Eine Mitweltethik als postmoderne Überlebensphilosophie (Teil 0)


Autor: Christian Demmer mit Material von Univ. Doz. Dr. Weish

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Vorwort und Dank - [Zurück: Überblick]

Inhalt der einzelnen Abschnitte - ein Überblick


Einleitung

i. Ein weitverbreitetes Mißverständnis

ii. Meine Vorgangsweise oder die vier buddhistischen Weisheiten

iii. Ein modernes Welt- und Menschenbild

Erkenntnis bei Mensch, Tier und Maschine

Intelligenz als Erwartung bei Mensch und Tier

Von der individuellen zur gesellschaftlichen Erwartung: Kommunikation

Ein kybernetisches Modell des menschlichen Verhaltens

Der direkte Kontakt mit dem Körper als Quelle von "Bedeutung"

iiii. Ein "erweiterter" Materialismus/Strukturalismus als philosophische Grundlage

Exkurs: Ist "Bedeutung" metaphysisch, gibt es den Geist aus der Maschine?

iiiii. Beiträge der Naturwissenschaften zum Verständnis der Umweltkrise (We-2)

a. Toxikologischer Ansatz (Poison - Anthropozentrische Umweltethik)

b. Ökologisch, Ökotoxikologisch (Natural Balance - Biozentrische E., Holismus)

c. Entropie (Entropy - Physiozentrische u. holistische Umweltethik)

d. Konvivialität (Conviviality - Theozentrische Umweltethik)

e. Ein neuer Ansatz: Der humanökologisch-ethische Ansatz


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Vorwort und Dank

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem umfangreicheren Manuskript mit dem Titel "Eine Mitweltethik als postmoderne Überlebensphilosophie" das den/die LeserIn zu einer Entdeckungsreise durch die Welt der Philosophie, Ethik, Politik, Religion, Natur- und- Sozialwissenschaften verführen soll.

Die erwähnte Reise dient der Suche nach einer (Über-)Lebensphilosophie, die den Problemen des 21. Jahrhunderts gerecht wird. Ich werde die Ergebnisse am Ende in Form einer "Mitweltethik" bzw. eines ethischen ("Suche nach dem gemeinsamen Glück") und eines moralischen Appells ("Suche nach dem persönlichen Glück") zusammenfassen. Dieser Auszug vermittelt die naturwissenschaftlichen Grundlagen eines modernen, an der irdischen (bzw. kosmischen) Lebensgemeinschaft orientierten Weltbildes. Der hier vertretene Ethikansatz ist der Fortsetzung der Aufklärung verpflichtet. Im Einklang mit vielen in jüngster Zeit präsentierten Umweltethiken wird die Überwindung des ökonomischen und technokratischen Kalküls gefordert.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 1: "Adam und Eva 1" , gezeichnet vom Computerprogramm "AARON" [Graubard96]

Weitergehende Forderungen sind eine grundlegende "Geldreform", die Orientierung am "Leben" (vgl. z.B. "Subsistenz") und die Berücksichtigung menschlicher Grenzen bei der Gestaltung sozialer Systeme (z.B. Politik, Kultur, ...) ganz besonders im Zusammenhang mit der "gesellschaftlichen Kommunikation", deren Bedeutung ich noch ausführlich erläutern werde.

Der Hinweis auf die Naturwissenschaften im Zusammenhang mit ethischen Fragestellungen soll aber nicht zu der irrigen Annahme verleiten, daß diese Disziplinen aus sich heraus zufriedenstellende Antworten liefern können. Vielmehr verlangt die heute allgegenwärtige Ersatzreligion und Pseudophilosophie der "Technokratie" eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Zweck des ethischen Diskurses. Er muß von der zentralen Fragestellung nach "Menschlichkeit" (früher: Sittlichkeit) geleitet sein, die sich im Streben nach dem Guten, bzw. nach dem Glück und der Erfüllung äußert, und steht damit zum Teil im Gegensatz zu dem heute allgegenwärtigen Paradigma der "Effizienz". Allerdings brauchen dazu keineswegs die Erkenntnisse der Moderne und Postmoderne verleugnet werden. Ich möchte viel mehr zeigen, daß sich ein modernes Menschen- und Weltbild im Sinne einer fortgesetzten Aufklärung als Grundlage für ein neues Ethikkonzept eignet.

Zum besseren Verständnis des Textes soll auch der philosophische und politische Hintergrund des Autors vorgestellt werden, obwohl, bzw. gerade weil es sich um eine naturwissenschaftlich orientierte Arbeit handelt. Es entspricht meiner Auffassung von "Objektivität", meinen geistigen Hintergrund verständlich zu machen, ihn auch bei entgegengesetzten Meinungen zu suchen, und da wie dort kritisch zu hinterfragen — ganz im Sinne der später vorgestellten "Dialektik". Ein Versuch, einige wichtige politisch-philosophische Denkrichtungen vorzustellen und meine Favoriten aufzuzeigen, folgt deshalb im zweiten Abschnitt.

Zuvor möchte ich klarstellen, daß meine subjektiv gefärbten Antworten aus den genannten Gründen nicht als unumstößliche Dogmen mißverstanden werden dürfen. Sie sollen als Anregung zu eigenen, vielleicht abweichenden Antworten dienen. Deshalb sind schriftliche Rückmeldungen, bzw. Anmerkungen jederzeit (siehe "Kontakt").

Die häufig verwendeten Abkürzungen We-1, bis We-4 und St-1 bis St-4 sowie Literaturverweise der Form [Nachname/Jahr des Erscheinens] wie z.B. [Wagner64] sind Teil einer einfachen Geheimsprache, deren Bedeutung noch in der Einleitung (Teil ii: We-1 bis 4), im Fremdwortlexikon (Anhang) und im zweiten Abschnitt (St-1 bis 4) gelüftet werden. Ich glaube aber, daß weder die zahlreichen Namen, noch die Jahreszahlen z.B. im Abschnitt der Philosophiegeschichte eine besondere Rolle spielen, sondern viel mehr die vorgestellten Gedankengänge und ihre gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen.

Dem/der philosophisch geschulten LeserIn sei verraten, daß ich nach einem Streifzug durch die Philosophiegeschichte unter besonderer Berücksichtigung eines sich ständig verändernden Menschen- und Weltbildes eine kurze Einführung in die Ethik, Wissenschaftskritik und Technikbewertung geben werde. Besonderes Augenmerk habe ich auf den Hintergrund — aber auch die Grenzen — moderner materialistischer Strömungen gelegt, insbesondere die oft vernachlässigten Gebiete der Komplexitäts-, Chaos- und der Erkenntnistheorie, der Kybernetik und des Konnektionismus, wobei auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Darwinschen Lehre, dem Positivismus, Instrumentalismus, Konstruktivismus und dem Strukturalismus nicht fehlen darf.

Dann wird uns das menschliche Bewußtsein, dessen Ebenen der subsymbolisch- holistischen und symbolischen Intelligenz über die Sprache zu einem universellen Informations- und Kommunikationsbegriff führen. Diese Begriffsklärung soll helfen, die Bedeutung des biologischen, evolutionär gewachsenen menschlichen Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparates für die praktische Umsetzung der skizzierten Mitweltethik zu verstehen. Hierbei möchte ich eine adäquate, flexible "Sichtweise" bzw. Interpretation des Menschen und seiner Lebenswelt sowie entsprechende Rahmenbedingungen für die gesellschaftliche Kommunikation vermitteln, während klassische Weltveränderungskonzepte [Hinterberger96], [Loske96] eine untergeordnete Rolle spielen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch vor sogenannten "neuen Werten" warnen, die im Zuge der Ethikdiskussion wie Schwammerl aus dem Boden schießen. Es handelt sich dabei meist um einen unzulässigen "Abkürzer" auf dem Weg zu einem persönlichen, harmonischen Weltbild. Von solchen Werten profitieren in erster Linie die Eliten, die sie predigen.

Die zuvor erwähnten Ausführungen sollen ein flexibleres Bild von möglichen Gedankenmodellen und politischen Alternativen vermitteln, quasi als Gegenthese zu der heutigen Einschränkung des politischen Handlungsspielraums durch sogenannte "Sachzwänge" und eine fragwürdige Auffassung von Verantwortung und Demokratie. Viele dieser "Sachzwänge" entspringen schlicht und einfach einer falschen Dimensionierung sozialer Systeme. Als Beispiel möchte ich die riesigen "Nationalstaaten" nennen, die von Vertretern der "konservatistischen Strömung" (2.2) zur "heiligen, unantastbaren Kuh" erklärt wurden. Als Resümee dieser Kritik wurde eine neue Denkrichtung charakterisiert, die sogenannte "humanökologische Strömung". Sie entspringt dem Versuch, viele heute "in der Luft" liegende Ideen zu vereinen, wie die konsequente Fortsetzung der Aufklärung und Entmystifizierung, die Verarbeitung neuer Erkenntnisse der Naturwissenschaften, und auf der anderen Seite auch die Berücksichtigung des Gefühls ) [Picard97] im Hinblick auf eine ganzheitliche Sichtweise des Menschen und seines Wirkens in der Um- bzw. Mitwelt (Ethik), sowie seinem Weg zum persönlichen Glück, Frieden und einer inneren Harmonie (Moral).

