Eine Mitweltethik als postmoderne Überlebensphilosophie
(Teil 2)Autor:
Christian Demmer mit Material von Univ. Doz. Dr. Weish[
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2. Vier Denkströmungen mit politischem und religiösem Hintergrund
Kurzfassung: In diesem Abschnitt werde ich, wie bereits angedeutet, Farbe ob meines philosophischen und politischen Umfeldes bekennen, und eine praktisch orientierte Einteilung verschiedener Denkrichtungen geben. Ich bin davon überzeugt, daß die Bereiche Philosophie, Religion, Politik und Naturwissenschaft zu stark verwoben sind, um sie von einander getrennt behandeln zu können. In
[Krieger97] wird eine pragmatische Interpretation von Religion für die aktuelle Debatte vorgeschlagen, deren Bedeutung in der Schaffung eines nicht weiter zu hinterfragenden Wertekonsens für die gesellschaftliche Kommunikation liegt. Aus der Sichtweise der Kommunikationstheorie ist eine derartige Übereinkunft in jedem Falle notwendig, ob sie nun als Religion verstanden wird oder nicht siehe 5.4.1. Je umfassender und flexibler diese gemeinsame Basis ist, desto flexibler und schneller wird eine Gesellschaft z.B. auf Umweltprobleme reagieren, in jedem Fall werden aber Meinungen jenseits der akzeptierten Normen ausgeschlossen.Die in der Folge eingeführten Abkürzungen werden später helfen, auf politische, gesellschaftlich relevante und religiöse Hintergründe zu verweisen. Die überkommenen Begriffe von "konservativ", "sozial", "liberal" und "republikanisch" sind zu austauschbaren Floskeln geworden, völlig ungeeignet für eine realpolitische Einschätzung. Ich habe deshalb die unkonventionellen, quer durch die Parteienlandschaft differenzierenden Begriffe "konservatistisch", "alternativ", "human-ökologisch" und "biologistisch" eingeführt. Zur Illustration werde ich mit Hilfe dieser Terminologie den westlichen Parteienapparat durchleuchten, der völlig zu Unrecht als "Höhepunkt der zivilisatorischen Entwicklung" gehandelt wird. Phänomene wie die austauschbaren "Allerweltsparteien", die engagierte, aber entmachtete "Parteienbasis" und der "Chauvinismuswettstreit" werden angesprochen. Besonders wichtig für die Ethikdiskussion scheint mir eine klare Trennung ökofaschistischer, rechter bzw. esoterischer Positionen vom hier neu formulierten "humanökologisch rationalen" Standpunkt, der durch eine konsequente Berücksichtigung des Gefühls erweitert worden ist ("ganzheitliches Verstehen").
Vier wesentliche Denkströmungen:
St-1. (a) "Konservatistische" und (b) alternative Strömungen buddh. / islam. / jüdischer / marxistischer Prägung
St-2. (a) "Konservatistische" und (b) alternative Strömungen christlicher Prägung
St-3. Humanökologische Strömung
St-4. Biologistisch- instrumentalistische Strömung und New Age
HistorikerInnen, Politik- und SozialwissenschafterInnen und PhilosophInnen mögen verzeihen, hier wurden Kulturen, Religionen und philosophische Strömungen vermischt. Auch sei davor gewarnt, die Einteilung als wertend, bzw. abwertend zu mißverstehen. Das Christentum wird hier nur deshalb getrennt betrachtet, weil es für den erwarteten Leserkreis die geläufigste der Weltreligionen darstellt. Das Christentum und Judentum teilen aber viele Wurzeln mit dem Islam, und das nicht nur über das alte Testament, sondern auch über gemeinsame Quellen aus der Hochscholastik. In
[Krieger97] werden fünf Modelle als Arbeitshypothesen für eine moderne Religionswissenschaft vorgeschlagen: Gottesgehorsamkeitsmodell, Alleinheitsmodell, Harmoniemodell, Lebensgemeinschaftsmodell und Autonomiemodell (Abb. In 1.2.1).In den Kulturen, die von den semitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam geprägt sind, kann das typische Grundmodell der Gott-Welt-Mensch Beziehung als ein "Gottesgehorsamkeitsmodell" bezeichnet werden. Im indischen Kulturraum können wir mit gewissen Vorbehalten von einem "Alleinheitsmodell" sprechen. Hier stehen der Mensch und die Natur nicht unter dem Gesetz eines transzendenten Gottes, sondern das göttliche Prinzip ist immanent in den Menschen und der Natur. Gott wird nicht so sehr als Herrscher, sondern als das Heilige und Absolute in allem erlebt. Die großen Religionen Chinas bauen auf einem Harmoniemodell auf(siehe 3.2.1), in dem es darauf ankommt, sich dem menschlichen Streben zum Teil entgegengesetzten Kräften unterzuordnen. Die Stammesreligionen Afrikas und Amerikas entsprechen eher einem Lebensgemeinschaftsmodell, wo die Beziehungen zwischen Menschen und Ahnen zusammen mit der Natur als alles umfassende und alles bestimmende Lebensgemeinschaft erfahren werden. Das Göttliche ist weder transzendent noch unpersönlich alles durchdringend, sondern Mitglied der Gemeinschaft, die aus Menschen, Tieren und der Natur im Ganzen besteht. Schließlich kann der westliche Humanismus und ähnliche Ideologien als Religion betrachtet werden. Es handelt sich dabei um ein Autonomiemodell, d.h. der Grundwert besteht in der Selbstbestimmung des Menschen.
Schreiten wir nun zur Charakterisierung der Abkürzungen, die natürlich unscharf bleiben muß, da es keinen hundertprozentigen Vertreter dieser oder jener Richtung gibt.
2.1 Die konservatistischen Strömungen - St-1(a), 2(a)
Für die "konservative bzw. konservatistische Wertvorstellung" mit einer gewissen Orientierung an der jeweiligen religiösen und politischen Ordnung in den Nuancen "mäßig kritisch" bis "fanatisch opportunistisch" stehen die im folgenden Text verwendeten Bezeichnungen St-1a, St-2a (kurz St-1,2a). Der Begriff "Konservatismus", den ich noch genauer fassen werde, wurde von Kaltenbrunner
[Kaltenbrunner72] eingeführt, um schwammige Begriffe wie "konservativ" zu vermeiden.Besonders gut charakterisiert wird diese Strömung durch Erich Fromms Existenzweise des "Habens", siehe 1.1.1.7. Eine "konservative Lebenseinstellung" hingegen kann durchaus auch positiv, d.h. als den später erläuterten ethischen Prinzipien genügend eingestuft werden.
Philosophischer und religiöser Hintergrund konservatistischer Strömungen
Bevor ich mich mit dem politisch-philosophischen Rahmen dieser mächtigen Strömung näher befasse, möchte ich einen ihrer Leibphilosophen, nämlich Georg Friedrich Hegel (1770-1831), zu Wort kommen lassen. Er vertritt einen Idealismus, d.h. die physisch existente Welt wird als von metaphysisch (mystischen) Kräften beeinflußt gedacht. Manche seiner metaphysischen Erscheinungen konnten später durch die Evolutionstheorie ganz gut im Sinne des Materialismus ausgelegt werden, und sind auch in den "dialektischen Materialismus" seines Gegners Karl Marx eingeflossen. Hegels Idee einer universalen Entwicklung hatte neben der Evolutionstheorie auch zahlreiche andere Strömungen der aufkeimenden Moderne inspiriert.
Hegel beeinflußte neben Karl Marx auch Max Stirner, interessante Persönlichkeiten, die sich aber bald von ihm abwandten, bzw. seine Ideen "auf den Kopf stellten". Ich werde Hegel nach Noam Chomsky zitieren, einem scharfen Kritiker der konservatistischen Denkrichtung. Ein halbes Jahrtausend nach der Okkupation Amerikas 1492 analysiert Hegel dieses Ereignis vom Standpunkt des "vierten Moment der Weltgeschichte" aus. Darunter versteht er das germanische Reich, in dem der "menschliche Geist seine vollkommene Reife erreicht habe"
[Chomsky93]:Der amerikanische Ureinwohner sei in seiner "Sanftmut und Trieblosigkeit, Demut und kriechender Unterwürfigkeit" sogar "dem Neger unterlegen, der den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit darstellt". Er sei physisch und geistig ohnmächtig, und von einer so beschränkten Kultur, daß diese "untergehen mußte, sowie der Geist (Anm.: der Europäer) sich ihr näherte." Über Sklaverei weiß Hegel zu berichten, daß sie "sogar mehr Menschliches unter den Negern geweckt habe", bedeutet sie doch "eine Weise des Teilhaftigwerdens höherer Sittlichkeit und mit ihr zusammenhängender Bildung."
An diesem "missionarisches Verhältnis" westlicher Länder zur dritten Welt hat sich bis heute leider wenig geändert, wie ich im Abschnitt über ökonomische Alternativen (5.2, 5.3) noch genauer ausführen werde.
Der philosophische Hintergrund konservatistischer Strömungen orientiert sich an der "klassischen Epoche" der jeweiligen Hochkulturen, in Europa etwa an der griechischen Antike, und deren Vertreter wie Platon und Aristoteles. Staats-, Sitten und Morallehren aus dieser Zeit werden heute noch in einer marginal aktualisierten Interpretation der jeweiligen Religionshüter übernommen, die an der "reinen Lehre" festhalten. Konservatistische Philosophen zeigten bis zur Neuzeit einen gewissen Hang zur Mystik und Romantik (St-2a: Thomas von Aquin, Hegel, Herder und die deutsche spekulative Philosophie) aber auch zu einem starren, hierarchischen Wertgefüge, das in irgendeiner Form die vorherrschenden Machtverhältnisse widerspiegelt siehe z.B. das einleitende Hegel-Zitat. Diese Idee mündete in der "materiellen" Wertethik deren Aufgabe in der Beschreibung dieser Wertklassen sowie die Aufstellung von Vorzugsgesetzen gesehen wurde (siehe 1.1). Der stärkste Einfluß dieser Wertphilosophie war zwischen 1890 u. 1930 bemerkbar. Recht und Sittlichkeit werden also von einer angeblich objektiv existierenden Realität (Objektivismus, naiver Realismus), bzw. Wirklichkeit abgeleitet, wobei Georg Lukacs These geflissentlich ignoriert wurde, die besagt, daß es keine "unschuldige" Weltanschauung gebe. Heute manifestiert sich diese Einstellung in einer Gesinnungsethik mit einem sehr diffusen Verantwortungsbegriff man ist gut, und braucht deshalb sein Handeln nicht zu überprüfen.
Während die klassische asiatische, aber auch die jüdische Philosophie eher praktisch orientiert waren, und politische und gesellschaftliche Konsequenzen beim Namen nannten, neigten die europäischen und islamischen Strömungen mehr zur Verklärung und zu Begründungen in einer nicht weiter zu hinterfragenden göttlichen Ordnung. Eine solche Vorstellung ist spätestens seit dem Mittelalter allen konservatistischen Strömungen eigen, siehe z.B. Thomas von Aquin, Fichte und Hegel für St-2a. Sie lebt auch in der Moderne als obskures Relikt weiter. Jedoch vertrauen viele der bravsten Kirchengeher im Alltag mehr auf ein fettes Konto und gute Beziehungen z.B. zum Bürgermeister. Wir leben heute in einer geteilten Welt. Die negativen aber auch positiven Seiten der Weltreligionen bestehen weiter, wurden aber in ihrer Bedeutung relativiert. Heute darf in der westlichen Hemisphäre (angeblich) niemand mehr für seinen Glauben belangt werden.
Nicht zufällig war Dr. Faustus zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Thema. Die Aufklärer verwarfen kirchliche Dogmen. Schopenhauer, Marx und die Existentialisten brachten die schützende, ordnende göttliche Hand über der "Menschenwelt" zum Verschwinden. Nietzsche drücke sich in seiner typischen Art noch deutlicher aus, er erklärte Gott einfach für tot.
Die Katholische Kirche hat in ihren Katechismen der Reihe nach alle traurigen Errungenschaften der Moderne abgesegnet, wie Tierversuche, Massentierhaltung, die uneingeschränkte Kapital- und Besitzanhäufung, während sie etwa der Gleichberechtigung der Geschlechter und sozialen Klassen immer noch skeptisch gegenübersteht. Unter der Woche wird der Materialismus gepredigt, am Sonntag die Nächstenliebe und das Christentum.
Die östliche Philosophie ging im Gegensatz zu Aristoteles von einer paradoxen Logik aus
[Fromm56]. Ihre Vertreter erkannten Jahrtausende vor den modernen Naturwissenschaften, daß wir die Wirklichkeit nur in ihren Widersprüchen wahrnehmen können, deren Gesamtheit, das "All-Eine" sich nicht verstandesmäßig erfassen läßt. Die Welt des Denkens bleibt in Paradoxien verfangen (vgl. z.B. Kurt Gödels "Unvollständigkeitstheorem"). Seit 1930 teilen die modernen Naturwissenschaften mit der Resolution der "Kopenhager Deutung" (Heisenberg, Bohr: 3.1) diese Einsicht. Leider ist man im "Instrumentalismus" dann so weit gegangen, Erklärungen überhaupt als überflüssig zu erklären ein verhängnisvoller Irrtum den ich in 4.3 aufgreifen werde. Die Gottesliebe in östlichen und jüdischen Religionen besteht deshalb nicht im verstandesmäßigen Wissen über Gott noch in der gedanklichen Vorstellung, ihn zu lieben, sondern im Akt des Erlebens des Einssein mit Gott. Deshalb wird nicht die Gesinnung betont, sondern die Handlung, die "rechte Art zu leben" (vgl. We-4).In trauter Einigkeit mit der wieder einmal in Mode gekommenen Esoterik geht die konservatistische Strömung immer noch davon aus, daß die gesamte Welt bzw. das Universum lediglich Manifestationen spiritueller Prinzipien bzw. einer kosmischen Energie oder Intelligenz ist, deren zu Grunde gelegte Wahrheit absolut und dem Menschen, zumindest durch Auserwählte, zugänglich ist. Dieses transzendentale Prinzip begründet die innere Einheit und Ordnung, sowie die Harmonie des Kosmos, die Ganzheit der Natur. Es handelt sich insofern um eine religiöse Strömung bzw. um philosophischen Idealismus. Der mythische Naturbegriff verbindet Konservatismus, Esoterik und Ökofaschismus. Ich widme ihm das letzte Unterkapitel dieses Abschnittes, siehe 2.1.4.
Was wirklich "konserviert", bzw. "bewahrt" werden soll, und was nicht ...
Leider muß das Streben nach dauerhafter Erhaltung von als wertvoll Erkanntem, wie die Bezeichnung "konservativ" vermuten ließe, den selbsternannten "Konservativen" abgesprochen werden, sobald man/frau einen Blick auf die tatsächlichen Beweggründe wirft. Ich will deshalb auf den von Kaltenbrunner benutzten Begriff "konservatistisch"
[Kaltenbrunner72] zurückgreifen, um auszudrücken, daß zwar vorgegeben wird, positive Werte wie das "Naturkapital" schützen zu wollen, also eben zu konservieren, daß aber gleichzeitig in der Praxis genau diese Werte am wenigsten zählen. Charakteristisch sind die folgenden Phrasen: "Ja, es wäre schon wichtig, ...z.B. die Natur zu schützen, die menschliche Gemeinschaft zu stärken, aber ... die Wirtschaft, bzw. unser Land (womit wohl eher die Nation, z.B. "Österreich" gemeint ist), ... und außerdem nur mit einer gesunden Wirtschaft ... usw."Herr Mock und seine Nachfolger der klassischen "konservatistischen" österreichischen Partei, der ÖVP, traten z.B. offen für Atomkraft und den Natobeitritt ein. Die vormals hochgelobte Neutralität war plötzlich überholt. Zahlreiche Chancen für eine politische Erneuerung wurden in dieser Zeit ignoriert, was glühende ÖVP-Anhänger naturgemäß anders sehen. Sie erwarten einfach eine entsprechende Geschichtsschreibung in den von der großen Koalition (ÖVP-SPÖ) dominierten Schulbuchgremien und ihren "objektiven Medien" wie der "Presse" und der "NÖN" (Anm: ... inoffizielle Parteizeitungen der ÖVP). Somit wird die konservatistische Welt immer in Ordnung bleiben, egal was ihre Führung anrichtet, zumal man sich ohnehin für die geistige Elite hält. Andere Menschen hätten nur noch größeren Schaden angerichtet. Die biologischen Wurzeln dieser "Illusionsfähigkeit" werden in
1.4 angesprochen. Auf die damit verbundene Idee eines propagandistischen Medien- und Bildungswesens zur Erschaffung bzw. zum Erhalt der nationalen und neuerdings auch der "europäischen Identität" werde ich noch zurückkommen.Auch Jahrzehnte nach dem Tode des Sozialdemokraten Bruno Kreiskys muß seine in der Tat kaum auf eine dauerhafte Entwicklung ausgelegte Finanz- und Wirtschaftspolitik als Wurzel aller Mißstände herhalten, obwohl die Konservativen schon die längste Zeit an der Regierung beteiligt waren. Ihre politische Rolle und Medienpräsenz ist insoferne verwunderlich, als in den letzten Jahren ein ständiger Abbau an WählerInnenstimmen zu verzeichnen war die ÖVP rutschte zur drittstärksten Partei ab.
Einschub: Über das Verhältnis konservativer Parteien zu den Massenmedien
Weitere Informationen zum Thema "Medienkonzentration" und die österreichische Mediengeschichte habe ich in
5.4.3 zusammengestellt. Noam Chomsky spricht in "Necessary Illusions" von der sogenannten "Masse" (80% der Bevölkerung) in westlichen Demokratien, die von einer Elite (20%) gelenkt wird, und mit Hilfe der Massenmedien dazu gebracht werden muß, diesem System blind zu vertrauen. Dieses Vertrauen besteht hauptsächlich darin, sich für nichts (wesentliches) zu interessieren. Eine derartige "demokratische" Rollenaufteilung wurde während der englischen Revolution im 17. Jahrhundert etabliert. Der Medienwissenschafter Edward Herman, übrigens gut befreundet mit Noam Chomsky, beschreibt in [Herman96] wie die Wirtschaftskräfte der "Neuen Weltordnung" marktunabhängige Institutionen und Werte systematisch durch profitorientierte Unternehmen und Marktwerte ersetzen. Auch im Medienbereich wird von den letzten Fragmenten des nichtkommerziellen Medienraumes der beste "ökonomische Gebrauch" gemacht [Herman97], indem die letzten öffentlichen Rundfunkanstalten und alternativen Medien entweder von der Werbung abhängig gemacht werden, oder vor unüberwindliche finanzielle Probleme gestellt werden z.B. durch die Abschaffung des ermäßigten Zeitungsportos im Zuge der Telekom Privatisierung. Damit einher geht das Bestreben, die Auseinandersetzung mit kontroversiellen und ernsten Themen zu untersagen, weil sie mit den Verkaufbotschaften der "heilen Konsumwelt" nicht vereinbar sind. Das Totschlagargument lautet: "... dieser Beitrag könnte die Reichweite oder Einschaltquoten gefährden." Ich möchte zwei Indizien dafür anführen, daß diese auf amerikanische Verhältnisse bezogene These auch auf Europa übertragbar ist.Zur Meinungskontrolle ist es nötig, auf subtile Weise die Inhalte der wichtigsten Medien aufeinander abzustimmen, freilich ohne überall das Gleiche zu verbreiten. So sind Scheinkämpfe sogar überaus wichtig, (z.B. Kronen Zeitung gegen Kurier, News gegen Täglich Alles, Presse gegen Standard), um beim Konsumenten den Eindruck von Medienvielfalt zu erwecken. Es fällt dann nicht auf, daß in den wesentlichen Punkten alle Massenmedien einschließlich dem Fernsehen Ähnliches auftischen. Bertelsmann und die WAZ-Gruppe wollen nun eine gemeinsame TV-Holding bilden, die den Namen BW-TV (Bertelsmann-WAZ-TV) tragen soll. Mit möglichen Konsequenzen für die heimische Privatradioszene ist zu rechnen. Über die Kronenzeitung ist deren Hälfteeigentümerin WAZ etwa beim Wiener "Radio 88.6" bereits indirekt vertreten. Auch der lokale Wiener TV Sender "W1" wird von Insidern als Prototyp des Kronenzeitungsfernsehens gesehen. WAZ-Bertelsmann will Hälfte-Eigentümer des größte Medienkonzerns Europas, der CLT-Ufa werden.
