien zur Überwindung der selben eine wichtige Rolle in der modernen Ökologie. So kann etwa unterschiedliches Körpergewicht männlicher und weiblicher Greifvögel zur besseren Nutzung verschieden großer Beute führen. Konkurrenz wird entweder durch Spezialisierung ("Einnischen") oder durch soziale Organisation bzw. Kooperation verhindert [Czhiak76].

Diese gerichtete Veränderung im Genbestand wird als biologische Evolution bezeichnet. Mit Population ist im Regelfall übrigens niemals eine ganze Art, sondern eine abgrenzbare Gruppe von Individuen einer Art gemeint, mehr dazu im Unterkapitel über Artenbildung. Bei der Betrachtung der genetischen Ausstattung einer Art darf also nicht ein einzelnes Individuum untersucht werden, sondern die Verteilung (Genhäufigkeit) verschiedener Variationen genetisch fixierten Eigenschaften im jeweiligen Genpool! Eine einschneidende Veränderung eines Teils des Bestandes einer Tier- oder Pflanzenart erfolgt also durch die langsame Verdrängung alternativer Gene (Allele) aus einer überlebensfähigen Population. Selektion ist mit einer Vereinheitlichung des Erbgutes verbunden, während andere Mechanismen die Aufrechterhaltung der "genetischen Vielfalt" sichern. Vielfalt entsteht auch durch Anpassungen an unterschiedliche ökologische Nischen zur Vermeidung von Konkurrenz innerhalb von Tierfamilien, wie beim südamerikanischen Baumläufer und den bekannten Darwinfinken.

3.1.1.7 Mutation und Selektion, Genetische Drift [Czhiak76]

Weitaus die meisten auftretenden Mutationen sind rezessiv. Etablierte vorteilhafte Mutationen sind im Gegensatz dazu meist dominant, da sie sich schneller durchsetzen als rezessive. Die Population muß allerdings für ihre Verbesserung durch Selektion mit einer Anzahl eliminierter Individuen zahlen, sofern diese nicht auf andere Weise von der Fortpflanzung ferngehalten werden können. Für den (unrealistischen) Fall, daß jedes Individuum gleiche Chancen bei der Paarung hat, würde es etwa 300 Generationen dauern, bis ein günstiges Allel ersetzt wird, wenn in einer 1000 köpfigen Population 100 Individuen selektionsbedingt keine Nachkommen zeugen können oder frühzeitig verenden.

Während wir unter Selektion die Bevorzugung von günstigen Eigenschaften innerhalb des Genpools verstehen, bezeichnet die genetische Drift zufällige Änderungen im Genpool, wie sie etwa durch eine starke Dezimierung einer Population bei Naturkatastrophen darstellt. Kleine Populationen erhöhen die Gefahr der Entstehung benachteiligter Individuen durch Inzucht, d.h. die Kombination von ähnlichem Erbgut durch Kombination zweier rezessiver Gene mit schädlichen Auswirkungen. Wie bereits erwähnt, tritt bei stärker differenziertem Erbgut ein rezessives, nicht funktionsfähiges Allel seltener in Erscheinung, da es durch dominante, alternative Allele überlagert wird.

Die Mechanismen der Selektion und der genetischen Drift bedürfen eines antagonistischen Mechanismus, da sie zu einer Vereinheitlichungen des Erbgutes, genauer gesagt zu einer Homozygotierung der Population führen. Homozygot bedeutet, daß im doppelt angelegten Erbgut zwei idente Varianten (Allele) eines Gens vorliegen. Punkt-, Chromosomen-, und Genommutationen sind eine der Hauptquellen genetischer Vielfalt in der Population, quasi als Gegenspieler aller Tendenzen, Allele in einer Population zu fixieren oder vollständig zu eliminieren. Je häufiger ein Allel vertreten ist, desto öfters werden entgegensteuernde Mutationen entstehen, weil sie dem Zufall mehr Angriffsfläche bieten. Die häufigste Quelle von mehr und weniger zufälligen Veränderungen des Erbguts tritt beim "Auslesen" auf (Synthese der m-RNS). Durch Mutation und Gegenmutation stellt sich ein Allelgleichgewicht ein, das der genetischen Drift zur Homozygotisierung entgegenwirkt.

3.1.1.8 Das Hardy-Weinberggesetz und der "balancierte Polymorphismus" [Czhiak76]

Natürliche Populationen zeigen in vielen Fällen eine gute Übereinstimmung mit dem "Hardy-Weinberggesetz", demnach die Verteilung eines Allels auf Individuen von der Häufigkeit des Allels abhängt. Je seltener es ist, desto größer ist der Anteil, der im normalerweise begünstigten heterozygoten Genotyp "aA" vorliegt, d.h. im doppelt angelegten Erbgut stehen zwei verschiedene Varianten (Allele) eines Gens zur Verfügung, und selten in den benachteiligten homozygoten Formen. Es ist also begünstigt und seine Häufigkeit nimmt zu. Ist es häufig, kehrt sich aber die angesprochene Verteilung gemäß dem Hardy-Weinberggesetz um, und die benachteiligte Form beginnt zu überwiegen. Dieses Prinzip führt in manchem Fällen, wie z.B. der Sichelzellenanemie zu einem balancierten Gleichgewicht, dem sogenannten balancierten Polymorphismus. Homozygote Träger dieses Gens erkranken sehr leicht an Anemie, gleichzeitig vermittelt diese Mutation aber Resistenz gegen Malaria. Während bei homozygoten Trägern der Nachteil der Anemie immer überwiegt, ist in Malaria verseuchten Gebieten der Vorteil der Resistenz bei heterozygoten Trägern größer. Tatsächlich stimmt die geographische Verbreitung des Allels mit der Verbreitung der Malaria überein.

3.1.1.9 Artenbildung [Czhiak76]

Das gemeinsame Merkmalsgefüge der Individuen einer Art ist bedingt durch den Genfluß zwischen den Individuen und durch die Gleichartigkeit der erläuterten Selektionsbedingungen. Eine Voraussetzung zur Herausbildung neuer Arten ist daher die Trennung ursprünglich im genetischen Austausch stehender Populationen in solche bei denen der Genfluß etwa durch geographisch getrennte, neu besiedelte Gebiete unterbunden ist. Auch klimatische Veränderungen, wie die Vereisung und Versteppung können Populationen trennen, oder die kurzzeitige Neubesiedlung später wiederum abgetrennter Gebiete (z.B. Landbrücken) einleiten.

Die Separation führt zur Merkmalsdivergenz, da die Genhäufigkeit der ausgeschlossenen Teilpopulationen unterschiedlich verteilt ist, aber auch weil neu auftretende Mutationen nicht ausgetauscht werden können. Diese Mutationen wirken sich unterschiedlich aus, da die Umweltbedingungen in den getrennten Lebensräumen sich unterscheiden, deshalb entwickeln sich die separierten Populationen in unterschiedliche Richtungen.

Eine längere Trennung führt dazu, daß Individuen getrennter Populationen nach einer Aufhebung der Trennung z.B. durch unterschiedlich entwickeltes Paarungsverhalten nicht mehr fortpflanzungsfähig sind. Die Übergänge sind oft fließend, wie bei der Silber- und Heringsmöwe, die durch einen Rassenkreis mit Genaustausch verbunden sind, d.h. VertreterInnen nahe verwandter Rassen können sich paaren. Diese Endglieder der Differenzierungskette können aber nicht mehr gekreuzt werden.

Neben der Separation kann auch die Anpassung an ökologische Nischen ohne strenge räumliche Trennung zu einer Ausbildung von neuen Arten führen (adaptive Radiation), wie die Differenzierung der Darwinfinken auf den Galápagosinseln eindrucksvoll belegt. Eine gewisse Trennung muß auch hier angenommen werden, damit die unterschiedlichen Umweltbedingungen diverser ökologischer Nischen etwa eine Spezialisierung in Gemischtköstler, Insekten- und Samenfresser auslösen können. Die entsprechenden Finkenarten zeigen eine Anpassung des Körper- und Schnabelbaus an ihre Lebensweise.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 28: Fünf Arten von Darwinfinken mit unterschiedlicher Anpassung [Czhiak76]

Artenspezifische Verhaltensnormen

Die in einer Tier-Sozietät geltenden Normen bestehen aus einem System angeborener und erlernter Verhaltensweisen, wobei die erlernten Verhaltensweisen oft in Konkurrenz zum angeborenen Verhalten stehen, also das Triebverhalten korrigieren und einengen. Die Übermittlung der erlernbaren Verhaltensregeln erfolgt durch eine hierarchisch organisierte Weitergabe an die jeweils heranwachsende Generation. Dabei ist der Bereich des Lernbaren begrenzt und die Möglichkeit des Lernens sozialer Verhaltensweisen durch einen von Art zu Art unterschiedlich ausgeprägten Sozialtrieb angelegt. Das einzelne Tier ist also nicht frei, ob und was es lernen will. Tierkinder und Jungtiere bringen also — wie das Menschenkind auch — angeborene Triebe und Verhaltensweisen mit, und beide lernen im Sozialisationsprozeß von ihrer jeweiligen Erwachsenen-Umwelt.

Soziale Hilfeleistung kann auch Formen koordinierter Aktionen annehmen, wie bei einer Gnu-Herde, die jedes Neugeborene kollektiv verteidigt (nach Vitus Dröscher, 1968), oder wie Delphine, die verwundete Artgenossen unterschwimmen und zum Atmen an der Wasseroberfläche halten. Die bis in die Antike zurückreichenden Berichte, daß auch Menschen auf diese Weise gerettet wurden, halten Biologen (H. Hediger) für zuverlässig. Diese und ähnliche Aktionen sind um so erstaunlicher, als Kranke und Verletzte bei anderen Tierarten ausgestoßen oder sogar getötet werden.

Noch überraschender ist, daß Tiere vieler Arten gegenüber Artgenossen und Menschen zu "Lug und Trug" befähigt sind. Der Biologe Friedrich Kainz (1961) lehnt es zwar ab, bei Tieren von Lügen zu sprechen, aber auch er räumt ein, daß Lügen nicht an Sprache gebunden sind. So wird immer wieder von irreführenden Alarmsignalen berichtet, um lästige Konkurrenten am Futterplatz zu verjagen. Aber auch im Bereich der Sexualnormen gibt es Übertretungen, wie Friedrich Kainz an einer pavianesischen "Frau Potiphar" nachwies.

3.1.1.10 Die evolutionäre Erkenntnistheorie

In den Kapiteln 3.1.2 und 5.4 gehe ich auf die biologische Evolution des Menschen und seines Erkenntnisapparates ein. Ich werde darum nur kurz die grundlegenden Ideen zusammenfassen.

Unter Erkenntnisgewinnung verstehe ich die Rekonstruktion einer (hypothetisch postulierten) realen Welt [Vollmer87]. Dafür sprechen "psychophysische" Strukturen z.B. des Gehirns. So läßt sich aus der Architektur der neuronalen Netze des Sehapparates im Gehirn bis zu einem gewissen Grad deren Funktion erklären [Minsky86], [Chomsky81],[Dudel96]. Um die Auf- und Abbewegung des menschlichen Kopfes beim Gehen auszugleichen werden etwa Sehbereiche in abwechselnd benutzte Abschnitte durch eine entsprechende neuronale Vernetzung zusammengefaßt. Im Gehrhythmus werden einmal höherliegende und einmal tieferliegende Sehbereiche ausgelesen, so daß das Bild der Umgebung im "geistigen Auge" unbewegt erscheint.

Dafür spricht ferner, daß Tiere Vorstufen typisch "menschlicher, geistiger Leistungen" aufweisen, daß viele Wahrnehmungen angeborene Komponenten enthalten, und daß kognitive Fähigkeiten einer Art in gewissem Grade der Vererbung unterliegen [Riedl76], [Vollmer87]. Gleichzeitig läßt sich aus dieser Annahme auch die beschränkte Fähigkeit des Menschen ableiten, die Welt "direkt zu erkennen". Dieser Erkenntnis wird mit der "paradoxen Logik" (4.3.) Rechnung getragen.

Konrad Lorenz hat die evolutionäre Anpassung der Körperform und der Sinnesorgane mit der Anpassung unserer Denkkategorien an die Umwelt verglichen, die bereits von Immanuel Kant eingehend studiert worden sind. Da wir gemäß des "erweiterten Materialismus" (5.4.1) geistige Vorgänge auf deren biologische "Repräsentation" zurückführen können, erscheint dieser Vergleich zulässig, auch wenn die zu Grunde liegenden Mechanismen erst seit kurzer Zeit bekannt sind, wie etwa die vielzitierte "Selbstorganisation" aber auch die fest verdrahtete, auf ähnliche Weise ausgebildete Vorverarbeitung von Information durch unsere Sinnesorgane. Diese filtern und vereinfachen automatisch die riesige Fülle der aufgenommenen Information, wobei aber durch sogenannte "selbstähnliche Abbildungen" wesentliche Informationsstrukturen erhalten bleiben. D.h. unser evolutionärer Vorteil durch die "Mitweltmodellierung" (Sammlung von Erwartungen) und später die Kommunikation (geteilte Erwartungen) ist organisch gewachsen. Intelligenz läßt sich also als ein Produkt der materiellen biologischen Evolution auffassen.

Dieser Entwicklungsvorgang ist schließlich durch die "kulturelle Evolution" (3.1.3) stark beschleunigt worden. Sie wurde in die Wege geleitet, als erstmals komplexe Verhaltensweisen durch Nachahmung und später durch "Lernen" weitervermittelt werden konnten. Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch einmal betonen, daß Anpassung in der Evolutionstheorie nicht bedeutet, daß sich ein Organismus seiner Umwelt anpaßt, um mit ihr "übereinzustimmen", sondern nur, daß er ein für das praktische Leben ausreichendes Weltenmodell schafft, das keine Information über die "Welt an sich" beinhalten muß.

Auf zwei wichtige Schlußfolgerungen soll abschließend hingewiesen werden. Erstens kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden, daß so entstandene Wesen die objektive Realität der Welt direkt erfassen, und weiters, daß unsere Denkkategorien sich langsam, aber beständig verändern, so daß wir durch die unkontrollierte Veränderung der Welt auch uns selbst verändern, in einem undurchschaubaren, rückgekoppelten Prozeß der Destabilisierung.

Zum Abschluß möchte ich auf Erkenntnisse der Sprachwissenschaften verweisen, die das hier vertretene Bild vom Menschen entscheidend geprägt haben.