Mein besonderer Dank gilt zunächst all jenen Menschen, die sich kritisch mit ihrer Lebenswelt auseinandergesetzt haben, in dem sie störende "Sachzwänge", "Dogmen" und vermeintliche "Naturgesetze" bzw. Gewohnheiten hinterfragten und entlarvten. Er gilt ganz besonders denjenigen, die versucht haben, ihre Einsichten durch die praktische Umsetzung zu verfeinern, und anderen Menschen zugänglich zu machen, z.B. indem sie sich der "aktiven Gewaltlosigkeit" verschreiben, bzw. gegen Militarismus engagieren wie Steve Atrib, Irmgard Ehrenberger, Ernst und "Sandwich", Ce und H.E., Matthias Reichl, Markus Kemmerling, Peter Steyrer und viele mehr, aber auch Ökonomen, die versuchten ihre Lehre zu "er"-leben, wie Silvio Gesell und der österreichische Militärgegner, Philosoph und Ökonom Pierre Ramus.

Ermöglicht haben diese Arbeit unermüdliche Sponsoren, nämlich meine Familie, die zudem geduldig meine Monologe ertragen und kommentiert hat, sowie die österreichischen SteuerzahlerInnen, die mir eine bescheidene Kinderbeihilfe und freien Hochschulzugang sicherten. Ich biete mit der Veröffentlichung dieser Arbeit meine allen Menschen zugängliche Gegenleistung.

Das ungewöhnliche, aber hoch aktuelle Thema dieser "technischen Diplomarbeit" verdanke ich meinem Betreuer Univ. Doz. Dr. Peter Weish, der von Herrn Bednar, dem Vater des mittlerweile eingesparten "Aufbaustudiums für technischen Umweltschutz" eingeladen wurde, eine "Umweltethikvorlesung" vorzutragen. Herr Weish hält außerdem eine Vorlesung über Humanökologie für verschiedene Studienrichtungen der Universität für Bodenkultur. Wegen seines Engagements gegen die Atomlobby, wegen seiner wissenschaftlichen Kompetenz und seiner Aufgeschlossenheit wird er regelmäßig zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen eingeladen. Auf diesem Wege habe ich ihn auch kennen und schätzen gelernt, übrigens lange vor meinem Aufbaustudium, das ich durch diese zweite Diplomarbeit abschließen will. Er hat mir außerdem die Unterlagen seiner Vorlesung für diesen Text zur Verfügung gestellt.

Womit schon die Brücke zu meinem bereits abgeschlossenen Grundstudium geschlagen wäre, das der Informatik, bzw. der Informations- und Computerwissenschaften. Meine erste Diplomarbeit behandelt die Umsetzung maschineller und biologischer Sprachverarbeitung, die ich im dritten Abschnitt kurz ansprechen werde. Meine Erfahrung auf diesem Gebiet, das von der Psychologie, Biologie über die Erkenntnistheorie bis zur künstlichen Intelligenz und Wissensrepräsentation reicht, sind auf die Begegnung mit Univ. Ass. Dr. Thomas Grechenig zurückzuführen, der mich für das Wahlfach der "Künstlichen Intelligenz" begeistern konnte. Von ihm habe ich die Idee der "Mikroweltmodellierung" als Basis zum Sprachverstehen und zur adäquaten Präsentation von Wissen und Kompetenz (Funktionalität) übernommen. Eine spannende Einführung zu diesem Thema genoß ich am Institut für medizinische Kybernetik und künstliche Intelligenz der Universität Wien. Eine empfehlenswerte Einführung in die Geschichte der Moderne gibt Prof. Mitchell G. Ash an der Universität Wien.

Bedanken möchte ich mich weiters bei meinem Studienkollegen Mario, der mir eine lebendige und informative Einführung in die griechischen Philosophie zur Verfügung gestellt hat, die aber leider in diesem Auszug keinen Platz gefunden hat, sowie bei allen Freunden und Bekannten, die mich mit hilfreichen Informationen und Artikeln versorgt haben.

Inhalt der einzelnen Abschnitte - ein Überblick

Eine kurze Darstellung des theoretischen Überbaus wurde bereits im Vorwort gegeben, eine etwas detailliertere Zusammenstellung bietet die Einleitung. Es folgt nun ein Streifzug durch die einzelnen Abschnitte dieses Auszuges. Im Anhang gebe ich einen Überblick über verkürzte bzw. ausgesparte Kapitel, die im vollständigen Manuskript "Eine Mitweltethik als postmoderne Überlebensphilosophie" nachgelesen werden können.

Zunächst werden im ersten Abschnitt die Begriffe "Ethik" und "Moral" vor dem Hintergrund der Sozialwissenschaften und der Biologie eingeführt. In einem Beitrag mit dem Titel "Umweltschutz und Politik" hat der deutsche Religionsphilosoph Georg Picht 1971 einleitend geschrieben: "Beim Umweltschutz geht es um die Frage, ob das Überleben des Menschen in einer gefährdeten Welt noch gesichert werden kann, oder ob es dafür nicht schon zu spät ist." Ich werde deshalb in der Folge die Entwicklung einer modernen Ethik skizzieren, die davon ausgeht, daß das Überleben des Menschen nur durch eine für jeden/jede nachvollziehbare Ehrfurcht vor allem Leben garantiert werden kann. Für diese "Mitweltethik" wird der historisch gewachsene Ethikbegriff erweitert, unter anderem durch die ganzheitliche Betrachtungsweise der Schicksalsgemeinschaft (We-2) Mensch und Natur, die sich etwa im "vorsorgenden Wirtschaften" äußert.

Die damit verbundene Forderung der Bergpredigt nach einer "Ehrfurcht vor dem Leben", war Albert Schweitzer ein besonderes Anliegen, der gemeinsam mit Hans Jonas das Fundament für den erwähnten Ethikansatz geliefert hat. Ich stelle auch noch andere Ethikkonzepte vor und biete konkrete Beispiele für ihre mehr und weniger erfolgreiche Umsetzung, wie z.B. die "Befreiungstheologie", die "aktive Gewaltfreiheit", sowie tier- und menschenversuchsfreie Forschung. Ein eigenes Kapitel wurde den psychologischen Aspekten der Umweltkrise gewidmet, wie Technokratie, Betriebsblindheit und einem bemerkenswerten Realitätsverlust.

Da ich im zweiten Abschnitt selbst ernannte "Konservative" besonders scharf angreifen werde, möchte ich von Beginn an klarstellen, daß ich die Notwendigkeit bzw. Bedeutung von Normen, Hierarchie und Dominanz im gesellschaftlichen Leben keineswegs leugne. Im Rahmen der hier vorgestellten Ethik können diese Konzepte aber heute keineswegs mehr als "sittliche Vorgaben" akzeptiert werden. Sie spielen aber eine wichtige Rolle für jede Form der Kommunikation — siehe 3.2.5 und 5.4. Politische "Führung" hat sich als vermittelnde Kompetenz (kompetente Autorität) und durch die Moderation einer partizipativen Entscheidungsfindung (eigentlich "Realitätserfindung") zu äußern, um in einer Gesellschaft trotz beschränkter Zeit und Menge an kommunizierbaren Inhalten rasch auf notwendige Änderungen reagieren zu können. "Vermittelnde Kompetenz" soll deshalb die für eine evolutionäre Ordnungsbildung hinderliche hierarchische Herrschaftsdominanz als politisches Ideal ablösen. Bruno Gideon empfiehlt auch für Unternehmen einen derartigen "Kooperativen Führungsstil". Läuft trotzdem etwas schief, so haben sich alle verantwortlich zu fühlen, die die zugrunde liegende Kompetenzaufteilung akzeptiert haben — in diesem Sinne ist auch die später abgeleitete "Verantwortungs- bzw. Zukunftsethik" zu verstehen. Der richtige Umgang mit "Kritik" und "Korrektur" ist im politischen, wirtschaftlichen und auch im privaten Leben eine wichtige Voraussetzung für ein harmonisches Zusammenleben.

Im zweiten Abschnitt werde ich mein philosophisches und politisches Umfeld erläutern und eine praktisch orientierte Einteilung verschiedener stereotyper Denkrichtungen geben, auf die ich in den folgenden Kapiteln regelmäßig verweise. Auf die Rollen der einzelnen naturwissenschaftlichen Disziplinen in der aktuellen Umweltdebatte werde ich zuvor in der Einleitung (iiiii.) eingehen. In 2.3 formuliere ich schließlich einen darüber hinausweisenden Blickwinkel der "humanökologischen Sichtweise".

Der Ethikbegriff führt uns im dritten Abschnitt tief in die Geschichte der Philosophie. Statt an die zeitgeistige Umweltethikdiskussion anzuknüpfen, sind die philosophischen und politischen Wurzeln heutiger Wertvorstellungen und der damit verbundenen Ethiken kritisch durchleuchtet worden, um schließlich ein modernes Fundament alternativer Denkschulen zu skizzieren. In diesem Zusammenhang gehe ich auf die historische Entwicklung verschiedener Welt- und Menschenbilder ein. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Evolution geistiger und kultureller Fähigkeiten, die vor dem Hintergrund einer erweiterten materialistischen bzw. konstruktivistischen Philosophie (vgl. auch "Strukturalismus" und iiii) erläutert werden.

Diese Betrachtung schließt damit verbundene Entdeckungen in der Physik, Chemie, Biologie und der Technik im allgemeinen ein. Geschichte wird generell als Evolution verstanden. Ich spanne einen weiten Bogen von der abiotischen über die biologische bis hin zur kulturellen Evolution. "Entwicklung" muß in diesem Zusammenhang aber nicht unbedingt im Sinne Spencers verstanden werden, der von einer langsamen Erhöhung der Komplexität und einer Annäherung an eine (subjektive) Vollkommenheit ausgeht. Der Zuwachs an Komplexität kann nämlich wieder verloren werden, z.B. in der menschlichen Kultur, als "Know How", vgl. auch das Aussterben von Arten.