Einschub: Die Auffassung der "Volksparteien" von "demokratischen Medien"
Neben der bloßen Medienkonzentration spielt auch die Abstimmung der Medienkonzerne mit den Interessensvertretern der erwähnten 20% Elite (z.B. Wirtschaftslobby) eine wichtige Rolle. Auch wenn die ÖVP heute längst eine untergeordnete Rolle in der Tagespolitik entsprechend des ausbleibenden Wahlerfolges spielt, das Medienecho entspricht immer noch dem einer führenden Partei. Dafür sorgen die von der Industrie und konservativen Kreisen abhängig gemachten Massenmedien
[Herman97]. Dazu möchte ich ein paar Beispiele anführen, die alle einem Profilartikel vom 2. Juni 1997 entnommen wurden.1,5 Milliarden läßt sich der ORF seine Regionalprogramme kosten, die z.B. über die "Bundesland heute" Sendungen recht ansehliche Quoten erreichen. Traditionell gute Kontakte der ÖVP Landeshauptleute zu den ORF Landesstudios haben in der Vergangenheit für eine blühende Hofberichtserstattung gesorgt. Landesrat Grabmann wiederholte zum Beispiel den ersten Spatenstich für ein Waldviertler Golfplatzprojekt, damit der beim 2. mal herbeizitierte ORF einen entsprechenden Bericht senden kann. Dieser wurde dann zwar auf Initiative der F vereitelt, der Landeshauptmann Erwin Pröll kann aber in jedem Fall in Niederösterreich auf eine rekordverdächtige Auftrittsdichte im Rundfunk verweisen.
In Oberösterreich wurde die gut funktionierende "Zusammenarbeit" mit der ÖVP seit Bestehen des österreichischen Fernsehens während der Aubesetzung in Lambach zum ersten mal nachhaltig gestört. Das regionale Fernsehen hat die Aubesetzung zunächst einfach ignoriert. Als auch andere Bundesländer Interesse an Berichten anmeldeten, mußte ein ZIB Team aus Wien einspringen. Der verantwortliche ORF Chefredakteur Franz Rohrhofer brachte es nämlich nicht übers Herz, über seinen Freund Pühringer Kritisches zu senden. Er ging anschließend in Frühpension und übernahm die Redaktion des "Neuen Volksblattes", eine ÖVP Zeitung, die unter Mitwirkung Pühringers erscheint.
Viele werden sich noch an die Rekrutierung der ÖVP-Europa-Kandidatin aus dem ORF erinnern, die Sprecherin Ursula Stenzel bekannte ohne zu zögern Farbe. Weniger bekannt ist, daß die ÖVP nach dem zweiten Weltkrieg die Regierungstreue der ersten "demokratischen Medien" in der Nachkriegszeit über geheime Verträge absicherte, die beim Kurier bis in die 70er in leicht modifizierter Form bestanden haben sollen.
Ein damaliges Redaktionsmitglied, der heutige Chefanalytiker der Nation, Hugo Portisch gab an, von solchen Verträgen nichts gewußt zu haben, hält sie aber für möglich. Dabei wären derartige Absicherungen bei seiner konservativ-regierungstreuen Einstellung auch nicht nötig, brav ordnet er das Weltgeschehen, wie es die eingangs erwähnte 20% Elite am liebsten hat: Auf der einen Seite die großen Mächtigen, die den Lauf der Welt bestimmen, eingeteilt in Gute und Böse, und dort die armen, oft leidenden Massen, die ehrfürchtig zuschauen dürfen.
Einschub: Die westliche Parteienwelt am Beispiel Österreichs
Um hier nicht den Eindruck zu erwecken, daß ich dieser Strömung nur die klassischen "konservativen" Parteien (ÖVP, F) zuordnen würde, möchte ich auf das in allen westlichen Demokratien verbreitete Phänomen der "Parteienklone" hinweisen. Die in den USA legendär gewordenen, ununterscheidbaren "Allerweltsparteien" finden wir auch in Europa. Die Konservativen versuchen in Wahlkampfzeiten bloß durch noch peinlich-präpotenter vorgetragenen Chauvinismus in Form von Militärparaden Profil zu gewinnen, verwandte Themen sind immer wieder von neuem angezettelte "Sozialschmarotzerdebatten", die Verteidigung von hohen Promillegrenzen für Blutalkohol am Steuer und uneingeschränkter Waffenbesitz. Natürlich darf auch die Forderung nach einem NATO Anschluß nicht fehlen. Die ÖVP setzt sich nun massiv für den Ausstieg aus dem Atomsperrvertrag ein, um Probleme mit Atomwaffentransporten zu vermeiden. Stolz bietet man zukünftigen Bündniskameraden den zwangsentsiedelten Truppenübungsplatz Allensteig für Übungen (fast) ohne Auflagen an, die auf anderen Übungsplätzen in ganz Europa üblich sind. Freilich müßte sich der Verteidigungsminister darüber im klaren sein, daß solche Einladungen die österreichischen Verfassung verletzen. Aber Herr Fasslabend hat die Neutralität ohnehin schon für überholt erklärt. Die Aussiedelung der 40 Dörfer wurde übrigens nicht nur vom NS Regime vorgenommen, sondern auch von der 2. Republik weitergeführt. Betroffene erzählen, daß letztere am brutalsten vorging.
Auch die Sozialdemokraten können es sich angeblich "nicht leisten", bei diesem jämmerlichen Wettstreit den Anschluß zu verpassen. Sie versprechen Sicherheit, sogar ein Recht auf Sicherheit in einer chaotischen, gerade durch solche "Unpolitik" immer mehr destabilisierten Welt. Die Interpretation der Politik als ein Kampf um den Markt der Meinungen hat dazu geführt, daß alle größeren Parteien zu Werbemaschinen mit Slogans für jede bedeutende Zielgruppe geworden sind. Daß diese Propagandaschlachten durch Steuergelder proportional zu den letzen Stimmgewinnen der Parteien gefördert werden, widerspricht kraß John Lockes "Recht" auf die Absetzung unfähiger Regierungen, aus dem die periodisch abgehaltenen demokratischen Wahlen einst hervorgegangen sind. Alle halbwegs vernünftigen politischen Gruppierungen müßten bei jeder Neuwahl gleiche Ausgangsbedingungen vorfinden. Das gilt auch für Meinungsbildungsprozesse, etwa bezüglich des viel diskutierten EU- und Natobeitritts. Stattdessen mußten SteuerzahlerInnen mit ihrem eigenen Geld finanzierte, einseitige Werbekampagnen über sich ergehen lassen.
Auch die europäischen Grünparteien sind voll vom allerorts geforderten "Professionalismus" erfaßt worden. Es zählt hauptsächlich, wer die bessere Propagandamaschine, Medienkontakte usw. vorweisen kann. Peinliches basisdemokratisches Gezänk wird abgestellt. Die Wiener Grünen haben aus Gründen der "Effizienz" nicht einmal mehr jeder Unterorganisation in den Bezirken eine ganze Stimme in internen Gremien zukommen lassen. Mit der Effizienz um der Effizienz willen verhält es sich wie mit der Freiheit ohne Unterdrücker, mehr darüber in 2.1.2. Für die Rot-Grüne Koalitition in Deutschland werfen die Grünen wichtige Grundsätze ihrer Bewegung über Bord, um auch einmal mitregieren zu dürfen.
Ich wäre allerdings der Letzte, der etwas gegen die Verbesserung tatsächlich ineffizienter Strukturen einzuwenden hätte. Meine zugegebenermaßen etwas unkonventionellen Verbesserungsvorschläge stießen aber meist auf taube Ohren. Die Elite der Grünparteien weist ebenfalls "konservatistische Züge" auf, wenn etwa deutsche und österreichische Spitzenkandidaten in trauter Einigkeit mit ihren konservativen Kollegen forderten, daß im Balkankonflikt mit NATO-Bomben experimentiert werden solle. Dabei müßte ihnen eigentlich bekannt sein, woher das Material zur jahrelangen Kriegsführung stammt, selbstverständlich von den selben "Frieden stiftenden" NATO-Staaten und einigen mehr. Die USA verfrachtete trotz des Embargos Tonnen an veralteter Ausrüstung über Feldflughäfen nach Bosnien. Amerikanische Söldnerfirmen übernahmen die Ausbildung bosnischer und kroatischer Eliterekruten. Ein paar Jahre später sprengte die bosnische Mafia Redaktionen kritischer Zeitungen mit Minen, und unterstützte die Untergrundarmee im Kosovo mit Waffen und Know How im Partisanenkrieg. Die serbischen und kroatischen Präsidenten lassen dafür keine Gelegenheit aus, die spärlich gesäten, ohnehin nur von einer kleinen Minderheit konsumierten alternativen Medien zu diffamieren und zu zensurieren.
Letztlich leugnet der "konservatistisch" geprägte Mensch die Realisierbarkeit stabiler sozialer Systeme sowie einer vorsorgenden, zumindest naturerhaltenden Lebensweise. Der überholte Gedanke einer mechanistischen Welt (
5.4.1), objektiv, und für sich alleine existierend, finden in diesem Lager großen Zuspruch. Er ist ein wichtiger Eckpfeiler des "Sachzwangmythos": "Da kann man halt nichts machen, das ist eben so.""Konservatistisch" bedeutet zwar die Vernachlässigung der Faktoren Ökologie und Gemeinwesen, folglich auch der menschlichen Kultur, aber konserviert wird sehr wohl, nämlich die bestehenden Machtverhältnisse. Darauf habe ich bereits mehrfach hingewiesen und werde es weiterhin tun. Der daraus ableitbare Autoritätsglaube hemmt naturgemäß die Eigeninitiative, fördert andererseits die blinde Wachstums- bzw.- Kapitalismusgläubigkeit. Der "konservatistische" Mensch kann sich deshalb nur negativ definieren. Weil von der großen Masse nicht erwartet wird, Eigenes hervorzubringen, muß Fremdes schlecht gemacht werden. Bezeichnend ist auch die negative Moraldefinition etwa durch die "Erbsünde", die zugleich einen fraglichen Arbeitsethos legitimieren soll siehe 5.3.2.
Bildung und Kultur zur "Konservierung", bzw. "Absicherung" der Machtverhältnisse
Ein wesentliches Merkmal einflußreicher Strömungen ist die Reproduktion von Gedankengut, bzw. der damit verbundenen Weltanschauung. Die Welt ist so zu interpretieren, daß diese Denkrichtung als folgerichtig und vernünftig erscheint. Darum werden im konservatistisch geprägten Bildungsapparat westlicher Demokratien meist überkommene politische, kulturelle und philosophische Strömungen gepflegt. Dem Durchschnittskonsumenten wird ein verlogenes, aber leicht reproduzierbares Bild der Welt- und Menschheitsgeschichte aufgedrängt. Dessen Verdienst besteht hauptsächlich darin, den heutigen Machteliten nützende kulturelle Entwicklungen zu konservieren, und jeden dollar-trächtigen Hightechtrend ohne wenn und aber umsetzen zu können.
Da werden die ewig gültigen politischen Leitsätze der klassischen Philosophen, wie Aristoteles und Platon ehrfürchtig, aber meist nach Belieben entstellt, und zum tausendstenmal wiedergekäut. Das blutige, dunkle Mittelalter, präsentiert als eine Reihe von Schlachten und Grausamkeiten, soll als Beweis für die sozialdarwinistisch geprägte Sicht von bösartigen Menschen als Überlebenskämpfern dienen, die schließlich in Humes und Smiths jämmerlichen "ökonomischen Menschentypus" des egoistischen, geistig beschränkten Individuums mündet (vgl. E. Fromms "Haben"-Typus in 1.1.1.7).
Die Idee eines propagandistischen Medien- und Schulwesens zum "Erhalt der nationalen Identität" geht auf Philosophen des Absolutismus, aber auch auf Rousseau und Fichte zurück. Sie gingen trotz ihrer humanistischen Einstellung von für die menschliche Gemeinschaft verhängnisvollen Voraussetzungen aus, auf die ich später noch zurückkommen werde. Auch die EU hat dieses Paradigma kritiklos übernommen, bzw. deren inoffizielles gesetzgebendes Organ, der ERT, eine Art "Europäischer Industriellenvereinigung". Im Zuge der später noch besprochenen "Instrumentalisierung der Politik durch die Ökonomie" fordert sie offen ein Schulsystem, daß von "Gewinnern" geleitet werden soll. In allen entscheidenden Gremien muß eine einflußreiche Vertretung der Industrie installiert werden, die auch ständig die laufende Bildungsarbeit zu kontrollieren hat. Die Geistes- und Sozialwissenschaften dienen einzig dem Zweck einer "europäischen Identitätsstiftung".
Doch zurück zu den verhängnisvollen Voraussetzungen der angesprochenen Philosophen, Staatstheoretiker und Ökonomen (Anm.: mir ist in diesem Kreis keine Frau bekannt). Sie liegen in der stillschweigenden Annahme begründet, daß soziale Organisationsstrukturen in der Größenordnung der damaligen Nationalstaaten eine vorteilhafte Dimension aufweisen. In Wirklichkeit überfordern sie die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Leopold Kohr hat eindringlich darauf hingewiesen, daß Riesenstaaten die Idee einer Politik zum "Wohle der Allgemeinheit verunmöglichen". Statt auch nur einmal einen Gedanken an optimale Größenordnungen zu verschwenden, kreist die politische Diskussion seit Jahrhunderten um die Sicherung der Machterhaltung der Staatslenker. Der Mensch ist ein soziales Wesen gut! Daraus abzuleiten, daß der Mensch deshalb ein "Nationalstaatswesen" sein muß, ist schon ziemlich gewagt. Aber nicht zu erkennen, wie zynisch Konstrukte vom Kaliber einer "repräsentativen Demokratie" sind, ist schlimm, da sie Mitbestimmungsmöglichkeiten bloß vorgaukeln. Nicht zu erkennen, daß es vielleicht doch nicht zum Wohle des Menschen ist, von Millionen Seiten an Gesetzen, Schul- und Medienprogrammen beherrscht zu werden, um in Unmündigkeit von einer Krise in die nächste geleitet zu werden, grenzt schon an Verblendung. Die biologischen Wurzeln dieser "selektiven Wahrnehmung" und "Illusionsfähigkeit" habe ich in
1.4 angesprochen.Zum Abschluß werde ich noch zwei politische Strömungen ansprechen, die im Denken des 21. Jahrhunderts gemeinhin nicht als "konservatistisch" angesehen werden, was zum Teil wohl der Verdienst gleichgeschalteter Bildungsprogramme und Massenmedien sein dürfte. Obwohl es sich um Grenzfälle handelt, werde ich den europäischen Liberalismus als "alternativ" (St-2b) in seinen Wurzeln, aber als "konservatistisch" in seiner Ausprägung (St-2a) bewerten, den Marxismus und damit verwandte Strömungen hingegen als "bedingt alternativ"
St-1(b) bzw. ebenfalls "konservatistisch" in der mangelhaften bis völlig gescheiterten Realisierung.2.1.1 Konservatistische Züge des europäischen Liberalismus
Die Wurzeln des Liberalismus manifestierten sich erstmals in der französischen und englischen Revolution. Sie waren vom Wandel des mittelalterlichen, theozentrischen Weltbildes zum anthropozentrischen begleitet. Der Mensch wurde vom Teil des Ganzen zum Mittelpunkt der Gesellschaft erhoben. In der theologischen Sprache wird diese Entwicklung als Individualisierung umschrieben und abgelehnt.
Die auf das 17. Jahrhundert zurückgehende Richtung des Liberalismus vertrat natürlicherweise die Interessenslage ihrer damaligen Anhänger, des wirtschaftlich aufsteigenden Bürgertums.
Folgende Forderungen wurden gestellt:
Alle Versuche der Liberalen, außerhalb der bestehenden kirchlichen und staatlichen Institutionen Beziehungen herzustellen, wurden in der Anfangsphase mit verstärkten Repressionen abgeblockt, was wohl wesentlich zu ihrer "antikonservativen" Einschätzung beigetragen haben dürfte. Mit dem anfänglichen Erfolg der Industrialisierung und des Kapitalismus aber endete der Kampf der Liberalen z.B. für die Gewerbefreiheit mit dem Sieg der Fabriken über das Zunftwesen.
Die heute untergeordnete Rolle dieser Richtung ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Zwei der wichtigsten Gründe werden uns noch beschäftigen, ich habe sie als das Märchen von der freien Marktwirtschaft und von der Presse- und Meinungsfreiheit umschrieben.
Die folgende treffende Beurteilung des Liberalismus stammt wieder einmal von Max Stirner: "Der Liberalismus ist nichts anderes, als die Vernunfterkenntnis angewandt auf unsere bestehenden Verhältnisse. Sein Ziel ist die vernünftige Ordnung, ein sittliches Verhalten und nicht die Freiheit." Seine Quintessenz ist die Gebundenheit des Einzelnen im Staat, als Staatsbürger, der nicht mehr Untertan einer Person als Person, sondern Untertan des Staates, untertänig dem Staatsgedanken; in der Unverantwortlichkeit gegen Menschen zwar, nicht aber gegen das Gesetz.
Auch hier sei angemerkt, daß das Ziel, eine absolute, idealisierte, vernünftigen Ordnung gemäß
St-1(a), 2(a) erreichen zu wollen, durch eine humanökologische Ordnung im Sinne St-3 ersetzt werden sollte, die aus dem Zusammenspiel aller Staatsbürger und deren Bedürfnissen gewonnen werden muß. Liberalismus erweckt den Schein einer bereits errungenen sittlichen Stabilität, in einer verderblichen, den politischen Akteur lähmenden Weise. Er hinterfragt aber nicht, ob dieses Ziel eigentlich erreicht wurde, und strebt auch keine Verbesserung an. "Solange die Geschäfte gut gehen, herrscht in jedem Falle Demokratie", mehr darüber im fünften Abschnitt.Auch im Bezug auf den Umweltschutz erweist sich eine "liberale Einstellung" alleine als unzureichend. So bedarf z.B. die klassische Grundrechtsordnung (1.3.2) einer Umgestaltung. Sie ist zu liberalistisch, sie bedeutet Freibriefe (Kaperbriefe) gegenüber der Natur. Auch die Menschenwürde darf nicht bloß liberal gesehen werden, wie die versuchte Patentierung von indigenen menschlichen Genomen gezeigt hat ("Indianerpatentierung"). Gleichheit muß auch künftige Generationen einschließen.
Die Wissenschafts- und Pressefreiheit muß Rücksichten, bzw. Verpflichtungen zur Verantwortung enthalten. Eine liberalisierte bzw. kommerzialisierte Medienlandschaft lähmt die gesellschaftliche Kommunikation Kommunikation siehe 2.1,
5.4.3 und [Herman97]. Der gefährliche, unbestimmte Freiheitsbegriff wird im nächsten Unterkapitel diskutiert.2.1.2 Konservatistische Züge der Freiheitsideologie
"Denn das Recht auf Privateigentum, auch an Produktionsmitteln, gilt für jede Zeit. Es ist in der Natur der Dinge selbst grundgelegt, die uns belehrt, daß der einzelne Mensch früher ist als die bürgerliche Gesellschaft, und daß diese zielhaft auf den Menschen (Anm.: oder eher dessen Besitz ??) hingeordnet sein muß. Das Privateigentum muß das Recht des Menschen auf Freiheit schützen und zugleich einen unentbehrlichen Beitrag leisten zum Aufbau der rechten gesellschaftlichen Ordnung" - Papst Johannes XXIII (1961) über die "Natur der Dinge" ...
Freiheit und Gleichheit sind Gegensätze. Schrankenlose Freiheit bevorzugt den Tüchtigen (bzw. Skrupellosen) und führt zu Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Die Gleichheit zum höchsten Prinzip erhoben, ist unmenschlich, indem sie nivelliert und Systeme letztlich zu Gefängnissen werden läßt. Beide Begriffe haben als "wahre Bestimmung" des Menschen versagt, wie sie etwa Karl Marx propagierte. Der Ausgleich zwischen diesen entgegengesetzten Zielen kann nur auf einer höheren Ebene vollzogen werden, wie dies sehr schön in der Parole der französischen Revolution: "Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit" zum Ausdruck kommt. Die Parole der notwendigen "ökologischen Revolution" muß lauten:
"Freiheit (Privatsphäre) Gleichheit (politische Sphäre) Brüderlichkeit u. Langfristverantwortung (wirtschaftliche Sphäre)!"
oder
"Freiheit Gleichheit Mitgeschöpflichkeit!"
Freiheit darf nicht mit Schrankenlosigkeit gleichgesetzt werden, Gleichheit und Brüderlichkeit kann nicht für jeden gesellschaftlichen Bereich gelten. Gleichheit bzw. Gleichschaltung wäre z.B. in der privaten Sphäre hinderlich für die persönliche Entfaltung. Hjalmar Hegge hat diese unterschiedlichen Prinzipien verschiedenen gesellschaftlichen Sphären zugeordnet
[Hegge92], siehe oben, sowie 2.1.4, 2.3 und 5.5. Der Ökologe Gerhard Helmut Schwabe verweist auf einen entscheidenden Aspekt der Freiheit, wenn er schreibt [Schwabe79]: "Ein jeder ist verantwortlich für die absehbaren Folgen seines Denkens und Handelns. Um dieser Verantwortung gerecht werden zu können, haben viele Generationen um das Höchstmaß an persönlicher Freiheit für den Einzelnen gerungen. Nur wer den ganzen Horizont seiner Umwelt überschauen und so dem eigenen Gewissen folgend leben kann, vermag aus eigener Entscheidung sittlich zu handeln."Zum Abschluß ein Auszug aus einem packenden Aufruf von Hans Pestalozzi, der im erwähnten Gesamtmanuskript in voller Länge nachgelesen werden kann: "...Wir brauchen die Angst vor dem Feind. Eine friedliche Gesellschaft könnte auf Machtstrukturen verzichten. Wir brauchen die Angst, unseren Lebensstandard verlieren zu können. Eine friedliche Gesellschaft braucht keine Ausbeutung der Natur, der Dritten Welt, der kommenden Generationen.