3.1.2 Die Evolution des menschlichen Verhaltens

In diesem Unterkapitel wird die zuvor eingeführte evolutive Betrachtungsweise konsequenterweise auf den Menschen angewandt. Die vielleicht etwas umständlich wirkendene Darstellung der Evolution des menschlichen Verhaltens beruht auf dem Gebot des "erweiterten dialektischen Materialismus/Strukturalismus" (5.4.1) [Wetter62], Theorien in einer für die praktische Simulation ausreichenden Detailgenauigkeit mit Hinweisen auf die materielle Repräsentation zu beschreiben. Darum werden die kulturgeschichtlichen Erläuterungen immer von Abhandlungen über geistige Fähigkeiten und ihrer möglichen Entstehung und biologischen Realisierung unterbrochen. Die biologische Repräsentation wird auf die Grundoperationen von neuronalen Netzwerken (Gehirn) zurückgeführt, wie z.B. dem assoziativen Gedächtnis [Minsky86], [Kohonnen84], [Dorffner91].

Wenden wir uns nun der menschlichen Entwicklung im Sinne der "evolutionären Erkenntnistheorie" zu, ein Vorgang der sowohl immer besser angepaßte, bzw. immer flexiblere Lebewesen, aber auch immer komplexere Erkenntnisapparate zur Modellierung der Umwelt hervorgebracht hat. G. Steiners Evolutionsschema verweist darauf, daß der Mensch aus einer genetischen Evolution hervorgeht, die sich als gemeinsame, aufeinander abgestimmte "Koevolution" mit der äußeren Natur vollzieht. Schritt für Schritt möchte ich nun eine mögliche Entwicklungsgeschichte der Grundfunktionen eines "kybernetischen Modells des menschlichen Verhaltens" [Dem94] rekonstruieren. Diese Grundfunktionen können als "Faktor-Monitore" zur Überwachung und Optimierung evolutionsgeschichtlich bedeutender Faktoren [Dem94] gedeutet werden. Die Steuerung basierte zunächst auf relativ einfachen Regelkreisen durch Triebe und rückgekoppeltes Lustempfinden [Piaget67], [Foerster97]. Diese Regelkreise sind später durch das "innere Mitweltmodell" erweitert worden, um in diesem "virtuellen Lebensraum" das Resultat verschiedener zur Wahl stehender Triebhandlungen miteinander vergleichen zu können.

Die wichtigsten Faktoren sind:

Leben reproduzieren

Leben erhalten und schützen

Lebensgrundlagen verbessern und günstiges Verhalten tradieren

Gegenseitige Hilfe optimieren

Tabelle 12: Lebenserhaltende Verhaltensmuster sozialer Arten

Diese Faktoren gemeinsam charakterisieren den Überlebensvorteil der biologischen "Intelligenz". Die Vernunft und das Gefühl werden in meinem Sprachgebrauch als einander ergänzende Informationsverarbeitungsmethoden, bzw. Werkzeuge zur "Mitweltmodellierung" verstanden, die zur Realisierung sogenannter "Faktormonitore" zur Überwachung der erwähnten lebensnotwendiger Faktoren benötigt werden. Sie bauen auf einem später erläuterten "verinnerlichten Mitweltmodell" auf, vgl. [Dietfurth80], [Quinlan93], [Finin94], [Wennekers95]. Sowohl Gefühl als auch Vernunft lassen sich so auf eine materiell-energetische Repräsentation zurückführen [Wetter62], [Minsky86], [Chomsky81], [Dudel96].

In einer sehr groß angelegten Studie von 30.000 Angehörigen der 7-Tage Adventisten wurde die Vermutung bestärkt, daß das Nervensystem, durch Gefühle stimuliert, das Immunsystem positiv und negativ beeinflussen kann. Diese Erkenntnis wurde aus dem statistischen Nachweis abgeleitet, daß Menschen, die nach eigenen Angaben die religiösen Regeln strenger befolgten, vermehrt psychischen Leiden wie Depressionen ausgesetzt waren, und in der Folge offenbar durch ein geschwächtes Immunsystem öfters an Krebs erkrankten (z.B. Brustkrebs).

Nach diesen etwas abschweifenden Ausflügen möchte ich mich wieder der Evolutionstheorie zuwenden. Die Entstehung des Planeten "Erde", der Kontinente und niedriger Lebensformen wurde bereits skizziert. Fossile Funde australischer Zoologen der Universität von Queensland deuten darauf hin, daß sich die ersten Landwirbeltiere vor 350 Millionen Jahren an mehreren Stellen gleichzeitig im tropischen Gürtel um den Äquator entwickelt haben.

 

Tabelle 13: Kurzer Überblick über die Menschheitsgeschichte nach [Streit96]

Aus frühen Baumbewohnern ging ein Vorfahre des heutigen Menschen vor etwa 1,8 - 1,5 Millionen Jahren hervor, der "Australopithecus". Doch bereits für die erwähnten Baumbewohner war es von zentraler Bedeutung, ein effizientes dreidimensionales Modell der Umwelt im Geiste nachzubilden.

 

 

Tabelle 14: Kurzer Überblick über die Menschheitsgeschichte nach Steiner (aus [Egger96])

Bei der Fortbewegung im Baumkronenbereich ist nämlich nicht nur die Richtung von Bedeutung, sondern auch die Entfernung, Lage und Form des Sprungzieles vor dem Absprung. Ohne solche Informationen kann die Greifhand nicht im richtigen Moment in der richtigen Raumposition geschlossen werden.

Diese Uraffen waren bereits zum "räumlichen Sehen" durch ein nach vorne gerichtetes Augenpaar mit zwei sich überschneidenden Sehfeldern befähigt. Für langsame, kontinuierliche Bewegungen (Schnecken, Tiere mit Saugnäpfen, ...) spielt das Raumempfinden eine untergeordnete Rolle. Um aber die Umgebung für rasche Sprungbewegungen effizient zu analysieren, wurde die Welt der Wahrnehmungen in klar unterscheidbare "Objekte" mit räumlicher Position und zeitlichem Verhalten zerlegt. Auf diese bemerkenswerte Objekt-Strukturierung werde ich noch zurückkommen. Eine derart scharfe Gliederung der Lebenswelt dürfte bei Tieren mit anderen Fortbewegungsmethoden unterblieben sein.

3.1.2.1 Die Wurzeln der Menschheit, das Märchen vom Raubtier

Die Geschichte des Menschen begann vor mehr als 55 Millionen Jahren, als schon Laubwälder die Erde bedeckten. Damals ging ein kleines, insektenfressendes Säugetier auf die Bäume, das einem Spitzhörnchen geähnelt haben mag. Ich habe diese Ordnung zuvor einfach als "Baumbewohner" angesprochen. Seine Nachfahren verlegten sich zunehmend auf die Pflanzenkost, diese Linie wird heute die Ordnung der "Primaten" genannt. Die bis zum heutigen Menschen erhaltenen Körper- und Verhaltensmerkmale spiegeln die Millionen Jahre dauernde Anpassung an die Lebensumstände in der Kronenregion tropischer Wälder und an eine vorwiegend vegetarische Nahrung wieder. Die komplizierten Strategien in diesem Lebensraum eine ausgewogene pflanzliche Ernährung zu sorgen wirkten sich nachhaltig auf die weitere Evolution dieser Ordnung aus, wie ich im letzten Unterkapitel am Beispiel der Greifhand erläutert habe.

Hochwertige Nahrung im tropischen Regenwald ist generell rar. Früchte sind zwar energetisch hochwertig, weil sie leicht verdauliche Kohlehydrate enthalten, doch liefern sie vielfach zu wenig Protein. Der Bedarf an Proteinen kann aber durch Blätter gedeckt werden, die dafür wenig Energiegehalt bieten. Es fehlten aber die körperlichen Voraussetzungen, minderwertige pflanzliche Nahrung wie Blätter entsprechend zu nutzen. Die Strategie war, das Verhalten zu verfeinern um zu einer vielfältigen Mischkost zu gelangen. Dabei sind aus Studien heutiger Menschenaffen zwei Möglichkeiten bekannt; eine blättereiche Kost, die langsam verdaut wird, z.B. bei Brüllaffen in etwa 20 Stunden, oder eine fruchtreiche Kost, die mit jungen, leicht verdaulichen Blättern ergänzt wird, die z.B. bei Klammeraffen in nur 4 Stunden den Verdauungstrakt passieren. Die Futterstrategie der Klammeraffen hat auch zu einem komplexeren Sozialverhalten geführt, da das Angebot an Früchten jahreszeitlich schwankt und generell knapp ist. Es werden kleine Trupps gebildet, die manchmal tagelang alleine unterwegs sind, um Nahrungsquellen in einem großen Areal zu nutzen.

Die Herausbildung des den Homo sapiens auszeichnenden komplexen Sozialverhaltens wird mit 80.000 Jahren v. Christus datiert. Es geht aber auf den viel älteren Australopithecus zurück, der die Instinktbasis eines Allesfressers und "sozialen Räubers" auszubildete, die allerdings von der wesentlich längeren Anpassung an die zuvor geschilderte vegetarische Lebensweise im Kronenbereich des Regenwaldes nicht völlig losgelöst betrachtet werden kann. Durch einen langsamen Klimawandel in dem vor etwa zwei Millionen Jahren einsetzenden Pleistozän, das vor etwa 10.000 Jahren endete, entstand in Afrika neuer, offener Lebensraum, während die tropischen Waldregionen zurückgedrängt wurden.

3.1.2.2 Eine kritische Betrachtung der Kulturgeschichte

Vor 2 bis 3 Millionen Jahren kam es zu einer Trennung der heutigen Menschenaffen, von den Vorformen des angesprochenen Australopithecus, der sich auf den offenen Lebensraum zu spezialisieren begann. Die Vorformen der Menschenaffen blieben quasi in den Wäldern zurück. Vom Australopithecus spaltete sich schließlich die Gattung "homo" ab, während gegen Ende des erwähnten Pleistozän die letzen Australopithecus Arten ausstarben. Ich warne allerdings vor der Überbewertung der "Jagd" für diese frühen Lebensgemeinschaften, meist organisiert in Form von Clans bzw. Stämmen (Familienverbände).

Es handelt sich um eine vom Sozialdarwinismus geprägte Fehleinschätzung, welche die gesamte Geschichte der Rekonstruktion menschlicher Vergangenheit begleitet, bzw. entstellt hat [Schneirla49], [Claessens70].

Zur Illustration dieser heiklen Themas möchte ich kurz die Auffassung von Kultur und Kulturgeschichte der Philosophin Elfriede Maria Bonet (geb. 1943) darlegen, die in diesem Abschnitt zitiert wird. Die moderne Kulturgeschichte berücksichtigt, daß die Geschichtsphilosophie selbst eine Geschichte hat. Zunächst wurde versucht, geschichtliche "Bewegungsgesetze" zu formulieren, die sich nicht selten an bestimmten politischen Zielen orientierten, z.B. in der Reformation und im Calvinismus. Sie wurden entweder "linear", "zyklisch" (sich wiederholend) und später auch "dialektisch" (siehe Lexikon) gedacht. Den Anfang machte Giovanni Battista Vico, für den die Geschichte eine Abfolge von Epochen kulturellen Wachstums und Verfalls ist. In der Aufklärung wurde die Geschichte im allgemeinen als der Fortschritt zu einer "vollkommenen bürgerlichen Vereinigung der Menschengattung" (Kant) gesehen. Als der Fortschrittsglaube verblaßte wurden aus dem Erbe Vicos und der Romantik wieder organische Gesetze von Wachstum und Verfall der Kultur formuliert. Spätestens seit Karl Poppers "Das Elend des Historismus" steht die Geschichte mehr oder weniger am Pranger der "wissenschaftlichen Nutzlosigkeit".

Die zeitgenössische Theorie der historischen Erfahrung reicht, wie bereits erwähnt, von der narrativen Geschichtstheorie bis zur analytischen Methode der Moderne [Lüthe87]. Die Gretchenfrage der analytischen Methode lautet "Wem nützt, bzw. dient die Geschichtsschreibung?", oder "was konstruiert / reproduziert sie?". Nach diesem Ausflug in die Theorie möchte ich mich wieder der Geschichte der Menschheit widmen.

3.1.2.3 Vom Australopithecus zum Homo sapiens

Verschiedene Quellen wie die Lebensweise anderer Primaten, die allerdings nur bedingt Rückschlüsse auf den Homo sapiens zulassen, und vor allem der Bau des Gebisses und des menschlichen Verdauungsapparates sowie seiner Enzyme deuten darauf hin, daß die Hauptbestandteile der Nahrung auch bei späteren Entwicklungsstufen pflanzlichen Ursprunges waren, die durch Eiweiß von Insekten, Aas und Eiern ergänzt wurden. Lebende Beute spielte wahrscheinlich auch während der Verbreitung des Homo erectus bis zum Homo sapiens eine untergeordnete Rolle. Sie ist nur in kalten nördlichen Regionen und während der Kälteperiode zum dominanten Nahrungsmittel geworden, zumal es in den Kälteperioden zu großen Wanderbewegungen im Tierreich kam. In der Folge konnten die durch die Flucht aus den Kältezonen zusammengetriebenen Tiere leicht erlegt werden. Der Nahrungswechsel während verschiedener Kälte- und Dürreperioden von vormals vorwiegend pflanzlicher Kost auf Aas und Jagdbeute führte zu Krankheiten und Verdauungsproblemen und damit verbundenen, nachweisbaren Knochendegenerationen. Bei der Sicherung von frühen menschlichen Siedlungsspuren waren Tierknochen, Steinwerkzeuge und Tonscherben ursprünglich die wichtigsten Artefakte zur Einordnung und Rekonstruktion der Funde. Diese Vorgangsweise trug aber auch ihren Teil zu der erwähnten Überbewertung der Jagd bei, da Knochen die Zeit besser überdauern als z.B. Pflanzenreste.

Heute kann durch die direkte Altersbestimmung von Holz und Kohleresten eine Schichte relativ genau datiert werden, so daß die Tierknochenfunde mit einer bestimmten menschlichen Populationsgröße und einem bestimmten Zeitraum in Zusammenhang gebracht werden können. Nur so können die Ernährungsgewohnheiten tatsächlich rekonstruiert werden. Moderne Analyseverfahren von Pflanzenresten, z.B. bei Grabbeigaben, Pollenanalysen und das Wissen um das Klima und die Vegetation lassen weitere Rückschlüsse zu.

Der Australopithecus spaltete sich in mehrere Seitenlinien, die an das später wieder gemäßigt tropische Klima Afrikas angepaßt waren. Solche Seitenlinien waren der Paranthropus und der Homo habilis, beide wiesen ausgeprägte Unterschiede im Körperbau zwischen männlichen und weiblichen Individuen auf. Im Gegensatz dazu gab es beim "Homo", unserer damaligen Seitenlinie kaum geschlechtsspezifische Unterschiede. Vor allem die Fähigkeit, im aufrechten Gang größere Strecken zurückzulegen, sowie eine durch diese Lebensweise gewonnene Unabhängigkeit vom tropischen Klima waren dafür ausschlaggebend, daß sich dieser Typ bald über den nahen Osten in ganz Asien ausbreitete.