Bei dem Studium dieser Veränderungen sind unbedingt die Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Kommunikation bzw. die Erkenntnisfähigkeit des einzelnen Individuums in Betracht zu ziehen, weiters die Rolle des Sozialdarwinismus, der Newtonschen Mechanistik bzw. des Determinismus und Instrumentalismus. Die Theorie menschlicher Rassen und der verwandte biologistische Ethikansatz sowie diverse esoterische Strömungen sind in 2.2.5 und 2.4 kritisch hinterfragt worden.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 2: Newtons Apfel am Titelblatt der überkommenen "Principia Mathematica" [Dunham96]

Der vierte Abschnitt über Wissenschaft, Technik und Ökonomie ist eng mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Wissenschaften verbunden, siehe auch iiiii in der Einleitung. Die von der Philosophie ursprünglich übernommene Rolle, die Erkenntnisse der einzelnen Fachbereiche im Alltag nutzbar oder zumindest verständlich zu machen, ist heute leider verloren gegangen.

Am ehesten gelingt es heute den PhysikerInnen, universelle Methoden und Interpretationen (We-2) zu entwickeln, vgl. z.B. [Deutsch97]. Nur wenige hervorragende Geister können aber naturwissenschaftliche Erkenntnisse technischen Laien zugänglich machen. Die Frage nach dem Nutzen zum Wohle der Allgemeinheit wurde bei den meisten der neuartigen Technologien niemals ernsthaft gestellt. Stattdessen begnügt man sich damit, eine Fülle von zivilen Alibianwendungen (We-1,2) für die Steckenpferde der Militärs und High-Techkonzerne zu nennen, wie die Bekämpfung des weltweiten Hungers durch Gentechnologie und die "Lösung" der Energieprobleme durch die Kernkraft. In meiner kritischen Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex wird das Märchen von der Wertfreiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft angesprochen, auch die sogenannte Beschleunigungskrise kommt zur Sprache. Es handelt sich dabei um den zum Scheitern verurteilten Versuch, durch unreflektierten Technikeinsatz verursachte Katastrophen mit Hilfe noch aufwendigerer technischer Lösungen reparieren zu wollen. Die TechnokratInnen des 21. Jahrhunderts berufen sich auf den "Instrumentalismus" als philosophische Grundlage. Erklärungen, Interpretationen sowie mögliche Folgen wissenschaftlicher Thesen werden bewußt ignoriert, nur der praktische Nutzen, z.B. zur Vorhersage zählt.

Alternative Vorschläge im vierten und fünften Abschnitt konzentrieren sich auf einen neuen Verantwortungsbegriff (siehe 1.2.2, z.B. tierversuchsfreie Forschung), sowie auf eine an Nachhaltigkeit und Ökologie orientierte Technik und Ökonomie.

Herman Dalys Modell einer modernen Ökonomie [Daly89] wendet sich von der an der Unternehmenspraxis orientierten Volkseinkommensrechnung mittels Bruttosozialprodukt ab. Er stellt "Bestände" in den Mittelpunkt ökonomischer Überlegungen, die mit einem gewissen Arbeits- und Kostenaufwand durch Energie- und Materialströme genutzt werden können, siehe auch 5.1 und 5.3. Ein großer Unterschied zur neoklassischen Wachstumstheorie liegt darin, daß diese "Ströme" nicht akkumuliert, d.h. gehortet werden können. "Bestände", sind innerhalb vorzuschreibender ökologischer und sozialer Rahmenbedingungen zu stabilisieren. Ständig wachsen soll nur Effizienz der Wohlfahrtsleistung eines dabei nicht verbrauchten Bestandes. Er schlägt als neue bestimmende Wohlstandsparameter Leistungs-, bzw. Wohlfahrtseffizienz des Durchflusses und der Vermögensbestände sowie die "Bestanderhaltungseffizienz" des Durchflusses vor. Verwandte Themen sind die "Forschung zum Wohle der Allgemeinheit", die sogenannte "Alltagsforschung", das nicht zerstörende Experiment und der "Selbstversuch".

Im fünften Abschnitt werden Politik und Wissenschaft auf ihr Verhältnis zu einer neuen Umweltethik und zur dringend notwendigen Durchsetzung ökologisch- ökonomischer Alternativen untersucht. Eingangs werden wir uns mit einer "Bestandsaufnahme" der Umweltkrise (Begriffsklärung: Nachhaltigkeit, Tragfähigkeit und Technologiebewertung), anschließend mit einer Bestandsaufnahme der ökonomischen und politischen Krise des anbrechenden 21. Jahrhunderts beschäftigen. In 5.5.3 skizziere ich die Entwicklung einer mehrstufigen Zivilisation als Antwort auf die Risikogesellschaft. Zudem muß ein besonders heimtückischer Mechanismus unseres Geld- und Wirtschaftssystems im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung überwunden werden, der Boden, Miet- und Kapitalzins, siehe 5.3 und [Kennedy90]. Wenn wir uns diesen kapitalistischen "Kardinalproblemen" nicht stellen, würde auch die bestmögliche Organisation des Rechts-, Steuer- und Gesundheitswesens langfristig durch vorprogrammierte periodische Krisen eines solchen Systems zunichte gemacht. Daß es auch anders geht, zeigen erfolgreiche, bereits umgesetzte Alternativen wie Tauschkreise und LETS.

In diesem Zusammenhang wird auch die Idee des Naturschutzes untersucht, und zwar sowohl von ökologischer als auch von der entgegengesetzten, individualistischen Sichtweise aus (z.B. der TierschützerInnen).

Anschließend widme ich dem Informationsbegriff im Zusammenhang mit dem beschränkten, evolutionär gewachsenen menschlichen Erkenntnisapparat, der elektronischen Demokratie und des gleichzeitig drohenden Überwachungsstaates ein eigenes Unterkapitel, siehe 5.4. Es gilt die bis jetzt nicht in vollem Umfang erkannte Bedeutung der zwischenmenschlichen Kommunikation als limitierenden Faktor in der Politik zu durchleuchten. Die Wichtigkeit einer "gemeinsamen Sprache" (siehe 4.3.5) bzw. "einer gemeinschaftlich konstruierten Realität" für die gesellschaftliche Kommunikation soll die folgende kleine Analogie verdeutlichen: Heute wird viel über Ziele und Wege diskutiert. Solche Diskussion verlaufen heute aber meist fruchtlos im Sand, die Begriffe "Utopie" und "Weltverbesserer" sind zu Schimpfwörtern verkommen. Wir haben nämlich keine gemeinsame "Karte" unserer Welt mehr — wie sollen wir da über Ziele und Wege diskutieren? Jedes Symbol auf der Karte, jede Verbindung muß neu ausdiskutiert werden, wobei alle beteiligten Menschen einzubeziehen sind! Erst dann bekommen unsere Worte wieder Sinn, und wir können daran gehen, mit Hilfe dieser gemeinsamen Karte unserer Lebenswelt (Weltbild) Pläne zu schmieden, Ziele zu setzen und Wege zu diskutieren. Die kommerzialisierte (Massen)-Medienwelt sabotiert dieses Vorhaben durch eine der "Masse" aufgedrängte, vereinfachte Karte, die hauptsächlich Sachzwänge und Symbole der Geldherrschaft beinhaltet. Wie soll mit so einer Planungsgrundlage ein Weg aus der Krise gefunden werden?

Das letzte Kapitel im fünften Abschnitt (5.5) habe ich ganz der vierten buddhistischen Wahrheit (We-4) gewidmet, d.h. es geht um die Umsetzung von alternativen Lösungsvorschlägen. Ich konzentriere mich vor allem auf die "Schaffung von geeigneten Rahmenbedingungen bzw. Sichtweisen" und die Möglichkeiten der ökonomischen und politischen "Selbstorganisation". Dieses den vorangegangenen naturwissenschaftlichen Studien entlehnte Prinzip zur aktiven Mitgestaltung (We-3,4) hat sich auch in der Idee der "freien Marktwirtschaft" bewährt. Die Verwaltungs- und Betrachtungseinheiten der "Weltwirtschaft" sind aber zu groß gewählt worden, um allgemeine Mitbestimmung und persönliche Verantwortung zu ermöglichen. Der Zugang zur gesellschaftlichen Kommunikation wird der großen Masse der Bevölkerung zu Gunsten einer kleinen Elite verwehrt, bzw. durch massenmediale Fernsteuerung und Zerstreuung ersetzt.

Während Tiere einen Großteil ihrer Zeit für Spiele, Muße und soziale Kontakte nutzen, hat die zu Beginn des fünften Abschnitts erläuterte "Beschleunigungskrise" die Menschheit in eine geistige Zeitkrise getrieben, die durch den Wahn charakterisiert werden kann, daß jede Minute "sinnvoll" genutzt werden muß, ohne daß wir eigentlich sagen könnten, worin dieser "Sinn" bestehen soll. Eine moderne Ethik muß daher die verhängnisvolle Sinnfrage und die damit verwandte "Gesinnungsethik" überwinden, und zu einer ständig zur Wachsamkeit mahnenden "Verantwortungsethik" übergehen, die im ersten Abschnitt auch als "Zukunftsethik" bezeichnet wird. Am Ende des fünften Abschnitts wird eine kurze Zusammenfassung der gewonnen Erkenntnisse gegeben.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und Grübeln. Die Kapitel beleuchten verschiedene Facetten einer neuen, tiefgründigen und gleichzeitig auch flexiblen Sichtweise (We-2) unserer Situation als ErdenbewohnerInnen. Diese Sichtweise soll helfen, uns durch die angedeuteten Alternativen (We-3) aus dem nicht zu übersehenden Sumpf (We-1) zu ziehen (We-4). Jede/r kann dazu beitragen, in dem er bzw. sie die hier zusammengetragenen Gedanken verbreitet, ergänzt und verbessert.