Wir brauchen deine Angst. Denn nur so können wir dir einreden, es müsse so sein, wie es heute ist! ...
Wenn es unseren Politikern und Militärs ernst wäre mit der Behauptung, es gehe in der weltweiten Auseinandersetzung um die Wahrung unserer Freiheit, weshalb tun dann gerade sie ihr möglichstes, um die echte positive Freiheit immer weiter abzubauen: Überwachung, EU weite Computerkontrolle, Lauschangriff, Strafrechtsverschärfung, Berufsverbote, Verstärkung der Polizei, Schließung von Freiräumen, die Diffamierung all jener, die Neues zu schaffen versuchen?
Würde nicht die wichtigste Verteidigungsmaßnahme darin bestehen, endlich jene Freiheit zu schaffen, die mich fähig macht, mich einem äußeren Feind zu widersetzen, d. h. innerlich autonom zu werden?"
2.1.3 Konservatistische Züge des Marxschen Materialismus
Auch der marxsche Materialismus weist "konservatistische Züge" in diesem Zusammenhang auf. Karl Marx kann zwar nicht der Vorwurf gemacht werden, daß er sich nicht mit den vorherrschenden Machtverhältnissen auseinandergesetzt hätte. Er wird in meinem Schema deshalb mit Vorbehalten unter
St-1(b) eingeordnet (siehe 2.2), vor allem wegen seiner immer noch hochaktuellen Gesellschaftsanalyse. Sein Versuch, die Philosophie bloß auf die Untersuchung von Produktionsverhältnissen zu verkürzen, gibt aber dem menschlichen Bewußtsein eine verkehrte Rangstellung, und erhebt die Produktionsverhältnisse zu einer selbstständigen Wirkursache. Andererseits hat diese Sichtweise in der Beurteilung historischer Zusammenhänge zu einer vorher nie dagewesenen Klarheit geführt. Heute müssen wir zudem ökologische, geologische und kommunikationstheoretische Faktoren berücksichtigen. Die ökonomischen und politischen Verhältnisse ("politische Ökonomie") alleine bieten nämlich keine ausreichende Erklärung, wenn z.B. durch klimatische Veränderungen eine Region versteppt (Mittelasien) oder Ökosysteme durch menschliche Eingriffe zusammenbrechen (Mittelmeerküste).Unumstößliche Naturgesetze zu formulieren galt zur Jahrtausendwende als höchstes Ziel ernstzunehmender Wissenschaft. Marx und seine Zeitgenossen bewerteten deshalb die damals gerade neu formulierten wirtschaftlichen Gesetze als von der gesellschaftlichen Gestaltungskraft unbeeinflußbar. Eine ganzheitliche, vom "Hausverstand" geleitete Betrachtungsweise blieb darum trotz der demonstrierten "Dialektik" im Spätwerk ausgespart. Alle geschichtlichen Phänomene sind zwanghaft in die Kategorien des Klassenkampfes gepreßt worden. Die "proletarische Revolution" war zu diesen Tagen wohl ein längst überfälliger Entwicklungsschritt, der später allerdings keineswegs in die von Marx gewünschte Richtung führte
[Marx71]. Eine sich abzeichnende Entwicklung, die von den Eliten ängstlich verdrängt wurde, aber keineswegs eine, die das "Ende der Geschichte" herbeizwingen hätte können, wie Marx in seiner Schlußfolgerung der Analyse des Klassenkampfes behauptet: "Der Kampf habe jetzt eine Stufe erreicht, wo sich die ausgebeutete Klasse von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse nicht befreien kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkampf zu befreien" [Hirt76]. Eine durchaus vernünftige Interpretation dieser Endgültigkeit, bzw. Zwanghaftigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung geht davon aus, daß nur ökonomisch und sozial stabile politische Systeme dauerhaft bestehen können. Diese Interpretation dürfte aber bei der Umsetzung des "Realsozialismus" keine entscheidende Rolle gespielt haben, die zudem von mörderischer Ungeduld gekennzeichnet war.Die oft geäußerte Kritik, daß Marx von einem deterministischen, d.h. vorherbestimmten Lauf der Geschichte ausgeht, soll folgendes Zitat (aus "Die heilige Familie", n. E. Fromm) entkräften: "Die Geschichte tut nichts, sie besitzt keinen "ungeheuren Reichtum", sie kämpft keine Kämpfe! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der alles tut, besitzt und kämpft, es ist nicht etwa die Geschichte, die den Mensch zum Mittel braucht (vgl. Hegels Weltgeist), um ihre als ob sie eine aparte Person wäre Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen." Es handelt sich hierbei übrigens um eine wunderbare Charakterisierung des dialektischen Materialismus, und in weiterer Folge auch des modernen Konstruktivismus.
Marxens Ideen wurden wohl deshalb so schnell pervertiert, weil er seine Reformmission hundert Jahre zu früh ins Leben gerufen hat
[Fromm76]. Sowohl er, als auch Engels waren davon überzeugt, daß der Kapitalismus seine Möglichkeiten bereits ausgeschöpft habe, und die Revolution daher unmittelbar bevorstehe ein fataler Irrtum. Sie hatten ihre Lehren am Gipfelpunkt der kapitalistischen Entwicklung verkündet, ohne vorauszusehen, daß es noch einmal hundert Jahre dauern würde, bis zur heutigen, mehr durch ökologische aber auch durch ernste ökonomische Faktoren bedingten Endzeitstimmung. Seinen Gegnern mag es als historische Notwendigkeit erschienen sein, diese gefährliche Idee mit äußerster Sprengkraft zu bekämpfen oder zumindest den herrschenden Vorstellungen anzupassen, d.h. sie zu "ökonomisieren". Die geforderte Selbstbefreiung und Entfaltung des Menschen verkam im Realsozialismus zur bloßen Gleichstellung im Konsum. Sozialismus und Kommunismus wurden auf das Fundament des bürgerlichen Materialismus gestellt, deren verbitterter Kampf mit einem Scheingefecht zweier Waschmittelmarken oder Tageszeitungen aus dem selben Hause verglichen werden kann.Marx und Engels fehlten bedauerlicherweise gleichwertige Gegenspieler, die verhindern hätten, daß sie letztlich Opfer ihrer eigenen Methodik wurden. Die Verstrickung in ein waghalsiges Spiel mit Prophezeiungen und politischer Agitation dürfte wohl auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Ich habe an anderer Stelle auf Marxens Technik der interdisziplinären Literaturstudie verwiesen, die ihm zu einer sehr klaren Einschätzung der politischen Situation verhalf. Marx starb 1883. In seinem Namen wurde die russische Revolution von Wladimit Iljitsch Lenin 1917 weitergeführt, der zwar die Philosophie des Materialismus noch verfeinern konnte, während er auf der politischen Ebene hoffnungslos versagte. Die Ideale des "kommunistischen Manifestes" wurden im Zuge persönlicher Machtkämpfe bald verraten. Das natürliche Prinzip der "Selbstorganisation" beständiger Systeme wurde sträflich mißachtet, in dem die Revolution von einer Minderheit für eine Mehrheit betrieben wurde. Jeder Fehltritt entfernte die Revolutionsführung weiter von der Möglichkeit der Einbeziehung bzw. Mitbestimmung der Masse, bis das "Befreiungsprojekt" in einer Quasidiktatur als Karikatur der angestrebten selbstbestimmten, klassenlosen Gesellschaft endete. Marxens ursprüngliche Kritik am Kapitalismus hatte sich jedoch gerade gegen dessen Lähmung der menschlichen "Selbsttätigkeit" (heute eher "Selbstverwirklichung") gerichtet. Seiner Meinung nach sollte der Sozialismus die volle Menschlichkeit wiedergeben, indem diese Selbsttätigkeit in allen Lebensbereichen wiederhergestellt wird. Der selbe Fehler wurde in der zentral gelenkten Wirtschaft begangen, er haftet aber auch dem Markt orientierten System an, das einen globalen Weltmarkt anstrebt.
Die späte marxistische Philosophie, die den Bezug zu nachvollziehbaren Begründungen verloren hat, muß schließlich in einer dogmatischen nicht weiter zu hinterfragenden Ordnung münden, die ganz im Gegensatz zu der Fortsetzung der Aufklärung steht, welche die alternativen Denkgebäude
St-1(b), 2(b) prägt. Karl Marx und G. Adler zählen zu den schärfsten Gegnern ihrer Zeitgenossen Max Stirner und Pierre Proudhon [Proudhon87].Die Ablehnung Stirners "Befreiungsgedanken" des Individuums steht klar im Widerspruch zu den frühen Werken von Karl Marx, und illustriert die Erosion der ursprünglich "anarcho-kommunistischen" Idee zu einer weiteren Variante des Faschismus.
2.1.4 Konservatistische Züge der Waldorfpädagogik, Rudolf Steiners Anthroposophie
Ich habe noch selten eine derart radikale, tiefe Bindung bzw. eine krankhafte, blinde bis offen aggressive Verteidigung einer Ideologie bzw. Religion erlebt, die nicht weniger dubiose bis gemeingefährliche Aspekte aufweist, als zahllose öffentlich verteufelte Sekten. Dabei beziehe ich mich in erster Linie auf persönliche Begegnungen mit österreichischen, bosnischen und osteuropäischen AnthroposophInnen in verschiedenen Funktionen, z.B. SchriftstellerInnen, PhilosophInnen und LehrerInnen, und weniger auf die folgenden Beispiele.
Die Anthroposophie ist eine Abspaltung der Theosophischen Bewegung (Geheimlehren), die um die letzte Jahrhunderwende großen Zuwachs verzeichnete. Ihr Gründer, Rudolf Steiner (1861-1925), war zunächst Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophen (siehe 2.4). Der Einfluß dieser Strömung, insbesondere auf die Ökologiebewegung ist nicht zu unterschätzen. Etwa 12.000 Menschen sind organisiert in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), hinzu kommen Abspaltungen.
Bei der Diskussion von reformpädagogischen Konzepten (Alternativschulen) in 4.4 werde ich vor der Waldorfpädagogik warnen, weil sie in erster Linie ein Werkzeug der Anthroposophie ist, wenn auch zweifellos mit zahlreichen positiven Elementen moderner Reformpädagogiken versetzt.
Anthroposophisch sind weiters der biologisch-dynamische Demeter-Landbau und Weleda-Kosmetik. Dazu ist anzumerken, daß nur wenige AbnehmerInnen solcher Produkte auch über die Anthroposophie informiert sind. Mitglieder bzw. Financiers der AnthroposophInnen sind bzw. waren Siemens, Ludwig Bölkow (MBB) und Herrhausen (Deutsche Bank).
Rudolf Steiner formuliert das Ziel als Unterordnung unter jenseitige Prinzipien mit der gleichzeitigen Emanzipation von materialistischen und autoritären Zwängen. Von der Theosophie (siehe 2.4) übernimmt Steiner die Wurzelrassenlehre. Die spirituelle Sendung der Deutschen wird seiner Meinung nach bedroht durch eine internationale Verschwörung gegen Deutschland so interpretierte Rudolf Steiner den ersten Weltkrieg und durch "Rassenmischung" mit spirituell "erstarrten" Völkern.
Sein Gedankenmodell weist Parallelen zu esoterischen Strömungen von Gregory Bateson und anderen Holisten auf, die von einem die gesamte Natur durchdringenden Geist ausgehen. Vom Standpunkt des Materialismus der modernen Physik kann dieser "Geist" problemlos als Organisationsprinzip materieller und energetischer Wechselwirkungen gedeutet werden, etwa im Sinne der Ausführungen von Capra. Rudolf Steiner und viele Holisten gehen aber von einer der modernen Quantenphysik wesentlich abweichenden Organisation dieses Weltgeistes aus, wenn sie von einer das Universum durchdringenden geistigen Ebene sprechen, die ohne Einschränkungen Kommunikation erlaubt, und eigenen spirituellen Gesetzen gehorcht. Das moderne physikalische Weltbild akzeptiert im Gegensatz dazu verschiedene Einschränkungen aller Wechselwirkungen, die auch für jede Art von Kommunikation gültig sind.
Diese Auseinandersetzung wird noch dadurch erschwert, daß die Anthroposophie von sich behauptet, mit rationalen Argumenten zu diskutieren.
Die Anthroposophie geht von einer formenden, geistigen Kraft ohne materiell-energetische Repräsentation aus, während materiell-energetische Erscheinungen auf eine nicht näher erklärte "Begriffsbildung" der angesprochenen geistigen Kraft zurückgeführt werden, die sich als "denkende Individualitäten" manifestiert. Materiell-energetische Erscheinungen sind eine Art Werkzeug dieser denkenden geistigen Kraft. Diese Sichtweise schließt deshalb Seelenrecycling, bzw. Wiedergeburt ein. Wieweit beim Seelenrecycling die vorherige Erfahrung des Geistes erhalten wird, bleibt genauso Spekulationen überlassen, inwiefern der Zusammenhang zwischen dem "formenden Geist" und seinen Werkzeugen als zwingend gedacht werden soll.
Wenn ich im dritten Abschnitt die evolutionäre Erkenntnistheorie und das Prinzip der Selbstorganisation, sowie die Grundlagen gesellschaftlicher Kommunikation, die Sprachfähigkeit und die Ausbildung persönlicher Bedeutungen (z.B. von Wörtern) durch direkte körperliche Erfahrung bespreche, komme ich trotzdem zu ähnlichen Ergebnissen für das Menschenbild einer modernen Gesellschaft. Auch die Idee der Evolution ist durchaus mit einem übergeordneten "formenden Grundprinzip" vergleichbar, das aber der naturwissenschaftlichen Methodik zugänglich ist. Es beruht außerdem bloß auf lokalen Wechselwirkungen ohne einen mystischen, universellen Ordnungsgeist oder Bauplan. Die in der vorliegenden Arbeit vertretene dialektisch materialistische Sichtweise, die um den Standpunkt des Konstruktivismus erweitert worden ist, wird von den meisten AnthroposophInnen empört abgelehnt.
2.2 Die alternativen Strömungen (Skeptizismus) - St-1(b), 2(b)
Aus kulturökologischer Sicht heißt "richtige Naturkonstruktion", daß die Gesellschaft sich intern so organisiert, daß sie offen bleibt für die Konstruktion alternativer Sichtweisen der Umwelt. Denn kulturelles Leben ist nichts anderes als eine "weltkonstruierende Tätigkeit". Wird die laufende Weltkonstruktion durch irgendwelche Hindernisse blockiert, oder erschwert, dann wird die Reproduzierbarkeit bzw. die Lebensfähigkeit eines kulturellen Systems geschwächt. Es ist also nicht wichtig, was die Welt "ist", sondern wie schnell und differenziert sie sich ändern kann
[Krieger97].Worin unterscheidet sich die konservatistische Strömung von der zweiten genannten, der sogenannten "Alternative", ein durch den heutigen Sprachgebrauch möglicherweise irreführender Begriff (St-2.2b)? Mit "alternativ" ist hier gemeint, daß die Wertvorstellungen einer solchen Denkrichtung nicht ausschließlich vom jeweiligen Zeitgeist geleitet werden, wie etwa beim "Individualaristokraten" Nietzsche und den deutschen "Lebensphilosophen". Die Alternative bezieht ihre Ideen nicht aus der unreflektierten gesellschaftlichen und politischen "Realität" (siehe Hegel-Zitat), sondern eher aus der kritischen Hinterfragung derselben sowie aus allgemein nachvollziehbaren Erfahrungen, wie z.B. der Einzigartigkeit des persönlich erlebten Bewußtseins oder dem Utilitarismus, der sich an der Nützlichkeit einer Handlung z.B. für das eigene Überleben orientiert. Dieser Kritik muß zudem eine gewisse Einsicht in die Dynamik und Veränderlichkeit der Welt zu Grunde liegen, die Marx mit seiner "Dialektik" umschrieb. Das Ziel des Utilitarismus ist "das größt mögliche Glück für die größt mögliche Zahl" ein übrigens nicht unumstrittenes Ziel, das ich noch genauer untersuchen werde. Die Alternative Strömung könnte also im Gegensatz zum Idealismus und der Glaubensphilosophie der konservativen Strömungen, bzw. in Nietzsches Verachtung des Intellektuellen als analytisch, naturwissenschaftlich orientiert bezeichnet werden.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, muß hier ausdrücklich betont werden, daß sich diese Einteilung in "Strömungen" bzw. Denkrichtungen auf eine Methode bzw. Vorgangsweise, und nicht auf die Ergebnisse ihrer Anwendung beziehen. Das bedeutet mit anderen Worten, daß die alternative Methode durchaus zu den selben Wertvorstellungen wie die bereits vorgestellte konservatistische Richtung kommen kann. Sie versucht aber auch Begründungen ihrer Werte anzubieten.
2.2.1 Skepsis gegenüber einer objektiven Realität und Sachzwängen
Ein weiterer Unterschied liegt im Prinzip des Glaubens an absolute Wahrheiten bzw. Ideen auf der Seite der Konservativen ganz im Gegensatz zur kritischen Vernunft ihrer Gegner, die einer außerhalb der menschlichen Wahrnehmung liegendenen absoluten Realität eher skeptisch gegenübersteht (vgl. Kritik der reinen Vernunft
[Döring47], [Kant81], Individualanarchismus, Wiener Kreis u. Metaphysik [Janik98], Konstruktivismus [Watzlawick80], [Foerster97], erweiterter Materialismus: 5.4.1). Der Realitätsbegriff wird für zwei Phänomene verwendet: Das kommunikative Realitätsprinzip (sensus communis), auf Grund dessen wissenschaftliche Übereinstimmungen möglich sind, [Wehrt96] und das pragmatische Realitätsprinzip welches sich etwa in Jakob Uexkülls [Uexküll80] Wirkungskreis manifestiert, der von einer auf die Bedürfnisse einer Gruppe von Lebewesen zugeschnittene "subjektiven" Realität, bzw. "Mitwelt" ausgeht. (siehe 1.1). Konservatismus und Objektivismus orientieren sich bloß am erwähnten "sensus communis". Im hier vertretenen "erweiterten dialektischen Materialismus" wird darin bloß der fragile Konsens eines leicht beeinflußbaren gesellschaftlichen Prozesses gesehen, während dem unmittelbaren, subjektiven Weltmodell (Konstruktivismus) wesentlich mehr Bedeutung beigemessen wird. Auch Jürgen Habermas hat sich mit der Berücksichtigung der spezifischen Lebensweise und der persönlichen Erfahrung im ethischen und gesellschaftlichen Diskurs beschäftigt, mehr darüber in 1.3.2.Die vom Betrachter unabhängige physische Realität wurde bereits 1930 von Heisenberg in der Kopenhager Deutung unter der Bezeichnung "metaphysischer Realismus" verworfen
[Wehrt96], [Hawking96], [Zukav79], [Diettrich94]. Dem metaphysischer Realismus entspringt die Vorstellung eines statischen Zustandes des gut- oder böse Seins gemäß einer konservativen Wert- bzw. Gesinnungsethik. Dieser unzureichenden und überkommenen Vorstellung möchte ich die dynamische, ständig durch Gewissenskonflikte geprägte "Ehrfurchts- und Verantwortungsethik" [Schweitzer23] Albert Schweitzers gegenüberstellen: "In der Wahrheit sind wir, wenn wir die Konflikte immer tiefer erleben. Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels". Jede bewußt erschlagene Mücke hinterläßt ein unangenehmes Gefühl, das bei Blutsaugern natürlich auch etwas Positives, Befreiendes beinhaltet darin liegt der angesprochene Konflikt!2.2.2 Skepsis gegenüber der menschlichen Erkenntnisfähigkeit
Bezeichnend für die alternative Strömung ist weiters die Auffassung, Kultur, Geschichte und wissenschaftliche Erkenntnisse weiterentwickeln zu wollen. Dabei bedient man/frau sich breit gestreuter Literaturstudien, um das Wiederkäuen zu vermeiden, aber auch der Intuition und Anregungen aus dem "alltäglichen Leben", um nicht zu "versteinern".
