Eine Mitweltethik als postmoderne Überlebensphilosophie
(Teil 1)Autor:
Christian Demmer mit Material von Univ. Doz. Dr. Weish[
Vorige Seite] [Nächste Seite] [Zurück: Überblick]1. Ethik u. Moral im Kontext der Natur- und Sozialwissenschaft 1.1 Ethik und Moral: Begriffsklärung
[
1. Ethik u. Moral im Kontext der Natur- und Sozialwissenschaft
In Gewissensfragen gilt das Gesetz der Mehrheit nicht.
Zitat: Mahatma Gandhi in der Wochenzeitung Harijan (1919-31)
Es folgen zunächst klassische Begriffsbestimmungen von Ethik und Moral, die in der Wortwahl nicht mehr ganz zeitgemäß sind, die aber bei einer offenherzigen Auslegung von Begriffen wie "Gut" und "Böse" für meine weiteren Erläuterungen ausreichen. Dann werde ich am veralteten Bild einer mechanistischen Welt mit egoistischen, bloß ökonomisch denkenden Menschen kratzen, aber ebenso am Ideal des Geisteswesen Mensch, dem angeblich eine Sonderstellung in der Schöpfung eingeräumt werden muß. Zu diesem Zwecke wird der jüngste Stand der Erforschung der abiotischen und biotischen Evolution und damit verwandten Wissenschaften aufbereitet. Die wichtigsten Schlußfolgerungen aus diesen Erfahrungen wurden bereits in der Einleitung berücksichtigt.
1.1Ethik und Moral: Begriffsklärung
1.1.1 Ethik und Gewissen
"Ethik" (griechisch ethiké = Sittenlehre) ist die Wissenschaft von dem was sein soll. Aus der "Sittlichkeit" ergibt sich Wertgefühl und -bewußtsein, Verantwortung. Ethik orientiert sich am sittlich Richtigen, nicht aber an den Zwängen, die der Mensch selbst zu verantworten hat. Sie ist daher auch nicht bereit zu Kompromissen. Die Grundlage aller Ethik ist die Unterscheidung zwischen Gut und Böse verbunden mit dem Appell, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen. Die Instanz dieser Unterscheidung ist das individuelle Gewissen, das jedem Menschen zu eigen ist.
Diese individualistische Auffassung der ethischen Grundfrage geht auf zwei Vertreter des Christentums im Mittelalter zurück, auf Augustinus und Thomas von Aquin. Augustinus knüpfte am Neuplatonismus an, wenn er fordert, die Wirklichkeit im Innenleben des Individuums zu suchen. Auf der Suche nach der höchsten Wirklichkeit, dem Göttlichen, wird er in seinem "Inneren", der Seele fündig
[Hegge92]: "Weil ich bin und weiß und will ... und weiß daß ich selbst bin und weiß und will, ....".Während Augustinus im Denken und Erkennen noch "unfruchtbare Neugierde" sieht, und die Bedeutung der Seele im Bereich des Willens festmacht, verlegen die Scholastiker, insbesondere Thomas von Aquin diese Bedeutung in die Vernunft. Die Welt ist von Rationalität durchwirkt; der Mensch hat durch sein "natürliches Licht" (die Vernunft) Zugang zu ihrer Wirklichkeit
[Hegge92]. Die Begründung von Individualität aus der Rationalität wird zum entscheidenden Fundament für die Autonomie des Individuums in der späteren Aufklärungsphilosophie. Dem Menschen ist somit die Verpflichtung auferlegt, zu wissen was er tut, da böses oder schlechtes Handeln in letzter Instanz auf dem Versagen des erkennenden Menschen, bzw. auf der Verletzung des menschlichen "Wohlseins" beruht [Hegge92].Die zuvor angesprochene, allgemein vorhandene Unterscheidungsinstanz des persönlichen Gewissens, bzw. der Vernunft bedeutet allerdings nicht, daß alle Menschen gleichlautende Gewissensurteile haben. Was im Einzelfall als gut oder böse angesehen wird, hängt von Erziehung und Charakter, vom kulturellen Umfeld und nicht zuletzt vom Wissen ab.
1.1.1.1 Ethik als Wissenschaft
Weiters muß abgegrenzt werden, daß Gewissen zwar "persönliches Wissen" darstellt, Ethik aber als eine Wissenschaft verstanden werden will. Das Gewissen steuert das Verhalten des Menschen. Die Ethik fragt nach der allgemeingültigen Begründung dafür, warum etwas als gut oder böse anzusehen ist. Die nachvollziehbare Begründung schafft die Möglichkeit dafür, zu einem gleichlautenden Gewissensurteil möglichst vieler Menschen zu kommen. Früher war die Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Erfolgsethik üblich. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das moralisch Gute anzugeben: Je nachdem, wie die zu beurteilende Handlung gesehen werden kann. Entweder vom angestrebten Ziel her, oder von dem handelnden Subjekt, ergeben sich zwei unterschiedliche Konzepte des moralisch Guten. Reine Ausprägungen dieser Sichtweisen sind einerseits:
Das moralische Handeln wird vor diesem Hintergrund als Einheit von Motivation und Verwirklichung von objektivem Wert und subjektiver Norm verstanden. Ethik erhebt außerdem den Anspruch allgemeingültig zu sein.
Bernhard Irrgang
[Irrgang92] und Dietmar Kanatschnig [Kanatschnig92] haben einen systematischen Überblick über die Herkunft, Annahmen und Schwächen moderner "ökologischer" Ethiken zusammengestellt. Konzepte von Albert Schweitzer, Moltmann, Spaemann, Metz, Drewermann, Altner und Meyer Abich werden vorgestellt, der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften wird an Hand von praktischen Beispielen erläutert. Ich werde einige dieser Persönlichkeiten noch zu Wort kommen lassen. Die begrenzte Reichweite der biblischen Wurzeln von christlich motivierten Ethiken wird dabei deutlich. Als adäquater moderner Ansatz werde ich im letzten Abschnitt eine evolutive, handlungstheoretische, folgenorientierte Ethik an Hand von aktuellen Beispielen wie Biotechnologie und Gentechnik skizzieren.1.1.1.2 Normative Ethik und Metaethik
Da es praktisch unmöglich ist, allgemeingültige, zeitlose Regeln in der Form "tue dies, vermeide das ..." aufzustellen, hat sich ein Zweig der Ethik herausgebildet, der versucht, Kriterien für jede Art von Wertvorstellungen zu erarbeiten. Hans Jonas umschreibt die über (Meta-) den normative Charakter seiner Zukunftsethik weisenden Gedanken folgendermaßen: "Bevor die Frage der Durchsetzung einer Ethik praktisch ernsthaft werden kann, muß die neue Ethik ihre Theorie finden, auf der Gebote und Verbote, ein System von "du sollst" und "du sollst nicht" gegründet werden kann. Das heißt, vor der Frage, welche Vollstreckungsgewalt oder Einflußkraft, kommt die Frage, welche Einsicht oder welches Wertwissen soll die Zukunft in der Gegenwart vertreten?" Als prominentes Beispiel für derartige, abstrakte, formale Richtlinien sei hier die Goldene Regel oder der kategorische Imperativ genannt, ein klassisches Beispiel individualanarchistischer Argumentation, siehe
2.3.3. Diese darf nicht mit der "liberalen Fairneßethik" verwechselt werden, die bloß auf die Fairneß im Geschäft beschränkt ist.Es folgen zwei Beispielen für normative Ethiken, die aber schon meta-ethische Züge tragen, d.h. über reine Forderungen wie "du sollst" hinausgehen.
1.1.1.3 Beispiel für eine normative Ethik: E. Fromms Tugenden zum "Erlernen einer Kunst"
Erich Fromm führt drei Eigenschaften an, die zum Erlernen jeder Kunst, also auch der des "sich Wohlfühlens" notwendig sind: Selbstdisziplin, Konzentration und Geduld
[Fromm76]. Er gibt dazu anschauliche Beispiele und zeigt die Probleme dieser Tugenden in der modernen Industriegesellschaft auf, ich werde darauf zurückkommen.1.1.1.4 Beispiel für eine normative Ethik: Albert Schweitzers Warnung vor der Abstumpfung
Als Ziel der zweiten, hier vorgestellten ethischen Norm nannte ihr Schöpfer Albert Schweitzer den "realistischen Versuch, der Abstumpfung des Gewissens entgegenzuwirken"
[Schweitzer23]. Dies aber scheint Schweitzer nur dann möglich, wenn jeder Tötungsakt als ein Konflikt erlebt und nicht als selbstverständliches Recht ausgeübt wird. Er schreibt dazu:"Nur subjektive Entscheide kann der Mensch in den ethischen Konflikten treffen. Niemand kann für ihn bestimmen, wo jedesmal die äußerste Grenze der Möglichkeit des Verharrens in der Erhaltung und Förderung von Leben liegt. Er allein hat es zu beurteilen, indem er sich dabei von der aufs höchste gesteigerten Verantwortung gegen das andere Leben leiten läßt.
Nie dürfen wir abgestumpft werden. In der Wahrheit sind wir, wenn wir die Konflikte immer tiefer erleben. Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels"
Der Argumentationsgang, der hier am Kernproblem des Tötens deutlich wird, wiederholt sich in allen anderen Bereichen der Schweitzerschen Ethik, ob es nun um das Hemmen und Schädigen oder um das Erhalten und Fördern von Leben geht, ob es sich um Tierversuche, Schlachthausroheiten und Mißachtung von Pflanzen oder um zwischenmenschliche Probleme handelt.
"Allen aber, in welcher Lebenslage sie sich auch befinden mögen, tut die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben dies an, daß sie sie zwingt, fort und fort mit allen Menschenschicksalen und Lebensschicksalen, die sich um sie herum abspielen, innerlich beschäftigt zu sein und dem Menschen, der einen Menschen braucht, sich als Mensch zu geben. Dem Gelehrten erlaubt sie nicht, nur seiner Wissenschaft zu leben, auch wenn er darin sehr nützlich ist. Dem Künstler erlaubt sie nicht, nur seiner Kunst zu leben, auch wenn er damit vielen etwas gibt. Dem Vielbeschäftigten erlaubt sie nicht, zu meinen, daß er mit seiner beruflichen Tätigkeit alle Leistung erfüllt habe. Von allen verlangt sie, daß sie ein Stück ihres Lebens an Menschen hingeben."
1.1.1.5 Meta-Ethik Beispiel: Kants kategorischer Imperativ
Die Forderung Immanuel Kants (1724-1804): "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne" (Kritik der praktischen Vernunft I/I, 7), verlangt, daß der Mensch sein Handeln und Verhalten auf seine Generalisierbarkeit hin überprüft.
Da das Handeln und Verhalten gegenüber der Natur hier nicht ausgenommen ist, muß Kants Forderung auch in Bezug auf die Natur Geltung haben, aber nach Kants eigener Einschränkung nicht, weil der Mensch auch Pflichten gegenüber der Natur haben könnte, sondern nur, weil er "in Ansehung der Natur" Pflichten gegen sich selbst hat. Anders ausgedrückt, könnte man sagen: Die Rücksicht des Menschen auf seine Würde als Mensch und die daraus resultierenden Pflichten verbieten es ihm, die Natur und insbesondere andere Lebewesen inhuman zu behandeln. Tierquälerei verroht den Menschen, so daß er selbst und seine Mitmenschen davor geschützt werden sollen.
Nebenbei bemerkt kann die Forderung nach "Menschenwürde" auch naturwissenschaftlich-psychologisch gedeutet werden. Die Praxis der Gewaltvermeidung gegenüber anderen Lebewesen entspricht unserer angeborenen Tötungshemmung, die durch Übung, Abstumpfung, vor allem in der prägenden Kindheit außer Kraft gesetzt werden kann. In dem nun allgemeine Gewaltfreiheit als moralisches Prinzip gefordert wird, die alle Lebewesen umfaßt, soll damit vor allem die erwähnte Abstumpfung gegenüber der Gewalt gegen Menschen vermieden werden.
Es bedarf also eigentlich gar keiner über die egozentrische Anschauung hinausgehenden Orientierung, wenn diese weitsichtig und konsequent verankert wäre.
1.1.1.6 Beispiel: Habermas Diskursethik und die Selbstbehauptung in der Lebenswelt
Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas knüpfte an Karl Poppers "Diskursethik" an
[Popper74], die zum Teil auf der Relativität ethischer Wertungen basiert, welche erst durch ein nachvollziehbares, rationales "Streitgespräch" bzw. durch "bessere" Argumente entschieden wird [Habermas81]. Habermas fordert einen "herrschaftsfreien Dialog" ein, der auf den Ebenen des argumentativen Diskurses, des Grenzdiskurses, des Erschließungsdiskurses gleichzeitig stattfindet, siehe 3.2.5. Dieser Diskurs kann aber nur entscheiden, ob vorgegebene Inhalte unter gleichberechtigten, kompetenten Diskussionspartnern Fragen der Gerechtigkeit verletzen, er kann nicht entscheiden, ob die Inhalte "gut" bzw. "richtig" sind, dafür ist die Lebenswelt selbst zuständig.Habermas unterscheidet also zwischen Fragen der Gerechtigkeit (Normen, Moral), die im Diskurs behandelt werden können, und Fragen des "guten Lebens" (We-4), die sich so nicht abhandeln lassen, weil Werte zu sehr auf spezifische Lebensformen bezogen sind. Diese Erkenntnis darf nicht mit der des vorher erläuterten Pragmatismus bzw. Utilitarismus verwechselt werden. Diese Überlegungen resultieren aus der Erkenntnis, daß die Idee einer "objektiven Wahrheit" (vgl. Kant) bzw. Wirklichkeit nicht unabhängig vom Betrachter, seinen/ihren persönlichen Erfahrungen und seiner/ihrer unmittelbaren Lebenswelt gesehen werden können.
Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist Erich Fromms ethisch-psychologisches Konzept vom "Haben und Sein"
[Fromm76]. Der Unterschied zwischen Sein und Haben entspricht dem Geist einer Gesellschaft, die den Menschen zum Mittelpunkt hat, und dem Geist einer Gesellschaft, in der sich alles um den Besitz von "Dingen" (Objekte) dreht.E. Fromm schreibt: "Haben bezieht sich auf Dinge, und Dinge sind konkret und beschreibbar (Anm.: ... sind eigentlich Beschreibung). Sein bezieht sich auf Erlebnisse, und diese sind im Prinzip nicht erschöpfend beschreibbar. Durchaus beschreibbar ist die Persona (Maske), das Ich, das wir vorgeben zu sein. Aber im Gegensatz dazu kann der individuelle, lebendige Mensch nicht wie ein Ding beschrieben werden." Das gilt auch für jeden individuellen, realen Gegenstand, der im Sinne des Konstruktivismus nicht direkt erfaßt werden kann. Wir erkennen immer nur ein verinnerlichtes Modell, das wir uns als Menschen konstruieren.
1.1.1.7 Merkmale des "Habens"
St-1(a), 2(a) nach Fromm und ScherhornSich etwas einzuverleiben, wie beispielsweise beim Essen und Trinken, ist eine archaische Form des Inbesitznehmens. Säuglinge neigen dazu, Dinge in den Mund zu stecken, um sie zu erforschen. Dieser Akt ist bereits mit einem Nutzungskonflikt verbunden, denn zur selben Zeit kann ein anderes Kind denselben Gegenstand nicht auf ähnliche Weise erfahren. Die magische Komponente des Besitzergreifens wird etwa im Kannibalismus bzw. beim Jagen deutlich, wo angeblich bestimmte, über die aus der Nahrung gewonnene Stärkung hinausgehende Kräfte des Verzehrten auf den Esser übertragen werden. Heute ist es das Image verschiedener Konsumartikel, die dem Konsumenten ein bestimmtes Flair vermitteln sollen.
Damit sind wir bereits bei der wichtigsten Form des "Habens" in der Überflußgesellschaft angelangt, die aus dem Drang zum Einverleiben abgeleitet werden kann. Einerseits vermindert das Konsumieren die Angst, daß das Konsumierte weggenommen werden könnte, andererseits werde ich dazu gezwungen, immer mehr zu konsumieren, um weiter Befriedigung zu gewinnen. Der moderne Konsument könnte sich mit der Formel identifizieren: "Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere". Alles, was sich nicht unmittelbar konsumieren läßt, steht doch in engem Zusammenhang mit Konsum. Der "Besitz" dient lediglich als Option bzw. gesellschaftliche Garantie auf Konsum. Diese Form des Eigentums wird Privateigentum genannt (von lat. privare = berauben !), und wurde von zahlreichen bürgerlichen Ökonomen und Philosophen zu etwas Naturgegebenem stilisiert. Dem sind zwei Argumente entgegenzuhalten: erstens, wenn es sich um etwas derart Natürliches handelt, ist es verwunderlich, warum soviel Erziehungsarbeit in die Unterscheidung in das berüchtigte "Dein" und "Mein" gesteckt werden muß. Warum tun sich "primitive Kulturen" angeblich besonders schwer mit diesem Konzept?
Weiters zeigt die Kulturgeschichte, daß das allgemeine "Recht auf Privatbesitz" ohne Verpflichtungen als angeblich notwendiges "Mittel zur Selbstverwirklichung" eine Erfindung von Ökonomen und Staatstheoretikern des 18. u. 19. Jahrhunderts ist und zuvor höchstens kleinen Minderheiten vorbehalten war. Die Ablehnung der Habenorientierung findet sich auch bei zahlreichen jüdischen Orden wie dem der Essener. Sie hat sich im Christentum bei der Tradition der Mönchsorden fortgesetzt. Kropotkin hat verwandte Beispiele aus Asien dokumentiert, wo zudem eine vergleichbare Ethik in buddhistischen Orden gelehrt und gelebt wird. Von der katholischen Kirche vernachlässigte Quellen des Urchristentums teilen die selbe Erfahrung. Justin schreibt Mitte des 2 Jahrhunderts "Wir, die wir Reichtümer und Besitz über alles liebten, machen jetzt auch das, was wir bereits haben, zum Gemeingut und teilen es mit den Dürftigen" [Fromm76]. Fromm zitiert ähnliche Stellen aus dem Diognetbrief (2. Jhrd.: "Jede Fremde ist ihr Vaterland, jedes Vaterland ist ihnen Fremde"), von Tertullian (3. Jrhd.), Basilius, Meister Eckhart (12. Jhrd.) und aus den ältesten Teilen des Evangeliums, die aus den gemeinsamen Quellen des Matthäus und Lukasevangeliums rekonstruiert wurden (der sog. "Text Q").
Die zuvor angesprochene "unbedingte Garantie auf Konsum" als Idee von Besitz darf aber nicht mit einem Nutzungsanspruch auf Ressourcen (nach E. Fromm "funktionales/ existentielles Haben") und dem Angebot gegenseitiger Hilfe verwechselt werden. Hierbei geht es nicht um reine Verfügungsgewalt über Dinge bzw. Dienstleistungen, sondern um gegenseitiger Verpflichtung und Verantwortlichkeit bzw. tatsächlich bloß um die Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse. Wenn es nur funktionalen, das heißt auf persönlichen Gebrauch bestimmten Besitz gibt, dann wirft das nicht das gesellschaftliche Problem des mehr oder weniger Besitzens auf, da Besitz mit dem nackten Lebendigsein gleichgesetzt wird. Auf der anderen Seite verraten jene, die Gerechtigkeit im Sinn absolut gleicher Verteilung von Gütern fordern, daß sie ihre Orientierung am Haben lediglich durch eine Versessenheit auf absolute Gleichheit überspielen. Marx hat übrigens in den "Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten" zu einem solchen "rohen Kommunismus" angemerkt, "daß er die Persönlichkeit des Menschen überall negiert". Ich werde diese Konzepte bei der Diskussion eines alternativen Menschenbildes ausführlicher erläutern.
Gerhard Scherhorn hat sich in zahlreichen Studien mit den Ursachen des Konsumverhaltens in Deutschland beschäftigt und dabei die Typen der "Autonomieorientierung", der "Kontrollorientierung" und der "impersonalen Orientierung" unterschieden, die bei empirischen Studien nach der Auswertung eines standardisierten Fragebogens zugeordnet werden können [Schmidt97].
Die Ursachen und Merkmale lassen sich folgendermaßen beschreiben:
|
Orientierung |
Ursachen |
Merkmale |
|
Impersonale Orientierung St-1(a), 2(a) - "Angepaßt" / Haben Orientierung |
Demotivierende Erfahrungen: inkonsistentes, unberechenbares übermächtiges Kontrolliertwerden |
Mangelndes Selbstvertrauen, Probleme auf andere abschieben, Ängstlichkeit, Hilflosigkeit |
|
Kontrollorientierung (St-1) - "Aggressiv" / Haben Orientierung |
Erfahrung des Kontrolliertwerdens: außengelenkt, bevormundet (Belohnung, Bestrafung), außenbewertet, benutzt für fremde Zwecke, mit denen sich die Person nicht identifizieren kann |
Autoritäres Handeln, für andere entscheiden, sich durchsetzen wollen, sich selbst kontrolliert fühlen, auf sozialen Aufstieg bedacht sein. |
|
Autonomieorientierung (St-2,3) - "zugewandt" / Sein Orientierung |
Erfahrung des Akzeptiertwerdens: Sachbezogene Rückmeldung, Information über die Situation, die Folgen des eigenen Verhaltens |
Selbstvergessenes Interesse an der Sache oder Person. Balance zwischen eigenen und fremden Interessen, Selbstvertrauen |
Abbildung 9: Charaktertypen nach Scherhorn aus
[Schmidt97]Scherhorn erklärt mit dieser Einteilung den Zusammenhang zwischen der Motivation, persönlicher Erfahrung und Konsumverhalten. Gütergebundenheit, d.h. eine Habenorientierung, die sich durch die Angewiesenheit auf bestimmte Güter oder den damit verbundenen sozialen Status äußert, verhindert ein Überdenken des Gebrauchs von Konsumgütern, die z.B. auch geliehen oder geteilt werden können. Auch die Bereitschaft, sich mit dem "ökologischen Rucksack" bestimmter Güter und Dienstleistungen auseinanderzusetzen nimmt mit der "Habenorientierung" ab. Scherhorn schätzt ein Potential von etwa 20% der Bevölkerung an "Seins-orientierten Menschen", die dem "Autonomie Typus" zugeordnet werden können. Dieses Potential ist aber durch die derzeitigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht einmal zu einem Bruchteil ausgeschöpft.
Es gibt aber auch einen harten Kern von Menschen, für die eine Verhaltensänderung in der angedeuteten Richtung nicht in Frage kommt. Mit ihnen kann nicht gerechnet werden. Zwischen den Extremen der heute bereits autonomieorientierten Menschen und dem harten Kern der Verweigerer liegt aber eine große Mehrheit, die mit großer Wahrscheinlichkeit bereit wäre, durch entsprechend veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen ökologisch intelligentes Konsumieren sowie vermehrtes Teilen und Leihen anzunehmen, wenn dazu gleichzeitig eine praktikable Infrastruktur geschaffen wird.
1.1.1.8 Merkmale des "Seins" (
St-1(b), 2(b), St-3) nach Erich FrommDie Voraussetzungen für die Existenzweise des Seins sind Unabhängigkeit, eine selbstbefreite Individualität im Sinne Stirners (Freiheit zu ... im Gegensatz zu Freiheit von ...) und das Vorhandensein einer kritischen Vernunft (vgl. Diskussion Vernunft/Verstand, St-3) gemäß der eingangs vorgestellten "alternativen Strömungen" St-1(b), 2(b). Die Angst und Unsicherheit, die durch die Gefahr entsteht, zu verlieren, was man hat, ist in der Existenzweise des Seins nur schwach ausgeprägt. Mein Zentrum ist in mir selbst die Fähigkeit zu sein, meine mir eigenen Kräfte auszudrücken, ist Teil meiner Charakterstruktur und kann mir nicht geraubt werden.
Das wesentlichste Merkmal ist die Aktivität [Fromm76], nicht im Sinne von Geschäftigkeit oder entfremdeter Arbeit, sondern im Sinne eines inneren Tätigseins, dem produktiven Gebrauch menschlicher Kräfte. Tätigsein heißt, seinen Anlagen, seinen Talenten, dem Reichtum menschlicher Gaben Ausdruck zu verleihen, mit denen jeder, wenn auch in unterschiedlicher Weise - ausgestattet ist. Es bedeutet sich selbst zu erneuern, zu wachsen, zu schenken und zu empfangen, zu lieben, über das Gefängnis des eigenen, isolierten Ichs hinauszudenken, sich zu interessieren, zu lauschen. Fromm benutzt zur Charakterisierung der Existenzweise des Seins auch das Gleichnis vom blauen Glas von Max Hunzinger, siehe 5.5.3.
Ein weiteres, wichtiges Merkmal steht kraß im Gegensatz zum "Haben" wo sich das, was man hat, durch den Gebrauch aber auch durch den Zahn der Zeit verringert. Diese existentielle Angst versucht der angelsächsische Kapitalismus durch einen verhängnisvollen Kunstgriff zu begegnen das Geld scheint für eine kleine Elite nicht nur seinen Wert zu behalten, es vermehrt sich sogar von selbst, allerdings auf Kosten Stabilität des Wirtschaftssystems, aber auch der Arbeitnehmer und kleinen Unternehmen. Mehr über dieses zum Scheitern verurteilte Experiment in 5.3.
Die Qualität des "Sein" hingegen wächst tatsächlich "von selbst". Die Kräfte der Vernunft, der Liebe, des künstlerischen und intellektuellen Schaffens, alle wesentlichen Fähigkeiten wachsen, indem man sie ausübt. Auch die Beziehung zum Tod ändert sich aus dieser Existenzweise. Epikur bringt diese Idee auf den Punkt: "Der Tod geht uns nichts an, denn solange wir sind, ist der Tod noch nicht da, wenn aber der Tod da ist, sind wir nicht mehr." Während aus der Sichtweise des Habens der Tod mit einem Verlust von Besitz verbunden ist, steht er in der Existenzweise des Seins lediglich für das Ende des Tätigseins, das vom Standpunkt des Tätigen aus gar nicht wahrgenommen werden kann.
"Sein" in diesem Sinne sollte übrigens nicht mit der in späteren Kapiteln angesprochenen, unzureichenden "Gesinnungsethik" des "gut Seins" verwechselt werden.
1.1.1.9 Ethik und die Sinnfrage
Für Albert Schweitzer lassen sich Erlebnisgewißheiten (Gefühl) und rationale Argumentation (Vernunft) nicht trennen, um gemeinsam eine normative Ethik zu erbringen. Ich habe im humanökologischen Ansatz St-3 diese Forderung aufgegriffen, und auch davor gewarnt, ethische Zielsetzungen aus der Natur ableiten zu wollen. Schweitzer macht "die rechte Richtung" in der Ethik von den folgenden Bedingungen abhängig:
Zum einen dürfe sich Ethik niemals auf ...