Einleitung

Wer andere kennt, ist gescheit, wer sich selbst kennt, ist weise.

Wer andere besiegt, hat Muskelkraft, wer sich selbst besiegt ist stark.

Wer genügsam ist, ist reich; wer sich durchsetzt hat Willenskraft.

Wer seine Mitte nicht verliert, der überdauert, wer stirbt, und doch nicht umkommt, der lebt.

Wer seinen Mund schließt, sich von Sinneseindrücken frei macht, kommt nicht in Gefahr. Wer seinen Mund aufsperrt, sich in Geschäftigkeit verstrickt, dem ist sein Leben lang nicht zu helfen.

Zitat: Lao Tse

i. Ein weitverbreitetes Mißverständnis

Dieses Zitat Lao Tses bedarf einer kurzen Erläuterungen, die alle wichtigen Aspekte der vorliegenden Arbeit anspricht. Forderungen der östlichen Philosophie wie "verstricke dich nicht in Geschäftigkeiten" werden in westlichen Sphären oft als Aufruf zur Apathie mißverstanden. Dahinter steckt aber nicht unbedingt ein Aufruf zur Askese, sondern die triviale Erkenntnis, daß sich Bedürfnisse öfters erfüllen werden, je leichter jemand zufriedenzustellen ist. Auf die verwandte "paradoxe Logik" Lao Tses werde ich noch zurückkommen.

Lao Tse ermuntert also nicht zur Apathie, sondern fordert von uns die "Selbstsuche", ein moderner Ausdruck wäre etwa "Selbstentfaltung" aber auch die Suche nach Harmonie zwischen dem Erleben, Handeln und den Gefühlen. Wenn wir uns bewußt machen, wie weit wir heute als Menschen bereits in das Weltgeschehen eingreifen, so darf es nicht verwundern, daß unsere Sichtweise, unsere Träume und Alpträume wie selbst erfüllende Prophezeiungen sehr schnell Wirklichkeit werden. Leider erfüllen sich die meisten unserer Träume aber nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Warum das so ist, werde ich in späteren Kapiteln zu erklären versuchen.

Im Sinne des "Konstruktivismus" (er)schaffen wir die Welt, wie wir sie sehen, eigentlich erst mit Hilfe unseres "Erkenntnisapparates", der grob in das Gehirn, das sonstige Nervensystem und die Sinnesorgane gegliedert werden kann. Wie die Welt "wirklich ist", bleibt uns zu einem großen Teil verborgen — auch damit werden wir uns noch befassen müssen. Die Reise in unser Selbst, bzw. in unseren "Welterschaffungsapparat", der nicht nur im Kopf, sondern im gesamten menschlichen Körper zu suchen ist, kann deshalb viel mehr bewirken, als in westlichen Denkschulen lange Zeit angenommen wurde. Wenn Lao Tse zur "Selbstsuche" auffordert, so kritisiert er andererseits keineswegs Muskel- und Willenskraft, er ruft viel mehr dazu auf, das "geschäftige Leben" kennenzulernen, um ein klares Bild vom "Selbst" und der Umwelt zu entwickeln. Dieser Prozeß läßt sich mit "konsequenter Aufklärung", bzw. "Schaffung eines Weltbildes" umschreiben. Lao Tse sagt auch "Wer andere kennt ist gescheit".

Wenn wir auch noch die Frage stellen, wohin uns die Reise in unser Selbst führen soll, sind wir bereits auf den Aufgabenbereich der Ethik gestoßen. Eines der wichtigsten Ziele des "rechten Weges" ist, ihn mit unseren Gefühlen in Einklang zu bringen, etwa im Sinne von Proudhons "Gegenseitigkeit" im Verkehr mit Menschen, Erich Fromms "paradoxer Logik" oder dem achtfachen Weg der vierten buddhistischen Wahrheit (siehe iii). Eine geläufigere Umschreibung wäre die gesunde Portion "Hausverstand" bzw. Vernunft, die uns helfen sollen, ein "erfülltes" Leben zu führen.

Es ist dann auch gar nicht ausgeschlossen, daß das Grübeln uns lehrt, in Askese zu leben, uns der angesprochenen Apathie hinzugeben, bzw. uns in uns selbst zu versenken — aber nicht bloß aus Faulheit oder Ängstlichkeit, sondern aus Überlegung, bzw. auf Grund von Erfahrungen. Ähnlich mag es sich mit der Bedeutung von Konsumgütern und dem "Segen der Technik" verhalten, aber auch mit dem heute allgegenwärtigem Streß und schließlich der ganzen "Geschäftigkeit" selbst. Lao Tse sagt: "Wer seinen Mund schließt, sich von Sinneseindrücken frei macht, kommt sein Leben lang nicht in Gefahr."

Das angesprochene Ziel kann übrigens auch nicht durch ein Formelwerk aus Naturgesetzen abgeleitet werden, wie das sogenannte "biologistische" und "positivistische" Denkschulen lehren. Der Grund liegt einfach in der Unergründlichkeit des persönlichen, menschlichen Wohlbefindens und in der unbestimmten, (nicht deterministischen) chaotischen Natur der Welt, so wie sie jedenfalls in der modernen Physik gesehen wird.

Eine das ganze Leben andauernde Abfolge von Versuchen, Irrtümern und Erfolgen zusammen mit ständigen Korrekturen auf der Basis des persönlichen Weltbildes (empirische Erfahrungen) scheint viel eher die zielführende Methode zu sein, wenn man/frau die gut dokumentierten biologischen Wurzeln der Menschheit in Betracht zieht. Die zu Grunde liegenden biologischen Prozesse lassen sich aber nur sehr schwer in einer "absoluten Zeit" beschreiben, und können nicht mittels eines vorgegebenen Zeitplans "programmiert" werden. Das maßgeschneiderte Rezept zum Glücklichsein gibt es nicht.

Wozu jemand an einem bestimmten Morgen Lust hat, läßt sich mit herkömmlichen Methoden nicht am Vortag planen. Schlaf kann nicht beschleunigt werden, ebensowenig das Konsumieren von Unterhaltung. Wo die Grenzen des Raubbaus an der Natur liegen, wie schnell z.B. Ressourcen entnommen, oder Müll zurückgegeben werden kann, läßt sich schon deshalb nicht "berechnen", weil wir uns nicht einmal einig sind, wie die Folgen unseres Tuns zu bewerten wären. Dieses Problem ließe sich auch nicht aus der Welt schaffen, wenn wir die genannten Folgen genau abschätzen könnten. Außerdem bleibt uns dieser Blick in die Zukunft aus den eingangs erwähnten Gründen ohnehin verwehrt. Statt nach allgemeingültigen Verhaltensregeln zu suchen, müssen wir uns wieder auf die persönliche, unmittelbare Selbstverantwortung besinnen.

Deshalb reicht es auch nicht, ein von Anderen vorbereitetes Weltbild oder Lebensrezept zu übernehmen. Das birgt immer die Gefahr, daß dabei die Welt zum Vorteil der Rezeptverkäufer "verzerrt" wurde (Propaganda, Medienmanipulation, die "reine Lehre" der Religionen und Sekten ...).

Der Weise hingegen, der um die Bedeutung seiner Möglichkeiten in der Welt weiß, mag es eines Tages durch seine Erfahrung z.B. für hinfällig halten, seinen Mund zu öffnen, wie das Lao Tse beschloß. Auf dem Weg in die Wüste hat ihn glücklicherweise ein Torwächter gebeten, seine Erkenntnisse aufzuschreiben, bevor er die Stadt für immer verließ. Diesem Wächter verdanken wir angeblich alle Überlieferungen des Meisters.

Da wir aber wahrscheinlich nicht mit soviel Weisheit gesegnet sind, mögen wir uns vielleicht zu weniger drastischen Konsequenzen entschließen, z.B. statt dem Sprechen das Rauchen aufzugeben, oder die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen. Unser so beeinflußtes Denken und Fühlen wird unser Erleben, und eines Tages auch unsere physische Lebenswelt verändern. In jedem Falle müssen wir derartige Entscheidungen selbst treffen und verantworten, denn "wer sich selbst kennt ist weise." Wir können deren Erfolg nur an unserem persönlichen Gemütszustand und Wohlbefinden messen, übrigens ganz im Sinne der heute allerdings schon überholten naturwissenschaftlichen Methodik Karl Poppers [Popper73, 82], die in der Interpretation von David Deutsch [Deutsch97] neue Aktualität erlangt hat. Wer diese Vorgangsweise überzeugend findet, handelt eigentlich schon im Sinne der hier vorgestellten "Mitweltethik".

Dummerweise haben wir uns angewöhnt, oft genau das Gegenteil von dem zu tun, was wir eigentlich tun wollen. Mit dieser Gewohnheit zu brechen, und einen harmonischen Mittelweg zwischen der totalen Auslieferung den Gefühlen gegenüber und der völligen Mißachtung der selben zu suchen, ist das Ziel der hier vorgestellten "Umwelt-", bzw. "Mitweltethik".

ii. Meine Vorgangsweise oder die vier buddhistischen Weisheiten

Die folgenden "vier buddhistischen Wahrheiten", oder besser übersetzt mit "Weisheiten", werden unsere Suche nach einer neuen Sichtweise unserer Lebenswelt ständig begleiten:



Im Zusammenhang mit We-1 und We-2 möchte ich auch auf die erste "dialektische Stufe" von Karl Marx hinweisen: "Erkenntnis": z.B. die bisherige Geschichte als "eine der fortschreitenden Selbstentfremdung des Menschen zu erkennen (2.2)". We-3 entspricht der "Kritik": Messen der gesellschaftlichen Wirklichkeit am Ideal des Gemeinwesens und der "wahren Bestimmung" (2.3) des Menschen, We-4 dem "Handeln": Idee und materielle Wirklichkeit müssen versöhnt werden. Diese mit Vorsicht zu genießenden Begriffe werde ich im zweiten Abschnitt ausführlich besprechen, etwa die tückische "wahre Bestimmung" des Menschen (2.3).