An dieser Stelle darf außerdem ein Hinweis auf die kritische Geschichtsbetrachtung der "Alternative" nicht fehlen:
[Lüthe87] gibt z.B. einen Einblick in die zeitgenössische Historik und skizziert eine Theorie der historischen Erfahrung, die von narrativer Geschichtstheorie bis zur analytischen Methode der Moderne reicht. Die Gretchenfrage der analytischen Methode lautet "Wem nützt, bzw. dient die Geschichtsschreibung?", oder "was konstruiert / reproduziert sie?". Als Beispiele unterschiedlicher Betrachtungsweisen wurde bereits der widerlegte Mythos der patriarchischen "Urfamilie", sowie die Rekonstruktion einer bis ins späte Mittelalter ausschließlich an Gewalt und Macht orientierten narrativen Hofberichterstattung gesellschaftlicher Eliten erwähnt [Kropotkin02]. Auch die analytische Betrachtung wurde letztlich vom Geist des Konstruktivismus relativiert, da sich auch das kritische Durchleuchten des Prozesses der Geschichtsschreibung selbst immer an Produkten des menschlichen Geistes orientieren muß.Interessanterweise kann auch seitens der "Alternative" aus den Quellen der Antike geschöpft werden, waren doch die Naturphilosophen und später die kritischen Sophisten Wegbereiter von Sokrates, Platon und letztlich Aristoteles, (jeweils Lehrer-Schüler), die danach sowohl kritische aber auch konservative Thesen nährten siehe 3.2. So geht der Versuch, Recht und Sittlichkeit aus dem eigenen Denken abzuleiten, auf die antiken Sophisten zurück.
Klarer wird die Unterscheidung erst bei Kant, während die Grenzen im europäischen Liberalismus wieder verschwimmen. Machiavelli und Leibnitz näherten sich schon dem Rationalismus an, aber ihre Methode war noch dogmatisch, d.h. nicht auf Erfahrungen begründet, sondern auf einer unterstellten angeborenen Vernunft, die Wahrheit zu erkennen vermag. Allerdings war diese Gnade ihrer Meinung nach einer kleinen Elite vorbehalten.
Kants
[Döring47], [Kant81] kritische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Erkenntnisapparat wurde unter anderem durch die Empiristen David Hume [Hume67], [Lüthe91] und John Locke [Locke79] angeregt, siehe 3.2.Er wurde seinen eigenen Vorgaben letztlich nicht gerecht, weil er von einer Menge "a-aprioris" ausgehen mußte, d.h. von nicht zu hinterfragenden Feststellungen. Diese sind zwar für das Individuums tatsächlich vorgegeben, sie müssen aber im gesamten Prozeß der Evolution als veränderlich bzw. relativ angesehen werden. Erst viel später wurden Kants Anregungen zu einer Philosophie der konsequenten Aufklärung ausgebaut, etwa von Charles Darwin
[Darwin63], [Altner81] und Karl Raimund Popper [Popper74,82], [Schäfer88], [Deutsch97]. Auf dem Weg dorthin haben sich unzählige Denker, unter ihnen auch Fichte und Hegel (St-2a) auf Kant berufen, aber nur wenige können tatsächlich zu Vertretern der "Alternativen Strömungen" gezählt werden, wie etwa Auguste Comte [Comte44] und John Stuart Mill [Mill] (Positivismus), Max Stirner [Stirner81], Silvio Gesell, Pierre Joseph Proudhon [Proudhon87], Charles Darwin [Darwin63], Ernst Haeckel, Karl Marx [Marx71] (Materialismus), Ernst Cassirer (Neu-Kantianismus), William James und John Dewey [Dewey94] (Pragmatismus, Pluralismus, Instrumentalismus), Hans Vaihinger [Vollmer75] (Erkenntnistheorie), Alfred North Whitehead [Whitehead41] und Nicolai Hartmann (Moderne Metaphysik), Jean Paul Satre [Sartre63], Albert Camus (Fr. Existentialismus), Rudolf Carnap (Wiener Kreis), Peter Kropotkin, Pierre Ramus, Karl Raimund Popper [Popper74], Jürgen Habermas [Luhmann88], [Habermas81], Ludwig Wittgenstein [Janik98], [Wirrgenstein21], und zuletzt Noam Chomsky, Paul Watzlawick, Heinz von Foerster [Watzlawick80], [Foerster92,97] (Konstruktivismus), Magrit Kennedy [Kennedy90] und Jeremy Rifkin [Rifkin95] in der Reihenfolge ihres Wirkens. Mit diesen Persönlichkeiten werden wir noch eingehend beschäftigen. Neuere Entwicklungen habe ich nicht berücksichtigen können, mit Ausnahme der Humanökologie, dem Strukturalismus und dem Konstruktivismus.Nachdem ich mich im vorigen Kapitel kritisch mit der Marxschen Lehre auseinandergesetzt habe, muß an dieser Stelle auf den großen Verdienst dieser Strömung für die Fortsetzung der Aufklärung hingewiesen werden. Karl Marx konnte auf sozialkritische Werke der "Frühsozialisten" wie Proudhon und Cabet zurückgreifen, die eigentlich in groben Zügen seine populäre Analyse des Kapitalismus vorwegnahmen.
2.2.3 Skepsis gegenüber sozialen und ökonomischen Systemzwängen
Ich zitiere eine exzellente Zusammenfassung der Analyse des angelsächsischen Kapitalismus aus einem Schulbuch,
[Hirt76] das ich in seiner generellen Intention den Manipulationswerkzeugen konservatistischer Strömungen zuordnen würde. Warum aber gerade "Das Kapital" (1867) so gut dokumentiert wurde? Vielleicht um den Gegnern des österreichischen Proporzschulwesens keinen Angriffspunkt zu bieten, vielleicht um den SchülerInnen das Interesse daran zu nehmen, indem es in einem Schulbuch abgedruckt wird?"In der kapitalistischen Warenproduktion werden nicht nur Waren, sondern auch Arbeitskräfte auf dem Markt angeboten. Die menschliche Arbeitskraft ist die einzige, allen Waren gemeinsame Größe und damit Maßstab des Tauschwertes." Es handelt sich also um eine anthropozentrische, am Menschen orientierte Interpretation der Wirtschafts- und somit der gesamten Lebenswelt (vgl. 1.2.1.4).
"Der Tauschwert bestimmt sich nach der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit." Diese Definition legt nahe, die Dauer der "notwendigen Arbeitszeit" könne durch naturwissenschaftliche Studien ermittelt werden. Ich habe solche Annahmen bereits in der Einleitung verworfen. "In der kapitalistischen Wirtschaft besitzt der Lohnarbeiter kein Eigentum an den Produktionsmitteln, nur seine Arbeitskraft, die er als Ware dem Eigentümer der Produktionsmittel zur Nutzung verkaufen muß. Er muß sie zu dem Wert verkaufen, der gerade notwendig ist, um seine Arbeitskraft zu erhalten (Ernährung, Wohnen), und der geringer ist als der Wert des Ergebnisses. Die Differenz, der "Mehrwert" fällt dem Kapitalisten zu. Die Verwendung des Mehrwertes durch den Kapitalisten (für Investitionen) bewirkt eine zunehmende Vergrößerung des Produktionsapparates und des Automatisierungsgrades, die zur Folge haben, daß ständig Arbeitskräfte frei werden, die "industrielle Reservearmee". Diese Arbeitslosen üben wiederum Druck auf den Arbeitsmarkt aus, so daß der Preis für Lohnarbeit sich immer mehr dem absoluten Existenzminimum annähert. Diese Akkumulation des Kapitals zieht eine immer größere Verarmung der Masse nach sich, und die durch die verminderte Kaufkraft der Masse hervorgerufene Krise führt schließlich notwendigerweise zu einer Revolution." Diese Analyse hat Henry Ford zu der Einsicht geleitet, daß "Autos keine Autos kaufen können". Sein verfeinertes Modell des Kapitalismus, der "Fordismus", löste die bekannte Lohnsklaverei durch Konsumzwang in Zeiten der Konjunktur ab, der Arbeitszwang blieb bestehen. Die Arbeitskraft wird in der fordschen Kapitalvermehrungsmaschinerie weiterhin als "Mehrwertproduzent" mißbraucht, neu hinzugekommen ist die Rolle als Abnehmerin für (minderwertige) Massenprodukte. Der Konsumzwang konnte aber in den periodischen Krisen der Kaptialvermehrung jederzeit wieder in Lohnsklaverei umschlagen. Außerdem änderte diese Variante nichts an der zerstörerischen Kraft des Boden- Miet- und Kapitalzinses, die jeden stabilen Kreislauf durch krebsartiges exponentielles Wachstum unterminiert, und nebenbei eine der bedeutendsten Ursachen für die Inflation darstellen. Solche Probleme werde ich zusammen mit einem alternativen Lösungsvorschlag von Magrit Kennedy
[Kennedy90], [Rifkin95] in 5.3 diskutieren.Der Endzustand dieser Entwicklung könnte die klassenlose Gesellschaft sein, in der die höchste Entwicklung der Produktionskraft der Gesellschaft und die allseitige Entwicklung des Einzelnen gleichermaßen gewährleistet sind.
Leider hat Marx die Erreichung dieses Zustandes als mehr oder weniger zwanghaft angesehen, und dabei kaum Rücksicht auf die dazu notwendigen sozialen Umwälzungen genommen. Diese "Zwanghaftigkeit geschichtlicher Ereignisse" kann aber auch rational interpretiert werden, nämlich dahin gehend, daß jede andere Entwicklung nur zu weiteren fruchtlosen Zyklen von Klassenkämpfen führen würde, bis eines Tages der umschriebene Zustand der dynamischen Stabilität oder eines völligen Zusammenbruches erreicht wird. Auch die Unmöglichkeit einen derartigen Gleichgewichtszustand "von oben" her zu verordnen schien ihm nicht ausreichend bewußt gewesen zu sein.
2.2.4 Skepsis gegenüber der "reinen Lehre" der Weltreligionen
Bevor ich abschließend einige Überlegungen zur umstrittenen Rolle des Materialismus und der Lehre Darwins anstelle (siehe
5.4.1), will ich auf ausgewählte Vertreter der alternativen Strömung mit religiösem Hintergrund eingehen. Am Beispiel des Christentums läßt sich zeigen, daß Religionshüter nicht nur eine bedeutende Rolle für die konservative Denkrichtung (St-2a) spielten, sondern durchaus auch für ihre alternativen Gegenspieler. So werden führende Persönlichkeiten der österreichischen Caritas von Vertretern der "Amtskirche" als "Extreme Linke" bezeichnet. Die Vereinigung der katholischen Basisgemeinden, aber auch die Evangelisten leben nicht nur in Österreich eine etwas von der "reinen Lehre" des päpstlichen Diktats abweichende Interpretation christlicher Ideen gemäß St-2b (vgl. auch "Text Q").Aus dem weiten Feld der Befreiungstheologie, deren Hintergrund ich im ersten Abschnitt beleuchte, sei hier der haitianische Pfarrer Aristide genannt, der durch sein Vertrauen bei der "einfachen Bevölkerung" einen großen Wahlsieg errang, aber leider nicht das Vertrauen der amerikanischen Regierung. Als er den sanften Ausstieg aus deren "Wirtschaftshilfeprogramm" in Angriff nahm und mit seinen 67% der Wählerstimmen amerikanischen Wunschkandidaten Marc Bazin (14%) auf den zweiten Platz verwies, wurde er gewaltsam abgesetzt
[Chomsky93]. Die Bewegung der Befreiungstheologie lebt von einer Reihe weiterer herausragender Persönlichkeiten, die den Rahmen dieses Kapitels sprengen würden. Ich werde mich noch eingehend mit den Theologen Albert Schweitzer und "Pater Ude" beschäftigen. Um hier wenigstens einen Anhänger einer anderen, bzw. der selben universellen Glaubensrichtung zu nennen, sei auch Mahatma Gandhis politisches Engagement erwähnt.2.2.5 Skepsis gegenüber dem naiven Realismus und Biologismus (Menschenrassen)
Zuletzt sollen die umstrittenen Rollen des Zoologen Ernst Haeckel, aber auch die von Charles Darwin
[Darwin63], [Altner81], [Vollmer75], [Diettrich92] und Konrad Lorenz [Lorenz71] in der Ökologiebewegung beleuchtet werden, die das Dilemma eines zu einseitigen Materialismus aufzeigen.Haeckel definierte Ökologie als "die Wissenschaft von den Beziehungen der Organismen zur Umwelt". Haeckel verstand sich als Naturphilosoph und verknüpfte esoterische, sozialdarwinistisch-rassistische Positionen mit Fortschritts- und Technikoptimismus zu einer "ökologischen" Weltanschauung. Die Evolution bezeichnete er als kosmische Kraft, die sich in der Natur verkörpert. Mensch und Natur seien ein zusammenhängendes, von göttlichem Geist beseeltes Ganzes. Eine "naturgemäße Gesellschaftsordnung" müsse den ewigen Naturgesetzen entsprechen und nach modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet werden.
Haeckels Denken zeigt aber auch biologistische Züge (
St-4), die im Gegensatz zu der am einzigartigen, persönlichen Bewußtsein orientierten Ethik der humanökologischen Richtung steht. Er unterläßt es, seiner Ethik ein Ziel zu setzen, indem er dieses mit der Evolution gleichsetzt. Ich werde dieses Problem noch öfters aufgreifen. So hat Haeckel schließlich sogar rassenhygienische Maßnahmen gefordert, um das "natürliche" Aussterben Schwacher zu beschleunigen. Wegen der von ihm postulierten Rassenunterschiede hielt er an der Erhaltung bzw. Wiedergewinnung der deutschen Rassenreinheit fest. Deutschland stelle in der Evolution den Gipfel des Menschlichen dar, und es gilt, einen neuen Weg für die Erhaltung des besonderen Charakters der Völker und Rassen zu eröffnen, weil der größte Fortschritt von den größten Völkern ausgehen muß.Aus heutiger Sicht ist aber unbedingt darauf hinzuweisen, daß unser Wissen über das Systemverhalten der Ökosphäre so unvollkommen ist, daß reiner Artegoismus mit Sicherheit mehr zerstört, als für langfristiges menschenwürdiges Überleben erforderlich ist, selbst wenn er gemäß dem momentanen Stand der Naturwissenschaften als vorteilhaft erscheint. Auch Konrad Lorenz machte in der Blütezeit des Nationalsozialismus kein Hehl aus seinen biologistischen Ansichten. Beiden Persönlichkeiten muß aber Respekt vor ihrer bedeutenden wissenschaftlichen Arbeit eingeräumt werden. Lorenz hat zudem seinen sozialdarwinistischen Standpunkt von sich aus revidiert, und trat für eine ethisch sowie naturwissenschaftlich motivierte Betrachtung des menschlichen Verhaltens ein. Er verfaßte auch zahlreiche sozialkritische Texte, in denen er sich mit den Folgen der Zivilisation bzw. der Moderne auseinandersetzt.
Der biologische Rassebegriff
In der Zoologie wird Rasse mit "Unterart" gleichgesetzt
[Czhiak76], [Rosenf83]. Der Begriff bezeichnet entweder weitgehend als Arten agierende, aber durch Zwischenformen verbundene, oder aber fast idente, dafür aber genetisch isolierte Sippen.Aus Sicht der Biologie, bzw. der Zoologie müssen "Rassen" deutlich erkennbare Unterschiede ihres genetischen Materials aufweisen, die sich im Falle des Menschen in den letzten 100.000 Jahren seit der Verbreitung des Homo sapiens von einem gemeinsamen Ursprungsort in Afrika herausgebildet haben müßten. Freilich wurden durch geographische Isolation, durch Wanderbewegungen etwa über die Landbrücke zum amerikanischen Kontinent und durch andere Faktoren wie Verhaltensweisen und Nahrungsangebot die Häufigkeit einzelner Allele (Genvariationen, siehe 1.2.1) in von einander getrennten Volksgruppen verschoben. Dabei kam es ihm Rahmen der genetischen Variabilität der Gattung "homo" auch offensichtlich zu zahlreichen physischen Anpassungen, z.B. an extreme Hitze und Kälte. Das gesamte genetische Material hat sich in dieser Zeit aber kaum mehr verändert, sondern nur dessen Verteilung
[Shipman94]. Eine bekannte Ausnahme bilden wenige Enzyme und Blutfaktoren [Rosenf83]. Würden nun nach äußeren Merkmalen Rassen unterschieden werden, so wäre das eine ziemlich willkürliche Einteilung, denn es haben neben diesen erkennbaren Merkmalen mindestens ebenso viele äußerlich nicht in Erscheinung tretende Allel-Häufigkeitsverschiebungen stattgefunden. Die strenge geographische Isolation ist zudem, dort wo sie überhaupt bestanden hat, seit vielen Generationen aufgehoben.Das bedeutet aber nicht, daß die Klassifikation nach dem Körperbau, der Gesichtsform und des Skeletts nicht in wissenschaftliche Arbeit einfließen sollen. Besonders die jüngere Geschichte der Menschheit, die Ausbreitung nach der Eiszeit, läßt sich durch die unterschiedlichen Anpassungen und trotzdem noch bestehende Verwandtschaften in akribischer Kleinarbeit rekonstruieren. Aus den oben genannten Gründen hat dieses Verfahren aber nur mehr in Sonderfällen Bedeutung, wenn es auf heute lebende Menschen angewandt wird.
Vergleich der genetischen Distanz
Vergleichen wir die "genetischen Distanz"
[Czhiak76] von Menschen verschiedener Kulturen, ein statistisches Unterscheidungsmaß unabhängig von der Funktion einzelner Gene, so werden wir keine gravierenden Unterschiede im gesamten genetischen Material finden, welches mit den äußerlich erkennbaren Unterschieden in Zusammenhang steht. Allerdings scheiden sich die Geister, was unter "relevanten Unterschieden" zu verstehen ist. Rassenverfechter sehen das traditionelle Menschenrassensystem durch eine Analyse von 120 Allelen verschiedener Blutmerkmalsysteme über die genetische Distanz bestätigt (Cavalli Sforza, 1992, [Knußmann96], [Shipman94]). Dabei liegen die Differenzen im Detail meist im Bereich des statistischen Rauschens, d.h. die Unterschiede können zufällig sein. Es brauchen also nur die richtigen Merkmale (Genloci) ausgewählt werden, und fast jeder beliebige genetische Stammbaum läßt sich so bestätigen. Allerdings gibt zweifelsohne klar unterscheidbare Merkmale wie vererbbare Körperproportionen, die Verteilung der Hautpigmente und die Form des Kopfhaares zur Anpassung an unterschiedliche Klimazonen. Zur genaueren Interpretation können zudem Skelettfunde herangezogen werden. Ich möchte hier nur klarstellen, daß die angesprochene "genetischen Distanz" eher auf eine allgemeine Ähnlichkeit hinweist, und kaum als endgültiger "Beweis" einer These angeführt werden kann. Das gilt übrigens auch für die an Mitrochondrien-RNS durchgeführten Abstandsmessungen (Allan Wilson, Rebecca Cann), Zellbestandteile, die zur Energieversorgung dienen, und die nur mütterlichseits vererbt werden [Shipman94].Die Idee der Menschenrassen bietet somit keine Grundlage für Schlußfolgerungen, die über das bloße Nachvollziehen der Erblichkeit äußerlicher Merkmale hinausgeht. Zudem müßten wegen dem Fehlen echter menschlicher "Populationen" im biologischem Sinn für jedes Merkmal eigene, voneinander unabhängige Rassen eingeführt werden, so daß jeder Mensch zu hunderten derartiger genetisch festlegbarer Rassen gehören würde.
Aus diesem Grund haben viele Anthropologen und Biologen von der Menschenrassentheorie Abstand genommen, da sie sich als nicht zweckmäßig und handhabbar erweist, dafür aber in unwissenschaftlicher, entstellter Form unvorstellbares Unheil angerichtet hat. Freilich gibt es immer noch Wissenschafter, die sich nicht davon abbringen lassen, Menschen nach äußerlichen Merkmalen zu katalogisieren, um dann auf mit Hilfe zum Teil sehr fragwürdigen statistischen Verfahren verschiedene "innere Merkmale" wie Intelligenz, Fruchtbarkeit usw. abzuleiten.
Ich halte diesen Ansatz jedoch für legitim, wenn er sich wie erwähnt nur auf leicht bestimmbare Merkmale (Hautpigment, ...) bezieht, und gemeinsam mit der vergleichenden Sprachforschung zur Rekonstruktion der menschlichen Geschichte eingesetzt wird. Der Genetiker Luigi Cavalli Sforza hat überprüft, ob sich sprachliche Präferenzen genetisch nachweisen lassen
[Knußmann96]. Er kam zum Schluß, daß kein Zusammenhang zwischen der Muttersprache und dem Erbgut besteht, die Parallelen sind viel mehr darauf zurückzuführen, daß sich bei einer Spaltung der Gesellschaft meist zwei genetisch verwandte Gruppen bilden, die eine gemeinsame Sprache beibehalten.Zuchtrassen und Menschenrassen
Der unglückliche Begriff "Menschenrassen" verleitet zu Versuchen, von den erwähnten äußeren Merkmalen auf innere Faktoren zu schließen, denn der Rassenbegriff wird im Alltag vor allem für "Zuchtrassen" gebraucht. Dort spielen die äußeren Merkmale (Formen) eigentlich eine untergeordnete Rolle, es zählen die durchschnittliche Leistungen wie z.B. Milchproduktion bei Kühen, die Disziplin und der Spürsinn bei Jagdhunden, der Ertrag bei Nutzpflanzen. Weil Zuchtrassen auch typische äußere, wenn auch nebensächliche Merkmale aufweisen, werden diese automatisch mit der erwarteten Leistung bzw. dem Verhalten assoziiert. Da aber Menschen nie gezüchtet wurden, d.h. nicht streng nach ihren Leistungen bzw. inneren Werten selektiert wurden, besteht bestenfalls ein sehr vager Zusammenhang zwischen äußeren Merkmalen und inneren Faktoren, wie er etwa in der "Rassenpsychologie" unterstellt wird.