Ursprünglich gingen die Anthropologen davon aus, daß zur Zeit der letzten Datierung von Funden des Homo sapiens-Vorfahrens "Australopithecus" vor etwa 1 Million Jahren die erste Ausbreitungswelle von Afrika nach Asien erfolgte. Neuere Studien von Roy Larick und Russell Ciochon [Larick96] zeigen aber, daß es bereits vor 2 Millionen Jahren zu einer Besiedlung Asiens kam. Darauf deutet zum Beispiel die Datierung von einfachen Steinwerkzeugen in Riwat und den Pabbi Hügeln in Pakistan hin, aber auch Funde in vor 1,6- 1,8 Millionen Jahren abgelagerten Sedimenten in Java, Indonesien. Besonders gut einordnen lassen sich etwa 1,9 Millionen Jahre alte fossile Zähne und einfache Steinwerkzeuge aus einer Höhle in der Sichuan Provinz in China, die Longgupo genannt wird. Die Werkzeuge sind mit der selben Technik bearbeitet worden, wie die entsprechenden afrikanischen Gegenstücke.

Allerdings belegen andere Funde, daß es auch vor etwa 1 Million Jahren zu einer weiteren Ausbreitungswelle von Afrika aus kam, die vor allem durch die Verbreitung neuer Steinwerkzeuge mit einer zweiseitig bearbeiteten Klinge rekonstruiert werden konnte. Jüngste Funde stammen aus einer 1997 durchgeführten Expedition in das Karstsystem von Mogok in Burma.

Erste Besiedlungshinweise in Spanien sind etwa 800.000 Jahre alt. Die wesentlich später einsetzende Neandertalerkultur erstreckte sich zum Höhepunkt der letzten Eiszeit vor etwa 120.000 Jahren von Südosteuropa bis Mittelasien. Sie war neben verfeinerten Jagdtechniken vor allem auf pflanzliche Nahrung spezialisiert, soweit die klimatischen Voraussetzungen dazu bestanden. Untersuchungen an 60.000 Jahre alten Neandertalerskeletten aus der irakischen Shanidar Höhle belegen Bestattungsrituale mit Grabbeigaben und Blumenschmuck [Larick96]. Es wird aber leider oft der Fehler gemacht, von regionalen Funden auf eine weltweit verbreitete Kultur zu schließen. Neben Hinweisen auf eine hochentwickelte Nutzung pflanzlicher Nahrung in gemäßigten Regionen gibt es auch Fundstellen in der baumlosen Tundra, die auf eine vorwiegend auf Jagd ausgerichtete Lebensweise hindeuten.

Der Neandertaler wird heute zumindest als Unterart des Homo sapiens angesehen. Funde in Israel haben gemeinsame Behausungen von Neandertalern und den Vorfahren des Homo sapiens zu Tage gebracht. Es ist heute unklar, ob der bereits hoch entwickelte, und anfangs kulturell seinen Konkurrenten weit überlegene Neandertaler in einer Fortpflanzungsgemeinschaft aufging, die z.B. aus genetischen Gründen dessen typische Merkmale wie ausgeprägte Augenwülste zum Verschwinden brachte, oder ob er gemäß der gängigen Lehrmeinung durch Verdrängung zum Aussterben verurteilt war.

Zwei jüngere Zeitdokumente stammen vom Ufer des Euphrats aus der Zeit vor etwa 11.000 Jahren und vom Bosporus als das Sammler und Jäger-Dasein vom Ackerbau abgelöst wurde.

Bevor ich auf die mögliche Entstehung des Ackerbaus näher eingehen werde, möchte ich eine spannende These über die Ausbreitung dieses Kulturguts im Mittelmeerraum skizzieren. Ich zitiere einen Bericht von Hakan Baykal für das Profil vom April 1998. Im Laufe einer russisch-amerikanischen Expedition zur Untersuchung der Spätfolgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl wurden Probebohrungen in den Sedimenten des schwarzen Meers durchgeführt. Bei der Analyse der Bohrkerne konnte festgestellt werden, daß sich die ersten Salzwasserlebewesen, z.B. Muscheln, in einem geologisch sehr kurzem Zeitraum im schwarzen Meer ausgebreitet hatten. Man/frau nimmt deshalb an, daß die Eisschmelze nach der letzten Eiszeit vor etwa 7.500 Jahren (5500 v. Chr.) den Spiegel des Mittelmeeres soweit anhob, daß der natürliche Gebirgsdamm am Bosporus brach. Die Wassermassen ergossen sich in den 150 Meter tieferen Binnensee, dessen Ufer damals bereits dicht besiedelt waren. Die Wasserfläche wurde um etwa 100.000 Quadratkilometer vergrößert. Zahlreiche Überlieferungen der "biblischen Sintflut" bei umliegenden Kulturen, z.B. im babylonischen Gilgamesch Epos bestätigen diese These.

Funde belegen, daß sich das Wissen um den Ackerbau zu dieser Zeit bereits bis zur Ostküste des Mittelmeers verbreitet hatte, während in Mittel- und Westeuropa noch tiefe Steinzeit herrschte. Die Katastrophe löste eine Völkerwanderung nach Mesopotamien aus, wo aber nur ein kleiner Teil der Menschen Aufnahme fand. Die Tragfähigkeit der damaligen Landwirtschaft war begrenzt, und für die einfachen Anbautechniken geeignetes Ackerland war knapp. Mehrere tausend Flüchtlinge wanderten deshalb entlang des Donautals nach Westen bis tief nach Mitteleuropa. Sie brachten Techniken des Ackerbaus sowie Schafe und Ziegen aus eigener Zucht in die Region und leisteten somit unfreiwillig Entwicklungshilfe. Mit im Gepäck war Saat der Nacktgerste und des Einkornweizens. Als 3300 v. Chr. ein vor kurzem entdeckter Bergwanderer am Hauslabjoch ums Leben kam ("Ötzi"), hatte er sich zuvor mit einer Art Brot aus gestampften Einkornweizen gestärkt. Botaniker konnte diese Frucht in seinem tiefgefrorenen Mageninhalt nachweisen.

Der folgende Beitrag über die Weiterentwicklung des Ackerbaus und der Viehzucht an den Ufern des Euphrats stammt aus dem Spektrum der Wissenschaft vom Oktober 1987, die Autoren sind Anthony Legge und Peter Rowley Conwy. Die Besiedlung reicht an einem der genau untersuchten Fundorte bis in die Jungsteinzeit (10.000 v. Chr.) zurück, als der Ackerbau weitgehend unbekannt war. Während eines ganzen Jahrtausends versorgten sich die Siedler durch das Abschlachten von Gazellen, als die Tiere im Frühsommer nach Norden zogen.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 30: Gazellenwanderungen in Jordanien und Syrien (Spektrum der Wissensch. Okt. 87)

Dabei wurden gemauerte Anlagen verwendet, in die Teile der wilden Herden getrieben und an Ort und Stelle geschlachtet wurden. Durch zahlreiche aufwendig recherchierte Funde gelangte man zur Auffassung, daß es im siebenten Jahrtausend zum Aussterben der besagten Gazellenart kam, als die erwähnte Fangmethode im großen Stil im ganzen Nordjordanland angewandt wurde. Dabei konnte an Hand von Knochenfunden festgestellt werden, daß zu dieser Zeit die Bedeutung von domestizierten Ziegen und anderen Haustieren stark zunahm, obwohl Ackerbau und Viehzucht schon viel früher praktiziert wurden.

Ironischerweise muß dadurch vielleicht die Bedeutung des Zweistromlandes als Wiege der menschlichen Zivilisation neu bewertet werden. Nicht das fruchtbare Überschwemmungsgebiet bot ursprünglich die Bedingungen für eine kulturelle Weiterentwicklung, sondern die leicht verfügbare Versorgung mit Gazellenfleisch, die auch durch geologische Besonderheiten gefördert wurde, da die Tiere auf ihren Wanderungen gezwungen waren, zwei relativ eng eingegrenzten Wegen zu folgen.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 30: Kropfgazelle (Gazella subgutturosa), heute in Jordanien ausgestorben (Spektr. d.W)

Bei dieser Gelegenheit möchte ich kurz einen kulturhistorischen Aspekt des Ackerbaus erwähnen, den Maria Bonet folgendermaßen umschreibt: "Das Bezugssystem Mensch und Pflanze ist weiblich dominiert, es kann durch eine Beziehung zu "Ungleichem" umschrieben werden, die im Gegensatz zu dem später angesprochenen Verhältnis zu Wildtieren steht." Die "männliche" Beziehung zu der beseelten Tierwelt ( ... fressen und gefressen werden) wird durch eine "mystische Solidarität" zwischen Mensch und Vegetation ersetzt. Diese Solidarität mit der Pflanzenwelt dient der Aufrechterhaltung eines Fruchtbarkeitszykluses, der für den menschlichen Beobachter wesentlich abstrakter ist, als das Leben und Sterben tierischer Lebewesen. Die Erfolge und Mißerfolge erster Saatversuche müssen den vormaligen Sammlern und Jägern als schwer faßbare Wunder erschienen sein. Da die Nutzpflanze in der Natur fremd ist, erfolgt eine Art "ungerechtfertigter Eingriff" in die Natur, der den Wunsch nach Ausgleich, z.B. durch Opfergaben geweckt haben soll.

Parallel zu dieser kulturellen Weiterentwicklung im Zweistromland wurde die älteste und wichtigste Kulturpflanze, der aus einem tropischen Rispengras gezüchtete Reis unabhängig voneinander in Indien und China kultiviert [Geo11/96]. Die ältesten bekannten Reispflanzenfunde in der "Geisterhöhle" an der thailändisch - burmesischen Grenze wurden auf ein Alter von 12.000 Jahren datiert. Die Eiweiß, Stärke und fetthältige Sojabohne, die keinesfalls ungekocht genossen werden darf, stammt auch aus China, und konnte anfangs wegen ihrer Symbiose mit heimischen stickstoffbindenden Bakterien nicht außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes angebaut werden. Erst im 19. Jahrhundert gelang es, bodenangepaßte Neuzüchtungen in den USA zu verpflanzen [Geo11/96]. Die Hirse hingegen ist eine anspruchslose Getreideart, die auch auf wenig fruchtbaren tropischen Böden gedeiht. Die Vorfahren der heute wichtigsten Getreidesorten Weizen und Gerste stammen aus dem eurasiatischen Raum, Wildformen wurden schon vor etwa 8000 Jahren gesammelt. Die Kultivierung dieser nährstoffreichen Getreidegräser, wie der bereits angesprochene Einkornweizen, sowie stärkehaltiger Wurzelknollen wie Kartoffel, Maniok und Yams machte die dauerhafte Versorgung einer ständig wachsenden Erdbevölkerung möglich [Geo11/96]. Wie bereits erwähnt, hat sich der Gebirgswanderer vom Hauslabjoch ("Ötzi") bereits vor 5300 Jahren von dem aus Eurasien importierten Einkornweizen ernährt, der möglicherweise durch die zuvor geschilderte "Sintflut" am schwarzen Meer in unsere Breiten gelangt ist.

Banane und Kartoffel sind klassische Beispiele kolonialen Pflanzentransfers. Die Banane war ursprünglich nur in Indonesien beheimatet. Arabische Kaufleute brachten die Frucht nach Afrika, wo sie von den Bantu auf den Namen "Banane" getauft wurde. Portugiesen führten die Bananenstaude im 16. Jahrhundert in der Karibik ein, von wo sie sich schnell in ganz Lateinamerika ausbreitete. Durch Bananenplantagen wurden in tropischen Regionen große Flächen des knappen fruchtbaren Bodens zerstört bzw. mit heute in den Industrieländern verbotenen Pflanzenschutzmitteln verseucht.

Die Kartoffel und der Mais stammen aus Südamerika. Kulturmais wurde vor 7000 Jahren aus Wildformen selektiert. Die Kartoffel enthält fast soviel Eiweiß und doppelt soviel Kohlenhydrate (je Flächeneinheit) wie Getreide, wobei allerdings die Blätter und Früchte giftig sind. Sie wurde im 16. Jahrhundert von Spaniern und englischen Sklavenhändlern nach Europa gebracht. Ende des 17. Jahrhunderts besiegte sie den notorischen Hunger in Irland, bis die Kartoffelkrankheit Massenauswanderungen nach Amerika auslöste. Zu Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Frucht auf Anweisung von Friedrich dem II auch in Deutschland und später in ganz Europa etabliert. Diese Kulturpflanzen sowie neue Formen der sozialen Organisation waren die Grundlage für ein neuerliches Bevölkerungswachstum Anfang des 19. Jahrhunderts. Durch Einsatz von chemisch gewonnenen Düngemittel und der maschinellen Bodenbearbeitung und Ernte ermöglichten die Produkte der industriellen Revolution einen neuerlichen Anstieg der Bevölkerung, der längst alle Grenzen der natürlichen ökologischen Tragfähigkeit gesprengt hat. Diese Tragfähigkeit ist vor allem durch die langsame Gesteinsverwitterung begrenzt. Auf diese Weise werden wichtige Nährsalze (Phosphor, Kali) für das Pflanzenwachstum frei, die mit der organischen Fracht der Flüsse ständig ausgetragen werden. Die moderne Landwirtschaft greift auf begrenzte, in Millionen von Jahren konzentrierte Anreicherungen solcher Stoffe zurück, die unter massivem Einsatz von fossilen Energieträgern gewonnen und verteilt werden. Stickstoff wird in einem (fossile) Energie verschlingenden Verfahren aus der Luft gewonnen.

Daß das Wissen um die Grundsätze einer ausgewogenen Ernährung noch nicht sehr alt ist, soll folgende soziale Innovation belegen. Im Winter 1847 erreichte die Arbeitslosigkeit in Folge der Wirtschaftskrise einen neuen Höhepunkt. Die sogenannte "Wirtschaftskrise" müßte korrekt eigentlich "Kapitalvermehrungskrise" genannt werden, siehe 5.2 und 5.3.6. Die große Mehrheit der europäischen Großstadtbevölkerung hatte nichts zu essen. Es wurden sogenannte "Armenküchen" eingerichtet, in denen die "Rumfordsuppe" zubereitet wurde, eine Knochenbrühe mit Wurzelwerk und diversen Beilagen. Kohlehydrate, Eiweiß von Knollenfrüchten und Vitamine aus Pflanzen sind die wichtigsten Nahrungsbestandteile, tierische Fette werden hauptsächlich zur Geschmacksverbesserung eingesetzt. Dieses Rezept geht auf den Physiker Benjamin Rumford zurück, der u.a. ein Kalorimeter und Photometer konstruierte. Er entwickelte auch die Grundlagen für ein umfangreiches Sozialprogramm, das die Grundbedürfnisse einer notleidenden Bevölkerung abdecken sollte. Zuvor war die "Suppe", wie wir sie heute kennen, nicht bekannt. Auch Gewürze, Beilagen, Saucen usw. bereichern die Küche erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts.