Über den "Weg zum Ende des Leidens" (We-4), zum Nirwana, sagte Buddha (563 v. Chr.): "Menschen, die von Leidenschaft übermannt werden und von Dunkelheit umgeben sind, können diese Wahrheit, die gegen den Strom geht und die erhaben, tief, hintergründig und schwer verständlich ist, nicht sehen." Der Mensch solle einen mittleren Weg zwischen Überfluß und Askese suchen. Die Wahrheit liegt hierbei aber keineswegs in der Mitte, sondern in der harmonischen Abwechslung. In unseren Breiten ist die Redewendung "Frohe Feste und saure Wochen" vielleicht geläufiger.

Ich versuche abschließend eine auf westliche Verhältnisse abgestimmte Deutung des moralischen Appells der vorgestellten "vier Wahrheiten" zu geben. Der Appell basiert auf einer Analyse des später umrissenen "kybernetischen" Modells der menschlichen Psyche, (Geist, Seele) mit der wesentlichen Schlußfolgerung, daß auf dem Weg zum "persönlichen Glück" die Kontrolle bzw. Harmonisierung der Triebe und Bedürfnisse in erster Linie über einen "inneren" Pfad (Reise in/Hören auf sich selbst) etwa durch Meditation, Erfahrung und Gelassenheit führt, während die Alternative der "physischen Weltveränderung" auf Grund der Komplexität und Rückkoppelung biologischer, sozialer und ökonomischer Systeme mehr unliebsame Überraschungen als langfristige Erfolge erzielt.

Das unzureichende Wissen um die "physischen" Zusammenhänge darf aber trotzdem nicht vernachlässigt werden, da es auch für den "inneren Pfad" unerlässlich ist. Im Sinne des später vorgestellten Konstruktivismus verschwimmen die Grenzen zwischen "Innen" und "Außen" ohnehin, da wir in letzter Konsequenz in allen Überlegungen stets auf eine verinnerlichte, individuell "konstruierte" Welt zurückgreifen müssen. Der Großteil dieser Arbeit konzentriert sich aber auf eine kritische Durchleuchtung des "äußeren Weges" der Weltveränderung, und an einer Neuorientierung am "inneren Weg". Besonderes Augenmerk gilt mehr und weniger bekannten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die diese Überlegungen illustrieren. Das Wesen des "inneren Weges" kann nur am Rande behandelt werden. Ich gebe also keine Anleitung zur Meditation und dergleichen, empfehle aber zumindest die in 4.4 und 3.1.1.1 erwähnten alltagstauglichen Entspannungsübungen.

Der edle achtfache Weg der buddhistischen Lehre (We-4) umfaßt rechte Anschauung ("Nicht die Augen verschließen" ... wird später als Aufklärung bzw. Vernunft bezeichnet), rechtes Wollen (wird später als die Einstellung des angemessenen Gefühls im "erweiterten Materialismus" gedeutet), rechtes Reden (der gesellschaftliche, politische Aspekt, und die bedeutsame Rolle der Kommunikation für unser persönliches und gemeinsames Denken), rechtes Tun (der Schritt zur Umsetzung bringt oft erst die notwendigen Erkenntnisse, siehe erster Abschnitt und 5.5, Verantwortungs- statt Gesinnungsethik), rechtes Leben (damit verbinde ich den Hausverstand bzw. die Vernunft, im Konflikt des harten und des sanften Weges - siehe 1.2.3, kleine überschaubare Lebenseinheiten, sowie eine an der Ökologie des Menschen und seiner Mitwelt ausgerichtete Lebensweise, siehe 2.3) rechtes Streben (Mut statt Feigheit und Herdentrieb sowie Überwindung von Angst, etwa bei der "aktiven Gewaltlosigkeit", Eigenverantwortlichkeit), rechtes Gedenken (Nicht von sprunghafter Entwicklung träumen, evolutionäre Verbesserung aus Bewährtem, Geduld, "All design is re-design", wissenschaftlicher Ansatz: Literaturstudie usw., Ehrfurcht vor dem Leben, vor der Schöpfung) und rechtes Sichversenken (Einheit von Erleben, Handeln und Gefühl, Zeitökologie, Selbsterfahrung aus unmittelbarer, persönlicher Sicht, Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen unserer biologischen Repräsentation, d.h. mit unserem menschlichen, individuellen, einzigartigem Körper, Fähigkeit zur Konzentration und Sammlung, Bewußtmachen der persönlichen "Welterschaffung" im Sinne des "Konstruktivismus"). Auch die Vielschichtigkeit des Weges selbst, d.h. die Absage an einfache Problemlösungsrezepte finden wir in allen modernen philosophischen Ansätzen wieder.

Ich werde mich in den folgenden Kapiteln bemühen, mit Hilfe der Kürzel We-1 bis We-4 auf die eingangs vorgestellten Betrachtungsebenen hinzuweisen. Auch den zuvor erwähnten Aspekten des "achtfachen Pfades" werden wir noch öfters begegnen.


iii. Ein modernes Welt- und Menschenbild

Diese Arbeit verfolgt das ehrgeizige Ziel, eine Ethikdiskussion im Geiste der fortgesetzten Aufklärung zu führen, die jüngste Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften berücksichtigen will. Eine Flucht in esoterische Heilslehren wird ebenso abgelehnt, wie die von konservativen Kreisen gepredigte Glaubensphilosophie, die das Individuum zum Befehlsempfänger einer spirituellen Elite degradiert. Die soziale und ökologische Krise der Postmoderne zeigt aber auch deutlich, daß der naturwissenschaftlich orientierte, technokratische Ansatz keineswegs eine "schöne neue Welt" zu schaffen vermag. Darum kann auch das naturwissenschaftliche Paradigma des Positivismus und Instrumentalismus nicht kritiklos übernommen werden. Zudem ist seine Rolle im Zusammenhang mit ethischen Fragestellungen zu klären, denn es handelt sich weder um eine Quelle absoluter, bzw. objektiver Wahrheit, noch können naturwissenschaftliche Erkenntnisse die ethische Frage nach den gewünschten Zielen einer zukünftigen Entwicklung ersetzen.

Ich habe deshalb vorgeschlagen, die naturwissenschaftliche Disziplin der Humanökologie auf das Fundament eines erweiterten, dialektischen Materialismus und Strukturalismus zu stellen, der anschließend noch genauer umrissen wird. Vor diesem Hintergrund muß dann explizit die Grundfrage jeder ethischen Diskussion gestellt werden, nämlich wie das Menschengeschlecht langfristig bestehen könne, und in welche Richtung die weitere Entwicklung verlaufen soll. Hierbei ist menschliches Leben als "Prozeß" aufzufassen. Jede Sekunde produziert unser Körper etwa 7 Millionen Zellen neu, jeden Tag werden 600 Milliarden Zellen ausgeschieden. Unser Herz schlägt etwa 100.000 mal am Tag, die Haut wird einmal im Monat fast völlig erneuert. Die Existenz der Menschheit zu sichern bedeutet also, einen "komplexen Lebensprozeß" aufrecht zu erhalten. Die Aufgabe der Humanökologie ist es, diesen Prozeß bzw. das zu Grunde gelegte System zu analysieren um Gestaltungsmöglichkeiten abzuleiten [Krieger97]. Die Eigenzeit des betrachteten Systems erzwingt einem langfristigen Zeithorizont, weil ja von "der Menschheit" die Rede ist, und die existiert angeblich schon seit Millionen von Jahren.

Es ist bereits Einigkeit darüber erzielt worden, daß der menschliche Lebensprozeß eng verwoben mit allen anderen Lebensprozessen auf der Erde ist — das zu betrachtende System ist dementsprechend weit zu fassen. Eine Abstimmung mit diesen "äußeren Faktoren" ist eine notwendige Voraussetzung zur Aufrechterhaltung des menschlichen Lebens. Eine weitere notwendige Voraussetzung ist die Harmonisierung der "inneren Prozesse" wie gesellschaftliche Kommunikation, Ökonomie, Politik usw. Prinzipiell können sowohl äußere als auch innere Faktoren in diesem System verändert werden. Seit der Antike bereitet uns die Gestaltung der innergesellschaftlichen Prozesse die größten Schwierigkeiten. Zerstörungen und Leid, hervorgerufen durch Profitgier und Kriege überwiegen seit Jahrhunderten die durch Naturkatastrophen angerichteten Schäden.

Da es das Ziel einer Ethik ist, Handlungsspielräume zu erschließen und für langfristige Verbesserungen zu nutzen, muß sie sich auf die Gestaltung der "inneren Prozesse" (Teilprozesse) unter den Vorgaben der äußeren Faktoren beschränken. Diese Vorgaben dürfen aber keineswegs irrtümlich als "Gesetze", "Sachzwänge" usw. angesehen werden. Diese weitverbreitete Annahme widerspricht nicht nur der modernen Physik und Philosophie, sondern auch der Erfahrung im Alltag. Allerdings wird die Mär von einschränkenden Sachzwängen unablässig von der technokratischen Elite propagiert, um der passiven Masse glaubhaft zu machen, daß immer bloß das "Notwendige" unternommen wird — mehr darüber im letzten Abschnitt.