Mit dem Versuch der ethischen Deutung kritisiert Schweitzer die oftmals erwähnte deutsche, bzw. Abendländische Ideologie (St-2a). Die Forderung, kosmisch zu sein kann als aufgeklärter Holismus (Ganzheitlichkeit) im Sinne des unter
St-3 skizzierten humanökologischen Modells interpretiert werden. Ich werde vor allem im dritten und fünften Abschnitt den Begriff "Sinn" noch in einem anderen Zusammenhang gebrauchen, nämlich für die Bedeutung (z.B. von Wörtern) in der gesellschaftlichen Kommunikation. Albert Schweitzer bezieht sich hier aber auf eine weitergehende, religiöse bzw. metaphysische Interpretation von "Sinn".Das abendländische Denken ist für Schweitzer also an der Sinnfrage gescheitert, d.h. es hat in verschiedenen Spielarten immerfort die optimistisch ethische Weltanschauung angestrebt, doch es hat sie nicht begründen können, weil es den "Sinn des Lebens" aus dem "Sinn der Welt" herleiten wollte, das menschliche Handeln also gleichsam als ein nahtlos integrierbares Teilstück eines in sich sinnvollen Universums zu deuten versuchte. So heißt es über die Natur: "Sie ist wunderbar schöpferische und zugleich sinnlos zerstörende Kraft. Ratlos stehen wir ihr gegenüber. Sinnvolles in Sinnlosem, Sinnvolles in Sinnvollem: dies ist das Wesen des Universums."
1.1.2 Moral und moralanaloges Verhalten
Moral
umfaßt die jeweils für eine Gruppe geltenden Handlungsrichtlinien. Sie ist die außerwissenschaftliche Bemühung um das richtige Handeln.Moral (lat. moralis = sittlich, geltender Sitte gemäß) ist die mehr oder weniger gelungene Umsetzung der Sittlichkeit bzw. des Sittengesetzes in moralische Sollensvorschriften und persönliche Verantwortung. Bei dieser Umsetzung spielen raum- und zeitbedingte, kulturelle und soziale Einflüsse eine Rolle, so daß die Ergebnisse neben Gemeinsamkeiten oft auch erhebliche Unterschiede aufweisen. Die Folge davon ist, daß Moral als solche aus vielerlei unterschiedlichen Einzelmoralen besteht. Moral in diesem engeren Sinne ist also eine sittlich orientierte Konzeption von Handlungsnormen, die von einzelnen Menschen, Gruppen, Gesellschaften oder letztlich von der ganzen Menschheit (z.B. Menschenrechtsdeklaration) akzeptiert wird. So bestehen auf der Welt gleichzeitig verschiedene Moralen nebeneinander, und es gibt Moralen, die inzwischen aufgegeben wurden, weil es keine Menschen mehr gibt, die sie akzeptieren, was nicht notwendigerweise ein Fortschritt im Sinne von mehr Sittlichkeit in der Moral sein muß. Jedenfalls wird ein erheblicher Teil aller Moralen unseren heutigen Vorstellungen widersprechen, weil das Wertgefühl und Wertbewußtsein in der Menschheit vielfältige Entwicklungen und Rückfälle durchlaufen hat, so wie manche unserer heutigen Moralvorstellungen im Urteil künftiger Generationen als rückständig oder inhuman gelten werden. Weil dies so ist, hat Moral nur eine beschränkte Aussagekraft.
Es muß hinzugefügt werden, um welche Moral es sich handelt oder aus welchem Kontext sie stammt (Moral einer bestimmten Kultur, Religion oder Philosophie oder auch Moral in Bezug auf einen bestimmten Anwendungsbereich). Im allgemeinen ist es aber so, daß beim Fehlen eines solchen Hinweises jeweils die in einer Gesellschaft gängige Moral gemeint ist; "moralisch" bedeutet dann: gemäß der herrschenden Moral und in bezug auf den jeweiligen Gesprächsgegenstand.
Moral wird oft mit religiösem Diskurs verwechselt. Im Gegensatz zur Moral hat religiöser Diskurs die Aufgabe und Funktion, in einer menschlichen Gemeinschaft einen weltanschaulichen Konsens bzw. eine "Sinnwelt" zu schaffen, vgl. 5.4.1.
Für das Handeln des Menschen sind nicht nur emotionale Stimmungen oder angeborene Triebe, auch nicht bloß rationale Zweckerwägungen maßgebend, sondern auch (und vor allem) der Aspekt des "Sittlichen", eine soziale Dimension also, die sich auf die Organisation und die damit verbundene Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft bezieht. Diese Definition ist insofern irreführend, als sie nahelegt, daß rationale Erwägungen nicht zu moralischem Verhalten führen können. Ich werde diesen Begriff daher vermeiden. Derartige "außerwissenschaftliche Bemühung um das richtige Handeln" werden in den später erarbeiteten, an der biologischen Entwicklung des Menschen orientierten Umweltethik als die Forderung zur Selbstbestimmung, Partizipation und Verantwortung, aber auch zur Ehrfurcht vor der "Mitwelt" wiederkehren.
1.1.2.1 Moralanaloges Verhalten
Der Begriff wurde vermutlich zuerst von Konrad Lorenz (1954) eingeführt [Lorenz54]. Er wählte diese Bezeichnung für das bei vielen sozialen Tieren zu beobachtende Schonungsverhalten gegenüber Artgenossen, eine "Humanisierung" des Kampfverhaltens, die der Mensch bisher noch nicht in ausreichendem Maße gelernt hat, bzw. die wieder verlernt wurde. Inzwischen wird der Begriff des moralanalogen Verhaltens auch auf andere Bereiche ausgedehnt, insbesonders auf die aufopfernde Sorge für die Jungen. Weniger bekannt sind Leistungen wie: Geburtshilfe, Rettung verwundeter Artgenossen, Respektierung fremden Eigentums und Areals und feste Paarbeziehungen.
Das moralische Verhalten der Tiere hat die Menschen seit eh und je beeindruckt. Aber während man früher der Meinung war, in diesem Verhalten käme vorweggenommene Menschlichkeit zum Ausdruck, wissen wir heute, daß unsere Humanität auf vormenschliches Erbe zurückgeht, das sich im Interesse der Arterhaltung insbesondere bei der Brutpflege und im Sozialleben entwickelt hat. Moralisches Verhalten ist immer auf die Artgenossen oder Symbionten beschränkt, so wie auch menschliche Moral bis zur Entwicklung artübergreifender Barmherzigkeit (z.B. Tierliebe) und Humanität als innerartliche Gruppenmoral verstanden werden muß, d.h. auf den Menschen beschränkt. Solange unsere Ethik aber die Beziehung zu allen Mitgeschöpfen ausklammert, hat sie ihre spezifische Menschlichkeit noch nicht erreicht.
1.1.2.2 Die Biologie der Zehn Gebote
Moralanaloges Verhalten der Tiere und moralisches Handeln des Menschen ist von der vergleichenden Ethnologie mehrfach untersucht worden, besonders ausführlich von Wolfgang Wickler (1971), der seinem Buch den Titel "Die Biologie der Zehn Gebote" gab. Ähnliche Überlegungen sind im von Biologismus durchsetzten Werk "Der vorprogrammierte Mensch - das Ererbte als bestimmender Faktor im menschlichen Verhalten (1973)" von Eibl Eibesfeldt zu finden. Moralanaloges Verhalten unterscheidet sich von menschlicher Moral in verschiedener Hinsicht, und zwar einmal durch Begrenzung des Repertoires auf arterhaltendes Sozialverhalten und andererseits auf die Freiheit des Menschen, sich auch sozialschädigend zu verhalten. Im übrigen können wir auch beim Menschen neben bewußtem moralischem Handeln noch viel unreflektiertes moralisches Verhalten feststellen, das für unser Zusammenleben möglicherweise immer noch wichtiger ist als wir annehmen. Wickler beschreibt fünf "kritische Stellen" im Leben sozialer Tiere:
|
Traditionsübermittlung, Autorität, die Achtung der Alten |
|
Das Töten von Artgenossen |
|
Die sexuellen Partnerbeziehungen |
|
Nutzungsrecht für Ressourcen (Revier), lebensnotw. Eigentum (z.B. Vorräte) |
|
Zuverlässige, "wahre" Information |
Tabelle 4: Fünf wunde Punkte von Sozietäten nach Wickler (bearb.)
Diese "wunden Punkte" der Sozietäten sind auch in der menschlichen Gesellschaft von Geboten markiert. "Das Sozialverhalten der Tiere ist wie durch Gebote geregelt und die Verhaltensforschung ist unter anderem darum bemüht, herauszufinden, welches die physiologischen und anderen biologischen Gesetzmäßigkeiten dieses moralanalogen Verhaltens ist."
Menschliche Moralität auf weiterentwickeltes moralanaloges Verhalten zu reduzieren und ethische Normen nur evolutionsbiologisch zu begründen, würde die Ethik in einem wesentlichen Punkt auf einen bloßen Naturalismus bzw. Ökofaschismus verkürzen, dessen gefährliche Rechtslastigkeit sich z.B. in der nach dem heutigen Stand des Wissens nutzlosen Ideen der Rassenhygiene geäußert hat, siehe dazu 2.2.5.
Damit will ich nicht zum Ausdruck bringen, daß die Fülle von Hinweisen auf den evolutionär gewachsenen menschlichen Erkenntnisapparat als Motor für das menschliche Verhalten geleugnet werden sollen. Ethische Überlegungen haben sich aber in erster Linie auf ein Ziel zu konzentrieren, das wir uns im Zuge eines "Willensaktes" selbst setzen müssen, das also nicht einfach irgendwoher abgeleitet werden kann!
1.1.2.3 Sozialverhalten bei Mensch und Tier
Moralisches Verhalten kann also zum Teil auf biologische Erkenntnisse zurückgeführt werden, während ethische Zielsetzungen darüber hinausgehen müssen. Bei der Einbeziehung biologischer Betrachtungen stellt sich zudem die Frage, wie weit sich das Sozialverhalten bzw. die "Intelligenzleistungen" bei Mensch und Tier eigentlich unterscheiden? Ich habe in 3.1.1.5 bereits darauf verwiesen, daß der Aufbau des Gehirns bei allen Säugetieren ähnlich ist, und daß kaum qualitative Unterschiede bestehen. Auch beim Hantieren mit einem Modell von Erwartungen (Weltbild) bestehen keine großen Unterschiede, wie diverse Untersuchungen in den letzten Jahren bestätigt haben. Die besondere Stellung des Menschen liegt jedoch in seiner Kommunikationsfähigkeit, und in der damit verbundenen Abstraktions- und Reflexionsfähigkeit. Beide Fähigkeiten sind auch bei den Menschenaffen ansatzweise vorhanden, aber nur innerhalb enger Grenzen, die zum Beispiel durch die beschränkte Artikulationsfähigkeit der Stimmbänder und durch die fehlende Mitteilungsbedürftigkeit abgesteckt sind. Es gelang zwar, eine abstrakte Bildersprache mit verschiedenen Menschenaffen einzustudieren, doch der begrenzte Wortschatz (Du, Ich, Banane, gehen, essen, ...) und das schnell erschöpfende Interesse an derartigen, für die Tiere sicherlich mühsamen Spielen zeigten, daß die Anlage zur sprachlichen Kommunikation weitgehend fehlt.
Bei der Schimpansin Julia wurde auch die Abstraktionsfähigkeit mit Hilfe eines Labyrinthes getestet, durch den zunächst ein Eisenring geführt werden mußte. Der natürliche Spieltrieb und entsprechende Belohnungen gepaart mit der wichtigsten Strategie intelligenten Verhaltens, dem erwähnten Versuchs- und Irrtumsverfahren führten schnell zum Ziel, Julia konnte durch Probieren jedes Labyrinth erforschen. Anschließend wurde das Labyrinth mit einer Glasplatte abgedeckt, der Ring konnte mit einem Magneten bewegt werden, allerdings mußte die Entscheidung über den einzuschlagenden Weg schon vorher gefällt werden, da eine Kuppe am Start verhinderte, nach einem falschen Versuch eine andere Alternative zu probieren. Die Schimpansin bewies, daß sie den Weg auch nur mit den Augen verfolgen konnte, bevor sie ihn mit dem Magneten abfuhr.
Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!
Abb. 10: Die Schimpansin Julia erforscht ein Labyrinth [Botzenhardt/Juniors Tierbild Archiv]
Eine beliebte Aufgabe bei Intelligenztests ist das Rotieren eines Objektes, wobei aus einer Sammlung verdrehter und tlw. gespiegelter Objekte zwei gleiche ausgewählt werden müssen. Dabei stellte sich heraus, daß Tauben solche Übereinstimmungen etwa fünf mal schneller herausfinden als Menschen.
Ein großes Problem bei derartigen Experimenten stellt allerdings die Interpretation der Ergebnisse dar. Ein bekanntes Beispiel für eine krasse Fehlinterpretationen waren die angeblichen Intelligenzleistungen eines Pferdes. Der "kluge Hans", konnte Fragen mit einer gewissen Zahl von Hufschlägen beantworten. Es stellte sich letztlich aber heraus, daß das Tier nicht Quadratwurzeln berechnete, sondern bloß auf Gefühlsregungen seines Besitzers reagierte, die anzeigten, daß die richtige Zahl an Hufschlägen erreicht war. Ohne Kenntnis des richtigen Ergebnisses bei den Beobachtern lieferte das Tier jedoch nur Zufallsergebnisse. Ohne Zweifel stellt auch diese Einfühlsamkeit eine beachtliche Leistung dar.
Bei einer Felduntersuchung an Meerkatzen wurden 1977 Warnrufe der Tiere bei verschiedenen Freßfeinden wie Leoparden, Adler und Pythonschlangen von Robert Seyfarth und Dorothy Cheny im Amboseli Nationalpark in Südkenia aufgezeichnet. Wurden diese Aufnahmen abgespielt, verhielten sich die Tiere wie zum Zeitpunkt der jeweiligen Aufnahme, und zeigten ein an die jeweilige Gefahr angepaßtes Verhalten. Die Alarmsignale hatten offensichtlich innerhalb der Gruppe eine bestimmte "gemeinsame Bedeutung", ich werde dafür später auch den Ausdruck "Semantik" gebrauchen. Die Bedeutung hing nicht unbedingt von der Art des Lautes ab, d.h. ähnlich klingende Laute müssen nicht für ähnliche Bedeutungen stehen.
Diese Primaten, die in der Entwicklung unterhalb der Menschenaffen stehen, zeigen in ihrem Verhalten jedoch keine Hinweise einer Vorstellung von mentalen Zuständen und Vorgängen und können sich nicht vergegenwärtigen, daß ihre Artgenossen bestimmte Gefühle, Vorstellungen, Kenntnisse und Absichten haben. So steigt zwar die Aufmerksamkeit bei der Anwesenheit von Jungtieren bei vielen Arten, z.B. die Häufigkeit von Warnrufen, aber ein differenziertes Modell des Gegenübers wird nicht gebildet. Darauf deutet zumindest der Umstand hin, daß von jungen unerfahrenen Tiere das korrekte Fluchtverhalten erwartet wird, ohne daß sie zum Lernen angeleitet werden. Auch werden Warnrufe weiterhin ausgestoßen, wenn sich die Artgenossen längst in Sicherheit gebracht haben. Die Weibchen konnten nicht zwischen ihrem Erleben, ihrem Wissensstand und dem ihrer Jungen unterscheiden.
1.2 Moderne Ethikkonzepte
1.2.1 Von der anthropozentrischen Ethik zum holistischen Weltbild
Zitat zum Thema : Die alte Version des "Hitchhiker`s Guide to the Galaxy" (Reiseführer durch die Galaxie) enthielt folgende Information zum Stichwort Erde : "harmlos" ,- die neue überarbeitete Version hingegen die Wörter: "größtenteils harmlos". Die Erde existiert zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr, weil sie einer Hyperraumexpreßroute weichen mußte. Die angesprochenen Reiseführer sind leider noch nicht aktualisiert worden.
David J. Krieger und Christian J. Jäggi haben in
[Krieger97] eine gut begründete Einteilung von religiös motivierten Einstellungen zur Natur vorgeschlagen, auf die ich mich in den folgenden Unterkapiteln noch öfters beziehen werde.
Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!
Abbildung 11: Einstellungen zur Natur in verschiedenen Religionen, aus
[Krieger97], pp. 107.1.2.1.1 Rückblick in die Geschichte / Die Bibel
"Die Welt",
schrieb in Konsequenz des griechischen Ansatzes Cicero, "ist ... in erster Linie der Götter und Menschen wegen geschaffen worden, aber all ihre Einrichtungen sind nur zum Nutzen der Menschen ersonnen und ausgeführt"; und entsprechend schilderte er, wie vorzüglich z.B. der Bau des Rückens der Rinder sich zum Jochtragen bei der Feldarbeit eigne und daß das Schwein seine Seele, sein Leben, allen Ernstes nur habe, um dem Menschen das Salz zum Einpökeln zu sparen, "damit es nicht faule." Das Leben der Tiere hat für Cicero den Wert einer lebenden Konserve; denn, so behauptet er, "der ganze Vorrat ( der Natur ) ist nur der Menschen wegen da" [Drewerman91].Die Religion Israels, von der das Christentum wesentlich geprägt ist, besaß zur Natur von vornherein ein außerordentlich heikles Verhältnis. Ursprünglich erwachsen aus dem Glauben an den "Gott der Väter", war die Religiosität des Alten Testamentes eine Religion des Stammesverbandes, und sie gründete in dem Glauben an die besondere Bedeutung, die dem eigenen Volk aufgrund einer Offenbarung an den Stammvater zukommt. Im Mittelpunkt dieser Religion stand ganz und gar der Mensch bzw. die Geschichte eines einzigen Volkes. Es brauchte Jahrhunderte der Auseinandersetzung mit den Mythen der Ackerbauvölker, ehe man in den Glauben an den "Gott der Väter" so etwas wie Natur und Welt in dem Gedanken der Schöpfung mit einbezog. Aber auch der Schöpfungsgedanke, so wichtig er als theologische Idee war, verbesserte den vorgegebenen einseitigen Anthropozentrismus der Bibel an sich nicht
[Drewerman91].1.2.1.2 Egozentrische Ethik
Eine egozentrische Ethik wurde zwar von manchen Autoren als Antithese zu sozialen Ethiktheorien eingefordert, war aber selten das Ergebnis einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung, bzw. wurde von ihren Gegner vehement abgelehnt oder ignoriert, so daß es zu keinem ernst zu nehmenden Diskurs kam.
Ein weitgehend egozentrisches, nicht zu Verwechseln mit einem bloß egoistischen Menschenbild, gemäß dem Ideal des "selbstbefreiten Menschen" im Sinne Max Stirners habe ich in
2.3.2 genauer untersucht. Es kann wohl niemand abstreiten, daß wir die Welt nur durch unsere Augen, in der Interpretation unserer persönlichen Erfahrungen sehen können, ja es ist letztlich nicht einmal überprüfbar, ob die Wesen um uns im selben Ausmaß existieren bzw. erleben wie wir (Existenzialismus).Das ursprüngliche Bewußtsein umfaßte eine kommunizierende Gruppe, bzw. Lebensgemeinschaft. Das ursprüngliche "Ich" auf emotionaler als auch abstrakter Ebene umfaßte sowohl die Identifikation mit der gesamten Lebensgemeinschaft, als auch egoistische Motive zur unmittelbaren individuellen Lebenserhaltung. Erst später, bedingt durch eine Änderung der Lebensgewohnheiten und einer abstrakterer Denkweisen wurde die Rolle des/der Einzelnen erkannt bzw. neu festgelegt.
Die egozentrische Umweltethik geht von den Einzelinteressen aus, um derentwillen etwas geschützt werden soll. Einzelinteressen werden dabei oft als Allgemeininteressen ausgegeben. Kurzsichtige egozentrische Umweltethik ist unzulänglich und gefährlich. Für die Griechen lautete die ethische Grundfrage: "Wie kann ich ein gutes Leben führen?" Wie lebe ich glücklich und zufrieden?
Die jüdisch-christliche Ethik geht von der Frage aus: "Wie kann ich in der rechten Beziehung zu Gott leben?" Die Antworten auf diese Frage ergeben im wesentlichen eine Individualethik, denn es geht vorwiegend um das Seelenheil des Einzelnen. Je weiter sie jedoch blickt, und je umfassender der ihr zugrundeliegende Egoismus ist, umso eher entspricht sie den Anforderungen der heutigen Zeit
[Teutsch83]. Ich habe im Zusammenhang mit Max Stirners "Individualanarchie" bereits auf die Möglichkeiten dieses eleganten Ansatzes hingewiesen, der letztlich in einer für das Individuum verstehbaren Erklärung von Verhaltensvorschriften mündet, bzw. einen durchschaubaren Prozeß beim Auffinden und Verbessern von solchen Normen einfordert.1.2.1.3 Gruppenzentrismus, Kulturzentrismus
In der verwandten "Theozentrischen Umweltethik" gilt der Respekt vor dem Gesetz oder Willen Gottes (einer irrationalen Autorität) oder gegenüber einer politischen Autorität als Grundwert
[Krieger97] sittlichen Handelns.Zwischenmenschliche Verhaltensregeln gelten, wie bereits angedeutet, vor allem in der eigenen Sippe. Bei vielen Kulturen werden deshalb Fremde nicht als Menschen im eigentlichen Sinne angesehen, die Anspruch auf menschliches Entgegenkommen haben, da sie sich nicht "sittsam" gemäß den erwähnten Normen verhalten.
Zigeuner bezeichnen sich selbst als rom, das heißt Mensch, ebenso haben viele andere Völker und Stämme einen nur auf die eigene Kultur eingeschränkten Begriff des Menschen. Der erste Mensch ist jeweils der Stammesahn. So heißt der "Adam" der Kikuyu, einem Stamm in Ostafrika einfach "Kikuyu". Der eigene Lebensstil gilt jeweils als gut und richtig, der der Fremden als falsch und schlecht.
Die westlichen, bzw. konservatistischen Wertvorstellungen (siehe 2. Abschnitt) fußen zu einem großen Teil auf gruppenzentristischen Ethiken. Verrat innerhalb der Gruppe (Industriellen Vereinigung, Sozialpartnerschaft, ...) wird als verwerflich angesehen, ansonsten als Mittel zum Zweck. Nach außen hin wird ein anthropozentrischer Ansatz vorgetäuscht, dessen Leitsatz, daß alle Menschen als gleichwertig anzusehen sind, durch die "Fremdengesetze" westlicher Demokratien ad absurdum geführt wird. Auch der Schutz des menschlichen Lebens dürfte nicht so sehr aus Überzeugung und Mitgefühl, sondern eher aus praktischen Motiven verteidigt werden, das zeigt sich etwa im verantwortungslosen Umgang mit Risikotechnologien (Atomkraft, Chemie, ...) [Beck86].
1.2.1.4 Anthropozentrische Umweltethik
Der anthropozentrische Ansatz ist etwas weiter gefaßt als der egozentrische. In der verwandten "Anthropozentrischen Umweltethik" gilt die Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen als Grundwert
[Krieger97], siehe auch iiiii.a.Maßstab für die Inanspruchnahme der Natur ist ausschließlich der Mensch, allerdings nicht nur auf die Gegenwart bezogen sondern einschließlich der künftig lebenden Generationen. In extremer Form findet sich diese Sichtweise etwa bei Kant und im Konstruktivismus, wo die Natur lediglich als "Inbegriff der Erscheinungen" aufgefaßt wird, als etwas, das ohne das erlebende Subjekt gar nicht da wäre. Kant verurteilte Tierquälerei auch nur wegen ihrer nachteiligen, verrohenden Wirkungen auf den Menschen.
1.2.1.5 Die Unhaltbarkeit des anthropozentrischen Ansatzes
"Der Mensch zerstört, wenn er die Natur zerstört, seine eigene Existenzgrundlage. Insofern geht es, wenn es um die Natur geht, stets um den Menschen. Dennoch, oder besser eben deshalb, ist es notwendig, die anthropozentrische Perspektive heute zu verlassen. Denn solange der Mensch die Natur ausschließlich funktional auf seine Bedürfnisse hin interpretiert und seinen Schutz der Natur an diesem Gesichtspunkt ausrichtet, wird er sukzessive in der Zerstörung fortfahren. Er wird das Problem ständig als ein Problem der Güterabwägung behandeln und jeweils von der Natur nur das übrig lassen, was bei einer solchen Abwägung im Augenblick noch ungeschoren davonkommt. Bei einer solchen Güterabwägung im Detail wird der Anteil der Natur ständig verkürzt. ... Nur wenn der Mensch heute die anthropozentrische Perspektive überschreitet und den Reichtum des Lebendigen als einen Wert an sich zu respektieren lernt, nur in einem wie immer begründeten religiösen Verhältnis zur Natur wird er imstande sein, auf lange Sicht die Basis für eine menschenwürdige Existenz des Menschen zu sichern. Der anthropozentrische Funktionalismus zerstört am Ende den Menschen selbst."
[Spaemann79]Erkennt man/frau, daß eine nur auf den Menschen hin orientierte Ethik für die Zukunft unzulänglich sein muß, indem sie die Bewahrung der Lebensgrundlagen auch für den Menschen nicht gewährleistet (vor allem infolge gravierender ökologischer Wissenslücken) liegt es nahe, die Verengung auf den Menschen aufzuheben. So folgt gerade aus einer konsequenten Anthropozentrik deren Überwindung, bzw. sie beinhaltet wie der egozentrische Ansatz die weitergehenden Betrachtungsebenen.
Vertreter dieser Idee, die aber zum Teil etwas unsachlich argumentieren, sind Naess, Leopold, Ehrenfeld und Routly
[Hampicke91].Für Albert Schweitzer ergibt sich die kosmische, über den Menschen hinausgehende Dimension der Ethik aus der naturphilosophischen Komponente seines Denkens. Naturphilosophie sprengt den Rahmen der menschlichen Gesellschaft, öffnet den Blick für die Rätselhaftigkeit des Universums und macht der Ethik so eindringlich deutlich, daß sie sich nicht von einer sinnvollen Welt her, sondern nur aus sich selbst heraus begründen kann. Zugleich macht Naturphilosophie aber auch bewußt, daß der Mensch ein Geschöpf unter Geschöpfen ist, also in der Ethik nicht nur das Verhältnis zu seinesgleichen, sondern das zur ganzen Kreatur regeln muß. In dieser Hinsicht wirft Schweitzer der ethischen Tradition eine anthropozentrische Enge vor: "Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, daß die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, daß ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen."