3.1.3 Die kulturelle Evolution jenseits des Sozialdarwinismus

Die Jagd spielte meiner Meinung nach in frühen Gesellschaftsformen mehr eine integrierende Rolle als "Gesellschaftsereignis" und kultische Handlung denn als überlebenswichtige Notwendigkeit. So zelebrierten die Stämme der an anderer Stelle erwähnten mongolischen Buriaten [Kropotkin10] eine überregionale Nationalversammlung, die wie bei vielen Gesellschaftsereignissen früher Dorfgemeinschaften aus einer gemeinschaftlichen Jagd bestand, deren Strecke zwischen den Stämmen aufgeteilt wurde. Die Bedeutung dieser Versammlung bestand nur am Rande in der Nahrungsbeschaffung, viel wichtiger war die gegenseitigen Pflege der Kontakte und die daraus gewonnene Stärkung des so gebildeten Bundes aus Stämmen. Auch heute noch gilt das Sprichwort "Die Jagd ist der bewaffnete Umweg zum Wirtshaus".

Als Begründer einer kritischen Sichtweise des Sozialdarwinismus [Schneirla49] gilt Peter Kropotkin, der in seinem bekanntesten Werk von der "gegenseitigen Hilfe" [Kropotkin10] zahlreiche Beispiele aus dem Tierreich zusammengetragen hat, um gegen diese beispiellose Geschichtsverzerrung mit offensichtlichen politischen Motiven anzukämpfen.

Nachdem ich einen weiten Bogen von den frühen Baumbewohnern, Sammlern, Jägern und Ackerbau betreibenden Clans der Frühzeit zu den ersten Hochkulturen gespannt habe, möchte ich das Rad der Zeit noch einmal zurückdrehen. Die geschilderte Entwicklung beruht auf einem bemerkenswerten Phänomen, mit dem wir uns noch näher befassen müssen: der Fähigkeit des homo sapiens zur sozialen Organisation in frühen Clangemeinschaften, ohne die das Sammlerdasein, die Jagd, der Ackerbau und vor allem die rasche Ausbreitung über mehrere Kontinente nicht möglich gewesen wären.

Der Entwicklung des Sozialverhaltens [Claessens70] vorausgegangen ist die Evolution des später von mir postulierten "konstruierten, verinnerlichten Mitweltmodells" [Dem94] sowie eine auf dieses "Denkwerkzeug" zurückführbare Tendenz zur Manipulation von Gegenständen und gezielten Ortswechseln, die über saisonal bedingte Wanderungen hinausgingen.

3.1.3.1 Evolution der Kommunikation - Magie und Informationsverarbeitung

Zunächst wurde ein artspezifisches triebgesteuertes Reiz-Reaktionsschema aus der individuellen Begegnung mit der Natur ausgebildet, das langsam zu einer gemeinsam genutzten Sprache, bzw. Mystik — d.h. magischen Weltdeutung geführt hat, in dem zwischen Reiz und Reaktion ein simuliertes Weltmodell zur Erprobung alternativer Reaktionen eingebettet wurde. D.h. mögliche Reaktionen auf eine Wahrnehmung konnten zunächst im "inneren Weltbild" überprüft werden, bevor sie in die Tat umgesetzt wurden. Unter "Magie" verstehe ich in diesem Zusammenhang die Unabhängigkeit vom unmittelbaren Vorhandensein von wahrnehmbaren Objekten. Dazu dienten zunächst Abbildungen, Tänze oder Wörter als Symbole bzw. Stellvertreter, z.B. für eßbare Früchte oder ein herbeigesehntes Regenereignis. Diese Objekte der Begierde wurden wohl immer wieder vermißt, und sollten mittels der angesprochenen Symbole herbeigerufen werden.

Es handelt sich dabei um einen logischen Fehlschluß, der bereits in der Antike diskutiert wurde. Beim Sprachenlernen werden ähnliche Objekte mit einem Symbol assoziiert. Es handelt sich um eine Kommunikationsübereinkunft innerhalb einer Sprachgemeinschaft, die aber für die angesprochenen Objekte in keiner Weise bindend ist. Deshalb wird ein Symbol für sich niemals das angesprochenen Objekt ersetzen oder gar herbeizaubern können, wenn nicht ein Mitglied der Sprachgemeinschaft dafür sorgt.

Diese magische Entwicklungsstufe durchliefen wir übrigens alle als Kinder. Sie ist gekennzeichnet durch das Lernen von Wörtern und Bildern sowie den damit verbundenen Gegenständen der Erfahrung, ohne daß in dieser so gewonnenen inneren Objektwelt viel über Beziehungen zwischen den Objekten bekannt ist. Auch das Wissen um mögliche und unmögliche Zusammenhänge und Vorgänge ist in dieser Entwicklungsstufe noch marginal. Einmal gelernte Eigenschaften von beobachteten Objekten werden ohne Unterscheidung allen Gegenständen zugeschrieben. Später werden solche Eigenschaften auch nach eigenen Vorstellungen gestaltet, wenn z.B. ein Stofftier zu einem Freund wird, der sogar sprechen kann (vgl. z.B. Calvin & Hobbes). Dies wäre eine befriedigende Interpretation der "Magie" im Sinne des hier vertretenen "erweiterten Materialismus" (5.4.1). Wenn wir uns als Erwachsene etwas "vormachen", unangenehme Erfahrungen verdrängen, usw., so handelt es sich dabei allerdings auch um eine wichtige psychische Funktion, die uns in verfahrenen Situationen vor der totalen Resignation bewahrt. Allerdings kann das "Verdrängen" übertrieben werden — mehr darüber in 1.4.

Der Vorgang der Sprachbildung an sich wurde ebenfalls als magisch empfunden. So war diese Schaffung eines "verinnerlichten Weltmodells" durch den neu gelernten Wortschatz mit einem Machtgewinn über die Umwelt verbunden, weil durch die Möglichkeit der Mitteilung die Gemeinschaft von jeder Beobachtungen eines Gruppenmitglieds profitieren kann — siehe 3.1.2. Zumindest vor dem geistigen Auge nicht unmittelbar wahrnehmbare Objekte ließen sich durch den Gebrauch des Symbols bzw. Wortes "herbeizaubern". Das Einweihen in die Bedeutung eines Symbols bzw. einer symbolischen Handlung wird in der Literatur oft als "Ritual" bezeichnet.

Die folgende Abbildung demonstriert die menschliche Siedlungstätigkeit an Hand von 2 Millionen Jahre alten Funden im östlichen "Rift Valley" (Afrika). Im Vordergrund ist ein Lager in der Nähe wichtiger Ressourcen wie Wasser und Nahrungsmitteln gekennzeichnet.

Aus den Funden kann geschlossen werden, daß sich die Gruppen immer längere Zeit im Umkreis eines solchen Ortes aufhielten. Erst später kam es zu einer erweiterten "Kenntnis" eines größeren Areals, so daß nicht mehr alle lebensnotwendigen Ressourcen an einem Ort konzentriert sein mußten. Die rasche Ausbreitung der Hominiden läßt sich durch das Wandern von einem ergiebigen Ort mit bestimmten Merkmalen, wie z.B. Flußtäler, Hügel usw. zum nächsten, am Horizont sichtbaren Ort erklären. Solche Wanderungen wurden spätestens dann notwendig, wenn das örtliche Nahrungsangebot aufgebraucht war. Für solche Wanderungen ist keine detaillierte Kenntnis über den Weg und die Region notwendig. Viele bis heute erhaltene Verhaltensmuster und Anpassungen sind auf diese Lebensweise zurückzuführen, z.B. der Sehsinn, der genau für die Entfernung einer Tagesreise reicht.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 31: Frühmenschliche Siedlungsstrategien, Wahrnehmung der Umwelt [Larick96]

In den ersten Hochkulturen (Mesopotamien) entstanden um 2500 v. Chr. aus verschiedenen Ursprachen Vorläufer der ersten Zeichenschrift. Das Alphabet solcher Schriftsysteme bestand meist aus vereinfachten Abbildungen von Gegenständen des täglichen Lebens, um das Abzählen von Ernteerträgen und Abgaben zu erleichtern. Das zugrundeliegende Zahlensystem war eine Mischung aus einem additiven- und einem Stellen-System, wie wir es heute kennen. Der Zahlenwert einer zusammengesetzten Zahl ergab sich beim additiven System aus der Summe aller angeschriebenen Stellen, beim Stellensystem muß der Wert jeder Stelle zusätzlich mit einem Faktor multipliziert werden. Mit ihrem Zahlensystem vermochten die Babylonier sogar quadratische Gleichungen zu lösen. Sie kannten auch den pythagoräischen Lehrsatz, alles Hilfsmittel in praktischen Aufgabenstellungen, die sich im Zusammenhang mit der Landvermessung stellten.

Die ersten Formen zwischenmenschlicher Kommunikation sind aber lange vor der Entstehung der ersten Schriftsysteme entwickelt worden. Voraussetzungen waren eine differenzierte Mimik und Gestik, die anfangs wohl eher unbewußt zur Mitteilung von Stimmungen benutzt wurde. Bei Säugetieren, insbesondere bei sozialen Arten war die Mimik des "Gesichtes" von besonderer Bedeutung. So liefert die Blickrichtung verläßliche Informationen über die Aufmerksamkeit des Gegenübers, sie verrät auch, worauf sich das beobachtete Individuum konzentriert. Zusätzliche Muskeln, aber auch auffällige Merkmale wie die farbliche Betonung der Augenbrauen haben im Laufe der Entwicklung diese Urform der sozialen Kommunikation verfeinert.

Es folgte die Ausformung von Laut- und später auch Sprechwerkzeugen. Im Gegensatz zu G. Steiner würde ich den Beginn der "kulturellen Evolution" bereits zu diesem Zeitpunkt lange vor dem Aufkommen einer planmäßigen Landwirtschaft ansetzen, da die genetisch bedingte Erkenntnisvermittlung durch Lernen, Training und spielerische Nachahmung ersetzt und somit extrem beschleunigt wurde.

Jede Art von neu angeeigneten, komplexen Fähigkeiten konnten aber nur, übrigens ganz im Sinne Lamarcks, über eine gemeinsam benutzte Sprache weitergeben werden, denn zur Einprägung in den genetischen Code wären tausendene von Jahren notwendig. Direkt kodiert wurden deshalb meist nur übergeordnete Fähigkeiten und Voraussetzungen, wie die erwähnten Voraussetzungen der Mimik, weiters die beim Homo sapiens gesteigerte Gehirnkapazität sowie eine gewisse "Vorverdrahtung" der Gehirnzellen (vgl. Noam Chomskys "Universalgrammatik" [Chomsky81]) zu assoziativen Feldern und Gehirnzentren. Als Zeichensysteme (siehe 5.4.1) einer solchen Ursprache reichte zunächst die Wahrnehmung einfacher Tätigkeiten bei anderen Gruppenmitgliedern, die durch Nachahmung schließlich verinnerlicht, später eventuell "verstanden", und in den eigenen Erfahrungsschatz aufgenommen werden konnten. Mit "Verstehen" ist hier ein Schritt der funktionalen Abstraktion gemeint, der es erlaubt, in passenden Situationen auf das "verstandene" Verhaltensmuster zurückzugreifen, eine Urform des "Wissens" bzw. der "Information".

3.1.3.2 Entspringt der Geist einer biologischen Maschine, die Informationen verarbeitet?

In der Philosophie geht die Entwicklung, bzw. Bewußtwerdung des Informationsbegriffes Hand in Hand mit der Entstehung der im vorigen Unterkapitel skizzierten evolutionären Erkenntnistheorie, die letztlich dazu führte, kognitive, d.h. geistige Fähigkeiten des Menschen mit naturwissenschaftlichen Methoden zu untersuchen [Chomsky81], vgl. z.B. die Forschungsrichtungen der künstlichen Intelligenz [Russell95], [Dreyfuß72], [Schefe86], [Cruse98] und der Neuropsychologie [Dudel96], [Dorffner91. Ein schwerwiegender Nachteil in diesem Zusammenhang war, daß sich die Philosophie und Biologie zu lange ausschließlich mit der Logik, bzw. dem rationalen Verstand von Organismen beschäftigt hat, weshalb die Fähigkeit der Sinnesorgane, Informationen bereits gezielt zu strukturieren und auszufiltern, lange Zeit unbemerkt geblieben ist.

Darum wurde zur Erklärung geistiger Fähigkeiten bis in die Neuzeit eine metaphysische, unerklärbare bzw. vorgegebene Vernunft angenommen. Erst Immanuel Kant und vor allem Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap gelang es, die Erkenntnisfähigkeit, und eines ihrer Werkzeuge, die Sprache, von der angeborenen, vorgegeben Vernunft zu trennen, und auf ihre Bedeutung für die menschliche Erkenntnis hin zu untersuchen. So überrascht es nicht, daß auch die innere Organisation des Bewußtseins und des Triebapparates lange Zeit verborgen geblieben waren.

Ein eng verwandtes, auch lange Zeit verborgenes Phänomen ist das der "Individualität", siehe 2.3.2.

Auf der Ebene der bewußten Welterfahrung war der "Besitz" des eigenen Körpers die erste intensive "Ich"-Erfahrung. Aber das Denken, das Empfinden wurde ursprünglich eher als eine gemeinsame Existenzweise mit Gruppenmitgliedern und Naturkräften verstanden. Sprachlich organisiertes, bewußtes Denken war ursprünglich ein Gespräch mit anderen. Das selbstversunkene, bewußte Denken kann so als Selbstgespräch in der Abwesenheit von Kommunikationspartnern interpretiert werden. Die Entdeckung dieses "Selbstgesprächspartners" stellt nun die hier angesprochene "Individualität", das "Selbst" dar, zweifellos ein komplexes, psychologisches Phänomen, das eng verwoben mit dem Gebrauch der Sprache ist.

Die Erkenntnis, daß kognitive Fähigkeiten zumindest zu einem großen Teil auf den Gebrauch von Sprache zurückgeführt werden können, war hingegen schon in der Antike bekannt. Das Argument, daß z.B. auch taube Menschen zu Intelligenzleistungen fähig sind, widerlegt übrigens diese These nicht, da sie eine Art "innerer Sprache" benutzen können, auch wenn der Apparat für akustische Lautäußerungen oder Lautwahrnehmungen auf irgendeine Weise beeinträchtigt ist. Es gibt zudem andere Möglichkeiten Sprachelemente zu repräsentieren, z.B. durch Schriftzeichen, Klopfzeichen (vgl. Morsealphabet) und Blindenschrift.