Zudem beschränkt die begrenzte Erkenntnisfähigkeit aller menschlichen Akteure unsere Gestaltungsmöglichkeiten ("Regelfähigkeit") auf vollständig erfaßbare Probleme im lokalen, persönlichen Umfeld [Foerster97] — wir sind für die bewußte Gestaltung der erwähnten "äußeren Faktoren" einfach zu "dumm" bzw. zu eingeschränkt. Der Glaube an die Gestaltungsmöglichkeit "äußerer Faktoren", wird umgangssprachlich treffend als der Versuch des "Weltverbesserns" umschrieben. Äußere Faktoren treten nämlich bloß als Störungen, Überraschungen usw. in Erscheinung. Sie werden im radikalen Konstruktivismus als "Perturbationen" bezeichnet, im Zusammenhang mit physikalischen Experimenten ist auch von "neu gewonnener Information" die Rede. Die Flexibilität eines Gesellschaftssystems kann daran gemessen werden, wie schnell solche "neu gewonnene Informationen" berücksichtigt werden.

Höhere stabile Ordnungen können nur durch Selbstorganisation stabiler Teilprozesse gewonnen werden [Vollmer75], [Riedl76], [Lorenz71]. Auf den Lebensprozeß umgelegt, dürfen die einzelnen Teilprozesse aber nicht die Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit des Einzelnen überfordern. Ein moderner Ethikansatz, aber auch entsprechende Gesellschaftsmodelle müssen diese Einsichten unbedingt berücksichtigen.

Erkenntnis bei Mensch, Tier und Maschine

Was ist aber eigentlich diese "Erkenntnis", oder noch einfacher gefragt, wie gelangt ein Lebewesen, bzw. ein erkennendes Wesen zu seiner persönlichen Realität? Spätestens seit Kant gehen viele Philosophen davon aus, daß das erkennende Subjekt und seine mentalen Fähigkeiten (z.B. das Bewußtsein eines grübelnden Menschen), die absolute, nicht mehr weiter zu hinterfragende Quelle der Erkenntnis bildet, wobei aber gleichzeitig alles Erfahren und Erkennen immer im Zeichen eines gewissen geschichtlichen Vorverständnisses steht (vgl. z.B. Heidegger). Gerade dieses Vorverständnis, bzw. diese Prägung durch die Mitwelt und Vergangenheit läßt aber auch wieder Zweifel an der Absolutheit des "erkennenden Subjekts" aufkommen.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 3: Zur Relativität der Erkenntnis: Was ist das? [Dudel96]

Die letzte Abbildung demonstriert die Relativität unserer "Erkenntnis". Auf den ersten Blick scheint das Bild aus wirren hellen und dunklen Flecken zu bestehen. Durch entsprechendes Vorverständnis wird aber ein Foto eines verbreiteten Nutztieres erkennbar. Wer diese Hintergrundinformation einmal gewonnen hat, wird den Inhalt des Bildes problemlos wiedererkennen.

Gemäß der hier vertretenen materialistischen Betrachtungsweise müssen wir davon ausgehen, daß einerseits jede Form der Beobachtung nur durch Wechselwirkungen möglich ist, das heißt der Beobachter muß das Beobachtete verändern, um es wahrnehmen zu können. Auf der anderen Seite hat die Koevolution des Erkenntnisapparates (Augen, Gehirn, ...) mit seiner Umwelt dafür gesorgt, daß sich die Erkenntnis auf Wahrnehmungen beschränkt, die sich für das Überleben als praktisch erwiesen haben. Ich möchte zum Beispiel darauf hinweisen, daß das menschliche Auge genau auf jenen Teil des elektromagnetischen Spektrums der Sonnenstrahlung spezialisiert ist, der nicht von der Erdatmosphäre absorbiert wird — das "sichtbare Licht" nämlich. Einerseits beeinflußt also der/die BeobachterIn das Beobachtete, übrigens viel mehr, als wir uns dessen normal bewußt sind, andererseits hat die Evolution den/die BeobachterIn geformt.

Den Menschen, bzw. das erkennende Wesen zum "Maß aller Dinge" zu machen, geht aber schon auf die Antike zurück. Der Skeptiker Protagoras sah in der Natur nur ein Spiel subjektiver Erscheinungen.

Chris Hyatt erläuterte unsere Abhängigkeit von mentalen Fähigkeiten und Sinneseindrücken an Hand eines witzigen Experiments des Dubliner Philosophen de Selby, der in einem Marmeladeglas wochenlang Staub, Brösel, Krusten vom Herd, obskure Scherben vor langer Zeit zerbrochener Gipsfiguren, archäologische Fundstücke aus dem Keller usw. sammelte. Dann wählte er von den Passagieren einer irischen Fähre einen statistischen Querschnitt von 123 Dublinern und 246 Besuchern vom Festland, und bat sie, den Inhalt des Glases zu erraten. 77,6% antworteten sofort: "Oh, ich weiß, das ist ..." und stellten abenteuerliche Vermutungen an, wie "das Zeug das in pakistanischen Restaurants in die Currysauce gemischt wird", oder "Uranerz" und "Baumrinde". De Selby schloß daraus, daß die meisten Europäer in diesem Stadium der Evolution überzeugt sind, alles und jedes könne sinnvoll mit einem einzigen Wort beschrieben werden, was im genannten Fall sicherlich nicht möglich war. Auf die damit verbundene Aristotelische Logik und den zu Beginn erwähnten sogenannten "naiven Realismus" werde ich im Unterkapitel 5.4.1 zurückkommen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist vorerst bloß, daß es uns eigentlich immer nur gelingt, einen gewissen Wirklichkeitsausschnitt wahrzunehmen, etwa die Farbe und Struktur am Rand der undefinierbaren Masse in Selbys Marmeladeglas. Selbst diesen Ausschnitt, etwa ein farbiges Bild, können wir nicht zur Gänze erfassen. Wer vermag sich wenige Sekunden später noch an jedes Brösel oder Haar erinnern? Wir können nur Assoziationen zu ähnlichen, uns bekannten Objekten herstellen, um Erfahrungen in eine der möglichen Kategorien unseres Auslegungssystems einzuordnen. Paul Watzlawick hat dieses Phänomen in seinem empfehlenswerten Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit" [Watzlawick80] an zahlreichen eindrucksvollen Beispielen demonstriert.

Mit dem zuvor erläuterten Experiment im Hinterkopf können wir nun einen Blick auf die angesprochenen mentalen (geistigen) Fähigkeiten werfen, welche verantwortlich für die von uns erlebte "Realität" zu sein scheinen, um schließlich unsere Ähnlichkeit mit "genetisch programmierte Primaten" (Affen, bzw. Menschen im Alltagstrott) zu erkennen. Überraschender (oder trauriger)-weise läßt sich ein Großteil der menschlichen Handlungen auf mehr oder weniger mechanistische, relativ einfache Verhaltensweisen und eine geistige Simulation der "Mitwelt" zurückführen. Viele Handlungen werden erst im Nachhinein "rationalisiert"- d.h. an das Weltbild angepaßt. Vom Standpunkt des "Konstruktivismus" ist die geistige Weltsimulation in unseren Gehirnen, bzw. unser Weltbild, im Grunde die eigentliche Realität, da unserem Bewußtsein letztlich immer nur diese konstruierte Welterfahrung zugänglich ist. Dieses verinnerlichte Bild der Welt, bzw. diese "Weltkonstruktion" wird mit Hilfe biologisch repräsentierter Werkzeuge zur Informationsverarbeitung geschaffen. Damit sind alle Nervenzellen, Sinnesorgane und so weiter gemeint.

Die evolutionäre Erkenntnistheorie [Vollmer75], [Riedl76], [Hafner95] sieht sowohl die belebte Umwelt eines Lebewesens, als auch den angesprochenen Erkenntnisapparat (Sinnesorgane, Gehirn, Gefühlsapparat [Picard97]...) als evolutionär gewachsen und biologisch-physisch repräsentiert an [Altner81]. Alle "mentalen Organe" sind als physische, neuronale Netze (verbundene Nervenzellen) [Rumelhard84], [Kohonen84], [Dorffner91] realisiert, deren Strukturen genetisch grob vorgegeben sind, wie etwa Chomskys postulierte Universalgrammatik im Bereich des Sprachverstehens [Chomsky81], mehr darüber in 3.1.1.3. Sie stellen die erwähnte materiell- energetische Repräsentation unseres "Bewußtseinsprozesses" dar. Die tatsächliche Ausformung und ständige Adaptierung dürfte auf einem Wechselspiel zwischen dem eingangs erwähnten Mechanismus der Selbstorganisation [Peaks95] und der Entropie beruhen, die seit einigen Jahren im Zusammenhang mit der Chaostheorie erforscht werden.

Dazwischen "ist der Informationsprozeß des Lebendigen als allmähliches Bewußtwerden der gestaltenden Grundidee auf dem Weg des materiellen Ertastens zu beschreiben" ([Kummer87] nach O. Gehlert), den Manfred Eigen als Rückkoppelung von Information gewinnenden und verarbeitenden Prozessen beschreibt. Christoph Kummer zeigt in [Kummer87], wie das "Bewußtsein" in diesen "Hyperzyklus" eingebettet werden kann. Ich werde in diesem Zusammenhang deshalb auch von der "Kybernetik" des Lebens sprechen.