Deren Vertreter gestehen heute zumindest ein, daß ein großer Teil heutiger Verhaltensunterschiede auf einer Rückwirkung der Kultur beruht
[Knußmann96]. Als Selektionskriterium werden unterschiedliche Heiratschancen und die sogenannte "Paarsiebung" angenommen. Beliebt waren in den USA Intelligenztests, die meist bestätigen sollten, daß Negride weniger Intelligenz aufweisen. Auch hier müssen die "Forscher" eingestehen, daß sie dabei nicht zwischen rassischen Merkmalen und realen sozialen Lebensbedingungen unterscheiden können, denn die schwarze Bevölkerung lebt unter wesentlich schlechteren Bedingungen. Ich halte diese Untersuchungen für unseriös, weil der wissenschaftliche Intelligenzbegriff zu eng gefaßt wurde. Auch gibt es große Unterschiede in der Vorgangsweise. Es sind z.B. aus Zeiten des Sozialdarwinismus statistische Verfahren bekannt, die von vornherein die These der Verfechter bestätigen mußten. Bei sprachfreien Tests wurde aber auch gezeigt, daß Asier in ihrer gemessenen Intelligenz die Europiden eher übertreffen [Knußmann96], seitdem halten viele europäische "Rassenverfechter" derartige Tests für wissenschaftliche Untersuchungen bestenfalls als "bedingt geeignet".Sozialanthropologie, Sozialdarwinismus
Wie an anderer Stelle erwähnt, wurden die Sozialwissenschaften im 19. Jahrhundert als naturwissenschaftliche Disziplin begründet. Ein trauriges Kapitel dieser Bemühungen soll hier kurz skizziert werden. Schon vor Darwin war die zentrale Frage, wie weit eine genetische Prägung zwingend zu einem bestimmten Verhalten führt, und wie weit diese Prägung durch die gesellschaftliche Organisation "korrigiert" wird. Im Falle der Menschen an der Peripherie der Kolonialreiche ("Dritte Welt") war auch von der "Veredelungsmöglichkeit" die Rede. Daß rassische Unterschiede die Intelligenz bzw. Kultur dieser Völker einschränken, wurde bis ins 20. Jahrhundert von weißen Wissenschaftern als Tatsache akzeptiert. Dieses Vorurteil schien auch durch die Vermessung von menschlichen Schädel bestätigt zu werden.
Bereits 1904 wurde im Staat New York das Eugenics Record Office unter dem Direktor Charles Davenport mit der Aufgabe gegründet, Informationen für die staatlich verordnete Rassenhygiene zu sammeln, um den von Madison Grant prophezeiten "Untergang der weißen Rasse" zu vereiteln. Davenports Eifer im Datensammeln kann mit dem heute immer wieder diskutierten "Großen Lauschangriff" und der langjährigen Tätigkeit des amerikanischen NSA verglichen werden alle verfügbaren Datenquellen wurden ausgeschlachtet. Einwanderer mußten eine Vielzahl von Informationen bekannt geben, auch erste "Intelligenztests" wurden eingesetzt. Zwischen 1907 und 1917 sind in 16 Bundesstaaten der USA Sterilisationsgesetze für Kriminelle, Epileptiker, Geisteskranke, Drogenabhängige und Schwachsinnige erlassen worden
[Shipman94].Auch in London wurde schon zuvor eine ähnliche Institution installiert, das "Galton Laboratory for National Eugenics", das allerdings nur über einen Bruchteil des Budgets der Amerikaner verfügte
[Shipman94]. Dort sammelte man in Familien Befunde über die Häufigkeit und die Verteilung höchst unterschiedlicher Merkmale (Hasenscharte, Tuberkulose, Taubstummheit, Alkoholismus ...). Diese bunt gemischten Rohdaten wurden von einer großen Belegschaft analysiert. Karl Pearson leitete daraus verhängnisvolle Schlußfolgerungen ab, die zum Teil auf einer unsachgemäßen Anwendung der neu entdeckten "Normalverteilung" in der Statistik fußen. Einerseits wies er nach, daß die Oberschicht im Schnitt weniger Nachkommen zeugte, während die, von ihm als "Abschaum der Gesellschaft" bezeichnete Schichte, statistisch gesehen die meisten Nachkommen aufwies. Dieses Argument wurde später nicht nur in den USA und im 3. Reich zum Anlaß genommen, die erwähnten Zwangssterilisationen durchzuführen.Lambrosos untersuchte als erster auffällige Äußerlichkeiten wie abstehende Ohren und tiefliegende Stirn an Kriminellen. Seine Ergebnisse hielten sorgfältigen Überprüfungen nicht stand. Der eigentliche Vater der unwissenschaftlichen Rassenpsychologie, William Herbert Sheldon veröffentlichte im Jahr 1940 ein Schema für die Beschreibung des menschlichen Körperbaus und daraus abgeleitete Charaktereigenschaften. Die Beschreibungen waren so allgemein und ungenau, daß sie ähnlich wie Horoskope meist plausibel klangen. Bei Sheldon bestand aber das Problem, daß er tatsächlich glaubte, er habe Belege für genetische Zusammenhänge zwischen inneren und äußeren Faktoren des Menschen gefunden, während die Zusammenhänge zu einem guten Teil nur durch ein mathematisch-statistisch nicht korrektes Vergleichsverfahren vorgetäuscht wurden
[Shipman94].Während auf der Seite der körperlichen Merkmale gewisse klare Richtlinien vorlagen, bestimmte Sheldon nämlich die 50 von ihm ausgewählten "geistigen" Merkmale bei den Versuchspersonen selbst. Bis heute konnte solche Zusammenhänge nicht nachgewiesen werden.
Da Sheldons Klischees besonders wegen ihren zu Grunde gelegten Vereinfachungen sich im Alltag scheinbar bewähren, erschien sein System erschreckend plausibel. Es wurde auch nach der Blütezeit des Sozialdarwinismus weiterhin zur Legitimierung politisch motivierter Diskriminierungen mißbraucht. Im vollständigen Manuskript werden noch zwei Ansätze zur Durchleuchtung des Rassismus als soziales Phänomen erläutert, die hier aus Platzmangel nicht abgedruckt werden können.
2.3 Die humanökologische Strömung - St-3
Einleitung: Eine aus den biologischen Wurzeln des Menschen (1.2.1) und im gleichen Maße aus den menschlichen Bedürfnissen ableitbare Orientierung in allen Lebensbereichen wird als Entscheidungshilfe vorgeschlagen. Unsere Lebenswelt muß gemeinschaftlich Schritt für Schritt so umgestaltet werden, daß die Einheit von Gefühl, Erleben und Handeln wiederhergestellt wird, daß wir uns also "gut" fühlen können in unserem Tun. Wir wissen in Wirklichkeit mehr als je zuvor, vermögen das Wissen aber nicht mehr emotional zu verarbeiten, und verdrängen notwendige Konsequenzen. Ein Grund für diese Krise war die Trennung von Körper und Geist nach Descartes und die abendländische Aristotelische Logik von wahr oder falsch (3.5.1), die zur Wahnvorstellung einer absoluten, vom Menschen unabhängigen "physischen" Realität mit angeblichen "Sachzwängen" geführt hat. Die technokratische Beschleunigungskrise (5.2.1) war vorprogrammiert.
Dabei ist bereits jedes einzelne Individuum mit unterschiedlicher genetischer Ausstattung, und einer unverwechselbaren physischen Ausformung durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen ausgestattet, so daß als Kompromiß bestenfalls ein durch gegenseitigen Informationsaustausch gewonnenes "gemeinschaftlich akzeptiertes Weltbild" geschaffen werden kann.
"Wir müssen deshalb einen kommunikationstheoretischen Zugang zur Ökologie finden, um unter Einbeziehung der kulturellen Umwelt, die system- und disziplinübergreifenden Zusammenhänge ökologischer Probleme zu erkennen. Sie sind als gemeinsame Aufgabe zu akzeptieren und zu diskutieren [Krieger97]."
Heute erledigen das jedoch wie eh und je kleine Eliten (vgl. Chomskys 20% These), die den Massen maßgeschneiderte Weltbilder aufzwingen (Massenmedien, etc.). Ich sehe deshalb die wichtigste Aufgabe einer Mitweltethik darin, diese "Welterschaffung" zum Vorteil aller Beteiligten umzukrempeln.
Partizipation (Anteilnahme), Basisdemokratie und Selbstorganisation (ein Prinzip der belebten und toten Materie:5.4.1 vgl auch "Subsistenz") sowie gewaltloser, aber aktiver Widerstand gegen inakzeptable Systemzwänge sind die meiner Erfahrung nach tauglichsten Werkzeuge dazu. Kleine überschaubare Verwaltungseinheiten (vgl. L. Kohr), regionale, nachhaltig-vorsorgende Wirtschaftskreisläufe und eine mehrstufige bzw. risikoarme Zivilisation (vgl U. Beck, Schulstoff: Leben ohne Strom, diverse freiwillige Selbstversorgungsübungen, ...) sind ebenso unumgänglich, wie der Abbau von Nationalismen, Militärs und der Technikhörigkeit.
Besonders gut charakterisiert wird die "humanökologische" Strömung übrigens durch Erich Fromms Existenzweise des "Seins", siehe 1.1.1.8. Um den weiten Bogen dieses Ansatzes verständlicher zu machen, möchte ich einleitend eine Charakterisierung des modernen Kulturbegriffes geben, die aus
[Krieger97] und [Kanatschnig96] übernommen wurden.Was ist Kultur?
Kultur läßt sich definieren als die Gesamtheit aller Kommunikationsformen, d.h. der Medien (Sprache, TV, Zeitung, Buch ...), Diskussionsmöglichkeiten bzw. Diskursbereiche (Politik, Religion, Moral, Recht, ... gesellschaftliche "Subsysteme" nach Luhman) und Themen (in den Diskursbereichen produzierte, bzw. verarbeitete Informationen: Umweltdaten, Abtreibungsdebatte, ...), die einem Individuum oder einer Gruppe zur Verfügung stehen
[Krieger97]. Die Frage nach der Fähigkeit einer Gesellschaft, mit ökologischen Problemen umzugehen kann dann folgendermaßen umformuliert werden [Krieger97]: Wie können die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche auf Informationen und Veränderungen aus anderen Bereichen möglichst differenziert und umfassend reagieren, wo entstehen Hindernisse, Blockaden und Engpässe in der gesellschaftlichen Kommunikation? Und wie wird das Thema "Umwelt" in verschiedenen Medien und gesellschaftlichen Bereichen überhaupt behandelt, wo können ökologische Problemstellungen formuliert, diskutiert und aufgelöst werden, und wo nicht?Unter kulturellen Werten können wir in diesem Zusammenhang die bei den Gesellschaftsmitgliedern akzeptierten, bzw. angewandten Verhaltensmuster sowie deren gemeinsame Annahmen verstehen. Werte bilden also einen Schnittpunkt zwischen Gesellschaft und Individuum, sie sind sozusagen durch einen "inneren" und "äußeren" Aspekt gekennzeichnet [Kanatschnig96]. Als Außenaspekt kann der zuvor umschriebene gesellschaftliche Ordnungs- und Orientierungsrahmen angesehen werden, der historisch, evolutiv gewachsen ist. Der Innenaspekt umfaßt dagegen die Umwandlung dieses Wertesystems in individuelle Werthaltungen, die von einer totalen, unbewußten Verinnerlichung bis zur nach Außen hin gespielten Akzeptanz reichen können, um den "Schein zu wahren". Werte an sich sind abstrakt, und bedürfen einer Auffächerung und Konkretisierung und verdichten sich oft zu Rollenerwartungen, die Hillmann als die "Elementarteilchen des sozialen Verhaltens" bezeichnet [Kanatschnig96].
Die "Steuerungswirkung" von Werten hängt aber auch von der Aufgabenstellung ab. Viele Aufgaben des täglichen Lebens können durch "automatisiertes Verhalten" (3.1) bewältigt werden. Eine solche Steuerung wird meist nicht bewußt wahrgenommen. Andere Aufgaben lassen sich durch das bloße Anwenden einer mehr oder weniger komplexen Entscheidungsformel, d.h. durch rationale Überlegungen bewältigen, dazu zählt zum Beispiel das Abwickeln von "fairen Geschäften". Diese beiden Aufgabenstellungen können aber als idealisierte Sonderfälle aufgefaßt werden, die im Alltag des menschlichen Lebens sehr selten auftreten [Kanatschnig96].
Meistens sind wir einem vielschichtigen Zielkonflikt ausgeliefert, zu dessen Auflösung bestenfalls unvollständige bis vage Hintergrundinformationen zur Verfügung stehen, die in einem begrenzten Zeitrahmen abgewogen werden müssen. In einem solchen Fall dienen Werte bestenfalls als Orientierungsrahmen, oft müssen sie selbst neu formuliert bzw. angepaßt werden, siehe
3.2.5.Von der Orientierung am Verstand zur Ausschöpfung aller menschlichen Fähigkeiten
Die naturwissenschaftlich verkürzte Sichtweise des Positivismus Instrumentalismus und Materialismus (
4.3.) muß ergänzt werden zu einer humanökologisch- materialistischen Ausrichtung, dem "erweiterten dialektischen Materialismus" (5.4.1), unter anderem durch Ideen wichtiger Persönlichkeiten wie Meister Eckhart [Eckhart58], Peter Kropotkin [Kropotkin02], Albert Schweitzer [Schweitzer23], Erich Fromm [Fromm76], Jakob von Uexküll [Uexküll80], Ludwig Klages, Xaver Mayr, Arthur Schopenhauer, Max Stirner [Stirner81], Konrad Lorenz [Lorenz71], Johannes Ude, Albert Camus, Leopold Kohr [Kohr94], Ivan Illich, Fritz Schumacher, Hans Jonas, Max Weber, Hans Sedelmayer, Paul Feyerabend, Nelson Goodman, Rachel Carson [Carson63], Jürgen Habermas [Habermas81], Nick Luhmann [Luhman88], Hans Küng [Küng92], Noam Chomsky [Chomsky93] und Georg Picht. Ich bezeichne diese um eine ganzheitliche Sichtweise und die Akzeptanz der Gefühle ausgebaute Denkrichtung als "erweiterten dialektischen Materialismus/Strukturalismus", weil sie im Grunde den Wurzeln des philosophischen Materialismus treu bleibt, aber durch Interpretation jüngster naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ergänzt wird.Diese Richtung muß übrigens von der geschichtslosen Newtonschen Physik, dem aristotelisch- decartschen (naiven) Realismus und der damit einhergehenden Trennung von Körper und Geist (3.2) unterschieden werden, die spätestens seit der "Kopenhager Deutung"
[Wehrt96], [Hawking96], [Hogan97] als überwunden gilt. Gleichzeitig schließt die geforderte "Berücksichtigung des Gefühls" die Einstellung des "Instrumentalismus" aus, das menschliche Bedürfnis zu ignorieren, Dinge verstehen zu wollen. Einen nachvollziehbaren Mittelweg hat der Physiker David Deutsch gefunden, der eine Neufassung des popperschen Ansatzes predigt siehe 4.3 und [Deutsch97]. Die mit dem klassischen Positivismus und Materialismus verbundene Verklärung der Mathematik [Lakatos82] als absolut exakt, bzw. als eine eigene mystische Quelle der Erkenntnis werde ich in 4.3. kritisieren, ebenso den erfolglosen Versuch eine abstrakte, wissenschaftliche Sprache bzw. Methode zu konstruieren, ohne auf individuelle Alltagserfahrungen zurückgreifen zu müssen. In 5.4.1 wird aber auch Bohrs Idee verworfen, "daß die durch die Quantenmechanik aufgehobene Trennbarkeit von Subjekt und Objekt dem begrifflichen Gegensatz von Realismus und Idealismus (Konstruktivismus) seinen Sinn entzieht." Durch die Wechselwirkung der Beobachtung, aber in die entgegengesetzte Richtung auch durch die Koevolution des Erkenntnisapparates des Beobachters mit der Umwelt, beeinflussen sich beide gegenseitig, so daß von beiden Seiten aus Rückschlüsse auf Bohrs unbestrittene "untrennbar verbundene Gesamtheit" möglich sind. Am ehesten entspricht heute der sogenannte "Turing-Test" [Turing87] einem empirischen Nachweis, wie weit Modelle die "Realität" anzunähern vermögen, siehe 4.3.Um Mißverständnisse bezüglich des hier propagierten Wissenschaftsbildes zu vermeiden, möchte ich in diesem Zusammenhang Paul K. Feyerabends Buch "Wider den Methodenzwang" verweisen, in dem er sich mit der immer strenger gefaßten Wissenschaftstheorie auseinandersetzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde auf einem riesigen, unhandlichen mathematischen Formalismus aufbauend festgelegt, was wissenschaftlich sei. Eine Unternehmung, die letztlich kläglich scheiterte. Obwohl bereits 1930 kaum jemand diese Theorie praktisch anwenden konnte, begeisterten sich die Philosophen vor Karl Popper [Popper74,82], Turing
[Turing87] und Nelson Goodman an dieser fruchtlosen Diskussion. Sie ist heute beinahe bedeutungslos geworden, da sie einerseits von der erwähnten Illusion einer exakten Wissenschaft und "absoluten Logik" ausging (4.3.), andererseits die ethische und subjektive Dimension der Wissenschaften vernachlässigte. Feyerabend verteidigte Toleranz, Methodenpluralismus, die prinzipielle Offenheit gegenüber Ad-hoc Hypothesen, also Annahmen ohne auf den ersten Blick einleuchtende Begründungen als Motor einer lebendigen Wissenschaft, übrigens lange bevor die Mathematik des Chaos populär wurde. Wir sollen uns auch nicht scheuen, mystische Denkansätze einer rationalen Prüfung zu unterziehen. Eine rationale Prüfung schließt aber immer auch ein (emotional) befriedigendes Verständnis ein, wie David Deutsch überzeugend dargelegt hat [Deutsch97].Auch Kuhns aufschlußreiche Abhandlung über die sprunghafte Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis möchte ich hier erwähnen
[Kuhn73], siehe auch [Horkheimer74].Berücksichtigung der Wurzeln der Menschheit
D. Steiner (Anm.: nicht Rudolf Steiner !!) hat 1992 zum besseren Verständnis für das ökologische Handlungsdefizit vorgeschlagen
[Wehrt96], die wichtigsten Teilergebnisse aus verschiedenen Wissenschafts- und Lebensbereichen zusammenzufassen, und daraus eine Bestandsaufnahme der Erkenntnisse und Motivationen gemäß dem aktuellen Stand der menschlichen Kultur abzuleiten. Dieser Ansatz ist in einem Zwitter aus Philosophie und Naturwissenschaft, der "Humanökologie" zusammengefaßt worden. Weitere Schwerpunkte bilden die Soziologie [Luhmann84], die vergleichende Ethnologie und die Verhaltensforschung. Diese Fachrichtung erschöpft sich allerdings nicht einfach in der Anwendung einer biologischen Unterdisziplin, der "Ökologie", auf den Menschen. Die Analyse der erwähnten, vom Menschen geprägten Wissenschafts- und Lebensbereiche erfordern eine Erweiterung der Methoden, wenn auch die klassische Ökologie durchaus hilfreiche Hinweise in dieser Auseinandersetzung liefern wird und bereits geliefert hat [Uexküll80], [Czhiak76]. Zur Erinnerung, Ernst Haeckel hat die Ökologie als die Lehre "von der Wechselwirkung von Organismen untereinander sowie mit ihrer gemeinsamen Umwelt" charakterisiert.Gleichzeitig tritt das Problem auf, was wir eigentlich unter dem Begriff "Mensch" verstehen wollen. Sind damit unsere Vorfahren bis zum Homo sapiens gemeint, der vor 100.000 Jahren von Afrika über den nahen Osten die ganze Erde zu besiedeln begann, dabei vor 60.000 Jahren Australien erreichte, während die nördliche Halbkugel durch Klima- und Vegetation bedingt erst vor 30.000 Jahren bevölkert wurde? Beziehen wir zukünftige Generationen in unsere Überlegungen ein?