Die wesentlichen Eigenschaften der Sprache als "Manipulationswerkzeug" der erwähnten, simulierten "Mitweltmodelle" (3.1) lassen sich auf wenige geistige Grundfunktionen, wie die Assoziation von (ähnlichen) Formen und Inhalten, die Objektstrukturierung und Operationen zur Reflexion über die Dynamik, bzw. Zeitlichkeit von Ereignissen zurückführen, siehe 3.1.4.2. Zeit- und Logikoperatoren, wie sie schon Turings universelle Formalsprache enthielt [Turing87], sind etwa "Wiederhole etwas solange, bis ...", "Wenn ... dann, ansonsten ...". Wir sehen, auch die deutsche Sprache hat dafür eigene, klar festgelegte Konstrukte. Solche Grundoperationen können neuronal durch "Schleifen" repräsentiert werden, in dem ein Neuronenausgang wieder mit einem Eingang verbunden wird. Auf diese Weise läßt sich auch "assoziatives, selbstlernendes Gedächtnis" verwirklichen, siehe z.B. 3.1.1.3 und [Kohonen84], [Bibbig95].

3.1.3.3 Evolution der Kommunikation - Mathematik

Mit der Entwicklung der Schrift war immer auch die von Zahlensysteme und Rechenmethoden verbunden. Die abstrakte Schrift (im Gegensatz zur Bilderschrift) wurde zunächst zur Dokumentation von zyklischen Himmels- und Weltvorgängen, also zu kultischen und buchhalterischen Zwecken eingesetzt, aber auch zur "Beschwichtigung" bzw. Beschwörung von im Bild bzw. Text "gefangenen" Objekten. Das Wiedererkennen von Entitäten, bzw. Instanzen einer Objektklasse (Äpfel, Hunde ...) bildet die Grundlage aller komplexen kognitiven Fähigkeiten. Damit ist gemeint, daß wir ein bestimmtes Individuum etwa einer Tierart (z.B. Feldhase) zuordnen können, unabhängig davon, welche besonderen Merkmale dieses Individuum aufweist. Denn streng genommen gibt es den "typischen Feldhasen" nicht. Wir können diese wichtige Phase des Wiedererkennens und Einordnens in der Kindesentwicklung beobachten. Ein typischer Stehsatz aus dieser Entwicklungsperiode: "Schau, ein Hase!".

Die "Objektstrukturierung" der Welt zur Wissensaufbereitung wird im Unterkapitel über die Bedeutung der Sprache (4.3.5) behandelt. Eine derartige Abstraktion von Objektklassen ist gleichzeitig die Grundlage des Zahlbegriffes. Als erste Symbole zum Zählen dürften die Finger herangezogen worden sein, die das unmittelbare "Begreifen" des abstrakten Zahlbegriffes erleichtert haben. Als Beleg möchte ich einen 30.000 Jahre alten Knochenfund mit 55 Kerben anführen, die in Fünfergruppen zusammengefaßt worden sind.

Solche Zusammenfassungen in Gruppen beruhen ebenfalls auf der angesprochenen Fähigkeit zur "Klassifikation". Ähnliche Objekte werden durch einen bildhaften Vergleich ihrer Konturen erkannt. Fünfergruppen von Kerben auf einem Knochen sehen z.B. bei zusammengekniffene Augen wie einzelne Kerben aus. Wenn diese Fünfergruppen als übergeordnete Zähleinheiten "abstrahiert werden", reicht es, bloß die Gruppen abzuzählen, und sie mit fünf zu multiplizieren um die Gesamtsumme zu ermitteln, ohne daß dazu jede einzelne Kerbe abgezählt werden muß. Zumindest eine gewisse Idee der Multiplikation müssen wir dazu aber voraussetzen.

Ich werde in 4.3. noch einmal darauf hinweisen, daß es sich bei der Mathematik wie bei anderen Sprachen schlicht und einfach um ein Werkzeug handelt, das seine Bedeutung nur über die praktische Anwendung erfährt. Daß auch höhere Tiere wie Tauben eine eingeschränkte Fähigkeit haben, Anzahlen zu bestimmen, wurde in zahlreichen Versuchen nachgewiesen.

Zur Illustration möchte ich noch einen Fall der Entwicklung komplexer Kommunikationstechniken erläutern. Als das Ägyptische Reich 3000 v. Chr. von König Narmer zu zwei Königreichen zusammengeschlossen wurde, wurde ein neues Zahlen-, Schrift, und Staatssystem geschaffen. Als erste Überlieferung blieb uns eine Bestandsaufnahme dieses Ereignisses über Beute und Gefangene auf einer Prunkkeule erhalten. Das ägyptische Zahlensystem wurde zu Verwaltungszwecken verbessert, und um die vier Grundrechnungsarten erweitert. Wie beim römischen Zahlensystem, das aus politischen Gründen in Europa bis zum 14. Jahrhundert verbreitet war, handelte es sich um ein unpraktisches "additives" Zahlensystem. In einer Bierverrechnung des ägyptischen Hofes fanden Forscher den ersten überlieferten Rechenfehler: natürlich wurde zu wenig angegeben. Die Multiplikation mußte auf die Faktoren 2 und 10 zurückgeführt werden.

Die Null wurde in Indien 600 n. Chr. zusammen mit einer Vorstufe des erwähnten Stellensystems eingeführt, gelangte nach Bagdad, wo dieses System in ein Mathematikbuch aufgenommen wurde, dessen lateinische Übersetzung im 12. Jahrhundert nach Europa gelangte. Zu seiner Verbreitung trug unter anderem das Handelsgeschlecht der Fugger aus Augsburg bei. Das Nullsymbol war unabhängig davon auch bei den Babyloniern und Mayas bekannt.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Geschichte der Mathematik möchte ich die zuvor skizzierte Evolution der menschlichen Kultur, bzw. des "intelligenten Verhaltens" im allgemeinen, wieder aufnehmen.


3.1.4 Evolution der Erkenntnis und Kommunikation

3.1.4.1 Von der Nachahmung zur inneren Repräsentation der Mitwelt und der Sprache

Die auf den ersten Blick vielleicht als primitiv erscheinende kognitive Fähigkeit der "Nachahmung" reicht als Grundlage für wesentlich komplexeres Verhalten, wie ich nun an ein paar Beispielen demonstrieren werde. Wittgenstein hat diesen Vorgang auch als "sinnstiftendes", bzw. pragmatisches Element seines "Sprachspieles" bezeichnet: Um das unmittelbare "Begreifen" einer zu erlernenden Handlung zu veranschaulichen, wird der/die Einzuweisende an der Hand genommen, um gemeinsam die Handlung, die auch ein Kommunikationsakt sein kann, durchzuspielen. Diese Methode ist mit dem in der modernen Pädagogik praktizierten "motorischen Lernen" verwandt. In kulturhistorischen Studien ist auch der Begriff "Ritual" geläufig. Durch das Nachspielen, das unmittelbare Erleben wird die Bedeutung bewußt gemacht. Sie baut aber stets auf bereits Bekanntem auf, denn jede Geste, Handlung, jedes Wort ist Teil eines gemeinsamen kulturellen, und zugleich eines persönlichen Umfeldes.

Verhaltensexperimente bei Meerkatzen haben gezeigt, daß das erwähnte "an der Hand nehmen" eine anspruchsvolle Intelligenzleistung darstellt, die zumindest erfordert, daß der "Lehrer" sich darüber im klaren ist, daß dem "Schüler" das zu vermittelnde Wissen fehlt. Meerkatzen sind zu einer derartigen Einschätzung nicht fähig, übrigens im Gegensatz zu den meisten Menschenaffen.

Zur Nachahmung von Verhalten bedarf es zunächst des eingangs erwähnten "inneren Modells" von körperlichen Bewegungen. Die Körperhaltung muß zunächst von ihrer äußeren Erscheinung (Beobachtung) abstrahiert, und dann auf den eigenen Körper umgelegt werden — ein komplizierter Informationsverarbeitungsprozeß! Ganz ähnlich verhält es sich mit der Deutung von Mimik als Ausdruck verschiedener Stimmungen bzw. Gefühlslagen.

Diese Ursprache bediente sich noch keiner künstlich geschaffener Symbole. Die aus der Analyse einer Körperhaltung gewonnene Repräsentationen im Gehirn des/der NachahmerIn diente als "Zeichen" bzw. Vorlage für eine nachzuahmende Körperhaltung. Wenn diese Haltung dann selbst eingenommen wird, läßt sich daraus die Situation des Anderen unmittelbar erfühlen bzw. direkt nachvollziehen. Auf diese Weise wird die Bedeutung (Semantik) des Zeichens (Syntax) erfahren.

Die immer wieder betonte "völlige Losgelöstheit" von der Wahl eines Symbols und dessen Inhalt muß in diesem Zusammenhang wohl in Frage gestellt werden. Die innere Repräsentation wird meist durch ähnlichkeitserhaltende Abbildungen gewonnen (vgl 5.4.1, und 3.1.1.3 [Kohonen84]). Bekannte Beispiele sind lautmalenden Wörter wie "knurren", deren (morpho-syntaktische) Interpretation durch die Sprechmotorik ähnliche akustische Signale erzeugt, wie die bezeichnete Tätigkeit des Knurrens. So sind z.B. Warnschreie dem natürlichen Verhalten entlehnt, da sie anfangs vielleicht zufällig und unbewußt ausgestoßen wurden, als sich der Körper reflexartig auf eine Flucht einstellte. Solche Laute können aber auch den Verfolger irritieren, andere Gruppenmitglieder warnen bzw. entsprechende Gefühle und Stimmungen vermitteln, und somit die Überlebenschancen verbessern.

Die später angeeignete Fähigkeit, ArtgenossInnen bewußt vor drohenden Gefahren zu warnen, macht Gebrauch von einem verinnerlichten Weltmodell und der darauf aufbauenden Fähigkeit zur Nachahmung und zum Mitgefühl. Wenn z.B. ein Gruppenmitglied aufschreckt, und lautgebend flüchtet, so reicht es, dieses Verhalten nachzuahmen, um sich adäquat zu verhalten. Ebenso verhält es sich mit dem Hinweis auf eine gemeinsam nutzbare Futterquelle. Dazu bedarf es allerdings einer abstrakten Handlung. Der/die Entdeckerin muß zur Gruppe zurückkehren, und die ArtgenossInnen auffordern, zu folgen. Sobald die Aufmerksamkeit der ArtgenossInnen erregt ist, reicht es, wenn der/die FinderIn die Futterquelle noch einmal aufsucht, während die restliche Gruppe bloß dem erwähnten Prinzip der Nachahmung zu folgen braucht, um ebenfalls zu einer Mahlzeit zu gelangen. Als bekanntes Beispiel sei die Honigbiene erwähnt, deren Sprache aber auf einer höheren Stufe der Entwicklung steht.

3.1.4.2 Sprache und Mitweltmodellierung als Überlebensfaktor

Eine Idee, die innerhalb einer sprachlich kommunizierenden Gruppe als vorteilhaft erkannt wird, kann bereits in wenigen Minuten zu Verhaltensänderungen führen! Der offensichtliche Überlebensvorteil des Informationsaustausches mit Hilfe von sprachlich kommunizierten "Objektwelten" leitete die Weiterentwicklung und Verfeinerung von Verhaltensweisen und Kommunikationsformen ein. Die notwendigen Werkzeuge zur Informationsverarbeitung wurden durch gezielte Vergrößerung der zu Grunde liegenden neuronalen Netze (Gehirn) geschaffen. Die theoretischen Grundlagen netzwerkbasierten Lernens sind bereits eingehend untersucht worden, wie das Prinzip zur automatischen Klassifizierung (cluster-forming). Diese Technik der Informationsverarbeitung erlaubt es, ohne eine übergeordnete Steuerinstanz differenzierte "innere Modelle" aus Beobachtungen aufzubauen.

Es ist an dieser Stelle schließlich gelungen, die Realisierung der Grundfunktionen meines in der Einleitung skizzierten kybernetischen Modells des menschlichen Verhaltens zusammen mit weitergehenden evolutionären Vorteilen grob zu skizzieren.

Der grundlegende Vorteil des resultierenden "konstruierten, verinnerlichten Mitweltmodells" erklärt sich aus der Einschätzung zukünftiger Ereignisse, wie etwa die Folgen einer bestimmten Handlung in einer typischen Situation. Dazu reicht eine auf Versuch und Irrtum basierende Simulation von Handlungen in der "verinnerlichten Welt". Die hierbei eingesetzten Verhaltensmuster und der Handlungsantrieb können aus dem bereits bestehenden Triebapparat (Hunger, Geschlechtstrieb ...) entlehnt werden. Der eigentliche Vorteil dieser zwischengeschalteten Simulationsebene liegt nun darin, daß fehlgeschlagene Versuche im miniaturisierten, verinnerlichten "Umweltsimulator" weit weniger Energie und Substanz vergeuden, als bei Lebewesen ohne Reflexionsfähigkeit. Es ist deshalb notwendig, daß die Modellierung gewisse, effiziente Vereinfachungen schafft, deren wichtigste wohl die "Strukturierung" der simulierten Welt in Bündel von stark vereinfachten Eigenschaften ist. Die "Zukunftsprognose" muß nämlich abgeschlossen sein, bevor die Ereignisse eintreten, oder bevor die zugrunde liegenden Informationen veraltet sind. So eine Gruppe von konkreten Eigenschaften wird "Objekt" genannt, wie ich bereits erwähnt habe.

Die Möglichkeit, dieses Weltmodell zur "Nachahmung" und darauf aufbauend zur Kommunikation zu nutzen, dürfte aber erst viel später umgesetzt worden sein. Als Handlungsantrieb in der imaginären Welt kann, wie schon angedeutet, der zuvor für die unmittelbar erfahrbare Welt entwickelte Triebapparat eingesetzt werden. Eine simulierte, triebgesteuerte Handlung, die als nicht zielführend erkannt wurde, muß aber anschließend nicht mehr zwingend ausgeführt werden. Denken kann somit als durch Triebe motiviertes Handeln in einer verinnerlichten Objektwelt charakterisiert werden, dessen Erfolg durch vorgegebene Ziele in einem Versuchs- Irrtumverfahren bewertet wird.