Intelligenz als Erwartung bei Mensch und Tier

Der evolutionäre Vorteil des Konzeptes des "verinnerlichten Mitweltmodells" (2.3, 3.1, 4.3.5.5), die Triebfeder der Evolution also, kann vor diesem Hintergrund folgendermaßen umschrieben werden. Durch ein verinnerlichtes, stark vereinfachtes Mitweltmodell (bzw. Weltbild) [Dem94] kann die Wahrscheinlichkeit von zukünftigen Ereignissen vor ihrem Eintreten abgeschätzt werden, wenn diese irgendwelchen formalisierbaren Gesetzmäßigkeiten gehorchen, wie z.B. fallende Gegenstände unter dem Einfluß der Schwerkraft.

Das Erstellen einer solchen "kognitiven Karte" der Umwelt würde aber noch keinen Überlebensvorteil schaffen. Da in dieser verinnerlichten Welt auch imaginär gehandelt werden kann, wird es möglich, für das Überleben günstige Situationen über das Durchspielen von imaginären Handlungen mit Hilfe eines relativ einfachen Versuchs- und Irrtumsverfahren zu entwerfen. Die Einfachheit der involvierten Informationsverarbeitungsmechanismen ist eine wichtige Voraussetzung für die Effizienz der Simulation, denn was tragen die raffiniertesten Überlegungen zum Überleben bei, wenn dazwischen ein paar Jahre vergehen? Um die schnelle Manipulation komplexer Strukturen zu ermöglichen, hat die Computertechnologie eine der biologischen Evolution entlehnte Strategie adoptiert: stark parallelisiert und miniaturisiert, nahe und kurzfristig auch über der Grenze zum Chaos bzw. der Unbestimmtheit durch Quanteneffekte [Zukav79], [Peak95]. Dafür soll möglichst wenig Materie bzw. Energie manipuliert werden, was schnellere Prozesse ermöglicht, und gleichzeitig zur Miniaturisierung zwingt. Andererseits bedarf Information immer einer materiell-energetischen Repräsentation — die im Falle der biologischen Evolution auf sehr vielfältige Weise organisiert sein kann, z.B. durch das Training von Nervenzellen, aber auch durch chemische Markierungen in der Lebenswelt [Cruse98].

Aus diesem Grund kann unter den Voraussetzungen des Materialismus/Strukturalismus nur ein stark vereinfachtes Modell der Umwelt in menschliche Überlegungen einbezogen werden, denn mit einem eingeschränkten Angebot an Materie bzw. Struktur läßt sich eben auch nur eine eingeschränkte Komplexität darstellen. Trotz dieser Einschränkungen lohnt sich die Modellbildung, denn fehlgeschlagene Versuche im miniaturisierten "Umweltsimulator" (z.B. im menschlichen Gehirn) vergeuden weit weniger Energie und Substanz, als das bei Lebewesen der Fall ist, welche Reaktionen auf ihr Verhalten nur am eigenen Leib verspüren können, da sie nicht die Fähigkeit der Reflexion besitzen. Die am günstigsten bewerteten Handlungen müssen schließlich auch ausgeführt werden. Das kann unmittelbar und unbewußt, aber auch verzögert und bewußt geschehen.

Von der individuellen Erwartung zur gesellschaftlichen Erwartung: Kommunikation

Lebewesen, die kommunizieren, also Information austauschen, geben Hinweise zum Aufbau des angesprochenen inneren Mitweltmodells weiter, also ihrer "Umwelt" im Sinne Uexkülls [Uexküll80], [Rumelhard84], [Falk94], siehe auch 4.3.5.5 und 1.1.7. Mit anderen Worten: der Aufbau des inneren Weltmodells kann einerseits unmittelbar durch das Sammeln von Erfahrungen erfolgen, oder aber durch die Übernahme von kommunizierten, bereits vorgefertigten Modellteilen von anderen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft. Dazu bedarf es eines "Kommunikators", eines sich ständig im Selbst- bzw. Zwiegespräch befindlichen Organs, welches sich einer Sprache bedient und einer Kommunikationsübereinkunft folgt [Quine75], [Chomsky70], [Winograd82], [Minsky86]. Dieses Organ wird oft als Bewußtsein bezeichnet. Es erlebt sich als alleine und wißbegierig in der Welt, was besonders die Existentialisten z.B. Kierkegaard und Jean Paul Satre beschäftigt hat. Der "Kommunikatorprozeß" entspricht C. G. Jungs "Ich-Komplex" aber auch Max Stirners "Selbst", das ich noch eingehend behandeln werde. Je nach Kommunikationspartner kann von einem Sprecher/einer Sprecherin eine andere Rolle gemäß Jungs "Persona" eingenommen werden.

Ein kybernetisches Modell des menschlichen Verhaltens

Triebe werden in meinem kybernetischen Modell des menschlichen Geistes [Dem94] als sogenannte "Faktor-Monitore" bezeichnet. Es handelt sich dabei um Überwachungsprozesse bzw. Regelkreise mit einer Spezialisierung auf evolutionäre Faktoren [Dem94], (vgl. [Minsky86], [Piaget67], [Foerster97] ) wie etwa die Fortpflanzung (Leben reproduzieren und trainieren), das Meiden unmittelbarer Gefahr (siehe 3.1.4.2 ), das Atmen, das Essen und Trinken (Leben erhalten und schützen). Weitere "Faktor-Monitore" beziehen sich auf komplexe Handlungen zur Verbesserung der Lebensgrundlagen und zur gegenseitigen Hilfe (3.1.4.2 und [Kropotkin02], [Claessens70]), verbunden mit einer "Modellierung der Mitwelt". Vernunft und Gefühl verstehe ich als einander ergänzende Informationsverarbeitungsmethoden, die auf dem angesprochenen "inneren Weltmodell" aufbauen [Picard97].

Die Vernunft hilft abstrakte Einheiten mit Hilfe von Symbolen zu identifizieren, verdichten bzw. einzuteilen (klassifizieren), sowie beim Ableiten von weiteren Informationen durch Assoziation, Vergleiche und logische Schlüsse. Die rationale Analyse wird oft erst nach planlosen "Zufallshandlungen" eingeschaltet, selten planen wir "im leeren Raum". Das Gefühl ermöglicht die Einbeziehung unsicherer, vager Information, die z.B. zum Assoziieren eingesetzt wird. Sie dient der ganzheitlichen Beurteilung einer Fülle von abstrakten und "körperinternen" Informationen [Dorffner91], [Dem94].

Der direkte Kontakt mit dem Körper als Quelle von "Bedeutung"

Mit "körperinterner Information" ist die unmittelbaren Rückmeldungen der einzelnen Organe des Körpers an das Kleinhirn gemeint. Im Gegensatz dazu müssen abstrakte Informationen, über den Umweg induzierter körperlicher Zustände erst gefühlsmäßig "interpretiert" werden.

Als Beispiel seien die Gefühle beim Tod eines geliebten Menschen angeführt. Wird die Nachricht von dem traurigen Ereignis z.B. durch einen Brief übermittelt, handelt es sich zunächst um abstrakte Information, etwa Zeichen (siehe "Semiose": 2.3, 5.4.1) auf einem Blatt Papier.

Der Schmerz entsteht nicht unmittelbar beim Lesen der Zeilen, er wird erst durch die körpereigenen Organe spürbar. Krampfartige Zustände, z.B. beim Weinen, helfen, daß sich die angestrebte Gefühlslage durch die organische Rückmeldung an das Stimmungszentrum des Kleinhirns einstellt. Kognitive (vernunftbezogene) Fähigkeiten sind, wie bereits erwähnt, "physisch" realisiert, wie z.B. das räumliche Vorstellungsvermögen, das auf einer durch Nervenbahnen in das Gehirn geleiteten direkten, zweidimensionalen ähnlichkeitserhaltenden Abbildung des optischen Reizes beruht [Kohonen84]. Neben einander liegende Gegenstände können z.B. durch die Aktivierung neben einander liegender Neuronen (Gehirnzellen) in einer sogenannten "feature map" dargestellt werden.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abb. 4: Gehirntätigkeit bei der Vorstellung eines Gegenstandes (a) und von Eigenschaften (b)

Die obige Abbildung aus [Dudel96] demonstriert Veränderungen der Gehirndurchblutung als Folge von nervlichen "Anstrengungen" in bestimmten Gehirnregionen, die mit Hilfe der Positronen Emissions Tomographie (PET) gemessen wurden.

Neben räumlicher Struktur muß auch Dynamik, bzw. das Verhalten in der Zeit in eine zweidimensionale Repräsentationen transformiert werden [Minsky86]. Ein anschauliches Beispiel wäre die Zeitplanung mittels (zweidimensionalem) Terminkalender. Worte, Laute, Musik und andere Informationssequenzen können in einem zweidimensional realisierten "assoziativen Gedächtnisfeld" [Kohonen84] direkt gespeichert und ausgelesen werden, in dem z.B. beim Lernen eines Wortes ein Laut an den nächsten erinnert usw.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 5: Neuronale Architektur von assoziativem Gedächtnis in der Kortex [Dudel96]

Auch die Rückkoppelung mit bestimmten Organen dient zur Realisierung einer direkt erfahrbaren "Bedeutung" (Semantik). Ein schmerzender Magen signalisiert Hunger. Die naheliegenste Form der Problemlösung besteht nun darin, dieses Organ zu beruhigen, was zunächst intuitiv durch Nahrungszufuhr versucht wird, da das Organ nur über den Schlund erreichbar ist. Oft sind auch andere, daraus verständliche Reaktionen beobachtbar, zum Beispiel das Auflegen der Hand auf den Unterleib — eine Folge der "Bedeutungsstiftung" durch die lokal im Verdauungsorgan gelegenen Nerven und die dadurch ausgelösten unangenehmen "Gefühle" im übertragenen Sinn.