Oft wird die Anthropozentrik artspezifische gedeutet, was wegen der diffusen Kategorie biologischer Arten, oder gar Rassen (2.2) kein geglückter Ansatz sein dürfte. Dasselbe gilt auch für die Biozentrik. Darüber hinaus wird oft auf die Möglichkeiten kommender Generationen vergessen, die sich wegen ihrer beschränkten Existenz (Säuglinge) bzw. Nichtexistenz (noch nicht geboren ...) nicht aktiv im "Kräftemessen" der Realpolitik einbringen können.
1.2.1.6 Pathozentrische Ethik
In der verwandten "Biozentrischen Umweltethik" gilt die Integrität der Lebensgemeinschaft als Grundwert
[Krieger97], siehe auch iiiii.b. Sie beruht auf der frühen Einsicht der Verwandtschaft allen Lebens und der Leidensfähigkeit der (höheren) Tiere. Die besondere Stellung des Menschen als vernunftbegabtes Wesen gibt ihm nicht das Recht, Tieren Schmerzen und Leid zuzufügen, Tiere verdienen das Mitleid des Menschen.Die Leidensfähigkeit begründet das Recht auf humane Behandlung. Auch die goldene Regel wird auf leidensfähige Geschöpfe ausgedehnt, vgl. etwa (Mt 7,12). Sie verlangt, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will und entspricht damit dem Gebot der Nächstenliebe.
1.2.1.7 Biozentrische Ethik
Die biozentrische Umweltethik geht über die pathozentrische Ethik hinaus und erkennt den Lebewesen Selbstzweck und Lebensrecht zu, die der Mensch zu respektieren hat. Die unbelebten Elemente werden nur als Lebensgrundlage, ohne Selbstzweck aufgefaßt. Um diese, für seine Zeit äußerst fortschrittliche Stufe der Ethik hat sich Albert Schweitzer verdient gemacht, auf dessen philosophisches Schaffen wir noch mehrmals zurückgreifen werden. In unserem Jahrhundert hat wohl keine Ethik außerhalb der Fachwelt ein solches Maß an Resonanz gefunden hat wie diejenige Albert Schweitzers
Dieser Typ von Ethik wurde als motivationale Ethik gekennzeichnet, d.h. als eine Ethik, die "mit Hilfe der Vernunft, nicht um der Vernunft willen" motivieren will, wohingegen reine Vernunftethiken eben nur die Vernunfteinsicht als sittliche Motivation zulassen. Schweitzer fordert den ganzen Menschen heraus, sein Entwurf der Ethik ist einer ganzheitlichen Erfahrung von Wirklichkeit entsprungen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf den zuvor erwähnten Artenschutz hinweisen, dem von ökonomischer Seite gewisser Respekt gezollt wird, weil sich die "Unersetzlichkeit" aller evolutionären Produkte durch naturwissenschaftliche Belege überzeugend demonstrieren läßt. Neben der heute noch nicht abschätzbaren ökonomischen Verwertungsmöglichkeit der natürlichen Vielfalt wird die hochgradige Spezifität biologischer Systeme angeführt
[Hampicke91]. Für mein Gefühl eine etwas zynische Argumentation, die typisch für die Auseinandersetzung von Ökonomen mit ethischen Fragestellungen ist.1.2.1.8 Holistische Umweltethik
(griechisch holon = das Ganze)
In der verwandten "Physiozentrischen Umweltethik" gilt das sich Einfügen in eine harmonische Weltordnung als Grundwert, im Holismus die vernunftmäßig erkannte Verbundenheit des Menschen mit der Natur durch die enge Vernetzung von Wechselwirkungen in offenen Systemen
[Krieger97].Von allen Formen der Umweltethik ist die holistische diejenige mit der größten Reichweite. Sie berücksichtigt nicht nur die Lebewesen, sondern auch die unbelebte Materie. Das bedeutet nicht eine Gleichbehandlung, sondern die Bereitschaft, auch das Anorganische nicht aus der Verantwortung auszuklammern. Jede Kultur tendiert dazu, die Natur als "das Andere" und das Fremde zu betrachten. Sobald klar wird, daß wir nur wir selber sein können, indem wir das "Fremde" werden, wird es unsinnig, die menschliche Selbstverwirklichung und Autonomie gegen die Natur auszuspielen
[Krieger97].Aber nur wenn es gelingt, eine holistische Ethik auf das Fundament der individuellen Erfahrung zu stellen, und sowohl die Gesamtsicht, als auch die individuelle Sicht im Auge behalten, können wir auf breites Verständnis hoffen.
1.2.2 Vom Prinzip Verantwortung zur Zukunftsethik (We-3)
Ein Fallbeispiel: Die Propagandisten der Atomwirtschaft haben viele Argumente parat, warum Tschernobyl kein Grund war, die Atomkraft aufzugeben. Der Unfall war die Folge geradezu krimineller Verstöße gegen die Betriebsvorschriften, sagen sie. Zu Recht seien die Schuldigen eingesperrt worden. Der Unfall hätte sich auch nur in einem politischen System wie dem der UdSSR ereignen können. Russische Reaktoren seien gefährlich, im Gegensatz zu den "westlichen". Und dann gebe es ja auch das CO2-Problem. Häufig werden bei großangelegten Verbrechen die Falschen eingesperrt, und die Frage nach der Verantwortung wird stillschweigend übergangen. Die Schuldigen auch an den Katastrophen von morgen laufen frei herum.
Die politische Spitze der damaligen UdSSR wollte den Reaktorkomplex so rasch wie möglich wieder instand setzen, ohne Rücksicht auf Menschenleben. Deshalb wurden die 68.000 Menschen in der 2,5 km entfernten Stadt Pripiat nicht gewarnt sondern erst nach zwei Tagen evakuiert. Viele Tausende wurden bei den hastigen Aufräumarbeiten strahlengeschädigt. An wen sollten sie sich jetzt wenden, wenn die kleine Invalidenrente etwa auf Grund finanzieller Probleme nicht mehr ausgezahlt werden kann? Wer oder was trägt die Verantwortung?
Die klassische Industriegesellschaft mit dem Konflikt zwischen Arbeit und Kapital wurde durch die sogenannte "Risikogesellschaft" abgelöst. Sie hat die ungelösten, alten Probleme geerbt, neu hinzugekommen ist die Gefahr eines globalen Exodus durch den Einsatz von Hochtechnologie, z.B. Gentechnik und Atomkraft. Es handelt sich um Folgeprobleme einer organisierten "Unverantwortlichkeit", der mit keiner heute bekannten Institution wie Versicherungen begegnet werden kann. Mit diesem Thema müssen wir uns etwas ausführlicher auseinandersetzen, da die menschliche "Unfähigkeit zur sozialen Organisation" (Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Konfliktbewältigung, vgl. "Normregression": 3.1.5.2) eine der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Entwicklung darstellt. In 4.4 präsentiere ich die daraus abgeleitete Idee der "mehrstufigen" Zivilisation.
Hans Jonas schrieb 1979 im Vorwort zu "Das Prinzip Verantwortung"
[Jonas79]:"Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden. Daß die Verheißung der modernen Technik in Drohung umgeschlagen ist, oder diese sich mit jener unlösbar verbunden hat, bildet die Ausgangsthese des Buches. Sie geht über die Feststellung physischer Bedrohung hinaus. Die dem Menschenglück zugedachte Unterwerfung der Natur hat im Übermaß ihres Erfolges, der sich nun auch auf die Natur des Menschen selbst erstreckt, zur größten Herausforderung geführt, die je dem menschlichen Sein aus eigenem Tun erwachsen ist. Alles daran ist neuartig, dem Bisherigen unähnlich, der Art wie der Größenordnung nach: Was der Mensch heute tun kann und dann, in der unwiderstehlichen Ausübung dieses Könnens, weiterhin zu tun gezwungen ist, das hat nicht seinesgleichen in vergangener Erfahrung. Auf sie war alle bisherige Weisheit über rechtes Verhalten zugeschnitten. Keine überlieferte Ethik belehrt uns daher über die Normen von "Gut" und "Böse", denen die ganz neuen Modalitäten der Macht und ihrer möglichen Schöpfungen zu unterstellen sind.
Das Neuland kollektiver Praxis, das wir mit der Hochtechnologie betreten haben, ist für die ethische Theorie noch ein Niemandsland.
In diesem Vakuum (das zugleich auch das Vakuum des heutigen Wertrelativismus ist) nimmt die hier vorgelegte Untersuchung ihren Stand. Was kann als Kompaß dienen? Die vorausgedachte Gefahr selber! In ihrem Wetterleuchten aus der Zukunft, im Vorschein ihres planetarischen Umfanges und ihres humanen Tiefganges, werden allererst die ethischen Prinzipien entdeckbar, aus denen sich die neuen Pflichten neuer Macht herleiten lassen. Dies nenne ich die "Heuristik der Furcht": Erst die vorausgesehene Verzerrung des Menschen verhilft uns zu dem davor zu bewahrenden Begriff des Menschen. Wir wissen erst, was auf dem Spiele steht, wenn wir wissen, daß es auf dem Spiele steht. Da es dabei nicht nur um das Menschenlos, sondern auch um das Menschenbild geht, nicht nur um physisches Überleben, sondern auch um Unversehrtheit des Wesens, so muß die Ethik, die beides zu hüten hat, über die der Klugheit hinaus eine solche der Ehrfurcht sein. (Anmerkung: Heuristik -griechisch: "Kunst des Findens", die Lehre von den Methoden die zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führen. Die heuristische Idee ist eine möglicherweise auch falsche oder fiktive Annahme, die zu wertvollen, praktischen Einsichten führt.)
Die Begründung einer solchen Ethik, die nicht mehr an den unmittelbar mitmenschlichen Bereich der Gleichzeitigen gebunden bleibt, muß in die Metaphysik reichen, aus der allein sich die Frage stellen läßt, warum überhaupt Menschen in der Welt sein sollen: warum also der unbedingte Imperativ gilt, ihre Existenz für die Zukunft zu sichern. Das Abenteuer der Technologie zwingt mit seinen äußersten Wagnissen zu diesem Wagnis äußerster Besinnung. Eine solche Grundlegung wird hier versucht, entgegen dem positivistisch-analytischen Verzicht der zeitgenössischen Philosophie. Ontologisch werden die alten Fragen nach dem Verhältnis von Sein und Sollen, Ursache und Zweck, Natur und Wert neu aufgerollt, um die neu erschienene Pflicht des Menschen jenseits des Wertsubjektivismus im Sein zu verankern.
Das eigentliche Thema jedoch ist diese neu hervorgetretene Pflicht selber, die im Begriff der Verantwortung zusammengefaßt ist. Gewiß kein neues Phänomen in der Sittlichkeit, hat die Verantwortung doch noch nie ein derartiges Objekt gehabt, auch bisher die ethische Theorie wenig beschäftigt. Sowohl Wissen wie Macht waren zu begrenzt, um die entferntere Zukunft in die Voraussicht und gar den Erdkreis in das Bewußtsein der eigenen Kausalität einzubeziehen. Statt des müßigen Erratens später Folgen im unbekannten Schicksal konzentrierte sich die Ethik auf die sittliche Qualität des augenblicklichen Aktes selber, in dem das Recht des mitlebenden Nächsten zu achten ist. Im Zeichen der Technologie aber hat es die Ethik mit Handlungen zu tun (wiewohl nicht mehr des Einzelsubjekts), die eine beispiellose kausale Reichweite in die Zukunft haben, begleitet von einem Vorwissen, das ebenfalls, wie immer unvollständig, über alles ehemalige weit hinausgeht. Dazu die schiere Größenordnung der Fernwirkungen und oft auch ihre Unumkehrbarkeit. ..."
Daraus leitet sich die "erste Pflicht" der Zukunftsethik ab:
1.2.2.1 Beschaffung der Vorstellung von den Fernwirkungen
Zitat- Fortsetzung
[Jonas79]: "Ja, wo dieses Wort nicht ungesucht gewährt wird, wird es zur Pflicht, es zu suchen, weil auch dort die Leitung der Furcht unentbehrlich ist. Das ist der Fall bei der von uns gesuchten "Zukunftsethik", wo das zu Fürchtende eben noch nicht erfahren ist und vielleicht gar keine Analogien in vergangener und gegenwärtiger Erfahrung hat. Da muß also das vorgestellte malum die Rolle des erfahrenen malum übernehmen, und diese Vorstellung stellt sich nicht von selbst ein, sondern muß absichtlich beschafft werden: also wird die vorausdenkende Beschaffung dieser Vorstellung selbst zur ersten, sozusagen einleitenden Pflicht der hier gesuchten Ethik." Bei dieser Suche nach den vorhersehbaren Folgen, und einem angemessenen Gefühl, um diese Folgen sich selbst zu "veranschaulichen" muß aber auf die beschränkten kognitiven Fähigkeiten des Menschen, bzw. seine biologischen Grundlagen Rücksicht genommen werden, siehe 3.1.1.1.1.2.2.2 Aufbietung des angemessenen Gefühls, Förderung von Motivation
Zitat- Fortsetzung
[Jonas79]: "Man sieht aber gleich, daß dies vorgestellte Übel (malum), da es nicht meines ist, gar nicht im gleichen selbsttätigen Sinne die Furcht hervorruft wie das erfahrene und mich selbst bedrohende. Das heißt, so wenig wie die Vorstellung des zu Fürchtenden stellt sich die Furcht davor von selbst ein." Auch sie muß erst "beschafft" werden, ein umfassendes "kybernetisches" Modell dieses Vorgangs habe ich in der Einleitung und im dritten Abschnitt skizziert. "Die Sache liegt also nicht so einfach wie für Hobbes, der ja auch schon statt der Liebe zu einem summum bonum die Furcht vor einem summum malum zum Ausgangspunkt der Moral macht, nämlich die Furcht vor gewaltsamem Tode. Dieser ist wohlbekannt, ständig nahe und erregt die äußerste Furcht als unwillkürlichste, zwangsläufigste Reaktion des unserer Natur eingeborenen Selbsterhaltungstriebs. Das vorgestellte Geschick künftiger Menschen, zu schweigen von dem des Planeten, das weder mich noch irgendjemand trifft, der noch mit mir durch Bande der Liebe oder direkten Mitlebens verbunden ist, hat nicht von sich her diesen Einfluß auf unser Gemüt; und doch "soll" er ihn haben, das heißt sollen wir ihm diesen Einfluß einräumen. Es kann sich hier also nicht, wie bei Hobbes, um Furcht von der (mit Kant zu reden) "pathologischen" Art handeln, die uns vor ihrem Gegenstand eigenmächtig befallt, sondern um eine Furcht geistiger Art, die als Sache einer Haltung unser eigenes Werk ist. Die Einnahme dieser Haltung, das heißt die Selbstbereitung zu der Bereitschaft, sich vom erst gedachten Heil und Unheil kommender Geschlechter affizieren zu lassen, ist also die zweite "einleitende" Pflicht der gesuchten Ethik, nach der ersten, es zu einem solchen Denken erst einmal zu bringen. Unterrichtet von diesem, sind wir dazu gehalten, uns zu der passenden Furcht anzuhalten. Es ist klar, daß der Pflichtcharakter beider Pflichten zurückgeht auf ein ethisches Grundprinzip, das schon erkannt und bejaht sein muß, damit dergleichen als von ihm befohlen, das heißt eben als Pflicht. anerkannt werde. Hiervon bald."Um auch auf die Gefahren des Spiels mit Gefühlen hinzuweisen, möchte ich an einem Beispiel aus der Umweltdiskussion zeigen, wie mit dem Appell an "künstlich geweckte" Gefühle unser Leitsatz ad absurdum geführt werden kann. Auf das prinzipielle Problem der Trennung von Natürlich/Unnatürlich wurde bei der Diskussion des "sanften Weges" hingewiesen.
Gut vermarktbare Ökohäuser und angebliche Niedrig- bzw. Nullenergiehäuser werden von Günther Moewes [Heimel95] als Ökoschmäh, Energiefresser und Vergeudung von Ressourcen entlarvt, sowohl was die verwendeten Materialien als auch den Landschaftsverbrauch betrifft. Das liebliche Einfamilienhaus im Grünen aber appelliert an Gefühle wie "Familienidylle", "Klein aber mein" usw., die nur zu gern von Werbestrategen, aber auch Populisten ausgeschlachtet und gefördert werden. Obwohl diese Form der Besiedlung neben dem Landschaftsfresser Industriebau die Nr. 1 in puncto Ressourcen- und Energievergeudung ist, wird sie gerne als "Versöhnung mit der Natur" verkauft. Wir sind also gut beraten, die "Einheit" von Gefühl und Verstand (
2.3), und nicht ausschließlich "Entscheidungen aus dem Bauch" zu forcieren. "Sinnloses Beschwichtigungsgrün", wie Parklandschaften und begrünte Dächer als Rückgewinnung von Natur gefeiert werden als kümmerliche Auswüchse einer Kunstnatur enttarnt:"Wer den Verlust von Natur durch die Künstlichkeit von Parks zu kompensieren versucht, kann auch gleich das Aussterben des Schwarzstorches gegen die Neuzüchtung von Rassehunden aufwiegen oder das Sterben der Regenwälder gegen die Einrichtung von Gartenbauausstellungen [Heimel95]."
"Nicht Einzelmaßnahmen, nicht "das bessere Umweltministerium" oder die sorgfältigere Umweltverträglichkeitsprüfung, nicht strengere Verpackungsnormen und vernünftige Geschwindigkeitsbegrenzungen werden so notwendig sie sind den Durchbruch zum Kurswechsel bringen, sondern nur die breite kulturelle und soziale Verankerung neuer Wunsch- und Zielvorstellungen." Soweit Alexander Langer.
1.2.2.3 Ökologische Ethik bei Naturvölkern-Freibeuter mit einfachen Werkzeugen
Die Forderung nach der "Aufbietung eines angemessenen Gefühls" von Hans Jonas wird oft mit der Forderung "Zurück zur Natur" verwechselt, die von böswilligen Menschen auch als "Zurück in die Steinzeit" umschrieben wird. Dieser Gleichsetzung liegt die stillschweigende Annahme zu Grunde, daß frühe Kulturen der Natur den entsprechende Respekt gezollt haben. Diese Annahme ist aber nur zum Teil richtig. Außerdem ist die geforderte "Gleichstellung" der gesamten Schöpfung eine grundlegend neue Idee ebenso wie die des Naturschutzes (siehe 5.1.2) und der Ökologie. Der notwendige Wertewandel läßt sich alo keineswegs durch die Rückbesinnung auf eine verlorengegangene kulturelle Identität in Angriff nehmen. Wir müssen uns vielmehr kritisch mit unserer Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzen, und offen für neue Wege sein.
Folgende Stufen des Naturbezugs
[Wehrt96] helfen uns, die Einstellung einer Gesellschaft zu ihrer Mitwelt zu vergleichen und zu beurteilen.
|
Ausbeutung aggressiver Zugriff |
|
Nachhaltige Nutzung bewußt neutrale Nutzung |
|
Pflege fürsorgliche Hege und Nutzung |
|
Bewahrung Naturschutz |
|
Betrachtung Geistig meditativer Bezug: Romantik |
Tabelle 5: Stufen des Naturbezugs
[Wehrt96]Es ist modern geworden, den Indianer als Mensch zu sehen, dessen Weltbild "öko-spirituelle Harmonie" ins Zentrum stellt
[Krieger97] und [Gerber88]. Eines der bekanntesten Dokumente dieser Einstellung ist die Rede des "Chief Seattle" an die Vertreter der US Regierung 1855, die sich auch in esoterischen Kreisen großer Beliebtheit erfreut. Peter Gerber wies in [Gerber88] allerdings überzeugend nach, daß die Authentizität dieser Rede sehr unsicher ist.Nach Meinung von Kulturhistorikern kann von einem schützerischen oder haushälterischen Umgang mit der Natur kaum die Rede sein, weil die Natur in den ursprünglichen Siedlungsräumen reichlich freigiebig war oder weil man bei auftretender Erschöpfung der natürlichen Ressourcen den Lebensraum einfach verlegte. Betrachtet man/frau allerdings den Lebenszyklus solcher Gemeinschaften über mehrere Generationen, so kann in manchen Fällen eine nachhaltige Wirtschaftsweise konstatiert werden, dann nämlich, wenn die ausgeplünderten Lebensräume erst nach einer gewissen Regenerationszeit regelmäßig wiederbesiedelt werden. Der Begründer der "Permakultur" nahm z.B. Anleihe bei den australischen Aborigines, die vielgestaltige, von menschlicher Hand nur wenig veränderte Pflanzengesellschaften nutzten. Dabei werden verschiedene Arten so gemischt, daß sie sich gegenseitig ergänzen, so daß nur wenig Pflege nötig ist.
Das Bild des Indianers als "ökologisches Vorbild" entstand in Europa und kommt einer Idealisierung gleich. Außerdem stellt schon der Begriff einer "indianischen Kultur" bzw. Religion eine Irreführung dar, weil bis heute alleine auf dem nordamerikanischen Kontinent über 200 Sprachen, 40 Sprachfamilien und ebenso viele unterschiedliche Kulturen bekannt sind.
So wurde das viel zitierte Symbol der "Mutter Erde" erst im 20. Jahrhunderts als Folge der Begegnung mit westlichen Kulturen Bestandteil der "indianischen Identität". Es gilt auch als gesichert, daß bereits in der Steinzeit verschiedene Tierarten durch übermäßige Bejagung vom Menschen ausgerottet worden sind.
Im Vorderen Orient hatte der Ackerbau, später die Eisenherstellung und der Schiffsbau zur Abholzung der Wälder und zur Verwüstung ganzer Landstriche geführt das kahle Gebiet des heutigen Libanons ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.
Nach diesem Ausflug in die Vergangenheit möchte ich mich einer Persönlichkeit zuwenden, die die angedeuteten Probleme bereits um die Jahrhundertwende erkannt hat, und die mit zahlreichen praktischen Lösungsvorschlägen aufwarten konnte: Albert Schweitzer.
1.2.2.4 Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben als Antwort auf Nietzsche
Neben Albert Schweitzer hat sich kein Philosoph eingehender mit der Forderung nach der "Aufbietung eines angemessenen Gefühls" beschäftigt, die später von Hans Jonas aufgegriffen wurde. Bevor ich die Ableitung eines modernen Ethikkonzeptes nach Hans Jonas fortsetze, möchte ich dem geneigten Leser/der geneigten LeserIn die Gedankenwelt Albert Schweitzers näher bringen. Geboren wurde Albert Schweitzer 1875 im Elsaß. Aus seiner Jugend blieben die folgenden Erlebnisse in Erinnerung, welche seine Beziehung zu Tieren zeigen. Er gab das Angeln auf, weil ihm das Aufspießen der Würmer und die zerrissenen Mäuler der Fische zuwider war, und brach eine Jagd auf Vögel mit der Steinschleuder nach Gewissensbissen ab.
Er begann 1893 an der Universität Straßburg Philosophie und Theologie zu studieren. A. Schweitzer
[Schweitzer23]: "In diesen Jahren des ausgehenden Jahrhunderts erlebten wir Studenten miteinander etwas Merkwürdiges: das Bekanntwerden der so verschiedenartigen Schriften Nietzsches (siehe Philosophiegeschichte) und Tolstois.Gleichzeitig aber wurden in jener Zeit des zu Ende gehenden Jahrhunderts die Werke Tolstois (1828 - 1910) bekannt. Der russische Dichter und Denker vertrat in seinen Romanen und Erzählungen eine andere Anschauung als Nietzsche. Er bejahte die ethische Kultur. Sie war für ihn die tiefe Wahrheit, zu der er in seinem Erleben und Denken gelangt war. In seinen Erzählungen ließ er uns miterleben, wie er zur Erkenntnis des wahren Menschentums und der schlichten Frömmigkeit gelangt war. So hatten wir, die Jugend des zu Ende gehenden 19ten Jahrhunderts, uns mit zwei verschiedenen Weltanschauungen auseinanderzusetzen.
In dieser Situation erlebte ich eine große Enttäuschung. Ich hatte erwartet, daß die Religion und die Philosophie miteinander kraftvoll gegen Nietzsche auftreten und ihn widerlegen würden. Dies ereignete sich nicht. Wohl sprachen sie sich gegen ihn aus. Aber meinem Empfinden nach vermochten sie es nicht und suchten sie es nicht, die ethische Kultur in so tiefer Weise zu begründen, wie es der Kampf, den Nietzsche gegen sie führte, erforderte.
Als Student kam ich in den letzten Jahren des Jahrhunderts dazu, mich mit der Frage abzugeben, ob unsere Kultur wirklich die erforderlichen ethischen Energien besäße. Ich konnte mich auch nicht des Eindrucks erwehren, daß diese Ethik, die man als endgültig ansah, keine große Anforderungen an die Menschen und an die Gesellschaft stellte. Sie war eine "zur Ruhe gekommene" Ethik.
Die "Realpolitik" gelangte zu Ansehen. Nietzsches "Wille zur Macht" fing an, seine verhängnisvolle Rolle zu spielen. So beschloß ich, in einer eingehenden Studie über den geistigen Zustand der Zeit, in der ich lebte, kritisch zu berichten. Das Werk sollte den Titel "Kultur und Ethik" führen. Da ich aber den Eindruck hatte, daß wir uns in einer Periode des geistigen Niedergangs befanden, war ich versucht, es "wir Epigonen" zu benennen.
In einem der ersten Jahre des neuen Jahrhunderts nahm ich mir Zeit, die philosophischen Werke über die Ethik der letzten Jahrzehnte mit der Absicht, festzuhalten, was sie über unser Verhalten zur Kreatur zu sagen hatten, durchzugehen. Die meisten von ihnen betrachteten diese Angelegenheit als etwas Nebensächliches. Nur wenige gingen auf sie ein.
Im Frühjahr 1913 fuhr ich mit meiner Frau, nachdem ich das Studium der Medizin vollendet hatte, nach Französisch Äquatorialafrika, um auf der 1872 von der amerikanischen Presbyterianer Missionsgesellschaft in Lambarene gegründeten Missionsstation ein Spital zu gründen. Durch elsässische Missionare, die in jener Gegend tätig waren, hatte ich erfahren, daß man dort eines Arztes dringend bedürfe. Es war die Zeit des Kampfes gegen die Schlafkrankheit, die in Äquatorialafrika furchtbare Verheerungen anrichtete. In meinem Gepäck brachte ich genug philosophische Werke mit, um an "Wir Epigonen" weiter arbeiten zu können.