Damit verbunden ist die Ausprägung eines vagen Zeitmodells mit dem Schema von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Denn nur die Wahlmöglichkeit aus verschiedenen Handlungsalternativen erlaubt die Unterscheidung von Gegenwart, dem Augenblick des Überlegens, und der noch offenen Zukunft, die durch eine der überlegten Varianten bestimmt wird, während sich die Vergangenheit dadurch auszeichnet, daß sie aus der Gegenwart des momentanen Überlegens heraus nicht mehr beeinflußt werden kann.

3.1.4.3 Die Rolle der Sprache und Intelligenz in der kulturellen Evolution

Nach diesem Ausflug in die Sprachwissenschaft kann ich die Schilderung der Evolution menschlicher Fähigkeiten fortsetzen.

Auf die erläuterte Differenzierung des Verhaltens durch Nachahmung und sprachliche Begriffbildung folgte die frühgeschichtliche Phase der bereits angesprochenen magisch-animistischen Einheit. Das im verinnerlichten Weltmodell enthaltene Bild vom "Selbst" als lebendiges Wesen wurde auf alle Gegenstände des Lebens übertragen. Alle als eigenständig erkannten Objekte sind als belebt und wie eines der bekannten Lebewesen agierend angesehen worden. Die Segmentierung der Welt in greifbare "Objekte" als Bündel von Attributen, d.h. überprüfbaren Eigenschaften, war einerseits mit der bereits skizzierten Entstehung der Sprache aber auch mit der weiterentwickelten Mustererkennung des auf bewegte Objekte spezialisierten Sehapparates verbunden. Die Bildung eines gemeinsamen "kommunizierten" Weltmodells (5.4.1) war, von einfachen Warnsignalen abgesehen, zunächst mit der Ausbildung symbolisch- magischer Akte verbunden. So führten frühzeitliche, oft schon völlig abstrakte Symbole zur gemeinsamen Bedeutungsbildung und Spracherschaffung im Zuge kultischer Handlungen, auf die ich bereits hingewiesen habe. Die ZeremonienmeisterInnen besorgten die integrierende Rolle der Sammlung und Verteilung von aktuellen und überlieferten Erfahrungen, was ihnen gleichzeitig die nötige "kompetente Autorität" sicherte. Der Erfolg rationaler Schlüsse auf Basis eines adäquaten Umweltmodells etwa für Weissagungen, im Prinzip ident mit dem von mir angesprochenen Überlebensvorteil der "menschlichen Intelligenz" durch die Modellierung der Mitwelt, wurde bis zur Aufklärung dem Kontakt mit überirdischen Mächten zugeschrieben.

Fehlende Einsicht in Zusammenhänge sind durch die auf Erfahrung beruhende, gefühlsmäßige Einschätzung und durch einfache Analogien (fuzzy information) ersetzt worden, die dem bereits bekannten Schema der "Nachahmung" entlehnt sein dürften. Die verwandten Werkzeuge der Assoziation, der Analogie und der Nachahmung gehen auf dazu spezialisierte neuronale Architekturen aller biologischen Gehirne zurück und bilden die Grundlage später aufgekommener Mechanismen zur Verarbeitung komplexer Informationen, wie die Klassifikation der erwähnten Welt-Objekte sowie ihrer Beziehungen und Interaktionen, die wiederum die Grundlage für logische Schlüsse bilden.

Die Weiterentwicklung der gut angepaßten, kleinen autonomen Lebensgemeinschaften der Urzeit beschränkt sich auf die Feinanpassung an die unmittelbaren Lebensräume durch verbesserte, von Generation zu Generation weitergebende relativ einfache Handlungen ohne strenge Arbeitsteilung. Der so gewonnene überindividuelle Erfahrungsschatz wird bei Hegel und Hartmann "Objektiver Geist" genannt. Die Sprache ermöglichte schließlich, sich die gemeinsame Abstammung bewußt zu machen, um den Zusammenhalt größerer Gemeinschaften zu fördern, aber auch um der Inzesthemmung folgend, Verlobungen über Clangrenzen hinweg zu forcieren. Grenzstreitigkeiten, bzw. jede Art von Konflikten konnten erstmals besprochen, und flexiblere Vereinbarungen in allen Lebensbereichen ausgehandelt werden.

3.1.5 Kulturelle Evolution als Evolution gesellschaftlicher Organisationsformen

Die archaische Phase wird schließlich im Zuge der neolithischen Revolution durch eine Zeit erhöhter Arbeitsteilung und seßhafter Lebensweise im Zuge der systematisch betriebenen Landwirtschaft abgelöst. Das durch dichtere Besiedlung hervorgerufene Bedürfnis nach Organisation sowohl in der Gruppe als auch im Lebensraum führte zu den ersten politischen Systemen und Hochkulturen. Dazu sind wahrscheinlich schrittweise religiöse und rituelle Integrationsfaktoren zweckentfremdet (Instrumentalisierung der Religion) worden. Die Rolle der "kompetenten Führung" ist durch Beherrschung bzw. durch die Ausübung einer abstrakten "Macht" abgelöst worden [Duby81]. Größere Gemeinschaftszusammenschlüsse liefen zuvor der ursprünglichen "Fremdablehnung" des Homo sapiens zuwider, die wahrscheinlich immer mit Revierverteidigung verbunden war. Die gemeinsame Sprache löste das revier- bzw. gruppenorientierte Zugehörigkeitsgefühl ab, und leitete eine Entwicklung von zahlreichen Gemeinschaftsformen ein, die im 19. Jahrhundert in der Nation als Abstammungskultur und Sprachgemeinschaft mündeten. Autonome Stadtstaaten wuchsen zu den antiken Großreichen zusammen und vereinigten verschiedene Ethnien. Es kam zur Aufgliederung in den Ökotypus der Agrar- und Stadtgemeinschaft und hierarchisch gegliederte Gesellschaftsstrukturen. Bemerkenswert an der Konstitution von befestigten Dörfern und Märkten zu autonomen Städten im 11. Jahrhundert war die Ausarbeitung von ersten "Stadtverfassungen", die ihre ursprünglichen Selbstbestimmungsrechte bezüglich der Wahl des militärischen Schirmherrn und obersten Richters in städtischen Volksversammlungen absichern konnten. Die Wahl eines militärischen Schirmherrn war aus der Tradition entstanden, eine Kriegerkaste zum Schutz zu bezahlen. Diese Kaste (vgl. "Warlords") trug unter sich relativ eigenständig Konflikte aus, hatte aber dafür zu sorgen, daß der Dorfgemeinschaft und später den Städten kein Schaden zugefügt wird, während die Bewohner lieber ihren Geschäften nachgingen.

Die geschichtlichen Ereignisse aber nur nach den Kämpfen dieser Schirmherren beurteilen zu wollen, würde bedeuten, etwas außerhalb der Gesellschaft stehende Abenteurer, die bald hier, bald dort kämpften, und wohl von Zeit zu Zeit auch die eigenen Geldgeber ausplünderten, als wichtigste Akteure zu betrachten. Zu den Unglück und Ausbeutung verbreitenden Hauptakteuren der Zeitgeschichte konnten sich die Feudalherren aber erst in der Blüte des Feudalismus [Duby81] erheben, als die Bauern ihren lange nach der Auferlegung der Fronarbeit noch beibehaltenen Besitz von Grund und Gemeingut sowie die eigene Gerichtsbarkeit endgültig verloren. Ich werde zu diesen gravierenden Veränderungen etwas später auch noch ökologische Überlegungen anstellen. Bemerkenswert ist weiters, daß zahlreiche Bischöfe, Äbte und Mönche als Schirmherrn und Richter gewählt wurden, die später oft zu Stadtheiligen erhoben worden sind, was die später geäußerte These von der "Instrumentalisierung der Religion" illustriert.

In jungen aufstrebenden Städten bemühten sich die Volksversammlungen, den innerhalb der Stadtmauern bewahrten Frieden auf die Adeligen auszudehnen, um die ständigen Familienfehden mit dem sogenannten "Gottesfrieden" zu beenden. Häufig wurden die Schirmherren von der Volksversammlung wieder abgewählt, Zeugnisse davon gibt es in ganz Europa. Von der Frühzeit bis heute reicht die Weiterentwicklung der Gilden, Zünfte und Brüderschaften, die durch eine gemeinsamen Lehre, Tätigkeit und einen Beruf miteinander verbunden waren. Auf diese Weise konnte die sorgsame Weitergabe von über Jahrtausende hinweg gesammeltem Wissen garantiert werden. In der antiken und später der mittelalterlichen Stadt konnte sich das Handwerk durch derartige Verbindungen in eigenen Vierteln etablieren, während außerhalb des Stadtkerns die bäuerliche Bevölkerung die Aufgabe der Versorgung übernahm — eine bei allen Kulturen, z.B. auch dem Ägyptischen Reich durchlaufene Phase.

3.1.5.1 Industrielle Revolution, Ökonomisierung, Sozialdarwinismus, das 3. Reich

Die Einführung nachhaltigerer Wirtschaftsformen wie die Dreifelderwirtschaft und Viehzüchtung mit relativ geschlossenem Nährstoff- und Düngerkreislauf (siehe auch 3.1.2.1, Kulturpflanzen) setzte eine Begrenzung der Abgaben an die Grundbesitzer voraus [Lipietz97]. Ich habe im letzten Unterkapitel erwähnt, daß die Bauern schließlich ihren lange nach der Auferlegung der Fronarbeit noch beibehaltenen Besitz von Grund und Gemeingut sowie die eigene Gerichtsbarkeit endgültig verloren. Ein Grund dafür war, daß jemand, der zusätzliche Arbeit in die Verbesserung des Bodens investiert, auch eine Art Nutzungsrecht einfordern wird, weshalb die letzten Reste des Grundes der Dorfgemeinschaft in dieser Zeit von den reichsten Bauern bzw. den Grundherren übernommen worden sind. Damit sind bereits die Weichen in Richtung Frühkapitalismus gestellt worden, denn die vom Gemeinschaftsgrund abhängigen Kleinbauern bildeten sowohl am Land als auch in der Stadt ein Heer von mittellosen Arbeitskräften, die bei reichen Bauern, Grundherren, Händlern und Handwerkern in ein menschenunwürdiges Arbeitsverhältnis gezwungen wurden. Anderseits erhöhte diese Arbeitsteilung die Produktivität. Die Bauern schufen vermehrten "Überschuß", von dem sie aber kaum profitierten.

Die sozialen Konsequenzen waren der Übergang von der Naturalrente zur Pachtwirtschaft. Eine Entwicklung, die übrigens als Reaktion auf eine große Krise im 13. Jahrhundert gesehen werden kann. Eine bereits beachtliche Bevölkerungsdichte und enorme Ausgaben für ständig aufflackernde Kriege hat die Belastbarkeit der Äcker durch die zuvor praktizierte Bewirtschaftung plötzlich überfordert. Europa verlor durch Hungersnöte und eine dadurch begünstigte Pestepidemie etwa die Hälfte der Bevölkerung, der vorige Stand wurde erst zwei Jahrhunderte später wieder erreicht.

Vor dieser "Agrarreform" kam es durch weiterentwickelte Fertigkeiten im Holz- und Bergbau zu beträchtlichen Umweltzerstörungen durch Rodungen und Bewässerung mit anschließender Versalzung. Weitreichenden Folgen waren Völkerwanderungen wie z.B. während der Verkarstung der Mittelmeerraumes und der Versteppung Nordafrikas. Einhergehend mit einer Verbesserung der Wissensaufbereitung durch Schrift, Bibliotheken und später dem Buchdruck lösten sogenannte "männliche Tugenden" wie Gewalt, Raub, Aggressivität und Machtstreben allmählich die weiblichen Tugenden der Frühzeit wie Achtung, Freundschaft und Handel zum gegenseitigen Nutzen ab [Wehrt96].

Die bis zum späten Mittelalter auf dem Rücken der Bauern ausgetragenen Fehden der Feudalherren und ganzer Städte untereinander, verschafften gegen Ende des 15. Jahrhunderts neuen Staatsformen die notwendige Rückendeckung, um die Macht der Städte zurückzudrängen. Die ländliche Bevölkerung unterstützte diese Bestrebungen, da man/frau auf eine bis zu einem gewissen Grad tatsächlich eingetreten Stabilisierung der Lage hoffte. Mit dem langsam einsetzenden Ende des Feudalismus vom 16. bis zum 18. Jahrhunderts kam es auch zu einer drastischen Änderung des Konsumverhaltens. Während zuvor nur die Konsumgüter gekauft, bzw. angefertigt werden konnten, die auf Grund der gesellschaftlichen Stellung zugestanden wurden, und bis auf die Oberschicht ausschließlich zur Erfüllung der zugeteilten gesellschaftlichen Aufgabe dienten, konnten nun immer mehr Menschen Güter kaufen, die bis dahin dem Adel vorbehalten waren. Auf diesen Wurzeln fußt das heute immer noch ungebrochene Prestige vom "Besitz" bestimmter Konsumgüter, siehe auch 1.1.1.7.

In dieser entspannten ökonomischen Situation gedieh der Humanismus der Renaissance als "Blüte des religiösen Geistes". Die Idee der Menschenwürde, der Gedanken, daß die Menschheit eine Einheit bildet, die zu einer universalen politischen und religiösen Einheit führen könnte, fand darin uneingeschränkten Ausdruck [Fromm76].

Doch die folgenden, von Kropotkin treffend als "Militärstaat" (nach Steiner: "Industriestaat") charakterisierte Herrschaftsform begann bald gezielt autonome, gemeinschaftlich organisierte Institutionen zu zerschlagen, wie die freien Städte, die Volksversammlungen und die Zünfte, Garanten für Jahrtausende andauernden relativen Wohlstand und Entfaltungsmöglichkeiten zumindest eines größeren Teils der Bevölkerung. [Kropotkin10]: "Der Staat alleine und die Staatskirche dürfe sich um öffentliche Angelegenheiten kümmern, während die Untertanen lose Haufen von Individuen vorstellen müssen, die keine Verbindung untereinander haben, und verpflichtet sind, wenn sie eine gemeinsame Not haben, sich an die Regierung zu wenden."

Die ursprüngliche Tendenz zum ganzheitlichen Verstehen wird durch eine immer zerstückeltere, auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtete Sichtweise der Lebenswelt abgelöst, die selbst zum "Ressourcenpotential" degradiert wurde. Auf diesem Boden "wächst die Kraft der Ökonomie" heran, der Steiner eine technisch-industrielle und wissenschaftlich- technische Phase voranstellt, die durch Weiterentwicklungen im Bereich der Metallurgie, Mechanik und Montanistik sowie der Nutzbarmachung fossiler Energieträger durch die Dampfmaschine geprägt waren.

Mit der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts erlebte der Humanismus eine weitere Blüte, sie kann als Aufstand gegen die geistige Vorherrschaft bzw. Dogmatik der katholischen Kirche und die Bestrebungen des Bürgertums zur ökonomische Unabhängigkeit umschrieben werden. Schließlich durchdrang der Geist der "Ökonomisierung" auch den Humanismus.