Um auch die jüngsten Kinder der menschlichen Entwicklung, Technik und Ökonomie einzubeziehen, muß die Humanökologie die in der Moderne aufgegebene Rolle der Philosophie als "integrative Instanz und Vermittlerin" zwischen den immer mehr isolierten Teildisziplinen der modernen Naturwissenschaften übernehmen. Diese Rolle wurde, zum Teil mit verhängnisvollen Konsequenzen, in den letzten Jahrzehnten von der Physik beansprucht.
"Erweiterter dialektischer Materialismus/Strukturalismus" als phil. Fundament
Der "erweiterte dialektischen Materialismus"
[Wetter62] (5.4.1) ist folglich eher als Wissenschaftstheorie im Sinne Feyerabends und Goodmans zu verstehen siehe iiii. Er ist als Basis und philosophischer Hintergrund für wissenschaftliche Disziplinen der Postmoderne gedacht, wie die evolutionäre Erkenntnistheorie [Vollmer75], der Konstruktivismus und die erwähnte Humanökologie. Als Wurzeln möchte ich neben dem dialektischen Materialismus und der modernen Neufassung im erwähnten Stukturalismus Stirners Individualanarchie anführen. Die evolutionäre Erkenntnistheorie liefert eine überzeugende Aufhebung des Gegensatzes von Empirismus und Rationalismus, die weder einen naiven Realismus zuläßt, noch zu einem radikalen Konstruktivismus als eine Neuauflage des Idealismus zwingt. "Auf der einen Seite der Unterscheidung haben wir den Materialismus, der behauptet, alles sei aus Materie evolviert worden heute spricht man von Selbstorganisation und Emergenz, und auf der anderen Seite steht der Idealismus, der behauptet, daß alles aus dem Geist entstanden ist. Jede Position beansprucht, alles erklären zu können, und jede ist blind für die Argumente der anderen [Krieger97]."Wie ich in der Einleitung bereits angedeutet habe, muß der klassische "dialektische Materialismus"
[Wetter62] um wesentliche Aspekte erweitert werden siehe iiiii. ebendort. Die Einbeziehung des Beobachters, dessen Geschichte und evolutionär gewachsener Erkenntnisapparat wird als notwendiger Bestandteil jedes zu analysierenden Systems verstanden. Diese Erweiterung bringt aber abgesehen von einer zusätzlich eingeführten Metaebene kein überzeugendes Argument gegen die Gültigkeit des klassischen "historisch-dialektischen" Materialismus ins Spiel, siehe 3.1.
Vom unantastbaren Geist zu materiellen Prozessen der Informationsverarbeitung
Aus der Sicht des Realismus ist der Evolutionsprozeß als "in Materie repräsentiert" anzusehen. Darum kann die Möglichkeit der Selbstorganisation als Eigenschaft der Materie, bzw. des Raum-Zeitkontinuums/Multiversums interpretiert werden, analog das nicht deterministische Verhalten im subatomaren Bereich. Ob der Materie nun eine Existenz an sich im Sinne des Realismus zugesprochen wird, oder ob sie nur in der menschlichen Vorstellung existiert, sie bildet einen hilfreichen Grundbaustein eines praktikablen Weltmodells. Es spielt deshalb keine Rolle ob der "erweiterte Materialismus" als Realismus im Sinne des Postulats von der "Existenz der Materie an sich" angesehen wird oder nicht. Sowohl die emotionale als auch rationale Komponente "geistiger Prozesse", sowie das Verhalten offener Systeme im allgemeinen, gleichgültig ob biotisch oder abiotisch, konnten in den letzten Jahren erfolgreich über ihre materielle Repräsentation und die Dynamik der Zustands- und Strukturänderung von Materie und Energie interpretiert werden
[Wetter62], [Kohr94], [Chomsky81], [Diettrich94]. Der große Durchbruch gelang mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstheorie.
Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!
Abbildung 14: Bakterien DNS wird zum Aufbau von Proteinen "ausgelesen" (aus: Geo 96)
Vor allem das Phänomen des Lebendigen konnte vor diesem Hintergrund klarer gefaßt werden als ein Prozeß der Selbsterhaltung, Vervielfältigung, aber auch der Neuerschaffung, Anpassung bzw. Selbstanpassung und Variation. Im Dubliner Exil verfaßte Erwin Schrödinger das Manifest "Was ist Leben?", wo die Vermutung geäußert wird, daß die Grundlage der Vererbung und Evolution auf molekularer Ebene zu suchen ist
[Lecourt97], [Vollmer75], [Nultsch91], [Deutsch97].Er inspirierte damit Francis Cricks und Watsons Suche nach der räumlichen Struktur der DNS, die damit die moderne Molekularbiologie begründeten
[Lecourt97]. Alan Turings Auseinandersetzung mit "Programmcodes" hat schließlich Erwin Schrödinger dazu bewogen, vom Code lebender Systeme zu sprechen, dieser Begriff wurde von Niklas Luhmann auch im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Kommunikation verwendet.Auf die relativ erfolgreiche Simulation kognitiver (geistiger) Prozesse mit Hilfe künstlicher neuronaler Netze
[Rumelhard86] habe ich in diesem Zusammenhang bereits mehrfach verwiesen, siehe auch 3.1. Die Bedeutung der Materie für unser Weltmodell macht eben auch vor der Informationsverarbeitung nicht halt, Information muß physisch repräsentiert sein. Demgemäß sind Zeichen im praktischen Einsatz nicht bloß "dreigestaltig" gemäß Charles S. Peirce (1839-1914), nämlich ein Zeichen (1) das für eine oder mehrere Bedeutungen (2) eines Interpreten (3) steht. Peirce regte übrigens die typisch amerikanische Philosophie des Pragmatismus an, dessen bekanntester Vertreter William James Wahrheit als "Nützlichkeit, Wert und Erfolg" interpretiert.Der vom Interpreten eingesetzte "Entschlüsselungsprozeß" von Zeichen wird Semiose (4) genannt, und ist somit untrennbar mit der Bedeutung eines Zeichens verbunden dieser Prozeß stellt also eine vierte notwendige Voraussetzung dar. Das angesprochene Tripel muß also erweitert werden. Jeder Prozeß bedarf einer physischen Realisierung (5), die fünfte notwendige Voraussetzung. Damit aber nicht genug! Auch das jeweilige Zeichen muß gemäß der materialistischen Sichtweise physisch repräsentiert (6) sein. Um es von anderen Zeichen, und noch schwieriger, von Nicht-Zeichen unterscheiden zu können, muß weiters ein fehlertoleranter (syntaktischer) Zeichenidentifikationsprozeß (Erkennung) zur Verfügung stehen, der in der erwähnten Semiose subsumiert werden kann
[Chomsky81]. Dieser erweiterten Sichtweise wurde etwa im "Strukturalismus" Rechnung getragen, der im wesentlichen zwischen der (physischen) Repräsentation einer Form, der Struktur einer Form, und der Bedeutung einer Form unterscheidet.Abbildung 15: Kognitive Voraussetzungen zwischenmenschlicher Kommunikation
Wenden wir uns nun der "Bedeutung" der Zeichen zu. Auf komplexere Aspekte natürlicher Sprachen wie "Kontext" und "Fokus" möchte ich hier nicht näher eingehen. Ursprünglich bezog sich die "Bedeutung" auf eine persönliche (und notwendigerweise physische) Erfahrung (vgl. Schopenhauer, Uexküll und Habermas
3.2.5 und 4.3.5), oder zumindest auf die Möglichkeit einer persönlichen Erfahrung.Also muß bereits gewonnene Erfahrung zuvor in einer physisch repräsentierten Situation (7) aufgenommen worden sein, oder zumindest mit einer möglichen Situation in Zusammenhang gebracht werden, um sie bei der Bedeutungsfindung zuordnen zu können. Diese Erfahrung muß vom Zeitpunkt des Erlebens bis zum Akt der Semiose physisch repräsentiert (8) aufbewahrt werden (Gedächtnis). Ein bloßes "Ablegen" kann aus Effizienzgründen nicht in Frage kommen, da unstrukturierte "Erlebnisfilme" keinerlei evolutionären Vorteil bieten. Ein weiterer, von C. Peirce vernachlässigter Prozeß der Informationsverarbeitung wird benötigt.
Nun hat die bloße Erinnerung noch keine "Bedeutung", sie muß sozusagen realisiert werden, um zur Anwendung zu gelangen, z.B. um den entsprechenden emotionalen Zustand (9) herzustellen (ganzheitliche Informationsverarbeitung) und um die notwendigen Schlüsse (10) zu ziehen und Konsequenzen in die Wege leiten zu können ("Pragmatik").
Ein kleines Beispiel soll die bisher erläuterten Ebenen der Wahrnehmung veranschaulichen. Wenn jemand in einem Brief den Namen einer bekannten Person liest, so wird die Bedeutung des Namens durch die Erinnerung an persönliche Erlebnisse mit dieser Person geprägt. Im Moment des Lesens muß er/sie sich an diese Erlebnisse erinnern, wodurch sich eine gewisse Gefühlslage einstellt. Eventuell werden auch Bilder, Geräusche und Gerüche ins Gedächtnis gerufen. Da der Name im Brief in einem bestimmten Zusammenhang erwähnt wird, können nicht beliebige Erinnerungen herangezogen werden, sie sollten sich auf den Zusammenhang beziehen.
Die Wahl der Erinnerungen und Schlußfolgerungen macht natürlich wiederum von einer strukturierten, physischen Repräsentation der Informationen (11, 12) Gebrauch, die eines weiteren Informationsverarbeitungsprozesses bedarf. Es ist hoffentlich einsichtig, daß die als notwendig erachteten Konsequenzen ein wichtiger Teil der "Bedeutung" sind. Sehr oft wir das "gefühlsmäßige" Realisieren, d.h. das Ableiten von persönlichen Konsequenzen aus einem erkannten Sachverhalt als rein geistiger Vorgang verklärt, doch gibt es zahlreiche Belege dafür, daß z.B. unangenehme Gefühle über Rückkoppelung mit schmerzfähigen Organen (Magen) "erzeugt" werden, positive Gefühle hingegen über "lustfähige" Organe. Auch die Beeinflußbarkeit der Stimmungslage durch Psychopharmaka deuten auf eine "materielle Repräsentation" hin, wenngleich die Komplexität des menschlichen Organismus derartige Therapien mehr als fraglich erscheinen lassen.
Das Resümee dieser mühsamen Pflichtübung: Modelle vor dem Hintergrund des dialektischen Materialismus kommen dem Ideal der Überprüfbarkeit etwa durch sogenannte "Turing Tests"
[Turing87] lebensnaher, aber auch abstrakter Thesen wesentlich näher, als die bloße philosophische Auseinandersetzung auf Basis verschiedener "Ismen". Es werden nämlich materiell repräsentierte Systeme mit bestimmten Eigenschaften und darauf aufsetzenden Prozessen skizziert, die einer Analyse durch Simulation und damit einer Evaluation zugänglich sind (vgl. Computersimulationen). Künstliche "sprachverstehende"Systeme, z.B. zur Zugauskunft, haben neue Einblicke in die damit verwandten kognitiven Prozesse von biologischen Organismen gebracht haben.Freilich dürfen wir die Vorgänge im Modell nicht mit den zum Vorbild gemachten kognitiven Prozessen verwechseln, die möglicherweise noch wesentlich komplizierter sind. Auch die mehrfach geforderte "Verständlichkeit" von Modellen und Theorien soll nicht dazu verleiten, zu glauben, wir würden die "Dinge an sich" verstehen trotz allem Verständnis ist immer mit Überraschungen zu rechnen. Konstruktivisten zitieren gerne das Beispiel des mutigen Kapitäns, der eine Karte zum sicheren Passieren eines bisher unbekannten Gewässers gezeichnet hat. Das bedeutet nicht, daß er jede Untiefe kennt, und selbst die empfohlene Route kann unter anderen Umständen zum Verhängnis werden, z.B. bei tieferem Seegang, bei Ebbe usw. Andererseits ist seine Karte, d.h. auf Papier gebannte Informationen über die (vermutete) Welt, zweifellos ein Fortschritt, auch wenn diese Information wohl nicht von jedem Betrachter, jeder Betrachterin gleich interpretiert werden wird. Ich hoffe dieses Beispiel hat die Idee des "erweiterten dialektischen Materialismus/Strukturalismus" etwas erhellt.
Vom Materialismus zum persönlichen Erleben: Wozu Leben? Wie Leben?
Nach dieser Illustration meines philosophischen Fundaments möchte ich mich wieder der humanökologischen Strömung zuwenden, die bis jetzt noch nicht vollständig charakterisiert wurde. Bereits in der Gründungsphase des "Bundes für Naturschutz", einer der ersten dem Naturschutz gewidmeten Vereinigungen, wurde von der "Umwelt als einem naturwissenschaftlichen und kulturellen Gesamtorganismus" gesprochen. Diese ganzheitliche Weltsicht, das Einssein von Geist und Seele, von Fakten und Gefühlen, von ratio und emotio, gemäß dem Ideal der paradoxen Logik (We-4) Widersprüche zu akzeptieren und trotzdem das "rechte Leben" zu suchen, war auch kennzeichnend für die in Fülle entstehenden Naturschutz- oder Heimatschutzvereinigungen um die Jahrhundertwende. Diese Ideen sind in der Verstandes- und Vernunftanalyse Klages vereint worden.
Auch Albert Schweitzer war davon überzeugt, daß sich aus der rationalen Weltbetrachtung keine Maßstäbe für das Handeln gewinnen lassen. Deswegen geht Schweitzer den Weg nach innen, findet Verbindliches nur in der Orientierung aus innerer Notwendigkeit, vergleiche auch We-4 (iii). Den bisherigen Weltanschauungen billigt er zu, sie seien gut gewesen, weil sie die Menschen zur Ethik angehalten hätten, doch ihren Mangel erblickt er in einem Minus an Wahrheit und Tiefe: "Die Frage, was wir aus unserm Leben machen sollen, ist nicht damit gelöst, daß man uns mit Tätigkeitsdrang in die Welt hinausjagt und uns nicht mehr zur Besinnung kommen läßt."
Infolgedessen läßt sich die europäische Kulturkrise nur überwinden, wenn eine Neugeburt der Ethik aus der Mystik gelingt. In dieser Arbeit beschränkt sich diese "Neugeburt" auf die Akzeptanz des Gefühls als "ganzheitliches" Verstehen.
Schweitzers Plädoyer für das Denken im Sinne einer Einheit von Erkennen und Erleben ist der Versuch, die mystische Dimension zurückzugewinnen. Er stößt mit diesem Versuch auf den Willen zum Leben als letzten Erfahrungsgrund in jedem Menschen, bzw. auf die Bejahung des Lebenswillens in allem Lebendigen. Es geht beim mystischen Suchen also nicht um den Zugang zum Absoluten, zum Unendlichen, zur Totalität des Seins, sondern um die Erfahrung des konkreten Lebenswillens in konkreten Lebewesen.
Dies ist für Schweitzer deshalb wichtig, weil bei abstrakt-umfassenden Bezugspunkten des mystischen Suchens vor lauter geistiger Tiefe die Ethik auf der Strecke bleiben könnte. Mystik ist in diesem Zusammenhang nie um ihrer selbst willen, sondern um der Vertiefung der Ethik willen da. Ich werde ansonsten aber, um Verwirrungen zu vermeiden, den Begriff der Mystik als Antithese zur Vernunft verwenden, mit der sich etwa der Wiener Kreis unter Rudolf Carnap auseinandergesetzt hat. Bekannt ist Carnaps Beispiel des Prädikates "babig", das die Welt in zwei Klassen einteilt, ohne daß angegeben werden kann, nach welchen Kriterien. Ähnlich sinnlos sind für ihn metaphysische Begriffe wie "der Weltgeist", er räumte aber metaphysischen Ideen eine gewisse Bedeutung zur Inspiration neuen Wissens ein.
Berücksichtigung des individuelles Erlebens und der gesellschaftlichen Kommunikation
Auf ähnliche Ergebnisse kommt übrigens Hans Jonas, der zwei wesentliche Pflichten einer Zukunftsethik abgeleitetet hat, die im ersten Abschnitt ausführlich dargelegt wurden:
"Beschaffung der Vorstellung von den Fernwirkungen" und die "Aufbietung des dem Vorgestelltem angemessenen Gefühls" (vgl. auch [Proudhon87]). Weder das Wissen um die Bedeutung von Dingen in der Welt, noch die damit verbundenen Gefühle stellen sich aber von selbst ein. Sie sind als "Kulturgut" auch höchstens ansatzweise angeboren. Erst die Vorstellung eines verinnerlichten "Mitweltmodells" als Werkzeug menschlicher Informationsverarbeitung mit einem evolutionären Vorteil (3.1.4.2) vermögen diese Zusammenhänge befriedigend zu erklären.Auch in der Disziplin der Ökonomie kann die Suche nach einer ganzheitlichen Sichtweise und folglich die Rückkehr zu kleinen und überschaubaren Lebenseinheiten
[Kohr94], [Lehner94] beobachtet werden. Leopold Kohr hatte diese These bereits Anfang der vierziger Jahre propagiert und vor der Gefahr eines übermäßigen Wachstums sozialer und ökonomischer Systeme gewarnt. Seine Philosophie wurde von den Wissenschaftern Ivan Illich und Fritz Schumacher bekannt gemacht. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, daß der verwandte, antinationale Individualanarchismus, wie ihn etwa Max Stirner und Silvio Gesell vertraten, durchaus mit der Idee eines naturwissenschaftlichen und kulturellen Gesamtorganismus vereinbar ist, in vieler Hinsicht sogar befriedigender als der marxistische Materialismus St-1(b), 2(b) und konservatistische Strömungen St-1(a), 2(a) wie der europäische Liberalismus.Warum der angesprochene "Individualanarchismus" für ein modernes Menschenbild von besonderer Bedeutung ist, soll nun ein kurzer Ausflug in die Biologie verständlich machen. Jakob Uexküll hat seine "Umweltlehre", auch eine Weltmittelpunkts-Lehre genannt
[Wehrt96]. Sie behandelt die subjektive, artspezifische Lebenswelt von Tieren. Seine Grundthese lautet, "daß man/frau ein anderes Lebewesen erst dadurch verstehen lernt, daß man sich in seine Erfahrungs- und Gefühlswelt hineinversetzt". Das bedeutet nicht, daß dieses Wesen tatsächlich so denkt, erlebt und fühlt, wie wir das an seiner Stelle tun. Doch für die ethisch-moralische Einsicht reicht diese Erfahrung, zumindest solange sie nicht im Widerspruch zu anderen Wahrnehmungen steht.Stirner und Gesell argumentieren für eine für das Individuum durchschaubare Gesellschaft
[Stirner81], bzw. mit den Worten Stirners für einen "Verein der Egoisten (Einzigen)", der Marxens "wahrer Demokratie" wohl näher kommt, als das traurige Experiment des "Realsozialismus". Jürgen Habermas "Theorie vom kommunikativen Handeln" und sein "herrschaftsfreier Dialog" zielen in eine ähnliche Richtung. Habermas war wie Leopold Kohr von der Notwendigkeit von praktischen Lebensexperimenten überzeugt. Der amerikanische Bürgerrechtsaktivist Saul Alinsky wird als Begründer der "Graswurzelrevolution" gehandelt, weil er zahlreiche phantasievolle Wege aufzeigte, wie sich alle Mitglieder einer Gesellschaft an der Gestaltung des gemeinsamen Experiments beteiligen können. Das "rechte Leben" läßt sich in einer bestimmten Situation nur erfahren, bzw. erarbeiten, es kann aber nicht bis ins Detail geplant werden oder gar durch Normen erzwungen werden.Erweiterte Mitbestimmungsmöglichkeiten in diesem Sinne sollen helfen, die individuellen Bedürfnisse gemäß den später noch angesprochenen spezifischen Umwelten Uexkülls Uexküll80], und dem "Menschsein" (Marx) zu vereinen. Der philosophische Anarchiebegriff, eng verwandt mit dem französischen Existenzialismus, schließt auch soziales und umweltorientiertes Streben nicht aus, "da kein Individuum in einer Welt leben will, in der Elend und Zerstörung vorherrschend sind".
Berücksichtigung des Gefühls: Einheit von Erkennen, Erleben und Handeln
Die humanökologisch- materialistische Strömung fordert die Einheit von Erkennen (Vernunft, Rationalität), Handeln und Erleben (Gefühl). Das menschliche Wohlbefinden ist mit einem erfüllten Leben untrennbar verbunden, in dem ausreichend Platz für Freude, Kreativität, Liebe und Selbstentfaltung und Bestätigung (gebraucht werden) eingeräumt wird. Mein Ansatz läßt sich zusammenfassend als der Versuch charakterisieren, eine Brücke zu schlagen zwischen der konsequenten Fortsetzung der Aufklärung zusammen mit der Verarbeitung neuer Erkenntnisse der Naturwissenschaften, insbesonders der Ökologie, Psychologie sowie der Sozial- und Kommunikationswissenschaften auf der einen Seite, mit der adäquaten Berücksichtigung des Gefühls und neuer Wertvorstellungen im Hinblick auf eine ganzheitliche Sichtweise des Menschen und seines Wirkens in der Umwelt auf der anderen Seite.