Im August 1914 brach der erste Weltkrieg aus. Dadurch kam ich in Französisch-Äquatorialafrika in eine üble Lage. Als Elsässer besaßen meine Frau und ich die deutsche Nationalität. Dies hatte uns nicht gehindert, in die französische Kolonie zu kommen und hier ein Spital zu gründen. Aber nun, da man sich im Kriege befand und meine Frau und ich Deutsche waren, mußten wir als "enemies" angesehen und behandelt werden. Gleich am Abend des ersten Kriegstages wurde uns mitgeteilt, daß wir uns als Gefangene zu betrachten hätten. Wir durften in unserm Hause bleiben, mußten aber jeglichen Verkehr mit Weißen oder Schwarzen aufgeben. Als Wächter kamen vor unser Haus ein schwarzer Unteroffizier und vier schwarze Soldaten."
Die Suche nach einer lebendigen ethischen Kultur
A. Schweitzer
[Schweitzer23]: Nunmehr wütete der Krieg als eine Erscheinung des Niederganges der Kultur. "Wir Epigonen" als Titel des Werkes kam für mich nun nicht mehr in Betracht. Nunmehr hatte ich es mit der fundamentalen Frage zu tun, wie eine Dauer habende, tiefere und lebendigere ethische Kultur aufkommen könne."Auf einer anstrengenden Fahrt am Ogowefluß kam Schweitzer trotz großer Müdigkeit und Verzagtheit plötzlich der Satz "Ehrfurcht vor dem Leben" in den Sinn ... "den ich, so viel ich weiß, nie gehört und nie gelesen hatte. Alsbald begriff ich, daß es die Lösung des Problems, mit dem ich mich abquälte, in sich trug. Es ging mir auf, daß die Ethik, die nur mit unserem Verhältnis zu den andern Menschen zu tun hat, unvollständig ist und darum nicht die völlige Energie besitzen kann.
Solches vermag nur die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Durch sie kommen wir dazu, nicht nur mit Menschen, sondern mit aller in unserm Bereich befindlichen Kreatur in Beziehung zu stehen und mit ihrem Schicksal beschäftigt zu sein, um zu vermeiden, sie zu schädigen, und entschlossen zu sein, ihnen in ihrer Not beizustehen, soweit wir es vermögen. Klar war mir alsbald, daß diese elementare völlige Ethik eine ganz andere Tiefe, eine ganz andere Lebendigkeit, eine ganz andere Energie besitze als die sich nur mit dem Menschen abgebende.
Durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben gelangen wir in ein geistiges Verhältnis zum Universum. Die Verinnerlichung, die wir durch sie erlebten, verleiht uns den Willen und die Fähigkeit, eine geistige, ethische Kultur zu schaffen, durch die wir in einer höheren Weise als der bisherigen in der Welt daheim sind und in ihr wirken. Durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben werden wir andere Menschen.
Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben
A. Schweitzer
[Schweitzer23]: Ich konnte es nicht fassen, daß mir der Weg zur tieferen und stärkeren Ethik, den ich vergebens gesucht hatte, wie im Traum offenbar geworden war. Nun war ich fähig, das geplante Werk über Kultur und Ethik zu schreiben. Der Plan war einfach. In dem ersten Teil hatte ich einen Überblick über die Ansichten von Kultur und der Ethik, wie sie bei den bedeutenden Denkern der Vergangenheit und der Gegenwart zu finden waren, zu geben.In dem zweiten hatte ich mich mit dem Wesen der Ethik, der Ehrfurcht vor dem Leben und mit ihrer Bedeutung für die Kultur zu beschäftigen. Die fundamentale Tatsache des Bewußtseins des Menschen lautet: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."
Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen, wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Dies ist das denknotwendige, universelle, absolute Grundprinzip des Ethischen.
Die bisherige Ethik ist unvollkommen, weil sie es nur mit dem Verhalten der Menschen zum Menschen zu tun zu haben glaubte. In Wirklichkeit aber handelt es sich darum, wie der Mensch sich zu allem Leben, in seinem Bereich befindlichen Leben, verhält. Ethisch ist er nur, wenn ihm das Leben als solches heilig ist, das der Menschen und das aller Kreatur.
.... Die Idee der Ehrfurcht vor dem Leben ergibt sich als die sachliche Lösung der sachlich gestellten Frage, wie der Mensch und die Welt zusammengehören. Von der Welt weiß der Mensch nur, daß alles, was ist, Erscheinung vom Willen zum Leben ist, wie er selber. Mit dieser Welt steht er im Verhältnis sowohl der Passivität wie der Aktivität. Einerseits ist er dem Geschehen unterworfen, das in dieser Gesamtheit von Leben gegeben ist; andererseits ist er fähig, hemmend oder fördernd, vernichtend oder erhaltend auf Leben, das in seinen Bereich kommt, einzuwirken.
Albert Schweitzer erblickt die Herausforderung seiner Zeit darin, neue Orientierungslinien für die Zukunft zu finden, anstatt die Resultate des 19. Jahrhunderts epigonenhaft fortzusetzen.
"Denken als Einheit von Erkennen und Erleben läßt kein isoliertes Subjekt zu, sondern wird ganz unmittelbar gewahr, daß ich leben will inmitten von Leben, das auch leben will." Von dieser Einsicht her streitet Schweitzer heftig gegen Theorien, die menschliches Mitgefühl mit Tieren für unmöglich halten, etwa gegen Wilhelm Wundts These, das einzige Objekt des Mitgefühls sei der Mensch. Dazu Schweitzer: "Als Krönung dieser Weisheit stellt er zum Schlusse die Behauptung auf, daß von einer Mitfreude mit Tieren jedenfalls nicht die Rede sein könne, als hätte er nie einen durstigen Ochsen gesehen."
Gedanken zur Umsetzung der Ehrfurcht vor dem Leben
"
Mein Glaube an die Gewaltlosigkeit verpflichtet mich zu äußerster Entschlossenheit. Da bleibt kein Raum für Feigheit oder Schwäche. Bei dem Gewalttätigen besteht immer noch die Hoffnung, daß er eines Tages zur Gewaltlosigkeit findet, beim Feigling aber nicht."Mahatma Gandhi in der Wochenzeitung Harijan (1919-31)
"
Unser Friedensschaffen kommt aus der Kraft des Schwachen, der den Weg der Verwundbarkeit geht, der eine Kraft des Tragens und nicht des Schlagens wird, der zum zähen Mut der Gewaltfreien führt."Heino Falcke, Erfurt 1983
"Fehlende Massenbasis kann nicht durch die Erhöhung der Gewalt ersetzt werden. Der gewaltfreie Widerstand ist der wesentlich direktere Weg: Er schafft leichter eine massenhafte Unterstützung für das angestrebte Ziel und er ist, konsequent zu Ende geführt, durchsetzungsfähiger."
Arge für Wehrdienstverweigerung und Gewaltfreiheit
Ich sehe im Umgang mit Gewalt gegen Menschen, Tiere und die Umwelt den Angelpunkt zukünftiger politischer Perspektiven und bin ein überzeugter Verfechter des Prinzips der "aktiven Gewaltlosigkeit" im Sinne Mahatma Gandhis, Albert Schweitzers, Gunter Altners und ihrer unzähligen Nachfolger. Altner hat dieses Prinzip so gerechtfertigt: "Der gewaltfreie zivile Ungehorsam zielt nicht auf die Zerstörung der Rechtsordnung, sondern die Fortschreibung und Erweiterung zugunsten von Menschen und Schöpfung." Die daraus ableitbare Ablehnung von staatlich sanktionierter aber auch ziviler Gewalttätigkeit kann vor allem mit Hilfe Schweitzers "Verantwortungsethik der Ehrfurcht vor dem Leben" und seiner Analyse der abendländischen Kultur begründet werden. Da aber dieser Rechtfertigungsversuch letztlich nicht den Widerspruch aus persönlichem Rechtsempfinden, und dem zur jeweiligen Zeit am jeweiligen Ort vorherrschenden "allgemeinem Rechtsverständnis" auflösen kann, habe ich die Theorie des "Selbstbefreiten Menschen" von Max Stirner als Grundlage einer humanökologisch orientierten Gesellschaftsordnung (
2.3) adoptiert.Albert Schweitzer kämpfte für ein waches und klares Aussprechen dessen, was viele denkende Menschen stillschweigend erleben, für die Einsicht nämlich, daß wir unser Schuldkonto gegenüber den Mitgeschöpfen in selbstgefälliger Weise erheblich überzogen haben. Das Eingrenzen der Schuld auf das unvermeidbare Minimum aber erscheint ihm nur dann möglich, wenn auch das lebensnotwendige Töten als böse erlebt wird, als unentrinnbares Böses zwar, aber eben doch als Böses. Nur unter dieser Voraussetzung hält er ein Eindämmen des unnötigen oder gar gedankenlosen Tötens für möglich.
Gewalt gegen das Lebendige läßt sich nicht abschaffen, verbieten oder dgl. Wir müssen danach trachten, auf unser Gewissen zu hören, uns die Verantwortung für Gewalttätigkeiten bewußt zu machen, die nicht verhindert werden konnten, d.h. eine ethische Bilanz im Sinne Max Webers zu ziehen. "Aktive Gewaltlosigkeit" darf in diesem Zusammenhang nicht mit einer passiven, obrigkeitshörigen Haltung verwechselt werden! Übrigens, ein langweiliges, lustloses bzw. märtyrerhaftes Leben ist nicht frei von Gewalt, nämlich von Gewalt gegen sich selbst, die ich ebenso ablehne. Weiters muß gewaltfreier Widerstand immer als Dialog verstanden werden, mit dem Ziel, einen für alle Beteiligten Menschen fairen Kompromiß auszuhandeln. Eine zielführende Strategie in diesem Dialog ist die Idee der "Befreiung der Unterdrücker", d.h. den verhaßten Feind besser kennenzulernen, um seine Zwänge zu begreifen. Ein Konflikt ist erst dann bereinigt, wenn beide Seiten die Umstände, die sie gegeneinander aufgehetzt haben, durchschauen und gemeinsam aus dem Weg räumen.
1952 schrieb Albert Schweitzer: "Ein Mensch mit unverbildet gebliebener Empfindungsfähigkeit sieht es als ganz natürlich an, mit allen Lebewesen Erbarmen zu haben. Warum entschließt sich die Philosophie nicht endlich, zuzugeben, daß unser Verhalten gegen die Kreatur einen integrierenden Bestandteil der Ethik bilden muß, die sie lehrt? Der Grund dafür ist sehr einfach. Die Philosophie fürchtet und mit Recht , daß diese Erweiterung unseres Verantwortungsbereichs der Ethik nicht die mindeste Hoffnung ließe, moralische Anweisungen mit annähernd rational befriedigender Begründung formulieren zu können."
In der Tat schafft uns die Sorge um das Los aller Lebewesen, mit denen wir zu tun haben, noch viel zahlreichere und tiefere Konflikte, als wenn wir unsere Opferpflicht auf menschliche Wesen beschränken. Gegenüber den Geschöpfen der Natur geraten wir unausgesetzt in Situationen, die uns zwingen, Leiden zu verursachen und dem Leben Schaden zu tun. Der Bauer kann nicht alle Tiere leben lassen, die in seiner Herde zur Welt kommen; er kann nur die behalten, für die er Futter hat und deren Aufzucht ihm einen Ertrag verspricht. In vielen Fällen geraten wir sogar in die Zwangslage, Leben zu vernichten, um anderes Leben zu erhalten.
Es ist also jedem von uns auferlegt, im Einzelfall zu entscheiden, ob wir vor der unausweichlichen Notwendigkeit stehen, Leiden zu verursachen, zu töten und uns damit abzufinden, daß wir, eben aus Notwendigkeit, schuldig werden. Die Sühne müssen wir darin suchen, daß wir keine Gelegenheit versäumen, lebendigen Wesen Hilfe zu leisten.
1.2.2.5 Die Unsicherheit der Zukunftsprojektionen
Nach diesem Ausflug zur "Ehrfurcht vor dem Leben", die meines Erachtens ein wichtiger Bestandteil der von Hans Jonas geforderten "Aufbringung eines angemessenen Gefühls" darstellt, möchte ich die Ableitung eines modernen Ethikkonzeptes wieder aufnehmen.
Zitat- Fortsetzung
[Jonas79]: Kehren wir erst noch einmal zu der uns auferlegten Denkpflicht zurück. Wir sagten, daß die darin gesuchte Wahrheit eine Sache wissenschaftlicher Erkenntnis sei: denn so, wie die Unternehmungen, deren späte Folgen wir durch Extrapolation erkennen sollen, nur durch Wissenschaft möglich sind, so erfordert auch diese Extrapolation mindestens denselben Grad von Wissenschaft, wie er in jenen Unternehmen selber am Werke ist. Tatsächlich fordert sie jedoch einen höheren."Genau hier setzt übrigens die bereits ausführlich diskutierte Humanökologie an.
"Denn das, was für die Nahprognose ausreicht, mit der die betreffenden Werke der technischen Zivilisation jeweils unternommen werden, das kann grundsätzlich nicht ausreichen für die Fernprognose, die in der ethisch geforderten Extrapolation angestrebt ist. Die Sicherheit, die die eine hat und ohne welche das ganze technologische Unternehmen gar nicht funktionieren könnte, ist der andern auf immer versagt. Die Gründe dafür brauchen wir hier nicht auszuführen; genannt seien nur die jeder (auch elektronischen) Rechenkunst spottende Komplexität gesellschaftlicher und biosphärischer Wirkungsganzheit; die wesenhafte, stets mit Überraschungen aufwartende Unergründlichkeit des Menschen; und die Unvorhersagbarkeit, das heißt Nicht-Vorerfindbarkeit, künftiger Erfindungen.
Das hindert aber nicht die Projektion (Anm.: Abschätzung) wahrscheinlicher oder auch nur möglicher Endeffekte; und das bloße Wissen um Möglichkeiten, das zwar für Vorhersagen nicht ausreicht, genügt völlig für die Zwecke der heuristischen Kasuistik (Anm.: Kasuistik ... Analyse, Schlußfolgerungen), die im Dienste der ethischen Prinzipienlehre angestellt wird. Ihr Mittel sind Denkexperimente, die nicht nur hypothetisch sind in der Annahme der Prämisse (wenn solches getan wird, dann folgt solches"), sondern auch konjektural im Schlusse vom Wenn zum Dann (". . . dann kann solches folgen"). Es ist der Inhalt, nicht die Sicherheit des so der Vorstellung als möglich dargebotenen "Dann", in dessen Licht bis dahin unbekannte, weil nie benötigte Prinzipien der Moral sichtbar werden können.
Es ist also von einer imaginativen Kasuistik die Rede, die nicht wie Kasuistik sonst in Recht und Moral der Erprobung schon bekannter Prinzipien dient, sondern der Aufspürung und Entdeckung noch unbekannter. Die ernste Seite der "science fiction" liegt eben in der Anstellung solcher wohlinformierter Gedankenexperimente, deren plastischen Ergebnissen die hier gemeinte heuristische Funktion zukommen kann (vgl. z.B. A. Huxleys "Brave New World").
Das Wissen um die bloße Möglichkeit ist unbrauchbar für die Anwendung der Prinzipen auf die Politik. Die Unsicherheit der Zukunftsprojektionen, die für die Prinzipienlehre unschädlich ist, wird zur empfindlichen Schwäche dort, wo sie die Rolle von Prognosen übernehmen müssen, nämlich in der praktisch-politischen Anwendung (die überhaupt, wie wir noch sehen werden, der nicht nur theoretisch, sondern auch operativ schwächste Teil des ganzen Systems ist). Denn dort soll doch der vorgestellte Endeffekt zur Entscheidung darüber führen, was jetzt zu tun und zu lassen ist, und man verlangt schon beträchtliche Sicherheit der Vorhersage, um einen erwünschten und sicheren Naheffekt wegen eines ohnehin uns nicht mehr treffenden Ferneffekts aufzugeben. Das "bloß möglich" der Projektionen, das unaufhebbar mit der theoretischen Schwäche aller hier verfügbaren Extrapolationsverfahren gegeben ist, ist leicht tödlich, denn es bedeutet natürlich, daß auch anderes möglich ist, und da kann dann jedesmal Interesse, Neigung oder Meinung ihrem ohnehin begünstigten Projekt unter den möglichen Prognosen die gnädigste aussuchen, oder sie insgesamt mit dem agnostischen Entscheid abtun, daß wir überhaupt zu wenig wissen, und daß immer noch "unterwegs" Zeit ist, zu sehen, was wird.
Vorrang der schlechten vor der guten Prognose
Zitat- Fortsetzung
[Jonas79]:"Eben diese Ungewißheit nun aber, welche die ethische Einsicht für die hier gemeinte Zukunftsverantwortung unwirksam zu machen droht und natürlich nicht auf die Unheilsprophetie beschränkt ist, muß selber in die ethische Theorie einbezogen und in ihr zum Anlaß eines neuen Grundsatzes genommen werden, der nun seinerseits als praktische Vorschrift wirksam werden kann. Es ist die Vorschrift, primitiv gesagt, daß der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zugeben ist als der Heilsprophezeiung." Die Gründe hierfür seien in Kürze in den folgenden Unterkapiteln angezeigt, dieser Ansatz wird in der Fachliteratur auch als "Vorsichtsprinzip" bezeichnet [Hinterberger96]."Hiermit haben wir endlich ein Prinzip gefunden, das gewisse "Experimente", deren die Technologie fähig ist, verbietet, und dessen pragmatischer Ausdruck eben die vorher diskutierte Vorschrift ist, für die Entscheidung Unheilsprognosen vor Heilsprognosen den Ausschlag geben zu lassen. Der ethische Grundsatz, von dem die Vorschrift ihre Gültigkeit bezieht, lautet also: Niemals darf Existenz oder Wesen des Menschen im Ganzen zum Einsatz in den Wetten des Handelns gemacht werden. Daraus folgt ohne weiteres, daß hier bloße Möglichkeiten der bezeichneten Ordnung als unannehmbare Risiken anzusehen sind, die keine gegenüberstehenden Möglichkeiten annehmbarer machen. Für das Leben der Menschheit gilt (was für den Einzelpatienten nicht immer zu gelten braucht), daß auch unvollkommene Palliative der vielversprechenden Radikalkur vorzuziehen sind, über der der Patient sterben kann.
Wir haben es hier also mit einer Umkehrung des Descartesschen Zweifelprinzips zu tun. Um das unzweifelhaft Wahre festzustellen, sollen wir nach Descartes alles irgendwie Bezweifelbare dem erwiesen Falschen gleichstellen. Hier dagegen sollen wir umgekehrt das zwar Bezweifelbare aber Mögliche, wenn es von einer bestimmten Art ist, für Zwecke der Entscheidung wie Gewißheit behandeln."
Die Wahrscheinlichkeiten bei den großen Wagnissen
Zitat- Fortsetzung
[Jonas79]: "Erstens steht es mit dem bloßen Wahrscheinlichkeitsverhältnis von unglücklichem und glücklichem Ausgang unbekannter Experimente ganz allgemein wie mit dem Treffen und Verfehlen eines Zieles: der Treffer ist nur eine von unzähligen Alternativen, die alle sonst mehr oder weniger weite Fehlschüsse sind; und obwohl man sich in kleinen Dingen deren viele um der selteneren Erfolgschance willen leisten kann, so doch in großen Dingen nur wenige, und in den ganz großen, irreversiblen, die an die Wurzeln des ganzen menschlichen Unternehmens gehen, eigentlich gar keine. Mit kleinen Dingen arbeitet die Evolution, die nie aufs Ganze geht und sich deshalb unzählige "Irrtümer" im einzelnen leisten kann, aus denen ihr geduldiges, langsames Verfahren die wenigen, ebenfalls kleinen, "Treffer" ausliest. Das Großunternehmen der modernen Technologie, weder geduldig noch langsam, drängt als Ganzes und in vielen seiner Einzelprojekte die vielen winzigen Schritte natürlicher Entwicklung in wenige kolossale zusammen und begibt sich damit des lebenssichernden Vorteils der tastenden Natur. Zum kausalen Umfang kommt also das kausale Tempo technologischer Eingriffe in das Lebensgefüge. Weit entfernt daher, daß "seine Entwicklung selber in die Hand nehmen", das heißt den blinden und langsam arbeitenden Zufall im Vertrauen auf die Vernunft durch bewußte und rasch wirkende Planung ersetzen, dem Menschen eine sicherere Aussicht auf evolutionäres Gelingen gibt, erzeugt es eine ganz neue Unsicherheit und Gefahr, die im selben Verhältnisse steigt, wie es den Einsatz steigert und zugleich mit Abkürzung der Zeit zu den großen Zielen sich auch nicht mehr die Zeit zur Korrektur der schlechthin unvermeidlichen und nicht mehr kleinen Irrtümer läßt."
Die kumulative Dynamik technischer Entwicklungen
Zitat- Fortsetzung
[Jonas79]: "Die Erfahrung hat gelehrt, daß die vom technologischen Tun jeweils mit Nahzielen in Gang gesetzten Entwicklungen die Tendenz haben, sich selbständig zu machen, das heißt ihre eigene zwangsläufige Dynamik zu erwerben, ein selbsttätiges Momentum, kraft dessen sie nicht nur, wie schon gesagt, irreversibel, sondern auch vorantreibend sind und das Wollen und Planen der Handelnden überflügeln. Das einmal Begonnene nimmt uns das Gesetz des Handelns aus der Hand, und die vollendeten Tatsachen, die das Beginnen schuf, werden kumulativ zum Gesetz seiner Fortsetzung."Die Sakrosanktheit des Subjektes der Entwicklung
Zitat- Fortsetzung
[Jonas79]: "Drittens dann, und auf einer weniger pragmatischen Ebene, ist zu bedenken, daß es das Erbe einer vorangegangenen Evolution zu wahren gibt, das schon deswegen nicht so ganz schlecht sein kann, weil es seinen jetzigen Inhabern die (sich selber zugesprochene) Fähigkeit vermacht haben soll, über gut und schlecht zu befinden. Dieses Erbe aber ist verlierbar. In einer allgemein miserablen Lage mag man sich von Veränderung als solcher Verbesserung versprechen, oder jedenfall das Gegebene getrost aufs Spiel setzen für etwas, das, wenn es glückt, nur besser sein kann. Aber auf diese Logik können sich die Verfechter des utopischen Wagnisses nicht berufen." Denn noch können wir uns weder von Geld noch von Autos, Disketten und CDs ernähren, wir brauchen Luft zum atmen und sauberes Wasser. Letzeres läßt sich nicht "erzeugen" sondern bestenfalls bewahren und teilen."Der Vorwurf des "Pessimismus" gegen solche Parteilichkeit für die "Unheilsprophetie" kann damit beantwortet werden, daß der größere Pessimismus auf seiten derer ist, die das Gegebene für schlecht oder unwert genug halten, um jedes Wagnis möglicher Verbesserung auf sich zu nehmen."
1.2.2.6 Von Sachzwang und Machbarkeit zur langfristigen Verantwortung
"Das 17. Jahrhundert war so weise, die Vernunft als ein notwendiges Mittel in der Behandlung der menschlichen Angelegenheiten zu betrachten. Die Aufklärung und das 19. Jahrhundert waren so töricht, in der Vernunft nicht nur ein notwendiges, sondern ein hinreichendes Mittel zur Lösung aller Probleme zu sehen. Noch törichter wäre es, würden wir heute, wie manche es möchten, beschließen, daß die Vernunft, weil sie nicht hinreichend ist, auch nicht mehr notwendig ist"
[Jacob83].Aus der Ableitung einer "Zukunftsethik" in den vorangegangenen Unterkapiteln läßt sich resümieren, daß wir heute nicht weniger Rationalität brauchen, sondern mehr Rationalität, besser: eine umfassende Rationalität anstelle sektoraler. Diese umfassende Rationalität bedeutet zunächst die Grenzen spezialisierter wissenschaftlich- technischer Kompetenz zu erkennen und fachübergreifend nach Einsichten zu suchen. Die Wissenschaften müssen sich aber auch im Sinne einer "postnormal science" oder vielleicht besser einer "offenen Wissenschaft" einer Kommunikation mit "Nichtexperten" öffnen und den Anspruch aufgeben, ein allgemeinverbindliches Monopol auf Weltdeutung und Orientierung von Moral und Politik zu haben.
Mit der Rolle sogenannter "WissenschaftsexpertInnen" haben sich Ivan Illich und Wald beschäftigt, letzterer schreibt: "Ich glaube, daß ich in keiner Weise über das hinausgegangen bin, was ich für die Rolle des Naturwissenschaftlers in dieser Situation halte. Sind wir Wissenschaftler, nur um zu studieren zu messen und zu registrieren, was geschieht, während die Menschheit im Abgrund versinkt? Sind wir nur passive und objektive Zeugen all dieser Zerstörung, ohne hier versuchen zu wollen, sie zu verhindern? Mir genügt diese Rolle nicht. Ich glaube, ein Wissenschaftler zu sein, ist in vieler Hinsicht eine religiöse Aufgabe im weitesten Sinne des Wortes. Und wir müssen als Wissenschaftler versuchen, nicht nur die Natur zu ergründen, sondern wir müssen die Verantwortung übernehmen, die Natur zu bewahren: die Erde zu bewahren, das Leben und den Menschen zu bewahren."
Politische Verantwortung, aber auch Verantwortlichkeit für technische Forschung und Praxis liegt nach der oftmals zitierten Idee Max Stirners vom "selbstbefreiten Menschen" im "Verein von Egoisten im positiven Sinne" hauptsächlich darin, einen fairen, "herrschaftsfreien" Meinungsbildungsprozeß aller Betroffenen zu ermöglichen, ohne dabei die Entscheidungsfähigkeit zu gefährden. Der Größe des Vereins sind damit natürliche Grenzen gesetzt, die es ständig auszuloten gilt. Solche Überlegungen sind begründet auf einer Fortsetzung der Aufklärung, der Kenntnis des evolutionär gewachsenen menschlichen Erkenntnisapparates (Sinnesorgane, Gehirn) und dem damit eng verknüpften sozialen und ökonomischen Verhalten menschlicher Individuen.
"Ent-decken" nach Kafka
Kafka 1984:
"Zunächst einmal ent-decken wir. Das heißt übrigens auf Griechisch "apokalyptein". Merkwürdig, nicht wahr, daß das Wort Apokalypse nur den schrecklichsten Sinn behalten hat. Und auch sonst stellen sich zum Ent-decken durchaus unerfreuliche Assoziationen ein: Wir nehmen den Deckel von Pandoras Büchse; wir sind Abdecker des uralten lebendigen Organismus unserer Biosphäre....Viele von uns, sogar einige Wissenschaftler, haben mittlerweile intuitiv verstanden, warum wir auch mit dem besten Willen die Welt kaputtmachen: Jeder von uns ist kompetent für ein kleines Stückchen der Wirklichkeit; wir haben erkannt, wie irgendein Detail funktioniert; aber wir sind nicht fähig, genügend Zusammenhänge zu berücksichtigen. Die Politiker, die angeblich die Gesamtkompetenz dadurch erwerben, daß sie alle Detailkompetenzen in ihren Köpfen oder Ämtern im Sinne ihrer Wähler oder Untertanen verknüpfen, können das natürlich auch nicht. Wenn also mit unserem Stückchen Wissen und selbst dem besten Willen etwas vorgeblich Nützliches gebastelt wird, stellt es sich schließlich doch meist als schädlich heraus. ... Muß das so sein?"
Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum
Im dritten Abschnitt werde ich mich ausführlich mit den verschiedenen Ebenen der Evolution beschäftigt, von der abiotischen bis hin zur kulturellen Stufe. Kafka studierte den Zusammenhang von Zeit und Komplexität bei der Evolution von Strukturen.
Zitat Kafka: "Ja, selbstverständlich; es ist überhaupt nicht erstaunlich; es liegt im Wesen komplexer Systeme. Wer sich darüber wundert, der lebt noch in der Mentalität des Knaben, der neugierig eine Uhr auseinandergenommen hat, und dem es nicht gelingt, sie wieder zusammenzusetzen. (Auch daß er sie schließlich vor Wut zertrümmert, hat seine Parallele....). Stellen Sie sich vor, Sie sollten einen lebendigen Organismus verbessern; zum Beispiel eine Mücke. Wäre es etwa nicht gelacht, wenn wir nicht eine schwimm- und tauchfähige Mücke basteln könnten? - Muß ich noch sagen, woran wir scheitern würden? Jedes Bauteilchen, und das müssen wir in Raum und Zeit sehen, also auch jeder Prozeß in der Mücke hängt mit unübersehbar vielen anderen Strukturen und Prozessen im Einzelorganismus und im System des ganzen irdischen Lebens auf raffinierteste Weise zusammen. Ein Eingriff, der auf die Verbesserung eines Details zielt, aber nur eine kleine Auswahl der Zusammenhänge berücksichtigen kann, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Lebensfähigkeit des Gesamtsystems zerstören oder verringern. Das ist eine ziemlich triviale statistische Aussage. In der unabsehbar großen Zahl von Möglichkeiten sind die ungünstigen Fälle einfach viel häufiger als die günstigen.
Wie aber ist denn dann die Mücke, ein so wunderbarer Organismus, und die ganze Lebenswelt, in die sie so gut hineinpaßt, entstanden? Eben nicht durch zielgerichtete Planung! Diese kann nichts Lebensfähiges hervorbringen! Denken Sie an den klugen Spruch: Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum."
Während die Notwendigkeit und Legitimität von Kontrolle im Hinblick auf die Technik unstrittig ist, stößt die Idee der Kontrolle auf dem Feld der Wissenschaft auf heftigen Widerstand, mehr darüber in 4.4.1.
1.2.2.7 Das ethische Problemfeld der Tier- und Menschenversuche
Aus dem katholischen Katechismus: Die Reserven der Bodenschätze und Tiere sind zum Wohl der Menschen bestimmt. ... Man darf sich die Tiere zur Freizeitgestaltung dienbar machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind sittlich zulässig.
Ich möchte mich einleitend von falsch verstandener Tierliebe distanzieren, wie sie etwa in folgendem Spendenaufruf für herrenlose italienische Hunde zum Ausdruck kommt, die m.E. den berechtigten Anliegen der Tierschützer bloß schadet:
"Langfristig ist es unumgänglich, daß die italienischen Behörden den Tieren mehr Aufmerksamkeit schenken. Rettungsaktionen müssen überflüssig werden! In Italien wäre genügend Platz für alle Hunde, aber solange Not und Elend für Tiere herrschen, sind wir Europäer genauso verantwortlich wie die wenigen aufopferungsvollen Frauen vor Ort. - Kennwort: Hunderettung Mittelitalien"
Typisch für diese Art von "naiven" Tierschützern, die an ökologischen Zusammenhängen nur bedingt interessiert sind, ist, daß ihre Sorge fast ausschließlich bestimmten Haustieren gilt, was im besten Fall alle Haus- und Nutztiere in ihrer unmittelbaren Lebensumgebung einschließlich "putziger Wildtiere" umfaßt. Ratten, Marder, Fledermäuse und Insekten sowie alle anderen Tiere, die etwa in den Futterdosen für ihre Lieblinge verwurstet wurden, können nicht in Betracht gezogen werden, von den Ausnahmen zwangsbeglückter vegetarischer Hunde abgesehen, auf die ich lieber gar nicht näher eingehen will. In Haustier- und Mastfutter wird übrigens ein Vielfaches der Fleischmenge verarbeitet, die von Menschen verzehrt wird.
Als praktikable Lösung bietet sich die Empfehlung an, Tiere nicht mehr zum Zeitvertreib zu halten, sie dafür wieder in Lebensbereichen einzusetzen, wo sie sich früher im Zuge einer sanften "Land- und Forstwirtschaft" bewährt haben. Hier eröffnen sich neue Tätigkeitsbereiche für Tierliebhaber. Die auch von der energetischen Seite bedenkliche Fleischproduktion sollte sich auf die Verwertung von alten Milch- und Wolltieren beschränken, einschließlich der bei der Milchproduktion notwendigerweise anfallenden Jungtiere. Dafür könnte das frei lebende Wild forciert werden, die einzige Nutzform, bei der wirklich von "artgerechter Haltung" gesprochen werden kann. Diese Umstrukturierung ist natürlich nur über eine, auch aus gesundheitlichen Gründen zu begrüßende drastische Reduktion des Fleisch- und Milchkonsums realisierbar. Gegen Tiere für Therapiezwecke in Altersheimen und bei der Kinderbetreuung (Hippotherapie) habe ich nichts einzuwenden, würde aber aus den genannten Gründen empfehlen, auch dazu (z.B. "Streichelzoos") ausschließlich Tiere mit zusätzlichen "Aufgaben" heranzuziehen, wenn sie nicht ohnehin auf diese Weise ausgelastet sind wie z.B. Blindenhunde. Aufgaben sind für sozial organisierte Arten wie Hunde von großer Bedeutung, außerdem kann so vermieden werden, daß sie in "stressigen Zeiten" zur bloßen Bürde werden.
Zum Thema der Tierversuche schrieb der Moralphilosoph Robert Spaemann
[Spaemann]: "In unserer christlich-europäischen Tradition (allerdings) gibt das Verbot der Tierquälerei. Dieses Verbot wird freilich merkwürdig begründet. Es gilt nicht der Tiere wegen, sondern der Menschen wegen. Tiere zu quälen, hat, so sagte man und so sagte noch Kant eine verrohende Wirkung auf den Menschen. Das stimmt. Aber warum stimmt es? Wenn "an sich" nichts dabei ist, Tiere zu quälen, warum verroht es dann den Menschen? Es können ja wohl nur solche Handlungen den Menschen moralisch schaden, die an sich selbst schlecht sind. Weil es an sich selbst verwerflich ist, darum ist gegen die Menschenwürde, was bei uns offiziell täglich geschieht."Diese vom Standpunkt
St-1(a), 2(a) aus argumentierte Begründung widerspricht dem in 2.3 vorgestellten humanökologischen Ansatz und dem zugrunde gelegten "erweiterten Materialismus" (5.4.1), weil Spaemann vom "Guten und Schlechten an sich" spricht, und Ethik so auf eine bloße Glaubensfrage reduziert. Kants Position mag mehr zu überzeugen, wenn es gelingt, verständliche Gründe für die Verwerflichkeit solcher Handlungen, und schließlich für jeglichen Fleischkonsum anzuführen. Auch das feinste Bioschnitzel stammt schließlich nicht von einem an Altersschwäche verendeten Tier, sondern von einem durch Menschen getöteten, dem Menschen in gewissen Beziehungen ähnlichen Lebewesen, so daß die angeborene Tötungshemmung gegenüber Individuen der eigenen Art von den Schlächtern, aber auch von den Konsumenten täglich überwunden werden muß. Die damit verbundene Abstumpfung darf nicht vernachlässigt werden, noch schlimmer wäre aber ein ängstliches Verstecken dieser Tatsachen. Nicht zufällig gibt es bei den Militärs das zumindest bei den Ausbildnern beliebte Überlebensspielchen "lebende Versorgung", wo Hühner von den Rekruten selbst abgestochen und zubereitet werden müssen. Das Argument der Verrohung ist also ein gewichtiges, und es steht auch nicht im Gegensatz zu Spaemanns Ausführungen, sondern wird von ihm bloß nicht als hinreichende Begründung angesehen. Ich setze das Zitat nun fort."... Weil es an sich selbst verwerflich ist, darum ist gegen die Menschenwürde, was bei uns offiziell täglich geschieht. Das und nichts anderes ist jenen zu antworten, die sagen, Menschen seien schließlich wichtiger als Tiere. Warum sind sie denn wichtiger? Was macht die Würde des Menschen aus, die ihn über die Tiere erhebt? Was macht ihn zum Herrn der Schöpfung? Seine Fähigkeit, Dinge zu unterlassen, weil sie niedrig, widerwärtig und gemein sind, obwohl er sie ungestraft tun kann; seine Fähigkeit, für außermenschliche Wesen eine Fürsorgepflicht zu übernehmen, seine Fähigkeit, das Schwache zu schützen. Tiere sind schwach. Wer sie quält, wird nie befürchten müssen, daß ihnen ein Rächer ersteht, der den Spieß eines Tages umdreht. Sie werden nie als Kläger auftreten, nie als Richter, nie als Wähler. Was heute an Millionen von Versuchstieren geschieht, muß aus dem einzigen Grunde verboten werden, weil es mit der Selbstachtung einer menschlichen Rechtsgemeinschaft unvereinbar ist. Unser Gesetz verbietet es nur, Tiere willkürlich und ohne vernünftigen Grund zu quälen. Was ist ein vernünftiger Grund im Sinne dieses Gesetzes? Jeder vermeintliche oder angebliche Vorteil des Menschen. Und dies vor allem dann, wenn das Wort "wissenschaftlich" dabei Verwendung findet, die fürchterlichste Einschüchterungsvokabel der Gegenwart.
Im Zusammenhang mit der Herstellung von Augentropfen, die die Pupillen der Damen am Abend vergrößern, dürfen Hunderte von Testhasen blind gemacht werden; zum Testen von Kosmetika darf Tieren bei lebendigem Leib das Fell abgezogen und der Wirkstoff dann erprobt werden. Riesige Mengen von Haarlack werden in die Kehlen von Tieren geschüttet, bis sie verenden, damit die Bürokraten es wissenschaftlich versichert bekommen, was man auch so annehmen kann, daß nämlich massive Dosen von Lack für die Kehle schädlich sind. Ich frage: warum ist es dann nicht auch ein guter Grund, wenn ein Sadist durch Tierquälerei Befriedigung findet? Schließlich handelt es sich um den Lustgewinn eines Menschen und dies nur auf Kosten eines Tieres. Aber es ist eben ein Irrtum zu glauben, jeder beliebige Vorteil des Menschen rechtfertige jedes beliebige Leiden von Tieren. Es wird Zeit, daß der Gesetzgeber mit dieser Auffassung Schluß macht, die dem gigantischen KZ-Betrieb als Alibi dient..."
Zur Problematik der Rechtfertigung von Tierversuchen zu medizinischen Zwecken äußert sich Spaemann folgendermaßen: "Die Frage ist letzten Endes jedoch ganz einfach die: Sind wir wirklich bereit, jeden Preis für unsere Gesundheit zu zahlen, auch den unserer Menschenwürde? Sogar wenn die Tierversuche wirklich den Nutzen hätten, den ihnen ihre Propagandisten zuschreiben, müßten wir uns nicht weigern, diesen Preis zu zahlen? Viele Menschen würden bereit sein, auf die Produkte dieser Praxis zu verzichten, wenn sie genötigt würden, sich vorher genau anzuschauen, was da geschieht und wenn sie gar selbst dabei mitwirken müßten. Sterben müssen wir schließlich alle, und wer um jeden Preis zu leben wünscht, gerade dessen Leben ist nicht jeden Preis wert."
Im Zusammenhang mit Fragen des Tierschutzes wird oft die Frage gestellt, wie man es verantworten könne, sich um das Wohl von Tieren zu kümmern, solange Not und Elend der Menschen in der Welt eher zu- als abnimmt. Diese Frage ist 1972 auch im Deutschen Bundestag gestellt worden, und es gilt noch immer, was der Abgeordnete Löffler dazu gesagt hat:
"Manch einer mag sich angesichts der Not, die Menschen an vielen Stellen unserer Erde durch Krieg, Hunger, Vertreibung und Willkür noch erleiden müssen, fragen: Ist es zu diesem Zeitpunkt unbedingt erforderlich, sich mit dem verbesserten Schutz der Tiere zu beschäftigen? Diesen durchaus verständlichen Erwägungen kann man nur entgegenhalten, daß Ethik unteilbar ist. Ethik gegenüber dem Menschen und Roheit gegenüber dem Tier sind zwei Verhaltensweisen, die sich nicht vereinbaren lassen. Insofern ist das Streben nach verbessertem Schutz der Tiere kein Ausweichen und erst recht keine Resignation vor den großen ungelösten Fragen einer sittlichen Ordnung, mit der sich Menschen untereinander und miteinander begegnen sollten, sondern eine notwendige Vervollständigung jener ethischen Grundsätze, die unser Handeln bestimmen."
Der ökologische Unfug von Massentierhaltung:
Nach dieser eher theoretischen Diskussion möchte ich dem/der LeserIn die Realität der Massentierhaltung an einem konkreten Beispiel näher bringen, auch auf die Gefahr hin, daß dieses Thema schon zu breit getreten wurde.
Ich habe bei der Diskussion der vier buddhistischen Weisheiten darauf hingewiesen, daß wir erst nach dem Erkennen eines Problems (We-2), und mit der Einstellung des richtigen Gefühls daran gehen können, eine ernsthafte Lösung zu suchen. Darum möchte ich dieses Thema nicht aussparen, für das jetzt stellvertretend das "Projekt Euroschwein" diskutiert wird, das Bernhard Weber in der Ausgabe 8/97 von "Blick ins Land" mit einer erschreckend kalten Sachlichkeit vorgestellt hat. 95% der dänischen Weizenernte, fast ausschließlich aus intensiver Industrieproduktion, landen im Schweinetrog. Diese Tatsache wird übrigens auch gerne gegen die biologische Landwirtschaft ins Treffen gebracht, "da es den Viechern doch egal sei, was sie fressen." 80% des Schweinefleisches aus ebenfalls intensiver Massentierhaltung gehen frisch und weiterverarbeitet ins Ausland. Die Dänen beherrschen 20% des globalen Marktes für Frischfleisch. 23.000 Betriebe sind in diese Produktion eingebunden. Geschlachtet wird aber in zentralen Schlachthöfen von vier Firmen mit insgesamt 95 % Marktanteil.
Der Houlbergsche Fleischmulti verarbeitet etwa 14% der dänischen Schweine, das sind 52.000 Masttiere sowie weitere 12.000 Sauen pro Woche.
Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!
Abbildung 12: Das Ziel: Gentechnisch genormte "Euroschweine" am Schlachthof-Fließband
Um den Schlachtbetrieb künftig noch effizienter zu machen, unterstützt man das Projekt "Euroschwein". Das Projekt hat bereits 37 Millionen Schilling verschlungen, mit dem Ziel, normierte und streßbeständigere Schweine mit einem Todgewicht von 88 bis 90 kg (bisher 75 kg) zu erhalten, um damit schnellere Durchlaufzeiten in den Schlachthöfen zu erreichen.
Eine fragliche "Bioethik" im vereinten Europa
Ein anderes Problem soll der folgende Artikel der am 4. April 1997 von 21 Mitgliedern des Europarates verabschiedeten Konvention über Bioethik und Biomedizin verdeutlichen. Sie legen "Mindeststandards" für die Forschung und Organentnahme an "einwilligungsunfähigen" Personen fest.
["ln Ausnahmefällen und nach Maßgabe der gesetzlich vorgeschriebenen Schutzbestimmungen kann Forschung (...) zugelassen werden...' ]. Eine ähnliche Formulierung findet sich auch im Artikel 20 über die "Entnahme regenerierbaren Gewebes".
Die Forschung selbst muß für die betroffenen Personen nicht zwangsläufig nutzbringend sein, sondern darf sogar gesundheitliche Risken bergen. Zu diesen Personen zählen Kinder, Altersdemente, geistig und psychisch behinderte Menschen und Komapatienten. Noch verhindern Österreichs Gesetze, daß diese beiden Artikel an "einwilligungsunfähigen" Personen Forschung und Organentnahme zulassen. Weitere Kritikpunkte betreffen die Forschung an "überschüssigen" Embryonen, die beim breiten Einsatz in der Medizin schnell Mangelware werden könnten, und dann einen Markt für eine sehr fragliche Dienstleistung bieten würden: für lebendiges Frischfleisch.
Zur Illustration eine Meldung der afp aus der Presse vom 11.6.1997: Nach Bericht der Zeitung "The Age" sind in Australien Waisenkinder mit Einverständnis des Erziehungspersonals für medizinische Experimente unter anderem von den staatlichen "Commonwealth Serum Laboratories" mißbraucht worden. Bis 1970 sollen etwa Tests mit Impfstoffen gegen Herpes, Keuchhusten und Grippe durchgeführt worden sein, zum Teil sogar mit Säuglingen. Die Kinder hätten häufig Abwehrreaktionen in Form Abszessen gezeigt, oder sich übergeben müssen. Als Begründung Seitens der Laboratorien wurde angegeben, daß die BetreuerInnen einwilligten, um die Kinder der überfüllten Waisenhäuser vor Epidemien zu schützen. Eine Angabe die der Jugendminister des betroffenen Bundesstaates bezweifelt.
Der folgende Überblick über weitere, offensichtlich immer schon praktizierte "Menschenversuche" basiert auf einem Beitrag von Christoph Pawek im Geo 9/96, siehe auch
[Dudel96]. Die griechischen Gelehrten Herophilos und Erasistratos experimentierten in Alexandria an Tieren sowie an zum Tode verurteilten Oppositionellen. Im 15 Jahrhundert beschäftigte sich Leonardo da Vinci mit Studien an Leichen. Walter Freeman, Neurologieprofessor an der George Washington Universität trieb die Psychochirurgie mit geradezu missionarischem Eifer voran. Er durchbohrte beide Schläfenseiten von Geisteskranken und entnahm dem Gewebe größere Teile. Andere Psychochirurgen spritzten zellzerstörenden Alkohol oder Formalin ins Hirn. Daß PatientInnen nach "erfolgreichen" Eingriffen apathisch wurden oder emotional verflachten, wurde in Kauf genommen. In den USA sind über 40.000 solcher Operationen bekannt, ich werden an anderer Stelle auch über rassenhygienische Maßnahmen und "Forschungen" im Land der unbegrenzten Möglichkeiten berichten.Würden stattdessen Personen mit Gehirnstörungen, Schäden bzw. Verletzungen im Zuge ihrer Therapie in die Forschung soweit wie möglich als "Partner" eingebunden, die sich vor allem nichtzerstörender Verfahren bedient, z.B. EEG und EKP Messungen, die funktionelle Kernresonanzspektroskopie (fMNR), die Magnetresonanztomographie (MEG, SQUID) und Verhaltensmodellierung [Rumelhard84],
[Wennekers95] mittels simulierter neuronaler Netzwerke, könnte diese Disziplin vielleicht schon weiter sein, als sie es heute ist.Natürlich werden die Lobbies der Pharma- und Kosmetikindustrie sich über einen derartigen Standpunkt empören, und die Menschenleben ins Spiel bringen, die mit Hilfe dieser Grausamkeiten angeblich gerettet werden konnten. Aber wieviel Leid der Welt den selben Lobbies völlig gleichgültig ist, wieviel Leid auch Menschen durch dieses Geschäft entsteht, und daß Menschenleben auch auf eine andere Weise, vielleicht auch ohne die heute gigantische Explosion des Gesundheitsbudgets gerettet werden könnten, das verschweigen sie.
Tierversuchsfreie Forschung
Abschließend möchte ich noch auf drei positive Beispiele verweisen. Die österreichischen Grünen versuchten tierversuchsfreier Forschung an der Karl-Franzens-Universität in Graz zum Durchbruch zu verhelfen, indem sie einen entsprechenden Entschließungsantrag einbrachten. Das Tierversuchsgesetz von 1988 verpflichtet die zuständigen Ministerien zur bestmöglichen Unterstützung alternativer Forschungsmethoden und zur Registrierung aller Versuchstiere, das waren 1995 alleine in Österreich 200.000 Nagetiere, 9000 Kaninchen, 2 Katzen, 259 Hunde, 200 Affen, 1500 landwirtschaftliche "Nutztiere", 300 Amphibien, 1000 Fische und andere Tiere Tendenz stark steigend. Ich kann auch aus eigener Erfahrung sprechen, da es mir z.B. ohne große Probleme gelungen ist, eine Exkursion über den Lebensraum Wasser (Hydrobiologie) am wunderschönen Lunzersee zu absolvieren, ohne Kleinstlebewesen und Fischen Schaden zuzufügen, obwohl dies im Lehrplan routinemäßig vorgesehen ist. Das Tierschutzgesetz erzwingt zumindest, daß die zu Forschungszwecken sezierten Fische als Nahrungsmittel weiterverwendet werden. Etwas mehr Mut seitens der StudentInnen könnte in diesem Bereich noch viel bewirken. Ich konnte beobachten, wie sich Studenten und Studentinnen lieber hinter makaberen Witzen verstecken, statt sich gegen diese grausamen Prozedur aufzulehnen, die für die meisten in Wahrheit sehr unangenehm war, wie ich anschließend im persönlichen Gespräch herausfand.
Um StudentInnen anschaulich die Thematik "Nerv und Muskel" zu vermittelt, wurde ein elektronisches Gerät mit der Bezeichnung "Myograph" entwickelt. Für das Fach Physiologie müssen nun keine abgetrennten Froschschenkel mehr bereitgestellt werden, da alle Beispiele in "Selbstversuchen" erprobt werden können. Die Idee des Selbstversuches erscheint im Zuge der hier vorgestellten Mitweltethik die einzig vertretbare Forschungsmethodik mit einem Risiko für lebende Organismen. Denn nur im Rahmen der eigenen Existenz im Sinne Max Stirners kann ein ausreichendes Verantwortungsgefühl erwartet werden. Ich erinnere an die Überlegung von Hans Jonas
[Jonas79]: "Man sieht aber gleich, daß ein vorgestelltes Übel , da es nicht meines ist, gar nicht im gleichen selbsttätigen Sinne die Furcht hervorruft wie das erfahrene und mich selbst bedrohende". Die jüngsten, bescheidenen Erfolge in der Aidsforschung ("Dreierkombination" mit reversen Transikriptase- und Proteashemmern: 3.1.1.2), erlauben es, die Vermehrung der Viren nach dem Krankheitsausbruch medikamentös zu verhindern, so daß das natürliche Immunsystem teilweise wieder arbeiten kann. Dafür hätten von Anfang an freiwillige, infizierte Personen gesucht werden müssen, die noch genügend Zeit und Kraft für eine Einschulung in die zugrunde liegende medizinische und molekularbiologische Technik haben, um neue, sicherere Methoden für Selbsttests zu erarbeiten. Aber auch eine enge Bindung wie Freundschaft usw. reicht meiner Meinung nach aus, um den nötigen Respekt aufzubringen, d.h. befreundete Personen können sich gegenseitig als "Versuchskaninchen" zur Verfügung stellen.Vielleicht würde die Entwicklung dadurch etwas langsamer vorangehen, aber global betrachtet könnte dadurch viel gewonnen werden, denn etwaige Erfolge müßten nicht mit dem gleichzeitig angerichteten Schaden aufgerechnet werden. Der ständige Wettlauf um die Reparatur der Nebenwirkungen des vorangegangenen Reparaturversuches wäre ebenfalls beendet. Auch Behinderte könnten zur, ich möchte ausdrücklich betonen "freiwilligen" wissenschaftlichen Arbeit angeregt und ausgebildet werden. Gerade das "Anderssein" bietet interessante Einblicke. Es ist aber unwürdig, solche Personen als "Versuchskaninchen" zu mißbrauchen, aber nach meinem Empfinden legitim, ihre Selbsthilfe zu fördern, und darüber hinaus neue Chancen auf Anerkennung zu eröffnen. Ein erfolgreiches Beispiel ist das sogenannte "Cochlea Implantat", das bis heute etwa 10000 tauben Menschen mit einem funktionsfähigen Hörnerv, aber einer gestörten Signalübertragung in der Ohrschnecke die akustische Welt wieder erschlossen hat.
Es folgt ein Ausschnitt aus einem Interview der Geo Redakteure Hania Luczak und Klaus Bachmann mit dem Professor für klinische Neurochirurgie D. Bernhard Linke der Universität Bonn: "Unsere gegenwärtigen medizinethischen Prinzipien sind ungeeignet, eine konkrete Grenze zu definieren. Die Grenzen, an denen noch klare Entscheidungen hätten getroffen werden können, sind längst überschritten. Und zwar, als die Ethiker sich zum Beispiel einigten, den Hirntod statt des Herztodes als Todeszeitpunkt anzusetzen. Früher galt der Mensch als tot, wenn sein Herz nicht mehr schlug. Seine anderen Organe waren dann allerdings nicht mehr für die Transplantation tauglich. Also wurde aus pragmatischen Gründen der Ausfall der Hirnfunktionen als Todeskriterium definiert. Manche Wissenschafter fordern nun einen Teilhirntod, wenn die für höhere geistige Prozesse zuständigen Regionen verstummt sind. Im nächsten Schritt könnten Ethiker folglich die Euthanasie schwachsinniger Menschen für erlaubt halten (Anm.: da diese nach der genannten Definition ohnehin nicht "am Leben sind"). Es wird gesagt, es passiert nichts, wenn wir bis zu diesem oder jenem Punkt gehen. Dann hat sich der Horizont verschoben und es wird weitergegangen. ... Wenn wir diese neuen Medizintechniken nicht wollen, müssen wir uns kulturell und gesellschaftlich engagieren. Und wir müssen Krankheit und Sterben wieder in unsere Lebensentwürfe einbeziehen!"
1.2.3 Vernunft und Verstand - der harte und der sanfte Weg (We-3)
Zitat Dahl: (Auf Gedeih und Verderb) "Noch läßt sich die waghalsige Konstruktion aus Vermutungen und Hoffnungen einigermaßen aufrechterhalten und als wissenschaftliches Gebäude von vorausberechenbarer Standfestigkeit vorweisen, aber es ächzt schon in den Spannseilen, es bröckelt von der Decke und in den Fundamenten knackt es. Die, die es eigentlich gewesen sind, die werden es nicht gewesen sein wollen. Sie werden, wenn es sie noch gibt, sagen, sie hätten nur den Gedeih mehren wollen und seien für den Verderb nicht zuständig. Aber Gedeih und Verderb sind nicht zu trennen."