Die Wurzeln des Industrialismus liegen wohl in der vom "Militärstaat" benötigten Rüstung, die einen unersättlichen Bedarf an Massengütern garantierte. Ähnlich dem Übergang von der archaischen Phase zum Absolutismus, durch den Mißbrauch des integrierenden religiösen Faktors, und seiner Umgestaltung zur politischen Machtentfaltung, wird die politische Macht zur Zeit des Frühkapitalismus als "Ordnungsdienstleistung für wirtschaftliche Interessen" mißbraucht.

Die wesentlichen Elemente der "Religion des Industriezeitalters" beschreibt Erich Fromm folgendermaßen: Angst vor der männlichen Autorität und Unterwerfung unter diese, Heranzüchtung von Schuldgefühlen bei Ungehorsam, Auflösung der Bande menschlicher Solidarität durch die Vorherrschaft des Eigennutzes. Heilig sind die Arbeit, das Eigentum, der Profit und die Macht. Durch die Umwandlung des Christentums in eine rein patriarchische Religion war es möglich, die Religion des Industriezeitalters in christliche Terminologie zu kleiden.

Im 18. und 19. Jahrhundert führte der unter den genannten Rahmenbedingungen zur Blüte gelangte Manchesterkapitalismus, aber auch die Politik der Restauration und des Imperialismus zu einer vielfältigen radikalen humanistischen Gegenbewegung, die im Zeitalter der Plutokratie zahlreiche Alternativen erdachte und erprobte. Eine Allianz von "Hygienikern" und "Gewerkschaftern" setzte sich von 1840 bis 1920 mit dem Verbot der Kinderarbeit, der Begrenzung der Arbeitszeit und im Kampf gegen die lebensgefährdenden Elendsquartiere durch [Lipietz97]. In den Jahren zwischen 1930 und 1950 ging es um die Garantie des Staates, nicht nur überleben zu können, sondern auch "viel zu Konsumieren" im Sinne des fordistischen Modells, das letztlich nicht aus Menschenliebe forciert wurde, sondern als Antwort auf eine neue Krise der "Ökonomisierung" gedacht war: das zur Neige gehende Potential der "Verbraucher" wurde ausgeweitet [Lipietz97]. Dieser Lösungsversuch hat schließlich zur ökologisch-ökonomischen Krise des 21. Jahrhunderts geführt, ohne den ursprünglichen Problemen des Kapitalismus mit einer langfristig erfolgversprechenden Strategie zu begegnen, siehe z.B. 5.3.

Zur selben Zeit trieb der Wahn der "Ökonomisierung" auch andere, noch grausame Blüten, die in 2. Weltkriegen gipfelten. Diese Entwicklung kann als logische Fortsetzung des entmenschten Nutzungsdenkens und des Glaubens an die Allmacht der Naturwissenschaften in den Bereichen der Technik, der Biologie, Soziologie und der Ökonomie umschrieben werden. Für diese Strömung wurde von ihren Gegnern der Begriff des "Sozialdarwinismus" eingeführt, der gesellschaftliche Kommunikation auf das Recht des Stärkeren im Kampf ums Überleben reduziert. Diese Strömung resultierte in Deutschland und den vereinigten Staaten aus der Verknüpfung des zeitgeistigen Rassismus mit dem politischen Germanismus des 19. Jahrhunderts [Wolfram96]. Der "Germanismus" wurde beschworen, um mit einer verbindenden Ursprungssage im preußisch wilhelminischen Reich den uneinheitlichen Bevölkerungsgruppen Zusammenhalt und Nationalstolz zu geben [Wolfram96].

Der Mythos vom "Germanismus" war aber schon zuvor von den Römern genährt worden, die im gepflegten Unverständnis einer Weltmacht für alle bewaffneten Völkern an der Nordgrenze den Sammelnamen "Germanen" prägten. Tatsächlich teilten diese Gruppen wenig Gemeinsamkeiten, und hätten von sich aus kaum das römische Reich demontieren können, wenn dieses nicht ohnehin von innen her auseinandergebrochen wäre. Auch die angebliche Erneuerung durch das "römisch-germanische Reich" Karls dem Großen (800 n. Chr.) war mehr eine Rekonstruktion der Verbindungen und politischen Verhältnisse des westlichen Römerreiches, als eine "germanische Großtat" [Wolfram96].

Ein anderer Aspekt der nationalsozialistischen Ideologie ist ein raffiniert entstelltes Rechtsverständnis. Wolfgang Gröger hat sich mit Ernst Fraenkels Buch "Der Doppelstaat" auseinandergesetzt, das penibel die schrittweise Verwandlung eines "Rechtsstaates" in ein Willkürsystem aufzeigt. Es handelt sich um eine gute Illustration der in 5.5.3 vorgestellten drei Sphären des geistigen, politischen und ökonomischen Lebens, die in diesem System willkürlich vermischt und dadurch pervertiert wurden.

Die Herrschaft des Rechtes und der Rechtsstaat wurden schon lange vor Kriegsbeginn oder einer Notsituation von den Nazis abgeschafft, d.h. das Prinzip der "Gleichheit" ist mit einer Ausnahme für das Großkapital aus dem politischen Bereich verbannt worden. In einer Art Koexistenz von Recht (Normenstaat) und Unrecht (Maßnahmenstaat) wurde in Teilbereichen wie der Wirtschaft das Recht aufrechterhalten während in anderen Bereichen totale Barbarei, Willkür und Rechtlosigkeit bestand. Ernst Fraenkel nennt diese Konstruktion "Doppelstaat", in dem praktisch alle gesellschaftlichen Sphären nachteilig vermischt wurden. Während das Prinzip der Gleichheit wie erwähnt aus dem politischen Bereich verbannt wurde, wurde das Geistesleben damit vergewaltigt, d.h. ein Einparteienstaat mit gleichschaltender Propaganda in allen Kulturbereichen eingerichtet. Dabei wäre für diesen Bereich nur das Prinzip der "Vielfalt" förderlich.

Die natürlichen Gegenpole des politischen und geistlichen/privaten Bereiches sind andererseits, wie bereits erläutert, jeglicher Korrekturmöglichkeit beraubt worden. In späteren Phasen, d.h. nach Beginn des 2.Weltkrieges wurden der Industrie vermehrt Rohstoffe und beinahe kostenlose Arbeitskräfte, wie zum Beispiel KZ-Häftlinge zugeführt. Man denke hier nur an die IG-Farben und den Verband der deutschen Großchemie, die eigene Fabriken und Werke bzw. Außenstellen in den KZs errichten ließen. Für den Bau einer großchemischen Anlage (Treibstoffe, Lösungsmittel, Farben, ...) in Auschwitz wurden bis zu 5000 eigens ausgewählte Häftlinge in umliegenden Lagern stationiert, die nach der Vernichtung ihrer Arbeitskraft durch Überanstrengung und Unterernährung nach Birkenau geschickt wurden, ein Weg ohne Wiederkehr. Wie einleuchtend diese "wirtschaftlichen Notwendigkeiten" offensichtlich für die Mehrheit der Wehrmachtssoldaten war, zeigt [Beckermann98]. Unter den Betrieben der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Chemie war auch der Hersteller des hochgiftigen Insektenvertilgungsmittels Zyklon-B, das in den besagten Lagern zur Massentötung von Menschen eingesetzt wurde.

Auch beim Bau des seinerzeit "größten Wasserkraftwerkes der Welt" am Dnjepr, einem sozialistischen Prestigeprojekt, wurden Strafgefangene eingesetzt. Beim Bau einer Wasserstraße sollen im Winter 1931 etwa 100.000 Männer ums Leben gekommen sein.

 

3.1.5.2 Die kulturelle Evolution als Fehlentwicklung?

Interessanterweise kann diese Entwicklung auch durch einen Trend in den zugrundeliegenden Prozessen der Informationsverarbeitung charakterisiert werden: Jede einschneidende Stufe der Veränderung war mit einer Vereinfachung des Weltverstehens und einer Verkomplizierung der Weltkontrolle verbunden. Diese Entwicklung gipfelt in der Plutokratie, der Weltherrschaft des Geldes, wobei eine einzige Maßeinheit, nämlich der Geldwert, als Beurteilungsqualität herangezogen wird, während die archaisch- animistische Welterfahrung sich auf sehr einfache Kontrollstrukturen, dafür aber auf komplexes, ganzheitlich- gefühlsbetontes Erleben mit einer Fülle von Qualitäten stützte. Die Kontrollstrukturen der Plutokratie hingegen haben einen die menschlichen Fähigkeiten auf lächerliche Weise überfordernden Umfang angenommen, daß z.B. im Zuge der EU-Gesetzgebung ein Teil neu in Kraft getretener Gesetze nicht einmal mehr in der gängigen Landessprache veröffentlicht werden kann. Der enorme Kontrollaufwand über lebenswichtige Prozesse läßt sich z.B. durch die Abhängigkeit einer einer stark besiedelten Region von der Stromversorgung veranschaulichen. Eine kluge Person hat einmal treffend gesagt: "Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum".

Stellt man/frau nun die aus der Welt gewonnene, in eine einzige Maßzahl des ökonomischen Kosten/Nutzenverhältnisses umgeformte Information des Geldwertes (Profits) dem gigantischen Kontrollaufwand der umstrukturierten modernen Lebenswelt gegenüber, wird klar, daß die Lebensvorgänge immer mehr vom Zufall, jedenfalls aber keineswegs mehr zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft gesteuert werden. Während früher der langsame genetische Evolutionsprozeß eine Anpassung, und somit Verbesserung der Lebensgrundlagen garantierte, kann die von Steiner als "Fehlevolution" bezeichnete jüngste Entwicklung für nichts garantieren, außer eine anwachsende Destabilisierung, da eine Vielzahl autonomer Regelkreise, die vormals eine große Informationsmenge berücksichtigten, durch eine immer kleinere Zahl immer weniger Information berücksichtigende Kontrollstrukturen abgelöst wird, ohne daß sich die Komplexität des gesamten Systems verringert hätte.

So entgleiten die Kriege immer mehr ihren Verursachern - den Militärs und Politikern, die Integration von ganz Europa den Eurokraten, Handelsstrukturen den Wirtschaftsmanagern, Pkw- und LKW-Ströme den Verkehrsplanern und -bürokraten, Wohnviertel den lokalen Behörden, Waldschäden den Forstleuten [Reichl95]. Der US Historiker Alfred Friendly beschreibt den Untergang der UdSSR als "Öko-Kollaps". Etwa die Hälfte der einst landwirtschaftlich nutzbaren Gebiete sind heute unfruchtbar. Durch die Umleitung von Flüssen ist der Aralsee, eines der größten Süßwasserreservoirs, bereits zur Hälfte ausgetrocknet. Ganze Landstriche sind chemisch und atomar verseucht. Viele aus dem Boden gestampfte Industriezentren von einst, für die diese Opfer gebracht wurden, stehen heute leer.

Dieser Prozeß wurde von Behrendt und Egger als "Normregression" bezeichnet, wobei sich immer instabilere, der Beliebigkeit ausgelieferte soziale Kontrollstrukturen durchsetzen, wie die erwähnte Instrumentalisierung der Religion und Politik. Karl Marx hat die ökonomische Herrschaft so umschrieben: "Die moderne (Anm.: kapitalistische) Staatsgewalt hat an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung offene, unverschämte, direkte dürre Ausbeutung gesetzt". Auch Max Stirner warnte vor der "ökonomisierten Gesellschaft" [Stirner81], in der zwischenmenschlicher Kontakt nur mehr im Austausch von bewerteten Waren und Informationen über Waren besteht.

3.1.5.3 Faktoren der Destabilisierung und ein Blick in die Zukunft

Die Gesetze der Ökonomie beinhalten aber noch andere Faktoren, die zur Instabilität führen — sowohl die Ressourceneffizienz, die etwas subtilere Produktionsmengen- und Produkteffizienz erzwingen ständig höhere Umsätze, um steigende Kapitalkosten für immer komplexere Neuentwicklungen abdecken zu können, mehr darüber in 5.2.1. Kurt Egger führt noch das von Lübbe untersuchte Problem der Entfremdung an, da sich die Innovationen zu schnell häufen, und so Selektion und Gewöhnung vereiteln.

3.2Philosophiegeschichte — Überblick und Auszug: Moderne und Postmoderne

Aus Platzmangel konnte dieses Kapitel aus dem vollständigen Manuskript nicht in die vorliegende Diplomarbeit übernommen werden. Ich gebe deshalb nur einen Überblick über die wichtigsten Themen und Persönlichkeiten, die meine Arbeit beeinflußt haben.

 

Philosophiegeschichte: Mensch und Umwelt in der Antike:

Altchinesische Philosophie und Parallelen zum Stoizismus

Wurzeln des indischen Theismus

Das griechischen Gottes- Welt- und Menschenbild

Die Geburt der klassischen Naturphilosophie

Das griechische Gottesbild

Die ethische Grundfrage im Altertum

Thales, Heraklit, Parmenides (zw. 600 - 400 v. Chr.)

Sokrates, Platon, Aristoteles und die paradoxe Logik

Sokrates 469 - 399 v.Chr. (St 2a)

Die Sokratiker - Platon 428 - 347 v. Chr. (St 1a)

Aristoteles 384 - 321 v. Chr. (St 1a)

 

Philosophiegeschichte: Mensch und Umwelt im Mittelalter:

Augustinus 500 n. Chr.