2.3.1 Skizze eines humanökologischen Kulturbegriffs
Aufbauend auf der Arbeit Niklas Luhmanns hat David Krieger
[Krieger97] eine pragmatische Definition für Kultur geprägt, die zu Beginn dieses Unterkapitels vorgestellt wurde. Kultur ist demnach die Gesamtheit aller Kommunikationsformen, d.h. der Medien (Sprache, TV, ...), Diskussionsmöglichkeiten bzw. Diskursbereiche (Politik, Wirtschaft, Recht, ... ) und Themen (in den Diskursbereichen produzierte, bzw. verarbeitete Informationen: Umweltdaten, Abtreibungsdebatte, ...), die einem Individuum oder einer Gruppe zur Verfügung stehen.In diesem Zusammenhang will ich lokale Kultur (Grätzelkultur, "Heimat", Überlebenskultur im Sinne einer nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen ...) als Rahmen sehen, der die zuvor angesprochene Symbiose von Erkennen und Erleben bei den Mitgliedern einer Gesellschaft fördert. Sie setzt sich aus einem weitergegebenen und einem ständig neu zu schaffenden Teil zusammen, um der Veränderung unserer Umwelt und unseres Wissenstandes Rechnung zu tragen. Beide Teile sind gleichwertig. Gesammelte Erfahrungen müssen z.B. entsprechende Beachtung finden, sind aber nicht ewig bindend. David Krieger unterscheidet drei Ebenen der gesellschaftlichen Kommunikation in Anlehnung an Jürgen Habermas, den argumentativen Diskurs, den Grenzdiskurs, und den Erschließungsdiskurs.
Im argumentativen Diskurs (Diskussion), werden praktische (Alltags) Informationen in einer Gemeinschaft ausgetauscht, meist mit der Intention, den Anderen von seiner Meinung zu überzeugen.
Kommunikation ist jedoch nur möglich, wenn von einer gemeinsamen Basis an Werten, Annahmen ausgegangen werden kann, die nicht über einen argumentativen Diskurs (Diskussion) vermittelt werden kann, sondern über eine "Einweihung", einen sogenannten Grenzdiskurs bzw. dem unmittelbaren Erlernen von Bedeutungen im frühkindlichen Alter, siehe auch
5.4.1 und 3.2.5.Würde sich die Kommunikation im Austausch von praktischen Informationen und der Schaffung eines Wertekonsens erschöpfen, wäre die Gesellschaft bzw. das individuelle Weltbild zur Versteinerung verurteilt. Es muß also eine Möglichkeit geben, während das Alltagsleben weitergeht, eine schrittweise Anpassung der Wertebasis an die aktuelle Situation vorzunehmen. Dazu dient der "Erschließungsdiskurs", mit der Intention, andere, bzw. fremde Meinungen, und neue Ideen zu verstehen.
Einer derartigen Definition von Kultur würde es natürlich widersprechen, verschiedene Kulturen zu bewerten oder gegeneinander auszuspielen.
2.3.2 Skizze eines humanökologischen Menschenbildes
Ich will zunächst kurz die biologischen Rahmenbedingungen mit einem Zitat aus
[Fromm76] umreißen (3.1.1.1): "Die Spezies Mensch trat an jenem Punkt der Evolution auf, als die instinktmäßige Determinierung ein Minimum und die Entwicklung des Großhirns ein vorläufiges Maximum erreicht hatte d.h. der Mensch ist nicht bloß von Instinkten getrieben, er verfügt über Selbstbewußtsein, Vernunft und Vorstellungsvermögen (Anm.: Mitweltmodellierung, siehe iiii. und 3.1.4.2)". Er benötigt darum frei wählbare Ziele bzw. ein Objekt der Hingabe, um aus dem Instinktprogramm ausbrechen zu können. Trotzdem muß sein Handeln auch mit den biologischen Wurzeln abgestimmt werden, aus denen z.B. wichtige Informationen über gesunde Ernährung ableitbar sind.Andererseits unterscheidet sich unser Gehirn in seiner strukturellen Komplexität kaum von dem der Säugetiere in qualitativer Weise [Dudel96]. Von einer Sonderstellung des Menschen zu sprechen, erscheint deshalb etwas übertrieben.
Als Menschenbild schwebt mir die Idee des bis zu einem gewissen Grade (moralisch) beeinflußbaren und erziehbaren Menschen vor, der außermenschliche Werte wahrnehmen kann. Auf der anderen Seite müssen wir die Sonderstellung des einzigartigen "Selbst", des Mittelpunkts der persönlichen Wahrnehmung akzeptieren und in der gesellschaftlichen Kommunikation berücksichtigen ich verweise dazu auf die Prinzipien der drei Sphären der Gesellschaft, die im nächsten Unterkapitel skizziert werden. Dort habe ich meine Überlegungen in einer "individualanarchistisch- human ökologischen Ethik" zusammengefaßt.
Zunächst möchte ich mich kurz der Suche "nach dem persönlichen Glück" zuwenden, dem Kern ethischer Überlegungen seit der Antike. Die angestrebte Symbiose von Erkennen und Erleben, von Vernunft und Gefühl (We-4) also, scheint eines der wesentlichen Rezepte für ein zufriedeneres, glücklicheres Leben zu sein, soweit derartige Rezepte sich überhaupt aufstellen lassen. Der Mensch soll sich in einer halbwegs durchschaubaren Umwelt (Vernunft, Verstand, vgl. We-1-3) wiederfinden und sich wohl fühlen (Gefühl) können. In diesem Zusammenhang spielen ökonomische Bedingungen eine etwas untergeordnete Rolle, solange sie nicht offensichtlich katastrophale Lebensbedingungen zur Folge haben. Ebenso wichtig sind Zukunftsperspektiven, die auf vorsorgenden Lebensformen aufbauen [Kosz92], welche theoretisch auch kommenden Generationen Leben auf unserem Planeten ermöglichen. Dazu werden oft die Termini "intergenerationeller Existenz und Verantwortung" gebraucht. Abgesehen von diesen Rahmenbedingungen sollten aber weitgehend freie Entfaltungsmöglichkeiten vorgefunden werden.
Es braucht nicht zu befürchtet werden, daß Menschen von sich aus "nichts tun würden, wenn der nötige Zwang fehlt". Cube & Alshuth beschrieben die psychologische Funktion der "Funktionslust", die sich darin äußert, zu agieren und gebraucht zu werden. Ein wunderbares Beispiel dafür gibt Peter Kropotkin [Kropotkin02] in der Beschreibung der Aufgabe des Schmieds der Buriatischen Dorfgemeinschaften in der Kudinskische Steppe der Mongolei. Der Schmied versorgt die gesamte Gemeinschaft, repariert die Werkzeuge, und würde es als Beleidigung empfinden, diese Arbeit nicht als Geschenk zu akzeptieren. Auch die in der freien Zeit gefertigten Kunstgegenstände waren Geschenke, nur an Frauen anderer Clans konnten Schmuckstücke verkauft werden. Gleichzeitig muß aber auf den ausgeprägten Gemeinschaftssinn derartiger frühgeschichtlicher Gesellschaftsformen hingewiesen werden, die von strengen, freilich auch einengenden Verhaltensregeln zur Versorgung aller Mitglieder geprägt waren. Eine vergleichbare soziale Organisationsform wurde tausende Jahre hindurch in allen bekannten Kulturen durchlaufen, siehe 3.1.4.2.
Die ethisch-moralische Perspektive
Als ethische Perspektive werde ich eine weitgehend egoistische Einstellung gemäß dem Ideal des "selbstbefreiten Menschen" im Sinne Max Stirners voraussetzen, die weder mit blinden Egoismus noch mit dem "homo oeconomicus" des Neoliberalismus verwechselt werden darf. Diese Idee finden wir bereits bei Augustinus im 5. Jahrhundert nach Christus. Er knüpft am Neuplatonismus an, die Wirklichkeit selbst im Innenleben des Individuums zu suchen. Sein "Prinzip der selbstgewissen Innerlichkeit" wurde sowohl von der idealistischen Philosophie (vgl. Nominalismusstreit) als auch von den Materialisten aufgegriffen, siehe 5.4.1. Augustinus wird auf der Suche nach der höchsten Wirklichkeit bei der Betrachtung seines "Inneren", seiner Seele fündig [Hegge92]: "Weil ich bin und weiß und will ... und weiß, daß ich selbst bin und weiß und will, ....".
Ich bitte den/die skeptische/n LeserIn sich auf persönliche Erfahrungen zu besinnen, und der Frage nachzugehen, ob wir die Welt anders als durch unsere Augen, Ohren usw., in der Interpretation unserer persönlichen Erfahrungen sehen können? Es ist letztlich für den/die Einzelne(n) nicht einmal überprüfbar, ob die Wesen um uns im selben Ausmaß existieren bzw. erleben wie wir (vgl. Existentialismus).
Das Phänomen der "Individualität" ist allerdings eine relativ junge Erkenntnis, bzw. Konstruktion, die keineswegs als selbstverständlich angesehen werden darf. Wohl sind im Individuum bzw. biologischen Organismus unbewußte Mechanismen zum Zusammenhalt (Immunsystem) und zur Abgrenzung von der Umwelt tätig. Menschen und Tiere haben z.B. eine Haut und Antikörper, die das Eindringen von anderen Lebewesen verhindern. Ein tief verwurzelter Überlebenstrieb auf der Verhaltensebene schützt das Individuum vor dem Verhungern, vor riskanten Aktivitäten und vor Freßfeinden.
Auf der Ebene der bewußten Welterfahrung war der "Besitz", aber auch die Verwundbarkeit des eigenen Körpers eine erste "Ich"-Erfahrung. Das Denken hingegen, aber auch das Empfinden wurde ursprünglich eher als verbunden mit einer gemeinsamen Existenz von Gruppenmitgliedern und Naturkräften verstanden. Und es ist auch tatsächlich so, daß sich im begrifflichen bzw. sprachlichen Denken einerseits die direkte körperliche Erfahrung, andererseits die gesellschaftliche Erfahrung zu einem Wertekonsens vereinen, wie in 3.1. ausführlich dargelegt wird. Das heißt, sprachlich organisiertes, bewußtes Denken war ursprünglich ein Gespräch mit anderen. In der Abwesenheit von Kommunikationspartnern führte dieses Verhalten zum Selbstgespräch, dem "bewußten Denken".
Die Entdeckung dieses "Selbstgesprächspartners", bzw. das Bewußtwerden seiner Existenz stellt nun die hier angesprochene "Individualität", das "Selbst" dar, zweifellos ein komplexes, psychologisches Phänomen, dem besonders in der abendländischen Kultur große Beachtung zu Teil wurde, die im Humanismus und der Psychoanalyse ihren Höhepunkt erreichte. Zuvor wurde dieser Erfahrung hingegen wenig Bedeutung beigemessen. Sie ist viel mehr negiert worden, was sich zum Teil durch die notwendige Arbeitsteilung und Unterordnung des Einzelnen in frühen, am Nahrungserwerb orientierten Gesellschaftsformen erklären läßt. Das Ideal alter indischer Kulturen wie der Veda-Tradition und dem Buddhismus war die Negierung des "Individualisiert-Seins" in einem irdischen Körper [Hegge92]. Die chinesische Kultur war vom Ideal der inneren wie auch äußeren Unterwerfung des Individuums gekennzeichnet, siehe z.B. 3.2.1.
Kulturhistorischer Rückblick: Individualisierung
Auch in anderen Kulturen, z.B. in der jüdischen, begegnet uns die Idee von Individualität und Freiheit des einzelnen Menschen nicht [Hegge92]. Jahve ist Gott des Volkes Israels und nicht des Einzelnen. Erst im Christentum vollzieht sich ein Wandel, wenn Paulus erklärt, daß es "nicht Juden oder Griechen gibt", sondern daß der einzelne Mensch als Individuum entscheidend ist, und zwar im Verhältnis zu Gott wie zwischen den Menschen [Hegge92]. Im vierten und fünften Jahrhundert nach Christus zeigt sich bei Augustinus und später bei Thomas von Aquin die Radikalität des Christentum in bezug auf den Eigenwert des Individuums. Auch wenn es in Europa nicht an Unterdrückung von Freiheit und Individualität mangelte, sie wurde letztlich nie wirklich akzeptiert, was sich in Revolten der Frühchristen, in der Renaissance, der Reformation bis hin zur französischen und englischen Revolution äußerte. Als Ursprünge der Auflehnung werden üblicherweise Athen und Palästina genannt werden. Athen steht dabei für das freie Denken und den freien Bürger, Palästina für die christliche Lehre vom Eigenwert und der Unantastbarkeit des Individuums [Hegge92]: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder antut, das habt ihr mir angetan". Sokrates, häufig als Geburtshelfer des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens bezeichnet, spielte auch bei der Entwicklung der Individualität eine wichtige Rolle. Durch seine Appelle, das eigene Denken und die persönliche Überzeugung zu forcieren, führt er den einzelnen Menschen zur Selbsterfahrung als "Individuum" und befreit ihn/sie von der Gebundenheit des mystischen Bewußtseins an den Kosmos [Hegge92]. Im Zeitalter der Ökonomisierung hat der "Individualismus" dann eine neue Dimension erreicht, die nur mehr die negativen Seite dieser Entwicklung zu vereinen scheint: Egoismus, Konkurrenz, Vereinsamung, Konsumwahn.
Die Einzigartigkeit des "Selbst"
Ich möchte mich jetzt einem seltsamen Phänomen des Materialismus zuwenden, das die Einzigartigkeit des "Selbst" unterstreicht. Wenn wir z.B. ähnlich agierende biologische Körper nachbauen könnten, die zumindest für Außenstehende nicht vom Original unterscheidbar sind (vgl. Turingtest: 4.3), so wird trotzdem kaum jemand annehmen, daß solchen Duplikaten das ursprüngliche "Selbst" bzw. das individuelle "Bewußtsein" des Originals innewohnt. Sobald die Kopien beginnen, ihr eigenes Leben fortzusetzen, entsteht ein neues Bewußtsein, das das Bewußtsein des Originals nicht beeinträchtigt. Problematisch wird es aber, wenn das Original bei diesem Vorgang zerstört wird. Ein solcher Vorgang wäre z.B. das bekannte "Beamen" aus diversen Science Fiction Serien. Wird während dem Aufbau der Kopien das Original zerlegt, so bedeutet das möglicherweise die Auslöschung des ursprünglichen Bewußtseins. Aus dessen Sicht könnte es sich um Mord handeln. Niemand kann als Außenstehender überprüfen, ob es nun tatsächlich zu dieser "Bewußtseinsvernichtung" gekommen ist, wenn die Kopie genau genug angefertigt wurde, und ohne Komplikationen weiterlebt.
Die Identität des Bewußtseins kann deshalb nur das "Selbst" überprüfen. Es hat somit auch in der materiell repräsentierten Welt eine außerordentliche Rolle inne, die zu leugnen aus heutiger Sicht naiv erscheint, wenn wir gleichzeitig vom Standpunkt des Konstruktivismus die menschliche Lebenswelt als persönliche "Konstruktion" ansehen (5.4.1) wollen.
Trotz dieser Schwierigkeiten erfüllt das konsequent zu Ende gedachte egozentrische Menschenbild die genannten Voraussetzung einer Um- bzw. Mitweltethik, wenn sie den Vorteil einer sozialen bzw. ökologischen Verhaltensweise für den/die Einzelne(n) begründen kann, was gemäß des Naturschutzgedankens als "Menschenschutz" nicht schwerfallen dürfte, siehe auch 1.2.1.2.
Individualanarchismus und Gewalt
In einem anderen Punkt jedoch kann der philosophisch-politische Anarchismus, der in meinen "individualanarchistische Ethikansatz" eingeflossen ist, nicht bedenkenlos als Basis eines neuen Wertesystems dienen, was übrigens für die meisten Realisierungsversuche alternativer Strömungen gilt. Es handelt sich dabei um die Bereitschaft zur zerstörerischen Gewalt. Das gilt aber mehr noch für die ohnehin kaum als Vorbild tauglichen konservatistischen Strömungen, die "legitimierte Gewalt", aber auch den "gerechten (Verteidigungs-)Krieg" als politische Werkzeuge akzeptieren. Die Gewaltbereitschaft der anarchistischen Bewegung zur Herbeiführung des Umsturzes, sowie deren Verharmlosung dieser Gewalt als "24 Stunden Zauberei" z.B. bei den "Anarchokommunisten", steht allerdings grob im Widerspruch zu dem für eine Zukunftsethik unabdingbaren Postulat von der "aktiven Gewaltfreiheit", auch wenn die "Umsturzgewalt" verglichen mit der dauerhaft als notwendig erachteten institutionalisierten Gewalt ihrer Gegner harmlos erscheinen mag. Ich verweise dazu auf einen Hinweis Tolstois zu Kropotkins [Kropotkin02] zwiespältiger Haltung: "Seine Argumente zugunsten der Gewalt scheinen mir nicht der Ausdruck seiner Überzeugung zu sein, sondern bloß seiner Treue zu dem Banner, unter welchem er sein Leben lang ehrenhaft gedient hat." Kropotkin, der sich später sogar der Position der Bolschewiki näherte, verweigerte leider die Auseinandersetzung mit dieser Kritik unter dem Hinweis auf sein Werk "Gegenseitige Hilfe".
Der oft angebrachten Kritik am Egozentrismus im Individualanarchismus möchte ich Erich Fromms Abhandlung über die Selbstliebe entgegenhalten: "Während kein Einwand dagegen erhoben wird, wenn man seine Liebe den verschiedenen Objekten zuwendet, ist die Meinung weitverbreitet, daß es zwar eine Tugend sei, andere zu lieben, sich selbst zu lieben aber, das sei eine Sünde. Die Gleichsetzung von Selbstsucht und Selbstliebe reicht in der autoritären Tradition des westlichen Denkens weit zurück, Calvin etwa sprach von der "schändlichen Pestilenz" Selbstliebe, Freud setzte sie mit Narzißmus gleich. Die Auffassung, Liebe zu sich selbst schlösse Liebe zu anderen Menschen aus, ist ein fataler, logischer Trugschluß, dessen Wurzeln wohl in der angesprochenen aristotelischen Logik zu suchen sind. Wenn es eine Tugend ist, meinen Nächsten als ein menschliches Wesen zu lieben, dann muß es doch auch eine Tugend sein, wenn ich mich als Mensch, der ich bin, selbst liebe. Die im biblischen Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ausgedrückte Idee impliziert, daß die Achtung vor der eigenen Integrität und Einzigartigkeit (vgl. Max Stirner), die Liebe zum eigenen Selbst und das Verständnis dafür nicht von unserer Achtung vor einem anderen Menschen, von unserer Liebe zu ihm und unserem Verständnis für ihn zu trennen sind."
Ganz entscheidend ist auch das Erkennen und Akzeptieren von offensichtlichen und versteckten Zielen beim Mitmenschen, die durch deren jeweilige Situation erklärbar sind und deshalb bis zu einem gewissen Grad allgemein einsichtig sind. Statt aufgesetzte Objektivität zu predigen, bzw. durch Manipulation und Ablenkung vorzugaukeln, ist es dem Menschen auch möglich, subjektive Einstellungen abzugleichen. Was meist nur im privaten Rahmen gelingt, z.B. Vertrauen zu haben, ehrlich und natürlich zu sein, kann und soll auch im öffentlichen Bereich als wichtiger "Wert" und Grundlage für eine menschliche Gesellschaft angesehen werden. Das schließt ein, zur persönlichen, subjektiven Einstellung auch in der Öffentlichkeit zu stehen. In dieser Hinsicht muß ich den zuvor kritisierten Vertretern der österreichischen Volkspartei ausnahmsweise Lob spenden. A. Khol, W. Fasselabend und viele Kollegen stellen ihren Chauvinismus gerne in aller Öffentlichkeit zur Schau, etwa bei Militärparaden oder bei der Verteufelung "linkslinker Umtriebe", zu denen wohl auch diese Arbeit gezählt werden wird.
Ich werde mich in diesem Zusammenhang auch noch mit dem Begriff der Verantwortung auseinandersetzen, für deren Neubewertung sich die genannten Überlegungen als außerordentlich nützlich erweisen. Mehr darüber im nächsten Unterkapitel.
2.3.3 Skizze einer humanökologischen Gesellschaftsform
Real existierende gesellschaftliche Organisationen bzw. dauerhafte Institutionen, sind niemals bloß durch bewußte Planung gestaltet worden. Sie stellen viel mehr das Ergebnis eines dynamischen und komplexen Selbstorganisationsprozesses dar, an dem zahlreiche Menschen mit unterschiedlichen Mitbestimmungsmöglichkeiten beteiligt waren. Diese Vorgabe sollten wir bei den folgenden Überlegungen nicht aus den Augen verlieren.