Hans Kronberger hat in "Blut für Öl"
[Kronberger97] die beiden Alternativen drastisch am Beispiel der Energieversorgung dargestellt: Entweder wir bereiten uns auf einen Ressourcenverteilungskrieg vor, wie er am Golf, in Afghanistan und afrikanischen Staaten bereits wütet, oder wir arbeiten am Ausstieg aus fossiler und atomarer Energienutzung und bereiten den Einstieg in das Solarzeitalter vor.Die grundsätzliche Alternative lautet überspitzt formuliert: Ökologisierung oder Technisierung, bzw. der harte und der sanfte Weg. Das erwähnte Beispiel vom "Solarzeitalter" soll von vornherein das Mißverständnis ausräumen, daß der sanfte Weg den völligen Verzicht auf Technik bzw. wissenschaftliches Know-how beinhaltet. Die Unterscheidung eines harten, am Verstand orientierten Weges, von einem sanften Weg, der sich an der Vernunft und dem Gefühl orientiert, geht auf den Philosophen und Psychologen Ludwig Klages zurück. Während Leib und Seele für ihn zwei untrennbar zusammengehörige Pole der Lebenszelle sind, drängt der Geist von außen her sich zwischen beide, mit dem Bestreben sie zu entzweien. Der Geist zerlegt den kontinuierlichen Strom von Empfindungen der unberührten Seele in eine Anzahl voneinander trennbarer Gegenstände, er ist eine akosmische Macht, die in das Leben einbricht.
Hier tritt Klages "Geist" als "Verstand" (ratio) auf, die "Seele" als "Vernunft". Auch die zuvor geforderte Berücksichtigung des Gefühls (
2.3) geht zum Teil auf Klages zurück, der übrigens auch sehr früh zur Umweltproblematik Stellung nahm. Die folgende Tabelle gibt einen groben Überblick über die beiden Alternativen.
|
Verstand ("harter Weg") |
Vernunft ("sanfter Weg") |
|
Ausschließlich Quantifizierung zählt |
berücksichtigt Qualität (fuzzy inf.) |
|
Allmacht der Mathematik, Logik |
Methodenpluralismus (vgl. 4.3) |
|
Allmacht der Naturwissenschaft/Techn. |
Menschliche Bedürfnisse: Subsistenz |
|
lineares Denken |
berücksichtigt Vernetzung |
|
Machtdenken |
schöpferisches Denken |
|
Klugheit/Überheblichkeit |
Weisheit/Selbstlosigkeit |
|
Gruppen- bzw. Antropozentrismus |
Versöhnung mit der Schöpfung |
|
Endsieg der Technik |
Ehrfurcht vor dem Leben |
|
Resignation vor "Sachzwängen" |
Lebensfreude, Prinzip Hoffnung |
Tabelle 6: Der harte und der sanfte Weg
Mit dem harten Weg sind die folgenden Argumente für die Atomkraft verbunden:
|
|
|
|
|
|
|
Tabelle 7: Der "Harte Weg" und die Atomkraft
sowie ähnliche Argumente für die Gentechnik
[Wagner64]:
|
|
|
|
|
|
|
Was heißt aber "natürlich"? Ist alles Natur, weil der Mensch Teil der Natur ist und daher auch alles, was er tut, sich innerhalb der Natur abspielt? ( Zitat Markl). Das mag logisch sein, würde aber zu einer Sprachverwirrung führen der Begriff "natürlich" wäre dann bedeutungslos.
|
Natur -geschichte |
Kultur-geschichte |
|
Mensch ist Kulturwesen von Natur aus... |
|
|
Naturstoffe (Naturhonig) |
Kunststoffe (Kunsthonig) |
|
natürlich |
künstlich, unnatürlich, widernatürlich |
Tabelle 9: Kunst, Künstlichkeit und Natur
Der harte Weg ist mit der Existenzweise des "Habens" und der Angewiesenheit auf Güter eng verbunden, siehe 1.1.1.7. Der sanfte Weg ist mit der Existenzweise des "Seins" und der "Revision des Gütergebrauchs" eng verbunden, siehe 1.1.1.7 und 1.1.1.8. Als dringlichste Aufgabe des sanften Weges müßte eine Verbrauchsreduktion auf das Niveau der Nachhaltigkeit erfolgen. Das große Hindernis dabei stellt die Wandlung von Ansprüchen zu Bedürfnissen dar, vergleiche dazu die von Gerhard Scherhorn vorgeschlagenen Typen des Konsumverhaltens in 1.1.1.7.
1.3 Beispielhafte Umsetzungen moderner Ethikkonzepte
"Vernunft ist die einzige Gegenkraft in unserem System, das ökologische Dummheit belohnt. Die Schwierigkeit liegt darin, daß individuelles Verantwortungsgefühl organisierter Verantwortungslosigkeit gegenübersteht [Duerr93]."
Seit der Veröffentlichung der wichtigsten Publikationen der zitierten Autoren wie Albert Schweitzer und Hand Jonas ist schon einige Zeit verstrichen, und es stellt sich die Frage, ob diese Ideen bereits in die Praxis umgesetzt werden konnten. Am Beispiel der Gewaltfreiheit und Befreiungstheologie, sowie an der Umsetzung im Recht und in der Wirtschaft möchte ich die unternommenen Versuche illustrieren.
1.3.1 Antimilitarismus, aktive Gewaltfreiheit und Befreiungstheologie
Bevor ich mich der Idee der Gewaltvermeidung widmen kann, bedarf es eines kurzen Kommentars zum Begriff der "Sicherheit" im realpolitischen Sprachgebrauch.
1.3.1.1 Die Sicherheitsdebatte
Matthias Reichl analysierte im Rundbrief des Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit Nr.76 (ALPA-11/9) treffend das ambivalente Verhältnis konservatistischer Politiker (St-2a) zur Demokratie. Sie treten offiziell als die "Bewahrer der Demokratie" im eigenen Land auf, freilich auch auf eine etwas eigenwillige Weise. So wird z.B. die kleinste linke Zeitung als große Gefährdung angeprangert, während rechtsradikale Publikationen doch wenigstens die Meinungsvielfalt bereichern, wenngleich rechtsradikales Gedankengut bestenfalls augenzwinkernd abgelehnt wird, vgl. Wolfgang Schüssels und Werner Fasslabends Pressemeldungen z.B. zum Ulrichsbergtreffen (ÖVP, 1994 - 1998).
Noch verwunderlicher wird die Haltung aufrechter Demokraten, die sich dem "Konservatismus" verschrieben haben, wenn es um die Demokratiebewegungen anderer Länder geht. So verkaufte die USA in Haiti plötzlich ultrarechte, faschistische Militärs als "Wahre Demokraten", nachdem eine relativ freie Wahl nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Diese Intervention hatte zur Folge, daß der Befreiungstheologe Aristide weggeputscht wurde. Ähnliche Gedanken hegt Österreichs konservative Elite, als sie mit der demokratischen Aufbruchsbewegungen in Mittel- und (Süd)Osteuropa konfrontiert wurde. Eine Budgeterhöhung um 800 Millionen Schilling für zusätzliche Waffenkäufe und eine Stimmungsmache gegen die drohende Flut von Billigstarbeitern war die Antwort.
Mit Hilfe dieser Gelder hätten z.B. 8.000 lokale Projekte zur zivilen Sicherung des Friedens und zum Aufbau eigenständiger, demokratischer Strukturen mit je öS 100.000 gefördert werden können. Investitionen, die gleichzeitig dem Abdriften in den rechtskonservativen Nationalismus entgegenwirken würden.
Damals wie heute wird die Aufrüstung des Militärs und anderer "Sicherheitsdienste" nicht nur vom vormaligen Wissenschaftsminister Erhard Busek mit den "Unwägbarkeiten der politischen Entwicklung" begründet, die vor allem in allzu freien demokratischen Strukturen geortet werden. Diese politische Verhältnisse entziehen sich noch der Kontrolle westlicher diplomatischer und wirtschaftlicher Vertreter. Was könnten denn da am Ende für Kandidaten gewählt werden?
Die selben konservatistischen Kreise haben den pro-westlichen Kriegsparteien im Balkankonflikt die Abwicklung zahlreicher Waffengeschäfte über Wien erleichtert, sie dazu geradezu ermuntert. Gleiches gilt für das Engagement der USA in Bosnien, die in den heftigsten Kriegsjahren die bosnische Armee eigentlich erst aufgebaut hat. Dazu wurden mit Waffen vollgestopfte Transportflugzeuge trotz des Embargos rund um die Uhr auf Feldflughäfen eingeflogen. Kurze Zeit später präsentiert man sich als Ordnungsmacht, welche die vorher selbst tatkräftig unterstützen Gefechte zu beenden versucht. Kritik über diese unverschämte Vorgangsweise war in der heißen Phase des Konflikts in westlichen Massenmedien kaum vernehmbar. Solche Einsichten werden bestenfalls zu Tage gefördert, wenn andere Konflikte im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen.
Dieselben politischen Kreise St-2(a) folgern aus solchen künstlich angeheizten Eskalation schließlich die Notwendigkeit, sich Militärbündnissen (NATO und WEU) anzuschließen
[Steyrer97], [Gärtner97], [Tönnies97], um die "eigene Sicherheit" zu gewährleisten. Wenig später beschloß der österreichische Verteidigungsrat der Ankauf von 22 mobilen Radaranlagen (zur Luftabwehr) Gesamtkosten 1,3 Milliarden Schilling. Statt einer Firma im neutralen Schweden soll der französische Thomson-Konzern den Auftrag bekommen.Sandra Fahmy errechnete für den "trend" (Nr. 2/95) Gesamtinvestitionen von knapp 100 Milliarden Schilling damit Österreich "reif" für die (W)EU und die "(NATO)Partnerschaft für den Frieden" wird. VerteidigungsexpertInnen setzen diese Kosten noch wesentlich höher an. Bedeutet dies, daß der Anteil des Militärbudgets von derzeit 0,9% auf den EU-Durchschnitt von 2,0% mehr als zu verdoppelt werden muß? Auch Außenminister Mock und seine Nachfolger sprachen ständig davon, daß die Bundesheerausrüstung WEU/NATO-kompatibel sein müsse. Gleichzeitig ringen jedoch die Militärs und Politiker darum, ihren Bürgern klare und plausible Einsatzszenarien für die neu gestylten Truppen glaubhaft zu machen. Mocks vormaliger Berater Khol zum umstrittenen Einsatz österreichischer Soldaten in Bosnien: "Eine Nichtbeteiligung Österreichs an diesem Friedenseinsatz hätte unsere jahrelange Balkan Politik diskreditiert. (OTS120/APA-24,11.95)" Georg Scheuer kommentierte diese Einstellung so: "Nun, da am Ende unseres Jahrhunderts Jugoslawien zerfallen ist, können "wir" wieder in unser geliebtes Bosnien einmarschieren, und diesmal unter amerikanischem Kommando mithelfen, für die altbewährte "Ruhe und Ordnung" zu sorgen. Das erfordert im eigenen Land Opferbereitschaft, Disziplin und einen straff, autoritär geführten Staat. Militärische Expeditionen kosten allerdings viel Geld, auch in ehemaligen Provinzen der verblichenen kaiser- königlichen Monarchie. Geld, das nur auf Kosten der "zivilen Budgets" durch neue Steuern oder weitere Einsparungen hereingebracht werden kann. Am härtesten betroffen davon sind sozial benachteiligte Schichten. Soziale Spannungen werden einkalkuliert. Die Regierenden meinen, das mache sich letztlich mit guten Geschäften und neuen Einflußzonen bezahlt, wenn "wir" den neuen, keineswegs beendeten Balkankrieg "gewinnen".
1.3.1.2 Grundlagen der Befreiungstheologie
Eine wunderbare Charakterisierung des gedanklichen Hintergrundes der Befreiungstheologie gab Goss-Mayr: "Christus zeigt das Wesen der Revolution der Liebe auf. Sie ist universell und total: Sie gilt zunächst, wie bereits im Alten Testament aufgezeigt, dem Nächsten (insbesondere den Armen, Kleinen, Schwachen, Unterdrückten) und wird durch Identifizierung und im Rechtsstreit um Gerechtigkeit verwirklicht; sie gilt jedoch in ebenso konsequenter und radikaler Weise dem Feind. Auch er ist Träger des Hauches Gottes. Er ist entfremdet, versklavt durch das System, und deshalb von Grund auf befreiungsbedürftig. Der Auftrag Jesu ist von unerbittlicher Konsequenz: Das versöhnte Reich, die neue Gesellschaft, kann nur in dem Maße aufgerichtet werden, in dem Unterdrückte wie Unterdrücker durch die revolutionäre Kraft der Wahrheit und Liebe herausgeholt werden aus ihrer Entfremdung und der sündhaften Verstrickung im System. Diese Wahrheit ist die einzige Kraft, die zur Umkehr, zu Menschlichkeit und Gerechtigkeit führt."
Weniger bekannt ist das Engagement eines in Österreich geborenen Geistlichen. Johannes Ude erblickte als zweites von zehn Kindern am 28. Februar 1874 in St. Kanzian am Klopeinersee in Kärnten das Licht der Welt, er starb 1965 [Moritz64], [Adunka95], [Gerhards86]. Seine Studien führten vom Dr. phil, Dr. theol., zum Doktorat für Zoologie und Botanik. Schon 1914 gab Ude seiner Gegnerschaft gegen den Krieg in Vorträgen, Predigten und in seinen Vorlesungen Ausdruck. Es gelang ihm damals in der Schweiz, wo er mit anderen KriegsgegnerInnen zusammentraf, eine Broschüre herauszubringen: "Kanonen oder Christentum". Bei einem Treffen von Kriegsdienstverweigerern aus aller Welt ruft er diesen zu: "... Im vollen Bewußtsein meiner Verantwortung schleudere ich unter die Massen die Aufforderung zur Kriegsdienstverweigerung. Sie ist heute internationale Pflicht ..."
Ude weist immer wieder auf den Zusammenhang von Wirtschaft und Frieden hin. So auch bei den internationalen Kongressen antimilitaristischer evangelischer Pfarrer in Zürich 1931 und Edinburgh 1935, bei denen er mit Begeisterung mittat: "Als Kriegsgegner sind wir verpflichtet, mehr als je auf eine richtige Lösung der sozialen und wirtschaftlichen Probleme hinzuarbeiten im Geiste des Naturrechts und des Christentums."
Auch eine Persönlichkeit wie Pater Ude war nicht davor gefeit, der nationalsozialistischen Propaganda auf dem Leim zu gehen. In der Reichskristallnacht zog er aber als einer der wenigen Geistlichen seiner Zeit die notwendigen Konsequenzen und wurde in eine entlegene Landgemeinde versetzt. Doch seine fortgesetzte Kritik am Nationalsozialismus und an der Kriegstreiberei blieb auch dort nicht ohne Folgen. Er schrieb z.B.: "Die modernen Kriege vor allem sind ... kapitalistische Geschäftsunternehmungen der international organisierten Hochfinanz. ... Für die breiten Schichten des Volkes aber ... bringt jeder Krieg jedoch nur Tod und Verderben, Leiden und Not und gräßliches Elend. ... Die Soldaten auf beiden Seiten haben zumeist wohl im guten Glauben Leben und Blut hingegeben, aber sie sind einer erstarrten Überlieferung zum Opfer gefallen, mißbraucht von den Nutznießern des Krieges. ...". Daß er den zweiten Weltkrieg überlebte, verdankte er der Befreiung durch die Alliierten, da er zu diesem Zeitpunkt bereits zum Tode verurteilt war, übrigens wie sein Landsmann Jägerstätter.
Der Begriff Befreiungstheologie ist eng mit der Arbeit von Geistlichen in Lateinamerika verbunden. Die peruanischen Bischöfe schrieben an die Bischofssynode 1971: "... Für uns ist die Stellungnahme auf Seiten derer, die heute die gewalttätigsten Formen der Unterdrückung erleiden, eine wirksame Weise, auch jene zu lieben, die vielleicht unbewußt durch ihre Position als Unterdrücker selbst versklavt sind"
Hierin liegt das radikal Neue der Befreiungsbotschaft Jesu: Er durchbricht das jahrtausendealte Freund-Feind Denken, das in jedem Menschen tief verwurzelt ist, und stellt die universale Gleichwertigkeit der Menschen wieder her. Der Befreiungsauftrag Jesu ist nicht der Kampf der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, um diese zu besiegen, zu beherrschen und wenn nötig zu vernichten (Klassenkampf-Konzept), sondern durch den gewaltlosen Befreiungskampf der Unterdrückten die Unterdrücker mitzubefreien und so an einer gerechten und versöhnten Gesellschaft zu bauen.
Die Logik ist glasklar, die Konsequenzen sind unerbittlich. In dem Augenblick, in dem der Freiheitskämpfer glaubt, um wirksamer zu sein, mit Methoden und Kräften der herrschenden Systeme operieren zu müssen (Mißachtung der Freiheit des Menschen, Lüge, Haß, Gewalt, Mord, Massenvernichtung), siegt das System über ihn selbst dann, wenn er erfolgreich ist und sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt herbeiführt. Er nimmt es in sich auf und wird unter neuem ideologischem Vorzeichen Träger (Gefangener) des Systems, das bloß neue Varianten der Verknechtung des Menschen gebiert. Dies bedeutet, daß er auf diese Weise weder sich selbst noch den Gegner befreit. Er bezwingt ihn vielleicht, zwingt ihm neue Haltungen und Strukturen auf. Gott aber zwingt nicht, da er weiß, daß nur freie Zustimmung zur Selbstbefreiung und schöpferischen Mitarbeit führen kann. Das herrschende System hingegen wünscht, ja stimuliert und provoziert die Gegengewalt, weil es weiß, daß es in ihr Stütze, Nahrung und Fortsetzung findet (Gewaltpolitik, Rüstungsprofite und so fort). Der gewaltfreie Widerstand aber trifft es auf einer Ebene, auf der es verwundbar ist: auf der Ebene des menschlichen Gewissens, das ihm durch die Verweigerung der Zusammenarbeit seine wirtschaftlichen und politischen Grundlagen zu entreißen vermag.
So kann man von Gandhis Kampf in Indien Wesentliches lernen, wird aber die von ihm aus seiner Situation heraus gewählten Aktionen nicht blind in unsere Situation verpflanzen. In jeder Situation müssen die entsprechenden Formen gewaltfreien Handelns von den Betroffenen selbst entdeckt und entwickelt werden.
1.3.1.3 Kennzeichen gewaltfreien Handelns
Zitat des amerikanischen Historikers Flag Bemis nach
[Chomsky93]: "...die amerikanische Expansion in einem leeren Kontinent (habe) keine Nation auf unrechtmäßige Weise geplündert", was Noam Chomsky so kommentiert: "niemand wird es schließlich als ungerecht empfinden, wenn zusammen mit den Bäumen auch die Indianer "gefällt" werden.Ein wesentliches Kennzeichen gewaltfreien Handelns: es ist grundlegend schöpferisch, und muß für jede Situation entsprechend angepaßt werden, wobei dem Verständnis für die Denkweise des Gegners eine entscheidende Rolle zukommt, wie etwas das eingangs skizzierte Geschichtsbild des Durchschnittsamerikaners.
Goss-Mayr: Es fordert jeden Einzelnen heraus, die in ihm verborgenen latenten Kräfte der Wahrheit aufzudecken und mit Phantasie und Initiative einzusetzen. Deshalb ist die Gewaltlosigkeit eine befreiende Kraft, im Gegensatz zu den in unserer Konsumgesellschaft wirkenden Kräften und Prinzipien, die Wünsche und das Handeln des Menschen zu kontrollieren und zu dominieren trachten. Die Gewaltlosen glauben an die in jedem Menschen angelegten schöpferischen Fähigkeiten; sie fordern den Menschen auf, diese zu seinem eigenen Wohl und zum Wohl der Gemeinschaft zu entfalten und anzuwenden.
Die Anerkennung des schöpferischen Beitrages jedes Einzelnen bedingt ein zweites Kennzeichen der Gewaltlosigkeit: Sie ist wesentlich demokratisch: nicht einer oder einige wenige bestimmen die Methoden und Strategien. Das Bewußtsein, daß echte Lösungen nur gemeinschaftlich in der Basisgruppe der gewaltfreien Organisation und nicht zuletzt im Dialog mit dem Gegner gefunden werden können, fordert aktive und gleichberechtigte Mitarbeit aller, die sich einsetzen. Das Konzept des umfassenden, "totalen", gewaltfreien Widerstandes wurde vor Hitlers "totalem Krieg", nicht unter Zwang, sondern aus freier Entscheidung, z.B. in Gandhis Befreiungskampagnen angewandt. Männer und Frauen, Jugendliche, Kinder, Greise und Kranke stellen sich, ihren Fähigkeiten entsprechend, durch öffentlichen Einsatz oder durch geistiges Ringen im Gebet in die Reihen der Kämpfenden. Demokratisch, gemeinschaftlich, brüderlich steht ein Volk auf, um sich und seine Gegner zu befreien: jeder ist gefordert. Es ist übrigens kein Widerspruch, daß Gandhi eine militärische Ausbildung genoß, und vor seiner "Wandlung" auch mehrmals im Einsatz war: so lernte er den Militärapparat von innen kennen. Er sah sich übrigens immer als Kämpfer, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln des Kampfes.
Ein weiteres wesentliches Kennzeichen des gewaltfreien Kampfes: Er strebt nicht den Sieg über den Gegner, sondern die Überwindung des Unrechts an, sowie die Befreiung der Betroffenen und des Gegners. Damit unterscheidet er sich radikal vom gewalttätigen Kampf und trägt auch die Voraussetzung zu Versöhnung in Gerechtigkeit in sich. Schließlich mußte nach jedem militärischen Konflikt eine akzeptable Verhandlungslösung gefunden werden. Es mag sich zwar oft um das "Diktat" des Siegers handeln, aber bei zu offensichtlichen Ungerechtigkeiten wurde dann bloß die Saat für einen neuerlichen Konflikt gesät. Wirklich bereinigen konnte dieser "Sieg" die Zwistigkeiten nicht, so daß der vermeintliche "Sieg" eigentlich einen befristeten Waffenstillstand wegen der Erschöpfung einer Seite darstellt, bis eines Tages der Konflikt neu aufflammt oder doch eine dauerhafte Lösung gefunden wird.
Ferner muß man/frau in jedem gewaltfreien Kampf unterscheiden zwischen dem Fernziel, das angestrebt wird: eine gerechte, versöhnte, sich in Freiheit entfaltende Gesellschaft und alle damit verbundenen Veränderungen eine Aufgabe, die permanent in der Menschheitsgeschichte gestellt bleibt und den Etappen, über die man diesem Ziel näherkommt, es verwirklicht. Gewaltloses Engagement verlangt einen beharrlichen, langen Kampf mit vielen Stufen, Teilprojekten und Kampagnen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer beständigen Mobilisierung der geistigen Triebkräfte einerseits und der Erarbeitung einer umfassenden Strategie des Kampfes anderseits.
Theorie und Praxis von "sozialer Verteidigung"
Folgende Thesen stammen aus einem Rundbrief des Bundes zur "sozialen Verteidigung", der in Deutschland z.B. an der erfolgreichen Landminenkampagne beteiligt war, und der zahlreiche Projekte im ehemaligen Jugoslawien betreut.
Soziale Verteidigung betrifft drei Bereiche:
Ein fundamentaler Erkenntnisgewinn war die Unterscheidung von territorialer und sozialer Verteidigung, die Johann Galtung anhand der Frage entwickelte, wie bzw. was denn verteidigt werden sollte. Soziale Verteidigung wurde verstanden als die Verteidigung der Lebensweise und das mit gewaltlosen Methoden.
Es gibt zwar heute kein einheitliches Konzept, aber die folgenden Punkte stellen die wesentlichen Übereinstimmungen der Theoretiker Gene Sharp, Adam Roberts und Theodor Ebert dar:
Während Adam Roberts und Gene Sharp mehr funktional und pragmatisch argumentierten, setzte Theodor Ebert die Konzeptbildung fort, vor allem aufgrund detaillierter Fallstudien und einer Orientierung an gesellschaftlichen Reformprozessen. Ein wesentliches Betätigungsfeld stellen in diesem Zusammenhang die Schulen dar. In Minden wurden im Rahmen eines UNESCO Projekts vom Bund zur Sozialen Verteidigung Informationstage und Kurse für LehrerInnen und Mitarbeiter des Judgendamtes abgehalten. Eines der behandelten Themen war die Ausbildung von freiwilligen SchülerInnen zu "StreitschlichterInnen" in höheren Klassen.
Die soziale Verteidigung ist kostengünstig aber nicht gratis. Wenn sie wirklich als Alternative zur militärischen Verteidigung gedacht sein soll, dann muß in der Bevölkerung ein breiter nichtmilitärischer Widerstand organisiert werden, dem auch eine effiziente, im Untergrund betriebene Infrastruktur zur Kommunikation bereitsteht
[Steyrer97]. Die wichtigste Waffe dieser Verteidigungsform ist die Ablehnung von aufgezwungenen Autoritäten und offener Gewalt. Im Falle einer Invasion würden die Besatzer den Alptraum einer anarchistisch-dezentral organisierten, sich verweigernden Bevölkerung erleben, die auch ohne übergeordnete Befehlsstrukturen jede Kooperation mit militärisch organisierten Institutionen verweigert, bzw. diese sabotiert. Die norwegische Bevölkerung hat die Wirksamkeit einer solchen Strategie während der NS Besatzung im zweiten Weltkrieg erprobt. Suspendierte LehrerInnen wurden z.B. einfach privat versorgt und beschäftigt, während die Kinder nach der Reform der Besatzer einfach nicht mehr in die öffentlichen Schulen geschickt wurden. Es kam auch zu keinen nennenswerten Judenverfolgungen, weil in den Städten die Rassengesetze durch einen einfachen Trick sabotiert wurden: Alle trugen nach dem Inkrafttreten Judensterne. Bis auf die Ausbeutung wirtschaftlich bedeutender Rohstoffe blieben die NorwegerInnen so relativ unbehelligt.Im überregionalen Zusammenhang würde eine solche Einstellung zudem Stabilität schaffen, da die abgebauten Bedrohungsängste nicht mehr zur Mobilisierung für überregionale Konflikte mißbraucht werden können. Allerdings ist genau diese antinationale Einstellung den konservatistischen Eliten ein Dorn im Auge, da sich dezentral organisierte Verweigerung von Autoritäten rasch gegen die eigene Führungsschichte richten könnte. Deshalb dürfen wir nicht erwarten, daß diese Option ohne gehörigen Druck von Unten unter den jetzigen Verhältnissen auch nur angedacht wird.