Thomas von Aquin

Eine kritische Betrachtung der christlichen Weltbildes:

Die gnadenlosen Folgen des Christentums

Ungehorsamsgeschichte des Christentums

 

Philosophiegeschichte: Mensch und Umwelt in der Aufklärung:

Vorboten der Aufklärung

Johannes Gutenberg, 1357-1468

Francis Bacon, 1561-1626 (St-2a,b)

Rene Descartes, 1596-1650 (St-2b)

Der kartesianische Dualismus

Gottfried Wilhelm Leibnitz 1646-1716 (St-2a,b)

Vorboten und Vertreter der Aufklärung in England

Thomas Hobbes 1588-1679 (St-2a)

David Hume (St-1b)

John Locke 1632-1704 (St-2b)

Aufklärung in Frankreich

Charles de Montesquieu 1689-1755 (St-2b)

Voltaire 1694- 1778 (St-2a,b)

Jean Jaques Rousseau 1712-1778 (St-2b)

Aufklärung im deutschen Sprachraum

Immanuel Kant (St-2b)

 

 

Philosophiegeschichte: Mensch und Umwelt in der Moderne:

Vordenker der Umweltbewegung

Jakob von Uexküll (St-2a,b)

Ludwig Klages 1872-1956 (St-2a,b)

Franz Xaver Mayr (St-2a,b)

Romantik, deutscher Idealismus und Glaubensphilosophie

Johann Gottlieb Fichte 1762-1814 (St-2a)

Georg Friedrich Hegel, 1770-1831 (St-2a)

Friedrich Nietzsche, 1844 -1900 (St-1a)

Positivismus, Materialismus und Pragmatismus

John Stuart Mill 1806-1873, (Positivismus, St-2b)

Charles Darwin, 1809-1882 (St-2b)

Ernst Haeckel 1834-1919 (St-2a,b)

Karl Marx 1818-1883 (Dialektischer Materialismus St-2a,b)

Charles Peirce 1839-1914 (Pragmatismus, St-2 a,b)

William James -1910 (Pragmatismus, Utilitarismus, Pluralismus, St-2a,b)

Frühsozialismus, Anarchismus, konsequenter Humanismus

Meister Eckhart 1260-1327 (St-1b)

Benedict de Spinoza 1600

Max Stirner, 1806-1856 (St-3)

Pierre Joseph Proudhon, 1809-1865 (St-3)

L. Tolstoi, 1828-1910 (St-3)

Silvio Gesell, 1862-1930 (St-3)

Peter Kropotkin, 1842-1921 (St-2b)

Michael Bakunin (St-2b)

Pierre Ramus -1942 (St-3)

Moderne Metaphysik

Alfred North Whitehead (St-2b)

Nicolai Hartmann (Moderne Metaphysik, St-3)

Existentialismus

Soren Kierkegaard (Existentialismus, St-2b)

Jean Paul Satre 1905-1980 (Fr. Existentialismus, St-2b)

Simone de Beauvoir-(Feminismus, St-2b)

Neupositivismus und die klassische Moderne

Rudolf Carnap (Wiener Kreis, St-2b)

Paul K. Feyerabend (St-2b)

Karl Raimund Popper 1902 (Diskursethik, St-3)

Ludwig Wittgenstein 1889-1951 (St-2b)

Jürgen Habermas (St-2b)

Paul Watzlawick 1921, Heinz von Foerster 1911 (Konstruktivismus St-3)

Niklas Luhmann, Von Glaserfeld (Konstruktivismus, soziale Systemtheorie St-3)

Erwin Schrödinger (St-2b)

Alan Turing (Informatik, Komplexitätstheorie St-2)

Ethik und Kritik in der Moderne

Arthur Schopenhauer 1788-1860

Albert Schweitzer, 1875 -1965, (St-3)

Rachel Carson (St-2b)

Günter Altner (St-3)

Johannes Ude, 1874-1965 (St-3)

Friedrich Schorlemmer (St-3)

Leopold Kohr (St-3)

Ivan Illich (St-3)

Hans Jonas (St-3)

Hans Küng (St-3)

Max Weber (St-2b,3)

Erich Fromm 1900 - 1980 (St-3)

Georg Picht (St-3)

Hans Pestalozzi (St-3)

Alexander Langer (St-3)

Noam Chomsky 1928 (St-3)

Ulrich von Weizsäcker (St-3)

Amory Lovins (St-3)

 

Da heute nur eine kleine Minderheit in die jüngsten Entwicklungen der Philosophie eingeweiht ist, habe ich in der Folge die für das Verständnis dieser Arbeit wichtigsten Strömungen kurz charakterisiert.

3.2.1 Philosophiegeschichte: Mensch und Umwelt in der Aufklärung

Die Weltanschauung der Aufklärung verband den Rationalismus und Empirismus mit den Erkenntnissen der aufkommenden Naturwissenschaften. Sie wurde von Kant als die Aufforderung charakterisiert, den Verstand zu gebrauchen, wobei er auf die mittelalterliche Mystik und ihren Hang zu Denk- und Handelsver- und Geboten anspielte. Charakteristisch war etwa die Disziplin der "Anatomie" als neue Errungenschaft dieser Denkweise, die Achtung vor den Toten wurde überwunden. Was mit neuem Wissen in der Medizin und anderen Fachrichtungen durch die analytische Vorgangsweise gewonnen wurde, ging gleichzeitig an Harmonie in der menschlichen Gefühlswelt verloren. Einerseits wurde von dieser Bewegung das mechanistische Weltbild propagiert, und die Willensfreiheit abgestritten, anderseits führte sie zur Abschaffung der "Tortur" (eine Art Gerichtsverfahren durch Folter), zu einer "Befreiung des Geistes", zu neuen, pluralistischeren Staatstheorien und einer Rückbesinnung auf die Natur.

Eine für den deutschen Sprachraum bedeutende Entwicklung war eine Welle von Zeitungsneugründungen nach dem Ende der Zensur und Meinungskontrolle in der Metternich-Ära in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Diese umfaßten sowohl Blätter der Arbeiterbewegung, als auch solche des Bürgertums und von katholischen Pressevereinen und sorgten für eine Belebung der geistigen Auseinandersetzungen.

3.2.2 Positivismus, Materialismus und Pragmatismus

Die Idee einer universalen Entwicklung lag Mitte des 19. Jahrhunderts ständig in der Luft und gipfelte schließlich in einer modernen, universellen Evolutionstheorie (3.1). Während die Empiristen Mill, Hume und Locke die gemeinsamen Wurzeln in der Psychologie verankert sahen, stützten sich zuvor Newton, Descartes und Leibnitz auf die Mathematik, zur Zeit Nietzsches und Darwins wurde die Biologie zum bestimmenden Faktor, während mit Marx eine beinahe ununterbrochene Vorherrschaft der Physik und Ökonomie einsetzte, der sich sogar Freud verpflichtet fühlte [Störig92]. Das Auftreten und die Verbreitung der Entwicklungslehre in der Form, die Darwin ihr gab, kann als das wichtigste Ereignis in der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts angesehen werden.

Die positivistische Sichtweise beruht ohne Zweifel auf einem gefährlichen wissenschaftlichen Totalitarismus (siehe 4.3.), der ohne Unterstützung von Seiten der Mathematik, Physik, Biologie und Psychologie und letztlich der Ökonomie, der "Physik der Sozialwissenschaften" undenkbar wäre [Lecourt97]. Ich habe im dritten Abschnitt den Einfluß der Kybernetik auf die Biologie angedeutet, während die Psychologie im Behaviorismus und der Gestalttheorie Mitte des 19. Jahrhunderts die vormals führende Rolle der Philosophie bzw. Naturphilosophie übernahm und derartigen Spekulationen weiteren Vorschub leistete. Wenn z.B. das Verstehen einer Botschaft heißt, effizient auf diese Botschaft zu reagieren, läßt sich das sowohl vom Menschen als auch von einer Maschine sagen.

Der Name "Positivismus" rührt daher, daß nur das empirisch Beobachtbare, das "Positive" Gegenstand einer Wissenschaft sein kann [Comte44]. Diese Vorstellung beruht auf dem Trugschluß einer direkt erfaßbaren, objektiven Wirklichkeit, der heute als widerlegt gilt. Als ein Beispiel für die Beschränkung dieses Ansatzes sei eine "Sackgasse der Biologie" in den 60er Jahren genannt, die im Dogma mündete, daß sich der ganze Organismus von einem genetischen Programm ableiten läßt, so daß es reicht, das Programm zu starten, damit von Anfang bis zum Ende alles abgespielt wird, wie es festgelegt wurde [Lecourt97]. Dies entspricht der Vorstellung des Paradepositivisten August Comte, der meint, daß Fortschritt nichts anderes ist als die Entfaltung einer Ordnung, und diese Entfaltung wird durch die ursprüngliche Ordnung genau determiniert. Was hierbei allerdings oft vergessen wird, ist die Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Systemen. Bereits Alan Turing hat für Programme seiner (vormals) universellen Rechenmaschine sogenannte "Konditionale", d.h. Bedingungen und Schleifen vorgesehen, die den Ablauf des Programmes von Informationen abhängig machen, die von außen kommen. In geschlossenen Systemen würden solche Programme entsprechend den vorgegebenen Umständen tatsächlich "abgespult", in offenen System hingegen können sie "reagieren" und mit Hilfe von Erwartungen über die von außen kommenden Informationen "planen". Der Zufall spielt aber beim "Abspulen" des genetischen wachstumprogrammes von Tieren und Pflanzen eine geradezu gestalterische Rolle, siehe 3.1. Im Zuge der Quantenphysik mußte übrigens die Universalität der "Church-Turing These" erweitert werden, nämlich als Richard Feynman sich 1982 Gedanken über einen "Quantensimulator" machte. David Deutsch hat diese Idee mit der Turings im Postulat eines "Quantencomputers" kombiniert, der mit Hilfe von Effekten wie Interferenzen theoretisch Aufgaben lösen könnte, die mit Turings universellen Rechenmaschinen nicht gelöst werden können [Deutsch97].

Der Universalitätsanspruch des Positivismus mußte schließlich zurückgenommen werden, da in seinen empirischen wie auch logischen Formen die Bedingung von "Bedeutung" und "Wahrheit" der Alltagssprache, in der sie sich selber formulieren müßte, nicht erklären konnte. Alleine die Unmöglichkeit, einen einzigen Gegenstand erschöpfend zu beschreiben, zeigt die Grenzen der "positiven Erfassung der Welt" auf, die zudem auf persönlichen Erfahrungen beruhende individuelle Unterschiede der Wahrnehmung leugnet. Mit negativen Beschreibungen, d.h. was ein beschriebenes Objekt nicht ist, sowie Schlußfolgerungen, Verallgemeinerungen und vagen Angaben können wir im Alltag diesen Problemen begegnen.

3.2.3 Vom Humanismus zum Frühsozialismus, Anarchismus

Der Humanismus der Renaissance stand in der Tradition des späten Mittelalters und stellte die erste große Blüte des religiösen Geistes nach dem Ende des Mittelalters dar. Die Idee der Menschenwürde, der Gedanken, daß die Menschheit eine Einheit bildet, die zu einer universalen politischen und religiösen Einheit führen könnte, fand darin uneingeschränkten Ausdruck [Fromm76]. Mit der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts erlebte der Humanismus eine weitere Blüte, sie kann als Aufstand gegen die geistige Vorherrschaft bzw. Dogmatik der katholischen Kirche und die Bestrebungen des Bürgertums zur ökonomische Unabhängigkeit umschrieben werden. Im 18. und 19. Jahrhundert führte die brutale Ausbeutung des Manchesterkapitalismus, die Politik der Restauration und des Imperialismus zu einer vielfältigen radikalen humanistischen Gegenbewegung, die sich später zu der international organisierten Bewegung des "Sozialismus" formierte.

3.2.4 Vom Existentialismus zum Konstruktivismus

Die Angst vor dem "Nicht-sein", dem "Nicht existieren" hat über Schopenhauer, Kierkegaard und Heidegger unser Dasein als grundloses, vereinzeltes "Seinkönnen" erschlossen, als "reine Zufälligkeit". Der Mensch wird als Phänomen aufgefaßt, bei dem die "Existenz" der "Essenz" vorgeht, d.h. er "entwirft" sich selbst. Erst in der jüngsten Zeit sind wir überraschenderweise auf Strukturen, und sogar auf Organisationsfähigkeit in der Zufälligkeit, dem Chaos gestoßen, womit der als Strömung des Pessimismus eingeleitenden "Existenzphilosophie" heute wohl eine freundlichere Interpretation zugestanden werden kann, die schließlich im "Konstruktivismus" mündete.

Die bekanntesten Vertreter des Konstruktivismus im deutschen Sprachraum sind Paul Watzlawick (geb. 1921), Heinz von Foerster (geb. 1911 in Wien) und Ernst von Glaserfeld (geb. 1917 in München), die alle aus Österreich stammen und in den USA tätig sind. Heinz von Foersters Sichtweise der Erkenntnis wird übrigens am Ende von 3.1.1.3 skizziert. Eine gut nachvollziehbare Einführung in seine Gedankenwelt gibt [Foerster97].

Der Konstruktivismus hat sich zu einer der bedeutendsten Strömungen in der modernen Philosophie entwickelt. Watzlawicks Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" [Watzlawick80] hilft, diese verblüffenden Erkenntnisse selbst nachzuvollziehen. Die Kritik an der Erweiterung empirischer Erkenntnisse durch logische Schlüsse (4.3.) geht bereits auf Kant und David Hume zurück. Werden z.B. durch ursächlichen Schließen unter Anwendung der aristotelischen Logik neue Einsichten gewonnen, so muß die Ableitung nicht unbedingt als Wahrheitsbeweis angesehen werden.

Mein in der Einleitung formuliertes kybernetisches Modell des menschlichen "Geistes" bedient sich eines verinnerlichten "Mitweltmodells", um durch Planung im vereinfachten imaginären Weltmodell Überlebensvorteile für das Überleben in der nicht direkt erfaßbaren Welt zu gewinnen. Diese Idee weicht etwas vom klassischen Konstruktivismus ab, siehe 3.1.

3.2.5 Jürgen Habermas Diskursethik

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas knüpfte an Karl Popper [Popper82] und Rudolf Carnaps "Diskursethik" an, und propagierte 1981 [Habermas81] das "kommunikative Handeln", welches auf der Konsistenz einer Aussage mit bekannten Fakten, auf der Ehrlichkeit des/der SprecherIn, und der Richtigkeit des Geäußerten bezogen auf das menschliche Verhalten beruht. Er schlägt das hier mehrmals zitierte Verfahren des "herrschaftsfreien Dialoges" zur Konstruktion eines gemeinsamen Weltbildes vor, siehe auch 4.3.

Kommunikation ist "kommunikatives Handeln" mit folgenden Bedingungen für einen argumentativen Diskurs (Diskussion), d.h. den Austausch von praktischen (Alltags) Informationen in einer Gemeinschaft mit der Intention, den Anderen von seiner Meinung zu überzeugen [Krieger97].

Kommunikation ist jedoch nur möglich, wenn von einer gemeinsamen Basis an Werten und Annahmen ausgegangen werden kann. Dafür gelten die entsprechenden Bedingungen des Grenzdiskurses [Krieger97]:

Würde sich die Kommunikation im Austausch von praktischen Informationen und der Schaffung eines Wertekonsens erschöpfen, wäre die Gesellschaft bzw. das individuelle Weltbild zur Versteinerung verurteilt. Es muß also eine Möglichkeit geben, während das Alltagsleben weitergeht, eine schrittweise Anpassung bzw. Weiterentwicklung der Wertebasis an die aktuelle Situation vorzunehmen. Dazu dient der "Erschließungsdiskurs". Dafür gelten folgende Bedingungen [Krieger97]:

Alle drei Ebenen sind bei jeder kommunikativen Handlung involviert.


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