Die Hoffnung mancher Ökonomen, daß sich durch kleine Änderungen der Rahmenbedingungen, wie etwa die Einführung von Ökosteuern, ganz von selbst ein ökologischer Markt ausbildet, erscheint mir reichlich naiv, solange bei den erwähnten Mitbestimmungsmöglichkeiten alles beim alten bleibt.
Ich möchte nun auf das in 5.5.3 vorgestellte Konzept der "Dreigliederung der Gesellschaft" [Hegge92] vorgreifen um die zuvor angestellten Gedanken zu ordnen. Das gesellschaftliche Leben gliedert sich nach Jürgen Habermas und Hjalmar Hegge (siehe auch 2.1.4 !) in den
Die Prinzipien einzelner Bereiche wie Freiheit, Gleichheit und gegenseitige Hilfe dürfen nicht auf andere Bereiche übertragen werden. Aber auch jede mögliche Vermischung der getrennt zu betrachtenden Bereiche schadet der gesellschaftlichen Kommunikation.
Um dem Problem des unterschiedlichen Engagements z.B. bei der Mitarbeit zur Bedarfsdeckung zu begegnen, schlage ich ein zweistufiges System der modernen Zivilisation vor. Es soll eine Basis-Ebene installiert werden, welche einzig der nachhaltigen Bedarfsdeckung dient. Sie muß auf dem Talentemodell mit freier Preisbildung in einem lokalen Markt basieren, um ökonomische Stabilität zu gewährleisten. Im Idealfall kann auch auf einen Währungsersatz wie Talente überhaupt verzichtet werden, wenn nämlich die Preisbildung durch gegenseitiges Vertrauen ersetzt werden kann. Das bedeutet, daß die Gemeinschaftsmitglieder darauf verzichten, bei einem Tausch einen "Wert" zu ermitteln, um diesen von einem Konto auf das andere zu übertragen, weil alle darauf vertrauen, daß ihre Bedürfnisse ohnehin befriedigt werden. Es wird einfach auf die Kontoführung verzichtet, "Schuld" und "Haben" verlieren ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Leben.
Als "Luxusebene" kann darüber die "Industriegesellschaft" mit national ökonomischer Organisation eingeführt werden, die aber das Funktionieren der Basisebene niemals beeinträchtigen darf. In den periodischen Krisen der Luxusebene können die betroffenen Menschen sich auf die Basisebene verlassen. Grundsicherung auf der untersten Ebene muß als Möglichkeit zur Selbstversorgung wahlweise in arbeitsteiligen Kommunen (z.B. in Arbeitslosenstiftungen) oder durch weitgehend eigenständige Produktionsmöglichkeiten angeboten werden. Jede höhere Organisationsform wie Maschinentauschringe, Versicherungen, ein reduziertes "Notstandsgesundheitswesen" können nur die Kommunen (Gemeinden) in Eigenregie sicherstellen. Die Energieversorgung (altern. Energieträger, Wasserkraftwerke) die Abfallwirtschaft und leistungsfähige Kommunikationsnetzwerke sollten hingegen von regionalen Organisationen übernommen werden, die z.B. von Fachschulen und Universitäten aus geleitet werden.
Wie die gesellschaftlichen Bereiche idealerweise untereinander kommunizieren, wird ebenfalls in 5.5.3 dargelegt. Wir wollen nun einen kurzen Blick auf den Hintergrund dieses Gesellschaftsmodells werfen.
Die geforderte Einheit von Erkennen (Vernunft, Rationalität) und Erleben (Gefühl) aller Mitglieder der Gesellschaft We-4 (iii) stellt ein noch ehrgeizigeres Ziel dar, als das Ideal der Demokratie westlicher Prägung. Wenn diese Gesellschaftsform noch dazu eine vorsorgende bzw. nachhaltige Entwicklung (siehe 5.1) gewährleisten soll, versagt die Politik der repräsentierenden Institutionen und Parteien.
Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!
Es scheint eine Art "Fehlevolution" (D. Steiner: "normative Regression") in der gesellschaftlichen Entwicklung des Menschen dafür zu sorgen, daß immer instabilere, riskantere, korruptionsgefährdetere soziale Systeme die vorangegangenen ablösen, die dem Menschen ein immer widernatürlicheres Leben aufzwingen, wobei der Prozeß der Veränderung sich von selbst beschleunigt, und immer weniger Information bzw. Mitbestimmungsmöglichkeiten berücksichtigt (Wertmaßstab: Geld, Zinsspirale, Wachstumszwang, siehe
1.4 und 5.3).Die Irrationalität der eingangs erwähnten, vom Individuum abgekoppelten gesellschaftlichen Institutionen möchte ich mit einem Beispiel aus der Wirtschaftspolitik illustrieren, auf das ich in 5.3 zurückkommen werde: "1990 hat die deutsche Staatsverschuldung die gesamte Auslandsschuld Lateinamerikas überholt, obwohl die 3.Welt Länder das Dreifache der zurücküberwiesenen "Entwicklungshilfe" als Zinsschuldendienst bezahlen müssen, ohne daß sich dadurch ihre Schulden verringern!"
[Kennedy90]. Niemand würde solche Bedingungen widerspruchslos hinnehmen [Kosz92], wenn er/sie persönlich betroffen wäre. Als Staatsbürger aber ertragen die Menschen solche Ungereimtheiten, oft ohne sie überhaupt zu durchschauen.Politische Verantwortung liegt deshalb hauptsächlich darin, einen fairen Meinungsbildungsprozeß aller Betroffenen zu ermöglichen, ohne dabei die Entscheidungsfähigkeit des Stirnerschen "Vereins der Egoisten" zu gefährden
[Stirner81], dessen Größe natürliche Grenzen gesetzt sind. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die bereits mehrfach zitierten Arbeiten von Leopold Kohr [Kohr94] und Schumacher. Andererseits möchte ich mich von rechtslastigen Ideen wie dem "Europa der Regionen" distanzieren, wo hinter dem Deckmantel der "Förderung kultureller Vielfalt" oft nur Profitinteressen aber auch rassistisch- bzw. ethnozentrische Bestrebungen verfolgt werden. Sie haben weder vermehrte Mitbestimmungsmöglichkeiten, noch einen Abbau von Grenzen sozialer Ungerechtigkeiten im Sinne. Um ein Beispiel zu nennen, die geplante Abspaltung des reichen Norditaliens vom "armen" Süden würde eine Verschärfung der sozialen Konflikte bewirken, unter der schließlich auch der Norden leiden würde.Den Unterschied des Vereins der Egoisten zur heutigen Gesellschaft formuliert Stirner so: "Im Verein bringst du deine ganze Macht, dein Vermögen ein und machst dich geltend, in der Gesellschaft wirst du verwendet. ... Ausschlaggebend für das Zustandekommen des Vereins sei immer das Interesse der Beteiligten", nämlich ob die Freiheit des/der Einzelnen geopfert werden soll "zur Multiplikation der eigenen Kraft". Als Musterbeispiel für einen solchen Verein sollen hier die "Planungszellen" im Wuppertal genannt werden, die für die örtlichen Raumplanung in Leben gerufenen wurden, sowie das Projekt der "Vorsorgenden Wirtschaft in Ulten", siehe auch 5.3.
Eine allgemeine, grundlegende ethische Forderung der Individuen als freiwillige Mitglieder eines solchen Vereins hat Albert Schweitzer so formuliert:
"Keiner maße sich ein Urteil über den andern an. In tausend Arten hat sich die Bestimmung der Menschen zu erfüllen, damit sich das Gute verwirkliche. Was er als Opfer zu bringen hat, ist das Geheimnis jedes Einzelnen. Miteinander aber müssen wir alle wissen, daß unser Dasein seinen wahren Wert erst bekommt, wenn wir etwas von der Wahrheit des Wortes "Wer sein Leben verliert, der wird es finden" in uns erleben (vgl auch We-4)."
Die ethischen Konflikte zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen rühren daher, daß dieser nicht nur persönliche, sondern auch überpersönliche Verantwortung trägt. Wo nur meine Person in Frage steht, darf ich immer geduldig sein, immer verzeihen, immer Nachsicht üben, immer barmherzig sein. Jeder von uns kommt aber in die Lage, daß er nicht nur für sich, sondern auch für eine Sache verantwortlich ist und dann zu Entscheidungen genötigt wird, die gegen die persönliche Sittlichkeit gehen. Dadurch, daß die verbreitete Gesinnungsethik uns darüber hinwegtäuscht, in wie vielfacher Weise jeder von uns, sei es in Selbstbehauptung, sei es im Handeln nach überpersönlicher Verantwortung, fort und fort schuldig wird, hat sie verhindert, daß wir so ernst wurden, wie wir sein müssen.
2.3.4 Die Rolle der Religion und des Christentums im humanökologischen Weltbild
Wenn es gelingt, derartige ethische Prinzipien verständlich zu machen, und zur Umsetzung zu bringen, sollte es auch möglich sein, langsam und behutsam die auf Macht, Nation, und Gewalt beruhenden Schutzmechanismen der konservativen Wertethik in solche des einsichtigen Individuums in kleinen, überschaubaren Gemeinschaften umzuwandeln. Dabei kann die Religion sowohl hinderlich als auch fördernd eingreifen.
Erich Fromm skizziert das Verhältnis zwischen Staat und etablierter Kirche folgendermaßen: Solange die Mehrheit den Zwecken einer Minderheit zu dienen hat, war es notwendig, das Gefühl zu kultivieren, daß Ungehorsam Sünde sei. Staat und Kirche taten dies mit vereinten Kräften. Sie arbeiteten zusammen, da sie beide ihre eigenen Hierarchien zu schützen hatten. Der Staat brauchte die Religion, um eine Ideologie zu haben, die Ungehorsam zur Sünde erklärte, die Kirche brauchte Gläubige, die der Staat die Tugend des Gehorsams gelehrt hatte. Beide bedienten sich der Institution der (patriarchischen) Familie, die die Funktion hatte, das Kind von dem Augenblick an, in dem es seinen eigenen Willen bekundete, zum Gehorsam zu erziehen.
Damit hier nicht der Eindruck entsteht, in dem skizzierten humanökologischen Weltbild sei kein Platz für Religion, möchte ich stellvertretend auf das Wirken der unter St-2(b) erwähnten kritischen Theologen verweisen. Dieses Kapitel soll nun mit einigen versöhnlichen Zitate von Phil Bosman abgeschlossen werden, die sehr gut die Ideen der hier skizzierten Humanökologie widerspiegeln, wie z.B.: "Ich habe Freunde, die bewußt nicht glauben und sehr gute Menschen sind - Gottes Geist weht wo er will. Glaubende und Nichtglaubende stehen dichter beieinander, als sie denken. Unverträglichkeit ist das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Religiöser Fanatismus: unter allen Fanatismen der fanatischste und gottloseste."
Phil Bosman meint, daß die Frage nach einer christlichen Weltanschauung eigentlich die Frage nach einer menschlichen Weltanschauung ist, die Frage nach dem Wohl konkreter Menschen und nach dem Schicksal der Armen und Machtlosen (vgl. Befreiungstheologie). Er zitiert das neue Testament: "Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan".
2.4 Die biologistisch- instrumentalistische Strömung und New Age - St-4
Ein besonderes Anliegen ist es, die humanökologisch- materialistische Strömung von den zahlreichen esoterischen, aber auch biologistisch geprägten Richtungen im Zuge der sogenannten "New Age" Bewegung abzugrenzen.
Alexander Langer hat eines der jüngsten Kinder dieser Entwicklung so umschrieben:
"Manchmal wird die Forderung nach einem ökologisch-ethischen Staat, vielleicht sogar nach einer weisen Öko-Diktatur laut: da die Menschheit mit ihrer Freiheit Schindluder getrieben und ihr eigenes Überleben zusammen mit der gesamten Umwelt aufs Spiel gesetzt hat, braucht sie die fachkompetente und ethisch fundierte Bevormundung durch eine ökologische Obrigkeit, die der Anarchie umweltzerstörender Verhaltensweisen endlich den Garaus macht." Peter Bierl schrieb in der Wochen Zeitung vom 15.10.1993 (zitiert nach
[Krieger97]): "Der Atomkrieg ist für die "Spirituellen" eine Aussicht auf höchste Freude, nur für "Materialisten" wird es schrecklich werden. Der Brite Sir Trevelyan, von dem diese Aussage stammt, hat 1980 den alternativen Nobelpreis erhalten. Die Esoterik-Bewegung New Age boomt, Verbindungen existieren von den Grünen bis zu den Rechtsextremen."In
[Fischer95] wird Biologismus als "das Übertragen von aus dem Tierreich, aus der "Natur" abgeleiteten Gesetzen auf Mensch und Gesellschaft" interpretiert. Die Erde wird in dieser Sichtweise als lebendiger Organismus verstanden. Diese Strömung versucht Differenzen zwischen Menschen als Naturgesetz darzustellen und vernachlässigt dabei Erkenntnisse der modernen Physik, Cognitive Science und Neuropsychologie, welche eine relativ große Unbestimmtheit lebender und "toter" materiell repräsentierter Systeme bestätigen.Grundsätzlich vermischen New-Age Strömungen Aspekte der mehrfach angesprochenen metaphysischen Glaubensphilosophie, die auf einer Fülle von nicht zu hinterfragenden Glaubenssätzen beruht, mit solchen von totalitärem, bzw. rassistischem Charakter mit einem bestenfalls pseudowissenschaftlichen Fundament.
Der folgende Überblick ist an einen Artikel von Nikolaus Kirstein für die Zeitschrift "Fridolin" angelehnt, der als Quelle Peter Bierls Beitrag in der ÖkoLinx Nr.11/93 benutzte. Manche seiner Wertungen mögen umstritten sein. So haben sich bei mir zum Beispiel empörte Anhänger Rudolf Steiners zu Wort gemeldet, allerdings ohne schlüssige Argumente für eine Abänderung der kritisierten Textpassagen nennen zu können. Manche der genannten Personen werde ich in anderen Kapiteln mit interessanten Beiträgen zu Wort kommen lassen, wie etwa Jakob von Uexküll
[Uexküll21] und Ernst Haeckel - siehe 2.2. Es ist nicht möglich, alle Äußerungen einer Person im Laufe eines Menschenlebens einheitlich zu bewerten.Sozialverhältnisse werden von vielen Vertretern der New-Age Bewegung anhand von biologistischen Kategorien interpretiert, die zum Teil auf Nietzsche zurückgehen: Eine angebliche gegenwärtige Herrschaft der Vernunft wird als Ursache gesellschaftlicher Krisen vermutet. Die Wiener Autoren Roman Schweidlenka und Eduard Guggenberger [Schweidlenka87,89] analysieren schon seit längerem die Beziehungen zwischen New Age und Rechtsextremismus und kamen zu folgendem Ergebnis: von 367 New Age Gruppen sind 46 rechtsextrem und weitere 56 Gruppen haben entsprechende Kontakte. Von 161 Zeitschriften sind 28 rechtsextrem, 27 pflegen Verbindungen zu nationalsozialistischen Gruppierungen.
Die Esoterik (... nur den Eingeweihten zugängliche Lehre) und ihre aktuelle Spielart New Age haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, im Spiritismus und der Theosophie. Begründerin der Theosophie ist Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891). In ihrem Hauptwerk "Geheimlehre", 1888, mixte sie die hinduistische Lehre von der Seelenwanderung und Wiedergeburt mit einer eigenen Wurzelrassen-Theorie. 1875 gründete Blavatsky die Theosophische Gesellschaft. Um die letzte Jahrhundertwende hatte diese weltweit etwa 100.000 Mitglieder. Einer der ersten 1884 gegründeten theosophischen Gruppe in Deutschland gehörten u.a. Ernst Haeckel und Gustav Meyrinka (1868-1932) an. Die meiner Meinung nach überkommene Menschenrassentheorie habe ich bereits in 2.2 erläutert.
Aufgrund ideologischer und persönlicher Differenzen spalteten sich die Theosophen immer wieder. Eine Abspaltung ist die Anthroposophie. Ihr Gründer, Rudolf Steiner (1861-1925), war zunächst Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophen, mehr darüber in 2.1.4.
Aber auch andere Strömungen teilen die selben Wurzeln mit der theosophischen Lehre, nach der sich die Seele auf ihrem Inkarnationsweg reinigt, und damit die spirituelle, soziale und rassische Höherentwicklung der Menschheit ermöglicht. In der Übergangsphase, der Wendezeit, ist der Mensch also voll ausgelastet mit Psychohygiene und Bewußtseinserweiterung.
Fritjof Capras Buch "Wendezeit" beinhaltet die Gegenüberstellung einer negativen alten, mechanistischen und einer positiven neuen, kybernetischen Naturwissenschaft. Der neue Ansatz, so Capra, sei ganzheitlich und intuitiv, was bei näherer Betrachtung aber leider nicht stimmt. Die von ihm gepriesene Systemtheorie läßt leicht vergessen, daß Beschreibungen von Systemen immer auf den subjektiven Beobachtungen oder Erwartungen einzelner Menschen beruhen.
Die Findhorn-Gemeinschaft betätigt sich in diesem Sinne. Sie wurde 1962 in Schottland auf einem Atom- und Luftwaffenstützpunkt gegründet. Führer war der ehemalige Luftwaffenoffizier Peter Caddy. Eine Einnahmequelle von Findhorn sind Seminare und Wirtschaftskonferenzen von Konzernen wie Volvo, Shell, Xerox, IBM, Philips in ihrem schottischen Hauptquartier. Findhorn ist autoritär organisiert, wie viele doch angeblich auf spirituelle Erfahrung ausgerichtete Gruppen, zu denen auch die in Österreich besonders aktive "Neue Akropolis" gezählt werden muß. Ein anderer Findhornführer [Maynard], Sir George Trevelyan hat den eingangs zitierten Ausspruch über "den Atomkrieg" getätigt, der für die "Spirituellen" eine Aussicht auf höchste Freude darstelle. 1980 erhielt er vom Grünen Europaabgeordneten Jakob v. Uexküll den Alternativen Nobelpreis. Auf vertrauenswürdigere EmpfängerInnen dieser alternativen Auszeichnung werde ich noch zurückkommen.
Die Meditationsprogramme der New Age Szene erfreuen sich wachsender Beliebtheit im kapitalistischen Management. Führend dabei ist die Transzendentale Meditation (TM) des Maharishi Maharesh Yogi. Zunächst übernahm General Motors seine Methode. In Deutschland wirbt vor allem der Unternehmensberater Gerd Gerken für die Verbindung von Esoterik und Management. Als politischer Arm der TM existiert in Deutschland die Naturgesetz-Partei, die auch in Österreich Fuß fassen konnte.
Der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) formulierte die These einer Noosphäre als Schicht um die Erde außerhalb der Atmosphäre, der Name leitet sich vom griechischen nous, dem Geist ab. Der Geist aller Lebewesen auf der Erde läßt sich als eine einzige Intelligenz denken. Seine These ist verwandt mit Hegels Universalgeist, der wohl auch Darwins Evolutionstheorie beeinflußt hat. Die Gaia-Hyphothese des britischen Erfinders und Biologen James Lovelock unterscheidet sich von der Noosphäre darin, daß die Erde selbst die Hüterin des auf ihr entstandenen Lebens ist, "gaia" war der Name der griechischen Erdgöttin
[Doren96]. Eine von Lovelocks Begründungen für diese These kann wohl als überholt angenommen werden, nämlich, daß dieses Erdenwesen für seine Atmosphäre eine konstante Gaszusammensetzung erhalten konnte. Die Uratmosphäre zur Zeit der Entstehung des Lebens unterschied sich stark von der heutigen. Belege dafür sind aus verschiedenen Quellen bekannt, z.B. die Analyse von eingeschlossenen Gasbläschen in Eisbohrkernen. Zu erwähnen wäre auch noch die "Panspermientheorie", wonach das Leben von außen auf die Erde getragen wurde.Vielleicht ist die Tatsache, daß nur ein verhältnismäßig kleiner Kreis von Wissenschaftern mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften vertraut ist, ein Grund dafür, daß tausende AutorInnen im Dunstkreis der New Age- und Esoterikbewegung Gegenwelten formulieren. Manche tun dies wohl auch, weil ihnen einfach der Zugang zur notwendigen Vorbildung verwehrt wurde. Neben der Gefahr durch die Beliebigkeit mancher Theorien, die ihre Anhänger zu leicht manipulierbaren Hörigen machen, da jeder Empirismus (Überprüfbarkeit) ausgeschlossen wird, haben diese Gegenwelten einen anderen großen Nachteil. Die bunte Welt derartiger Thesen strebt kein konsistentes Weltbild an, so daß sich eine unüberschaubare Fülle von Wechselwirkungen wie Schwingungen, Geistesströme, Auren etc. angesammelt hat, die in ihrer Gesamtheit einem einzelnen Menschen kaum hilfreich bei der Deutung der Welt sein können. Sie entziehen sich meist wegen ihrer bewußten Irrationalität einer Diskussion. "Das kann man nicht in Worte fassen, und nicht empirisch überprüfen." scheint ein Stehsatz zu sein, der der Forderung nach einer Fortsetzung der Aufklärung widerspricht.
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