Jüngste Auseinandersetzungen z.B. um die deutschen Atommülltransporte (Castor) haben jedenfalls gezeigt, daß sich das Konzept der Gewaltlosigkeit bereits als ein bedeutender Machtfaktor in realen Konflikten etabliert hat.
Die Friedensbewegung
Obwohl im Wettstreit um die wirkungsvollsten Repressionen gegen Zivildiener, also Menschen, die dem Zwangsdienst mit der Waffe nicht folgen wollen, brutale Konkurrenten wie Frankreich und Deutschland mitmischen, haben sich die österreichischen Politiker in den Jahren 1995/96 den Spitzenplatz gesichert, was die Dauer, lausige Bezahlung und den Zugang im Vergleich zum Militärdienst betrifft. Die Militarisierung der österreichischen Gesellschaft ist nach wie vor eines der hochrangigsten Ziele dieser Gruppe, die schon zur Zeit der alliierten Besatzung 1949 eine Remilitarisierung anstrebte, während viele der damaligen SozialdemokratInnen, KommunistInnen und andere Gruppierungen einem österreichischen Heer ablehnend gegenüberstanden. Sie forderten eine Volksabstimmung über die Heeresfrage und die Berücksichtigung der Verweigerung aus Gewissensgründen, was die ÖVP-SPÖ Führung verweigerte. Auch ein vom Physiker Hans Thirring und der an Bertha von Suttner orientierten "Österreichischen Friedensgesellschaft" propagierter Plan zur "einseitigen Abrüstung Österreichs" für eine unbewaffnete Neutralität fiel auf unfruchtbaren Boden, der kalte Krieg war bereits im vollem Gange. Die alliierten Geheimdienste legten zum Teil geheime Waffenlager für den "Partisanenkampf gegen den Kommunismus" an, auch die illegale B-Gendamerie wurde mit Waffen versorgt. Die ÖVP versuchte, die Infrastruktur für ein Heer zu schaffen, indem eine "Marinereferat" (... ohne Zugang zum Meer!!) gegründet wurde, das nach seiner Auflösung zum Ministerium übersiedelte. Es war deshalb kein Zufall, daß der später ausgehandelte Staatsvertrag ein offizielles Heer vorsah.
Bereits 1955 wurde bekannt, daß "zur Aushebung einer österreichischen NATO-Formation Planungs- und Kontaktstellen in Salzburg eingerichtet wurden, und daß geplant sei, vor allem ehemalige Wehrmachtsangehörige zu rekrutieren, die allerdings nicht aus der allerhöchsten Führungsebene stammen dürfen." Der örtliche Zweig des Kameradschaftsbundes werde über die Aufnahme der Mannschaften wachen. 1956 wurde tatsächlich der gesamte achtköpfige Generalstab mit "ehemaligen Generalstäblern der Hitlerwehrmacht" besetzt, von denen sechs zuvor schon in der geplanten NATO-Truppe, der B-Gendamerie tätig waren. Alle diese Schritte wurden von einem geheimen Gremium der Großparteien in Absprache mit den amerikanischen Militärs und Geheimdiensten geplant und ausgeführt.
An den Einstellungen und Verhältnissen hat sich bis heute noch etwas geändert, außer daß Österreich in den Augen der Konservativen und Freiheitlichen nun endgültig reif für den Beitritt zur NATO ist. Immerhin kann andererseits der österreichische Friedensdienst bei interessanten Gruppen im In- und Ausland abgeleistet werden, z.B. bei diversen Friedensinitiativen (Internationaler Versöhnungsbund, Pax Christi, Friedenswerkstatt Linz) im Rahmen des "Freiwilligen Friedensdienstes", und beim österreichischen Zweig des Service Civil International. Seit 1993 organisiert der Verein österreichischer Friedensdienste Projekte im ehemaligen Jugoslawien, etwa in Gorski Kotar in Kroatien (Friedensschule), in Gornji Vakuf, Sarajevo (Wiederaufbau) und in Mostar in Bosnien .
In diesem Zusammenhang will ich stellvertretend für vieles auf die Arbeit von in Österreich tätigen Organisationen wie dem Versöhnungsbund, der Gruppe für Wehrdienstverweigerung und dem Balkan Peace Team, dem World Peace & Relief Team hinweisen. Nicht unerwähnt dürfen außerdem die bekannten Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen wie Peace Brigades International, Amnesty International und Greenpeace bleiben. Als beispielhafte Aktionen seien diverse Friedensmärsche am Balkan (z.B. 1992 nach Sarajevo, später Mostar) und die Besetzung der ohne rechtliche Grundlagen errichteten Baustelle im Ennstal durch umweltbewegte Menschen erwähnt, an denen sich der Autor dieser Zeilen selbst beteiligt hat. In den Massenmedien wurden diese Projekte kaum zur Kenntnis genommen, ein Zeichen dafür, wie gut das Ausfiltern unerwünschter Aspekte der "gesellschaftlichen Realität" funktioniert.
Ich möchte außerdem auf zahlreiche ähnlich gesinnte Gruppen in Rußland und Serbien hinweisen, die wie ihre KollegInnen im Westen von der gewaltbereiten Machtelite behindert und versteckt, und im Zeitalter der Meinungsmachergroßkonzerne höchstens von Alternativmedien ausgemacht werden. Es paßt eben nicht in das Konzept der weltweiten nationalistischen Schwarz-Weißmalerei, daß hunderttausende Menschen auch auf der Seite des verhaßten Feindes Gewalt verabscheuen, und Versöhnung statt Konflikte suchen. So leistet die "Union der Nordkaukasischen Frauen" Widerstand gegen die Massaker in Tschetschenien, in dem sie z.B. unter Einsatz ihres Lebens Dokumentationsmaterial auf Fotos und Videos sammeln, und es einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Nach einer spektakulären Heimholaktion von 100 russischen Jungsoldaten im Jänner 1995 sind 20 Gruppen von Soldatenmüttern nach Tschetschenien gereist, um ihre Söhne zu suchen, und um Solidarität mit den Opfern dieses Krieges zu bekunden. Diese Organisation war 1996 unter den Preisträgern des "alternativen Nobelpreises", zusammen mit der "Wissenschaftlichen Volksbewegung Keralas" aus Indien, die sich um die Stärkung der Demokratie verdient gemacht hat.
Das 1989 gegründete "Russische Komitee der Soldatenmütter" erreichte, daß ihre Söhne frühzeitig aus dem Militärdienst entlassen werden konnten. Einer serbischen Vereinigung von Müttern mit ähnlichen Zielen gelang es sogar, in eine laufende Parlamentssitzung einzudringen, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Eine kleine Gemeinde in Nordserbien mit bescheidener internationaler Unterstützung weigerte sich jahrelang, den Einberufungsbefehlen nachzukommen. Ich könnte die Liste ähnlicher Aktionen auf allen Seiten solcher Konflikte Seitenweise fortführen.
Es folgt ein Zitat Hans Pestalozzis, das die heute immer wieder in Verruf gebrachte Botschaft der "Friedensbewegung" in überzeugender Klarheit zum Ausdruck bringt: "Die Friedensbewegung versucht, all jenes zu verwirklichen, das erst Frieden echt machen würde. Wir probieren Gemeinschaften aus, die nicht denjenigen prämieren, der den anderen unterdrückt, sondern wo jeder den anderen als Partner akzeptiert; in denen nicht derjenige Gewinner ist, der den anderen fertigmacht, sondern wo jeder mit jedem für jeden leben will; die nicht von Starken beherrscht werden, sondern in denen Menschen leben, die sich nach dem Schwachen richten; die nicht rational sein wollen, sondern in denen man Gefühle haben und zeigen darf.
Friedensbewegung ist der Aufstand der Bürger gegen die Experten; der Aufstand von Menschen mit Zukunft gegen die alten kranken Männer, die uns regieren; der Aufstand der Optimisten gegen die Pessimisten; der Aufstand der autonomen Menschen gegen die Autoritäten; der Aufstand der realistischen Träumer gegen die defätistischen Spekulanten. "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin"
"Least-Effort Planning" in der Außenpolitik
"Least-Effort Planning" in der Grenzsicherung bzw. der Außenpolitik im Allgemeinen stellt die Kosten eines militärischen Sicherheitsapparates und einer nationalen diplomatischen Vertretung alternativen Möglichkeiten gegenüber.
Für die Entwicklung eines neuen Radpanzers etwa könnte ein Konzept für "Grenzakademien" ausgearbeitet werden. Für je zwei angekaufte Fahrzeuge ließe sich eine derartige Institution in verschiedenen Grenzorten einrichten. "Grenzakademien" sollten neben Sprachkursen und gemeinsamen kulturellen Aktivitäten der Bewohner beider Staaten auch bei der Schaffung von grenzübergreifenden Informationsstrukturen helfen, damit etwa KärntnerInnen nicht nur durch die volksverhetzende Kronenzeitung über Anliegen von slowenischen und serbischen StaatsbürgerInnen erfahren. Sowohl das subjektive Sicherheitsgefühl, als auch die damit verbundene reale Sicherheit lassen sich mit solchen Maßnahmen besser steigern als mit den erwähnten Radpanzern.
Friedensforschung statt Gelder für diplomatische Vertreter und Militärakademien etwa könnte helfen, neue internationale Beziehungen zwischen größeren Bevölkerungsgruppen statt zwischen kleinen, elitären Lobbies der Wirtschafts- und Machtpolitik herzustellen, die langfristig zu einem bessern gegenseitigem Verständnis, einer gerechteren Wirtschaftspolitik führen, und die das gegenseitige Aufhetzen von Volksgruppen erschweren sollen
[Steyrer97], [Tönnies97].Eine jüngste Initiative von staatlich geförderten "Friedensdiensten" in der BRD sowie deren Erfahrungen in Bosnien und im Kosovo sind einige erfolgreiche Beispiele solcher Versuche.
1.3.2 Umweltethik und Recht (We-3)
Kurzfassung: Die heutige Umweltpolitik ist vor allem durch ein großes "Vorsorgedefizit" gekennzeichnet, so daß trotz steigender Aktivität weitere ökologische Schäden nicht verhindert werden können. In diesem Abschnitt wird das Umfeld der Politik und Rechtswissenschaft auf ihre Verhältnis zu einer neuen Umweltethik und zur dringend notwendigen Durchsetzung ökologisch- ökonomischer Alternativen untersucht.
Einführend möchte ich eine sehr abstrakte Überlegung zur Politik anstellen, um mit einem Vorurteil aufzuräumen, das oft mit der Kritik an konservativer Politik einhergeht. Ich will die Notwendigkeit bzw. Bedeutung von Normen, Hierarchie und Dominanz im gesellschaftlichen Leben keineswegs leugnen. Ihre Existenzberechtigung liegt aber meiner Meinung nach einzig in ihrer Notwendigkeit für jede Form der Kommunikation siehe
3.2.5. Politische "Führung" hat sich als vermittelnde Kompetenz (kompetente Autoriät) und durch die Moderation einer partizipativen Enscheidungsfindung (eigentlich "Realitätserfindung") zu äußern, um trotz beschränkter Zeit und Menge an kommunizierbaren Inhalten rasch auf notwendige Änderungen reagieren zu können.Eine solche Führung kann nur im Zusammenhang mit kompetenter Autorität akzeptiert werden, d.h. wer seine Fähigkeiten zur allgemeinen Zufriedenheit einbringt, bekommt Handlungsspielraum eingeräumt, allerdings nur in einem unmittelbaren, und überschaubaren Rahmen auf Basis persönlicher Beziehungen. Bruno Gideon empfiehlt auch für Unternehmen "Kooperation", da ein autoritärer Führungsstil "keine echte Kommunikation zuläßt, ein Mangel an Eigenverantwortlichkeit ist die Folge". Der Umgang mit "Kritik" und "Korrektur", von Gideon als "Faktor K" bezeichnet, ist im politischen, wirtschaftlichen und auch im Privatleben Voraussetzung für harmonisches Zusammeneben
[Gideon98], [Bahr94]. "Kritik" soll sich auf Rahmenbedingungen, Arbeitsabläufe und organisatorische Belange konzentrieren. Kritik an Personen ist selten konstruktiv. Solche Kritik muß von allen Beteiligten als "positiver Beitrag" zum gesellschaftlichen Leben angesehen werden. Selbstverständlich müssen auch Maßnahmen gesetzt werden, daß Kritik und damit verbundene Information die entscheidenden Stellen erreicht, daß sie diskutiert und letztendlich berücksichtigt werden kann.In der Rechtswissenschaft, die man/frau als intellektuelle Nachhut des gesellschaftlichen Fortschritts [Bosselmann93] bezeichnen könnte, beginnt sich seit einigen Jahren die Einsicht zu verbreiten, daß das Recht sich der Natur annähern muß, daß ein "ökologischer Ordnungsrahmen" notwendig wird. Der US-Vizepräsident Al Gore wirbt für einen "ökologischen Rechtsstaat". Herkömmliche Umweltgesetze reichen nicht man spricht zu Recht von einer Politik des "peripheren Eingriffs"
[Mayer-Tasch74] oder von einer Naturvergessenheit des Rechts.Für Aufregung hat die vielzitierte Äußerung von Ehrlich (1983) gesorgt, daß Arterhaltung nicht nur mit einem volkswirtschaftlichen Gleichgewicht von Kosten und Nutzen zu tun hat. "Es ist vielmehr eine Frage der Ethik, die vielen Menschen als erstes Argument für die Erhaltung der Arten in den Sinn kommt nämlich daß unsere Mitreisenden im Raumschiff Erde ganz einfach das Recht zu leben haben."
Da wir Rechtsträger kennen, die keine "Pflichten" wahrnehmen, wie Säuglinge und Unzurechnungsfähige, gibt es kein schlüssiges Gegenargument gegen die prinzipielle Möglichkeit, solche Rechte festzuschreiben. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß die Frage der Ethik unteilbar ist, und daß politische sowie ethische Entscheidungen prinzipiell nicht irgendwelchen Sachzwängen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen folgen müssen. Es gilt viel mehr die individuelle Einstellung der Betroffenen soweit wie möglich in Erfahrung zu bringen, und diese zum "Wohle der Allgemeinheit" in Einklang zu bringen. Zu den Betroffenen zählen aber auch die Tiere, und schließlich die ganze unbelebte Natur.
In 3.5.2 habe ich John Lockes Idee erläutert, für eine Gesellschaft klar dokumentierte Rechtsprinzipien offenzulegen, die von allen Mitgliedern gemeinsam eingesehen, verbessert und eingefordert werden können, was einer Art "konstituierter Basisdemokratie" entspricht. Diese Idee wurde von Verfechtern institutioneller Gewalt zu Täuschungszwecken adoptiert, als die bloße Machtausübung z.B. von monarchistischen Herrschern nicht mehr als Rechtfertigung reichte. Das moderne Staatswesen lebt von der Illusion, daß der Staat die Schutzmacht des persönlichen Eigentums und der persönlichen Entfaltung darstelle. Die Praxis sieht anders aus:
Ein Ökologischer Rechtsstaat?
Der Rechtsstaatsgedanke beruht auf einem Freiheitsbegriff und garantierten Grundrechten, die problematisch und in ihrer Auswirkung ökologisch verheerend sind (vergleichbar der Freiheit des Fuchses im Hühnerstall). Die Grundrechtsbasis bedeutet einen Freibrief zur Naturausbeutung. In der frühkapitalistischen Gesellschaft wurde die Freiheit des Einzelnen mit sozialen Fragen konfrontiert, was den Wandel vom liberalen zum sozialen Rechtsstaat eingeleitet hat. Die Sozialbindung des Eigentums begrenzt die Eigentumsrechte zugunsten der Rechte der Mitbürger.
Die Erkenntnis, daß "der Fuchs schließlich den Hühnerstall verwüstet hat", begründet die aktuellen Überlegungen in der Rechtswissenschaft, wie die Natur in die Verfassung eingebaut werden kann und wie naturrechtliches Denken gegenüber der Tradition des Rechtspositivismus installiert werden könnte.
Kurzfristig ist es zudem nötig, der Natur in den bestehenden politischen und rechtlichen "Subsystemen" wenigstens Parteienstellung einzuräumen. Derzeit ist die Position der Umweltinteressen relativ schwach. Das politisch-administrative System privilegiert die Produzenteninteressen, ist für Umweltinteressen aber wenig durchlässig. Dieser Zustand entstammt einer Zeit, in der die einseitige Förderung des Wirtschaftswachstums Hauptanliegen des Staates und der internationalen Organisationen (GATT, OECD, EU, MAI) war, als Umweltschutz noch kein wichtiges gesellschaftliches Anliegen darstellte. Im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung bedürfen derartige politische Strukturen einer Veränderung.
Die bestehenden Interessenverbände der Wirtschaft leisten die für eine wirtschaftlich und ökologisch effiziente Umsetzung notwendige Zusammenschau nicht. Sie behindern sogar vielfach umweltorientierte und soziale Innovationen mit kurzsichtigen Kostenargumenten, die den mittel- und längerfristigen Chancen und Problemen nicht gerecht werden.
Die Teilnahme der Gewerkschaften wurde durch neokorporatistische Reformen nach dem Zweiten Weltkrieg sogar staatlicherseits forciert. Aus ähnlichen Gründen wäre heute eine Förderung der Teilnahme von Umweltverbänden sinnvoll. Sie könnten etwa quasi als "Öko-Sozialpartner" in eine frühe Phase des Gesetzgebungsprozesses mit einbezogen werden, in Beiräten und Kommissionen mitwirken und dergleichen mehr.
Eine Ökologische Verfassung? Meyer Abichs Charta der Naturrechte
Alexander Langer in einem Beitrag zu den Toblacher Gesprächen 1994: "Frühere Gesellschaften haben tiefgreifende und langfristig angelegte Entscheidungen und Verpflichtungen auch entsprechend feierlich verankert, geadelt und tradiert: denken wir etwa an die "Magna Charta Libertatum", an den legendären Rütli-Schwur, an die französische Menschenrechtsdeklaration oder in Südtirol an den "Bund mit dem Herzen Jesu", wie immer man inhaltlich zu diesen Akten stehen mag.
Heute fehlt es an einer vergleichbaren ökologischen Grundnorm, die in unserer Zeit um Verbindlichkeit zu beanspruchen demokratisch zustande kommen müßte. Zwar wurde in die eine oder andere Verfassung ein Passus über die Umwelt eingebaut, doch sind wir noch weit entfernt davon, die Erhaltung bzw. Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts als gesellschaftlich vereinbarten und verpflichtenden Grundwert zu begreifen und uns entsprechend zu verhalten.
Wenn hingegen die soziale Wünschbarkeit umweltverträglichen Lebens und Wirtschaften festgelegt und verankert werden soll, könnte man sich vielleicht einen solchen "ökologisch-verfassungsgebenden Prozeß" vorstellen: Verfassungen dienen dazu, dem Einzelnen, aber auch dem Staat und allen handelnden Subjekten jene Grenzen zu setzen, die auch gegen die verführerische Konvenienz des Einzelfalles nicht übertreten werden dürfen, und in denen sich die grundlegenden Wertvorstellungen einer Gemeinschaft historisch niederschlagen. Solange sich eine derartig verbindliche gesellschaftliche Verpflichtung zum ökologischen Maßhalten nicht einstellt und festhalten läßt, wird keine Einzelmaßnahme stark genug sein, den reißenden Strom der Konsum- und Wachstumsvergötzung aufzuhalten."
Abschließend möchte ich Versuche ökologisch motivierter Verfassungen dokumentieren. In einigen Ländern wurde bereits wenigstens ansatzweise ein ökologischer Ordnungsrahmen für eine zukunftsfähige Entwicklung eingeführt, z.B. der "Ressource Management Act" in Neuseeland (1991). Dieses allgemeine ökonomische Planungsgesetz betrifft alle öffentlichen und privaten Aktivitäten, die umweltrelevant sind. Das Gesetz verlangt ein "sustainable management", das "intrinsic values of ecosystems" berücksichtigt (intrinsisch: nicht instrumentell, unmittelbar) mehr darüber im nächsten Unterkapitel.
In Deutschland wurde im November 1992 eine Änderung des Grundgesetzes in der folgenden Form vorgeschlagen: "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die natürlichen Lebensgrundlagen in ihrer Nachhaltigkeit beeinträchtigt, die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung und das Sittengesetz verstößt." In der Begründung dieses Vorschlags heißt es: "Verfassung und Gesetze sind Menschenwerk. Sie können den Menschen vieles erlauben eine zeitlang auch die Beeinträchtigung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen , aber die Folge dessen, was die Menschen sich rechtlich gestatten, definiert die Natur. Möge der Verfassungsgeber darauf achten, daß er die menschlichen Gesetze so gestaltet, daß die unerbittliche Reaktion der Gesetze der Natur nicht über die Menschen dieses Landes komme." Dieser Vorschlag stammt aus einem von vielen prominenten Wissenschaftlern unterzeichneten Brief des "Global Challenges Network" an die Vorsitzenden der Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundesrat und Bundestag zur Verankerung des Schutzes der natürlichen Lebensgrundlagen im Grundgesetz.
Der wohl prominenteste Versuch stammt von K. M. Meyer Abich. Dieser begrüßenswerte Versuch steht allerdings im Konflikt mit zahlreichen in dieser Arbeit hervorgehobenen Erkenntnissen, wie die beschränkte Erkenntnis- und Kommunikationsfähigkeit des Menschen, die daraus resultierende Unmöglichkeit, aus menschlicher Sicht das "Interesse des Ganzen festzumachen". Es widerspricht auch der geforderten "Selbstbefreiung" des Individuums, das nicht durch Gesetze, sondern durch persönliche Einsicht motiviert handeln soll.
Seine Charta der Rechte der Natur umfaßt die folgenden zehn Punkte:
Tabelle 10: Mayer Abichs Charta der Naturrechte
Direkte Einflußnahme und das Recht auf Widerstand
Auch die heute verbreiteten Rechtssysteme und Wertordnungen (St1,2a) stehen in einem gewissen Widerspruch zu den genannten Forderungen. Sie vermögen verlorengegangenen politischen Spielraum nicht mehr wiederzugewinnen. Obwohl seit John Locke (3.5.2, siehe z.B. amerikanische Verfassung) sogar von konservativen Kreisen das "Recht des Volkes" akzeptiert wird, untaugliche Regierungen abzusetzen, hatten die selben Kreise keine Bedenken, das "Recht des Volkes" zu demontieren, als es um den Zusammenschluß zur Europäischen Union ging. Bei allen Mitgliedstaaten geht nun bloß ein kleiner Teil des Rechts de facto direkt vom Volk aus. Daß etwa Österreich weiterhin die Bezeichnung "Republik" führt, ist nicht korrekt, wie auch der Verwaltungsgerichtshof bestätigt hat.
Direkte Einflußnahme bedarf eines Rechtes auf selbstbestimmte Entwicklung (Selbstorganisation) von "selbstbefreiten" Menschen
[Stirner81], die auf persönliche Erfahrungen, Gefühle und Ideen vertrauen siehe 2.3. In der Praxis muß darum jeder bzw. jede ein Recht auf Widerstand in Anspruch nehmen, das allerdings immer in einem konstruktiven Dialog zwischen gleichwertigen GesprächspartnerInnen verankert sein muß. D.h. Widerstand soll nur dazu eingesetzt werden, um auf Probleme aufmerksam zu machen, und um einen fairen Dialog ins Leben zu rufen. In diesem Dialog sind "andere" Meinungen zu hören und zu akzeptieren. Jeder Konfliktpartner hat sich zu bemühen, ein fruchtbares Gesprächsklima zu schaffen, auch wenn eine Seite zunächst keine Gesprächsbereitschaft zeigt. Sie wird durch ihre Intoleranz langfristig das Vertrauen ihrer BefürworterInnen verspielen. Aus meiner persönlichen Erfahrung glaube ich sagen zu können, daß sich Handlungen, die die Gesprächsbasis zerstören könnten, meistens durch etwas Produktiveres ersetzten lassen! Der Phantasie und Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt, solange der bereits diskutierte Grundsatz der "aktiven Gewaltfreiheit" nicht verletzt wird.Auch international gibt es einige sehr zahnlose Ansätze, selbstständig organisierte Interessensvertreter in Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen: In der EU-Kommission dürfen 4 große Umweltverbände (EEB, WWF, Greenpeace und EAT) gegenüber 10.000 anderen Lobbyisten Umweltinteressen vertreten. Auch das Enviromental Policy Comittee der OECD lädt ein bis zweimal jährlich zu einem Gedankenaustausch ein. Bei der praktischen Arbeit bleiben die NGOs allerdings meist ausgeschlossen.
Vom Verhältnis zwischen Wirtschaft und PolitikBsp: Nat. Umweltplan
In 5.5.3 werde ich Hjalmar Hegges Konzept der "Dreigliederung der Gesellschaft"
[Hegge92] vorstellen und erweitern. Dabei wird das ideale Verhältnis zwischen dem politischen und ökonomischen Bereich folgendermaßen umschrieben: "Sicherung des gleichen Rechtes auf Bedarfsdeckung und Ressourcen: Über ein nach ökologischen und sozialen Kriterien gestaltetes Steuersystem sollen Rahmenbedingungen und Infrastruktur für eine weitgehend selbstorganisierte Wirtschaft nach dem Prinzip der Kooperation geschaffen werden, die gleichzeitig ökologische Kriterien berücksichtigt".Der ökonomische Bereich dagegen sollte mit einem bestimmten Anteil der Einnahmen durch ein ökologisch sozial geregeltes Steueraufkommen die Rahmenbedingungen zuvor diskutierten herrschaftsfreien Dialog in der politischen Öffentlichkeit sichern.
Als Beispiel für die Zusammenarbeit von Politikern und Wirtschaftsvertretern möchte ich die Entwicklung des österreichischen Nationalen Umweltplans (NUP) nach einem Bericht von Susanne Geißler (Ökologie-Institut: nega-watt) skizzieren. Im Umfeld von Politik und Wirtschaft sind langfristig planbare Entwicklungen entscheidend, d.h. staatliche Vorgaben für die Wirtschaft, z.B. im Umweltbereich sollten früh angekündigt werden, und auf eine realistische Umsetzung abgestimmt sein. Ich möchte gleich vorwegnehmen, daß der NUP meiner Ansicht nach keine adäquate Antwort auf die Probleme der Umweltkrise bietet, da er die wichtige Komponente der sozialen Wünschbarkeit nach Alexander Langer vernachlässigt. Wohlbefinden des Menschen wird ausschließlich über Konsumparameter definiert. Eine Änderung des Verhaltens, der Einstellungen und Motivationen wird als "nicht realisierbar" angesehen. Besonders befremdlich ist der EU weite Versuch (vgl. z.B. CEDAR Pr.), Nachhaltigkeitsparameter auf nationaler Ebene anzusetzen, denn Kreisläufe lassen sich bestenfalls auf regionaler und lokaler Ebene "schließen". Auch soziale und organisatorische Fragen, wie die Verringerung der Belastungen des Individualverkehrs durch Autoteilprojekte werden bestenfalls am Rande in Betracht gezogen, obwohl auf dieser "Mikroebene" die größten Veränderungspotentiale vermutet werden. Ich werde mich mit dieser Problematik im letzten Abschnitt ausführlich befassen. Jedenfalls kann das Ziel des Plans, die Entwicklung eines nachhaltigen Wirtschaftsstiles in Österreich ermöglichen, nur begrüßt werden. Er ist das Ergebnis eines mehrjährigen Diskussionsprozesses, an dem zahlreiche Interessensvertreter und Wissenschaftler teilnahmen.
Mit dem NUP-Energiemodell wurden verschiedene Szenarien-Analysen durchgeführt, etwa ein Referenz-, Industrie-, Raumwärme- und Solarszenario. Der Plan benennt Raumwärme und Warmwasserbereitung, industrielle Kraft-Wärme-Kopplung und erneuerbare Energieträger als Technologie-Schwerpunkte, die wichtige Meilensteine bei der Entwicklung eines nachhaltigen Energiesystems sein sollten, und stellt somit eine technikorientierte Methode mit all ihren Einschränkungen dar.
1.4 Psychologische Aspekte des ethischen Handelns
Konrad Lorenz schrieb 1963: "Die Gefährdung der heutigen Menschheit entspringt nicht so sehr ihrer Macht, physikalische Vorgänge zu beherrschen, als ihrer Ohnmacht, das soziale Geschehen vernünftig zu lenken."
Die Bedeutung der Psychologie für ein tieferes Verständnis der Umweltkrise wird in folgender Feststellung deutlich: "Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung der Menschen ab
[Fromm76], die langsame Anpassung des Verhaltens durch die biologische und kulturelle Evolution scheinen nicht mehr auszureichen. Außerdem genügt es nicht bloß sich anzupassen. Denn woran sollen wir uns anpassen?" Erstens ist die gesamte physische Umwelt schon von Menschenhand verändert, und zweitens ist das Bild von der Umwelt ohnehin ein Produkt des Menschlichen Gehirns, eine Konstruktion mit dem Zweck, die Überlebenschancen zu verbessern. Wie in 2.3 angedeutet, können wir uns höchstens an uns selbst anpassen, bzw. die Formen der gesellschaftlichen Kommunikation ausweiten, um flexibel auf von Außen sowie von Innen verursachte Änderungen reagieren zu können.1.4.1 Gesellschaft und Psyche
Erich Fromm hat darauf verwiesen, daß der "Charakter" (Psyche, Verhalten, ...) des Durchschnittsmenschen in einer engen Wechselbeziehung mit den sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnissen seiner Lebensumwelt steht. Nicht nur die von den herrschenden Eliten eingesetzten Massenmedien (siehe
5.4) prägen das Denken der Gesellschaftsmitglieder vom Tag der Geburt an, sondern auch alle Institutionen, Behörden und die damit verbundenen Verfahren (z.B. Schule, Militär, Krankenversorgung, Finanzamt...), denen wir alle mehr oder weniger ausgeliefert sind. Unser Denken, unsere Handlungen kreisen um das, was uns von diesem System zugestanden bzw. vorgegeben wird. Abweichende Ideen werden meist behindert, bestraft oder ignoriert. Das Ergebnis des Zusammenwirkens der Verhältnisse und des persönlichen Entwicklungspotentials bezeichnet Fromm als "Gesellschaftscharakter", Noam Chomsky spricht zynisch von "Notwendigen Illusionen" (Necessary Illusions), siehe 2.1. Die in einem Prozeß der ständigen Verfeinerung entstandenen sozialen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen formt den Gesellschaftscharakter ihrer Mitglieder derart, daß sie tun wollen, was sie tun sollen. Das ist der Zement, der einer Gesellschaftsordnung zusätzliche Stabilität verleiht. In diesem Sinne wäre auch nichts dagegen einzuwenden, wenn eine große Mehrheit mit dem Ergebnis dieses Prozesses zufrieden ist, und die Stabilität von Dauer wäre. Aber leider scheint der Gesellschaftscharakter der Moderne viel mehr als Sprengstoff denn als Zement zu wirken, wenn wir einen Blick auf die wohl bekannten Probleme unserer Zeit werfen, siehe z.B. 1.1.1.7, 1.2.1.3, 2.1, 3.1.5.1 und 5.2.1.1.4.2 Gesellschaft und Kommunikation
Aus der in vorangegangenen Kapiteln skizzierten Analyse der gesellschaftlichen Kommunikation (vgl.
2.3, 3.2.5) ergeben sich wichtige Erkenntnisse über die Psyche eines "sozialen Wesens", eines Mitglieds einer Gesellschaft, dessen kommunikatives Handeln von diversen Regeln geleitet sein muß, die in 3.2.5. (Habermas) angedeutet worden sind. Berger und Luckmann sprechen von einer "symbolischen Sinnwelt", die alle isolierten Prozesse integriert, innerhalb des Systems Sinn stiftet und Institutionen sowie Rollen einteilt [Krieger97]. Weltauffassungen, die von dieser Sinnwelt abweichen, stellen eine Existenzbedrohung für den Zusammenhalt der Gruppe dar. Um die eigene Gruppenidentität abzusichern, muß eine Gruppe demnach Techniken entwickeln, die ihr erlauben, alles, was neu und fremd ist, in die Sinnwelt einzubauen. Die entsprechenden kommunikativen Handlungen bestreiten das Existenzrecht des Anderen, das Recht auf eine andere Wahrheit wird neutralisiert. Die anderen Wahrheiten werden negiert, bestenfalls enteignet und mit der eigenen Position in bezug gebracht [Krieger97], vgl. z.B. die Phrase "Das habe ich immer schon gesagt".1.4.3 Selektive Wahrnehmung, Verteidigung der persönlichen Weltdeutung (Sinnwelt)
Vor diesem Hintergrund erscheinen die folgenden psychologischen Phänomene verständlicher. Unter "kognitiver Konsonanz" versteht die Sozialpsychologie die Neigung, die eigene Meinung durch "selektive Wahrnehmung", "selektives Gedächtnis" oder Verdrängung zu bestätigen, vgl. etwa
[Beckermann98]. Wir kennen dieses Phänomen vom beliebten "Stille Post Spiel" [Herkner86]. Erich Fromm hat auf diese Verdrängung in [Fromm76] hingewiesen, die unseren ursprünglich sehr stark ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb unterminiert: "Während im Privatleben nur ein Wahnsinniger bei der Bedrohung seiner gesamten Existenz untätig bleiben würde, unternehmen die für das öffentliche Wohl Verantwortlichen praktisch nichts, und diejenigen, die sich ihnen anvertraut haben, lassen sie gewähren."Ein ähnliches Phänomen wird in der "IN-group OUT-group Diskriminierung" (siehe 1.4) und bei der "rationalen Verschleierung" angesprochen. Diese Verschleierung versuchte Ledoux [Ledoux79] mit Hilfe der unterschiedlichen Funktion der Gehirnteile und Hälften zu erklären. Neben individuellen, nach außen hin geheim gehaltenen Motivationen werden rationale, konsensfähige Argumente für die offene Diskussion beigesteuert. Verhängnisvoll ist, daß dieser Mechanismus meist unbemerkt abläuft, schon alleine deshalb, weil die "offizielle, verzerrte" Version der Botschaft in der üblichen Redegeschwindigkeit vorgetragen werden muß.
Sehr gut kann dieser Vorgang übrigens auch beim Erlernen von Fremdsprachen beobachtet werden, vor allem in der Zeit, wo das Vokabular noch beschränkt ist. Wir mögen dann zwar komplizierten Gedanken nachhängen, im Gespräch werden wir aber auf wenige bekannte Worte eingeschränkt. Ein "übersetzter Dialog" mit dem eingeschränkten Wortschatz beginnt neben dem eigentlichen Gedankenfluß mitzulaufen bzw. wirkt auf ihn ein, um die Ausdrucksmöglichkeit des Gedachten zu überprüfen. Das führt soweit, daß eventuell nicht ausdrückbare Ideen verworfen werden müssen. Wir beginnen "in der Fremdsprache zu denken".
1.4.4 Von der Kommunikation zur gemeinschaftlichen Realitätserschaffung
In meinem kybernetischen Modell des menschlichen Verhaltens (
5.4.1) wird der unmittelbar erlebte persönliche (individualanarchistische) Hintergrund als "individuelles Weltmodell" (vgl. Bergers "Sinnwelt") bezeichnet, welches ein Bild vom "Selbst" enthält, während der gemeinsame Hintergrund das "kommunizierte (gemeinsame) Weltmodell" genannt wird. Auch das kommunizierte Weltmodell schließt ein Bild vom "Selbst" in einer Rolle ein, die in der jeweiligen Gruppe eingenommen wird. Man sieht sich quasi durch die Augen der Anderen. "Kommunizierte Weltmodelle" sind deshalb schwer zu fassen, weil sie aus der Summe der individuellen Modelle abgeleitet werden müssen, das aus materialistischer Sicht nur als verteiltes Modell in den Köpfen der Gruppenmitglieder physisch existieren kann siehe 3.1 und 4.3. Die Konstruktion "kommunizierter Modelle" kann nur durch eine gemeinsam erarbeitete Beschreibung geschaffen werden. Ich habe dazu in [Dem94] die sogenannte "Mikroweltenmethode" auf Basis eines evolutionären, partizipativen Zyklus der Verbesserung und Überprüfung vorgeschlagen. Ein Ansatz den der Pragmatiker John Dewey (1859-1952) einforderte, als er Wachstum und Entwicklung als Schlüsselworte zum Verständnis der Welt erhob. Wachstum möchte ich aber als "qualitatives" Wachstum deuten, nicht die Vollkommenheit ist der Zweck des Lebens, sondern ein ewig anhaltender Prozeß des Vervollkommnens, Reifens und Verfeinerns. Die Bedeutung der Information (3.1, 5.4) und der gemeinsamen Erarbeitung von allgemein akzeptierten Beschreibungen (Niederschriften, Graphiken, Computersimulationen) kann deshalb nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die von einer kleinen Elite geschaffenen gesetzlichen Normen in westlichen Demokratien, im Grunde jede Planung "von oben herab" widerspricht diesem Prinzip der gemeinsamen Realitätserschaffung und Weiterentwicklung, da nur die Vorstellungen vom "kommunizierten Weltmodell" einer kleinen Gruppe einfließen. In 5.5.3 wird Hjalmar Hegges Konzept der "Dreigliederung der Gesellschaft" [Hegge92] vorgestellt, das von einer funktionsfähigen "politischen Öffentlichkeit" ausgeht. Sie lebt von selbstverwalteten Medien und von basisnaher Entscheidungsfindung, in ihrem Bereich gilt das Prinzip der "Gleichheit" aller Gesellschaftsmitglieder.1.4.5 Psychologische Aspekte der Umweltkrise, das Selbstbewußtsein
Chris Hyatt spricht provokativ vom "Ego" des christlich-abendländischen Menschen, welches der einzige mechanische Schaltkreis sei, der chronisch unter der Illusion leidet, er sei nicht mechanistisch, sondern frei. Den von ihm propagierten Weg vom genetisch "programmierten", reflexgesteuerten Primaten (Affen), zum annähernd "freien Willen" konnten bis jetzt nur wenige folgen, eine ausführlichere Auseinandersetzung würde wohl den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Daß manche Affenarten bzw. Individuen "sich ihrer selbst bewußt sind", scheint das bekannte Experiment mit dem aufgemalten Punkt auf der Stirne zu bestätigen. Als so präparierte Versuchstiere ihr Spiegelbild sahen, griffen sie reflexartig auf die eigene Stirne, um die ungewöhnliche Veränderung zu überprüfen. Ein solches Bewußtsein ist im erwähnten genetischen Programm vorgesehen und kann auch mit naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden
[Chomsky81].Es gibt aber auch Aspekte des "Menschseins" die im Zusammenhang mit dem "erweiterten dialektischen Materialismus/Strukturalismus" (
5.4.1) nicht über die (ständig zu erweiternde) moderne Physik sondern nur über die Metaphysik bzw. Philosophie verstanden werden können. In der Praxis ist aber noch bedeutender, wissenschaftliche und politische Bestrebungen auf verstecktes Machtstreben hin zu durchleuchten, bzw. Versuche zu durchschauen, leicht beeinflußbare Menschen mit beliebig interpretierbaren Irrlehren kontrollieren zu wollen.1.4.6 Berücksichtigung des Gefühls: Verstand und Vernunft
Ich werde nicht müde zu betonen, daß der "erweiterte Materialismus" nicht mit dem reduktionistisch, deterministischen Weltbild Newtons in Verbindung gebracht werden darf, und eine angemessene Berücksichtigung des Gefühls bzw. des Umgangs mit dem Unvorhersehbaren, bzw. Unbestimmten (Fuzzy) beinhaltet. Der Philosoph und Psychologe Ludwig Klages hat im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Alternative für die Weiterentwicklung der Gesellschaft in Richtung Ökologisierung oder Technisierung auf zwei wesentliche Komponenten der menschlichen Psyche hingewiesen: die Seele und den Geist. Ich werde diese Begriffe später als Verstand ("Ratio") und Vernunft umschreiben, wobei die Vernunft auf die emotionale Befindlichkeit Rücksicht nimmt, während der Verstand möglichst objektiven, von persönlichen Erfahrungen abstrahierten Regeln und Denkmustern gehorcht. Im Idealfall sollten diese Aspekte der menschlichen Intelligenz einander ergänzen.
Das angesprochene genetische Programm kann in ein "kybernetisches Modell" des menschlichen Geistes gefaßt werden, welches das typische Verhalten und durchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten erklärt, ohne dabei auf metaphysische Zauberei zurückgreifen zu müssen. Neben Instinkten, primären Antrieben und Motivationen, bewußten und unbewußten Triebreaktionen
[Claessens70] sind die Intuition, die Vernunft, das Bewußtsein sowie dessen Spaltung im Kommunikaktionsakt durch das unbewußte "Hineinversetzen" in die Rolle der Kommunikationspartner zu berücksichtigen. Dabei dürfen auch die Aspekte des Gefühls, bzw. die (emotionale) "Stimmung" als ganzheitliche Bewertung der momentanen Lebenslage nicht von einer Wissenschaft des "Geistes" ausgeschlossen werden.1.4.7 Geist aus der Maschine, Geist als Existenzweise
Ein kybernetisches Modell des menschlichen Verhaltens habe ich in der Kurzfassung zu 3.1 skizziert es stellt einen guten Formalismus zur Überprüfung von Thesen der Psychologie und der vergleichenden Verhaltensforschung dar. Damit läßt sich die im Bereich der "Artificial Life-Forschung" erfolgreich eingesetzte Methode der Simulation in komplexere Domänen übertragen. Auch in der künstlichen Intelligenzforschung wurden verschiedene Aspekte des Geistes nachgebildet
[Graubard96], z.B. die Fähigkeit der Gestaltung, des Variierens, der Komposition, des Erfindens von Szenen usw. Ein Ergebnis solcher Studien sind zum Beispiel die Zeichnungen des Computerprogrammes "AARON" von Harold Cohen.
Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!
Abb. 13: "Adam und Eva 3" , gezeichnet vom Computerprogramm "AARON"
[Graubard96]1.4.8 Für eine neue "Alltagswissenschaft"
Die Konzentration der Psychologie auf das "abnormale", bzw. "krankhafte" Verhalten stellt eine legitime Verkürzung am Beginn einer neuen wissenschaftlichen Disziplin dar. Gerade in den Sonderfällen liegen oft entscheidende Hinweise auf versteckte Zusammenhänge. Doch diese Phase sollte spätestens dann überwunden werden, wenn erste, brauchbare Arbeitshypothesen und Modelle aufgestellt wurden, die schließlich mit Hilfe empirischer Studien erweitert, verfeinert, oder im Falle ihrer Unzulänglichkeit verworfen werden können. Genau diesen Schritt vermisse ich in der Psychologie und Soziologie, ähnliche Kritik habe ich im Zusammenhang mit der "Esoterik" geäußert.
Diese Disziplinen ringen immer noch um Legitimation. Statt einem gemeinsamen konzeptionellen Überbau zu schaffen, wird viel mehr gewetteifert, wer die zeitgeistigsten, komplexesten mathematische Methoden in seine Arbeit einfließen läßt. Diese Tradition läßt sich bis zur Abspaltung dieser "Geisteswissenschaften" von den Naturwissenschaften zurückverfolgen, eine Zeit, in der statistische Methoden und exakt formulierte Naturgesetze groß in Mode kamen.
Wo bleibt aber das Studium des menschlichen Alltags? Wieviel Zeit verbringen wir mit welchen Tätigkeiten? Läßt sich ein Zusammenhang zwischen dem Umfeld und dem Wohlbefinden erkennen? Wie beeinflußt die Einstellung von LehrerInnen, Kindergartenpersonal und ProfessorInnen die Meinungen der betreuten Kinder, SchülerInnen und StudentInnen? Haben die ersten Lebensjahre in der Familie mehr Einfluß auf die charakterliche Prägung als spätere Medienpropaganda? Können Widersprüche oder Übereinstimmungen in den Fernseh- und Zeitungsberichten der drei größten Medien eines Landes die Wertehaltung der Bevölkerung beeinflussen? Läßt sich der Einfluß eines Informationsmonopols zumindest in einem Laborexperiment ungefähr mit der Vorbildwirkung von Freunden, Eltern usw. vergleichen? Muß ein Gegenpol zur Werbung eingefordert werden, indem jede werbende Firma gleichzeitig mit der Hälfte des Werbebudgets freie Meinungsäußerung zu unterstützen hat? Eine Klärung solcher Fragen erscheint heute dringlicher als die Erforschung der Superstrings und interstellarer Räume.
Erich Fromm hat übrigens bereits in den 70er Jahren ähnliche Fragen gestellt siehe dazu auch 4.4. Plakatflächen könnten z.B. zur Hälfte weiß sein, um für Kommentare der durch das Plakat "informierten" Konsumenten zu bieten. Im Fernsehen könnte die halbe Werbezeit bei gleichen Werbekosten für die Präsentation der Ergebnisse von öffentlichen Laien-Videowettbewerben zur Verfügung gestellt werden. Solche Veranstaltungen erfreuen sich großer Beliebtheit, wie etwa der österreichische "Popodrom" Bewerb für Nachwuchsbands. Ich kenne viele engagierte Menschen, die solchen Überlegungen nachgegangen sind, aber von systematischer Forschung in diesem Bereich kann keine Rede sein.
1.4.9 Hinweise aus Psychologie und Psychiatrie zum Verständnis der Umweltkrise
Nach diesen Anregungen können wir uns abschließend einigen psychologischen Grundlagen bzw. Spekulationen im Zusammenhang mit der Umweltkrise zuwenden. Bemerkenswert ist zunächst, daß die bevorstehende Krise zwar registriert wurde, was aber bis jetzt zu keinen entsprechenden Konsequenzen geführt hat.
Lange nach Lorenz' "Todsünden der Zivilisation" führte Verbeek 1990 den Begriff der "Destruktive Trias" ein, die gesellschaftliche Lernfähigkeit und notwendige Verhaltensänderungen blockiert. Kurt Egger hat die drei destruktiven Kräfte mit ihren positiven Interpretationen ergänzt, und mit Riemans vier Grundformen der Angst in Zusammenhang gebracht. "Dominanzverhalten" (1) kann sich in Form eines Kommunikationsmittelpunktes sowie als "kompetente Autorität" positiv bemerkbar machen, aber auch als diktatorische Gewalt und ineffiziente Kontrollstruktur a là Big Brother in Erscheinung treten. Die positive Rolle der Dominanz im Sinne der für jede Kommunikation notwendigen Normenbildung (vermittelnde Kompetenz, siehe auch 3.2.5) und Moderation muß meiner Meinung nach die für eine evolutionäre Ordnungsbildung hinderliche hierarchische Herrschaftsdominanz ablösen. Die Moderation dient hauptsächlich dazu, beschränkte Zeit und begrenzten Umfang an kommunizierbaren Inhalten zu berücksichtigen. Dieser notwendige Paradigmawechsel in der Politik wird im ersten und fünften Abschnitt behandelt.
Die "Illusionsfähigeit" (2) kann als Leichtsinn und Vernachlässigung von offensichtlichen negativen Folgen auftreten, positiv ist der Aspekt der Flexibilität und die Erhaltung der Handlungsfähigkeit in auf den ersten Blick aussichtslosen Situationen. Sie kann mit dem überlagerten chaotischen Verhalten der Gehirnneuronen und der Ausschaltung des Evaluierungsschrittes (Verstandesprüfung des "Überich", Plausibilitätstest) beim Problemlösen im assoziativen, spielerischen Versuchs-Irrtumsverfahren erklärt werden. Die beim Sprachverstehen erwähnten Mechanismen "Kontext" und "Fokus" (4.3.5) sind damit eng verwandt. In gewissen Zusammenhängen werden gewisse Bedeutungen vorrangig in Betracht gezogen, während andere ausgeblendet werden. Der Grund dafür dürfte in der begrenzten Zahl von gleichzeitig in Beziehung gebrachten Inhalten der menschlichen Informationsverarbeitung liegen. Miller beziffert sie mit sieben. Zum anderen unterliegen alle höher organisierten Lebewesen einem Zwang, rasch zu einer möglichst klaren, unkomplizierten Einschätzung einer Situation zu kommen. Dieser Zwang stellt die Grundlage jedes intelligenten Verhaltens dar.
Diese Fähigkeit wird auch in Träumen zum Auflösen seelischer Spannungen eingesetzt, in dem anstehende Probleme durch im nachhinein betrachtete abstruse Ersatzlösungen bereinigt werden. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, statt einem erfundenen "Happyend" einen Alptraum weiterzustricken. Illusionsfähigkeit kann auch mit "Zweckoptimismus" umschrieben werden, oder gemäß Neil Postmans Spruch: "Für jemanden mit einem Hammer sieht alles wie ein Nagel aus".
Zurück zur destruktiven Trias, die weiters aus dem "Agens-Zustand" (3) besteht, dessen positive Deutung in Solidarität, Mitgefühl und der Fähigkeit zu gemeinschaftlichen Unternehmungen liegt, allerdings auch zu Feigheit und Opportunismus und Mitläufertum führen kann. Beim kybernetischen Modell des menschlichen Verhaltens werde ich auf den enormen evolutionären Vorteil des sozialen Handelns, bzw. Kropotkins [Kropotkin10] gegenseitiger Hilfe hinweisen, die die Wurzeln für die im letzten Unterkapitel beschriebene kulturelle Evolution bilden. Zuletzt gilt es noch die "Wahrnehmungsfähigkeit" (4) zu umschreiben, die sowohl mit Sachlichkeit und Selbstkritik als auch mit Dogmatik, Fundamentalismus und Egoismus im Zusammenhang steht, deren Relativität und moderne Deutung im Zuge der Evolutionären Erkenntnistheorie (3.1) erklärt wird.
Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema wurde übrigens an andere, passende Stellen verlegt, die "Funktionslust" bei der Diskussion "nicht entfremdeter Arbeit".
1.4.10 Verfall der Liebe, Beispiele aus der Psychoanalyse
Erich Fromm legt in "Die Kunst des Liebens" dar, das die westliche Zivilisation und der aus ihr resultierende Geist der Entwicklung die Liebe erstickt. Kein objektiver Beobachter unseres westlichen Lebens wird abstreiten, daß die "Liebe", die Nächstenliebe, die Mutterliebe und die erotische Liebe bei uns eine relativ seltene Erscheinung ist und daß einige Formen der Pseudoliebe an ihre Stelle getreten sind, bei denen es sich in Wirklichkeit um ebenso viele Formen des Verfalls der Liebe handelt.
1.4.11 Jungs Kreis der seelischen Grundfunktionen
Zum Abschluß noch ein klassisches Schema der Psychologie: C. G. Jungs Kreis der seelischen Grundfunktionen, die von Kurt Egger mit Riemans Grundbedürfnissen der Seele kombiniert wurden [Wehrt96]. Zwischen den Grundfunktionen Denken, Intuieren, Fühlen und Wahrnehmen werden Zwischenstufen unterschieden. "Denken" erfolgt immer aus der Sichtweise des Selbst (vgl. Individualanarchismus, Max Stirner) und kann mit dem Grundbedürfnis nach Individualität assoziiert werden, dessen krankhafte Ausformung auf der Suche nach Distanz die Schizophrenie ist. "Intuieren" ist kombiniert mit Wandel und Abwechslung, Starrheit hingegen führt zu Hysterie, Überaktivität und Sprunghaftigkeit. "Fühlen" spielt eine wichtige Rolle im sozialen Leben, wir subsumieren unter diesem Begriff aber die gesamte subsymbolische, d.h. nicht an Sprache bzw. Zeichen gebundene ganzheitliche, bzw. parallelisierte Informationsverarbeitung, die weit über das aus der Psychologie bekannte Unbewußte hinausgeht, da sie alle nicht direkten erfahrbaren Teile des Lebensprozesses einschließen. Gefühle im zwischenmenschlichen Bereich verbindet Egger mit Zugehörigkeit, bzw. Einsamkeit und Depression, während der hier vertretene "erweiterte Materialismus" diese Empfindungen eher durch die evolutionären Faktoren der Fortpflanzung, der sozialen Ordnung sowie der damit verbundenen Kommunikationslust in Zusammenhang bringt, die letztlich nur eine genauere Untergliederung darstellen. Zuletzt wird "Wahrnehmen" mit Stabilität assoziiert, deren Fehlen Zwanghaftigkeit in der Suche nach neuer Stabilität in einem Regelkreis im Sinne des Konstruktivismus auslöst, die als Übereinstimmung von Erwartung und Wahrnehmung charakterisiert werden kann. In meinem Modell kann diese Grundfunktion mit dem auf der rationalen Ebene (symbolische Intelligenz) angesiedelten Faktor der "Verbesserung der Lebensumstände" und der dazu notwendigen Vorstufe zur Kommunikation, dem Schaffen eines inneren Modells der Außenwelt ("Sinnwelt" n. Berger) zur Abschätzung von zukünftigen Ereignissen in bestimmten Situationen verbunden werden.
[
| Zurück/Back: Christian's Homepage | © 1999 Christian Demmer (Mail) |