Auch der umgekehrte Weg funktioniert in manchen Fällen, wie psychologische Experimente gezeigt haben. Wer seine Gesichtsmuskulatur anweist, ein lachendes Gesicht zu formen, gerät z.B. in eine Stimmung. Eine Anwendung dieser Einsicht stellt z.B. das Gebot des immerwährenden Lächelns für buddhistische Geistliche dar.


 

iiii. Ein "erweiterter" Materialismus/Strukturalismus als philosophische Grundlage

Die heutige Forderung nach einer "politischen Ökologie" [Krieger97], [Moewes95], [Schmidt98], [Adriaanse98], [Kronberger97] weist große Ähnlichkeiten mit den Anliegen des Marxismus auf. Sie ist materialistisch (man/frau geht von einem kritischen, reflektierenden Bewußtsein des Wirklichen aus), dialektisch (Beständigkeit ist nur durch Prozesse realisierbar. Die durch Interpretationsprozesse ins Leben gerufene "Wirklichkeit" — vgl. das verinnerlichte Mitweltmodell — wird ihre eigene Kritik in Form eines Diskussionsprozesses hervorbringen), historisch (es ist 5 Minuten vor 12h) und fortschrittlich [Lipietz97]. Während die Arbeiterschaft den "Kapitalismus" abzuschaffen versucht, um das Leben zu ändern, soll heute der "Produktivismus" und die Vorherrschaft der Ökonomie und Technokratie zurückgedrängt werden.

Ich möchte weiters darauf hinweisen, daß der in der Folge vorgestellte philosophische Materialismus wenig mit dem umgangssprachlichen Begriff der "materialistischen Denkweise" gemein hat. Der oft als einschränkend und determinierend gesehene Materialismus wird durch die Erkenntnisse der Quantenphysik und der Chaostheorie von der im Alltag verbreiteten exakten, mathematisch-logischen Interpretation befreit [Diettrich94], [Dalenoort95], [Peak95], [Lewin92]. Das angesprochene "Konstrukt" der Materie bzw. des Raum-Zeitkontinuums oder des Multiversums [Deutsch97] sowie deren quantenmechanische Natur muß eine Reihe von verrückten Eigenschaften haben, um den bis heute angestellten Experimenten der PhysikerInnen zu genügen vgl. [Hawking79], [Hawking96], [Hogan97], [Zukav79]. Ich werde einige Fragestellungen der Quantenphysik in der Einleitung zu 5.4.1 erläutern. Die moderne Astrophysik (Urknall, Lebenszyklus der Sterne, ... [Hawking97]) wird im dritten Abschnitt im Zusammenhang mit der kosmischen Evolution angesprochen.

Damit sollen metaphysische Spekulationen in Fragestellungen vermieden werden, die durchaus der naturwissenschaftlichen Methode zugänglich sind. Die Physik und Chemie eines einzigen sterilen Wassertropfens bietet wesentlich mehr Überraschungen, z.B. in der "Feinstruktur", als wir das üblicherweise "toter Materie" zugestehen würden, vgl. [Lattacher97]. Genauso verhält es sich in der Mathematik mit dem einmal "braven" und dann plötzlich chaotischen Verhalten streng formal festgelegter iterativer Funktionensysteme.

 

 

 

 

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

 

Abb. 6: Bifurkationsdiagramm, Mandelbrotmenge und Detail im "Elefantental" [Peak95]

Als prominentes Beispiel seien die "Mandelbrotmenge" (Apfelmännchen) und andere hübscher Fraktale genannt. Auf selbstähnliche, also fraktale Strukturen wie bei Blättern und Schneeflocken stoßen wir in der Natur häufig, z.B. um Erbinformation effizient zu nutzen. So gleichen etwa Blutkapillaren einem Gewirr aus Zweigen und Ästen [Peak95], [Dalenoort95].

Der Streit um die angebliche Begrenzung menschlicher Vorstellungen durch den Materialismus kann am ehesten durch die Definition von Materie als die "Summe aller auf Existenz begründeten Phänomene" beigelegt werden, wobei natürlich ausgespart bleibt, was unter "Existenz" zu verstehen ist, nicht aber, durch welche Naturgesetze sie auf allgemein nachprüfbare Weise angenähert werden kann. Es geht also hauptsächlich darum, alle Phänomene durch eine gemeinsame Betrachtungsweise zu deuten.

 

Erweiterung des klassischen "dialektischen Materialismus" [Wetter62] um 2 Aspekte:

 

Neuronale Netzwerke, die Komplexitäts- und Chaostheorie als Grundlage des Prinzips der Selbstorganisation und Selbstähnlichkeit, kybernetische sowie evolutionär-biologische Modelle von Lebewesen [Nultsch91], [Vollmer75], [OrganiSUMS98], können das zuvor von der Materie unabhängig gesehene Phänomen der menschlichen Erkenntnis, bzw. des menschlichen Geistes wesentlich besser erklären (vgl. [Foerster97], [Dorffner91], [Dalenoort95], [Diettrich94], [Piaget67]), als Jahrhunderte andauernde metaphysische Spekulationen zuvor.

Auf dieser Erkenntnis baut der "Strukturalismus" auf, der im wesentlichen zwischen der (physischen) Repräsentation einer Form, der Struktur (Informationsgehalt) einer Form, und der Bedeutung (Interpretation der Information) einer Form unterscheidet. Im Gegensatz dazu stehen der naive Realismus und der Instrumentalismus, die beide die Rolle des Betrachters / der Betrachterin für die Bedeutung eines beobachteten Sachverhalts leugnen. Das Bindeglied zwischen der chaotischen, nur durch Wahrscheinlichkeiten bestimmten Natur des subatomaren Bereiches der Materie [Hawking96,97], [Deutsch97] und den sogenannten vernunftbegabten höheren Lebewesen war lange Zeit von der Philosophie vernachlässigt worden, nämlich die Möglichkeiten der Selbstorganisation und der damit verbundenen Information, sowie ihre subsymbolisch holistische (ganzheitliche bzw. parallele, gefühlsmäßige) und symbolische (sequentielle, verstandesmäßige) Verarbeitung, aber auch ihr Austausch, die Kommunikation. So schaffen menschliche Gehirne imaginäre Welten mit Hilfe der bis an die Grenzen des subatomaren Chaos gehenden Informationsverarbeitungsmechanismen durch vernetzte Gehirnzellen und transportieren gleichzeitig diese Ideen bis in den Makrokosmos, z.B. den Planeten Erde.

Die im Makrokosmos zumindest annähernd (statistisch) geltenden Naturgesetze machen sich die denkenden Lebewesen für Vereinfachungen zunutze, die ihren Ideen zugrunde liegen. Zweckgerichtete Vereinfachungen sind unumgänglich, denn die ganze Umwelt paßt natürlich nicht in ihre Köpfe. Genau diese Vereinfachungen der uns umgebenden komplexen, dynamischen Systeme sorgen auf der anderen Seite aber auch für böse, oft lebensbedrohende Überraschungen. Da die Natur uns Menschen mit Fähigkeiten zur ganzheitlichen Betrachtung ausgestattet hat, nämlich mit dem "Gefühlsapparat", bestehen gute Chancen, daß menschliches Handeln nicht zwanghaft auf einen kollektiven Selbstmord angelegt sein muß. Eine neue, flexible Sichtweise unserer Lebenswelt zu finden ist das vorrangige Ziel der hier formulierten Mitweltethik, die dabei auch "sozial wünschenswert" sein muß. Sie kann ihre Legitimation nur aus der Zustimmung jedes/jeder Einzelnen erlangen, was auch die Mitsprache und Mitgestaltung aller Beteiligten voraussetzt. Ethische und Moralische Konzepte können nur gemeinsam erarbeitet und umgesetzt werden, sie lassen sich nicht "verordnen".

Exkurs: Ist "Bedeutung" metaphysisch, gibt es den Geist aus der Maschine?

Abschließend möchte ich mich einer Fragestellung widmen, an der sich naturgemäß die Geister scheiden. Dabei wird ein wichtiger Aspekt des zuvor diskutierten "Strukturalismus" zur Sprache gebracht, nämlich die stillschweigende Annahme, daß materiell-energetische "Realisierungen" alle Aspekte der erlebten Welt beinhalten. Wir wollen also nicht davon ausgehen, daß geheimnisvolle Geister oder Seelen unsere materiellen Körper bewohnen. Die Seele, das Fühlen, Verstehen, Rechnen und Handeln des Menschen müssen als Phänomen der materiell- energetischen körperlichen Existenz erklärt werden. Spinnen wir diesen Gedanken weiter, so kann es auch andere materiell-energetische Repräsentationen eines denkenden, fühlenden und erkennenden Bewußtseins geben, z.B. Körper von anderen Säugetieren, und wer weiß, vielleicht sogar Maschinen oder ganze Galaxien? Freilich sind bewußtseinsformende Prozesse auf verschiedene Voraussetzungen wie Wahrnehmungsorgane und Gedächtnis angewiesen, um unseren Vorstellungen von einem "beseelten" Wesen zu genügen. Weitere Voraussetzungen für Erkenntnis und Intelligenz habe ich bereits in der vorangegangenen Skizze eines modernen Menschenbildes vorgestellt.

Die hier vertretene, offensichtlich naturwissenschaftlich orientierte Sichtweise, wird vor allem von konservativen Kreisen (St-1,2a) scharf kritisiert, und hat tatsächlich einige Schwachpunkte. Die Auseinandersetzung läßt sich auf den Diskurs zurückführen, ob das Wesen des menschlichen Geistes naturwissenschaftlichen Methoden zugänglich ist oder nicht. Noam Chomsky entlarvt in "Regeln und Repräsentationen" [Chomsky81] viele der klassischen Gegenargumente als Versuche, die mystifizierte Sichtweise des Geistes bzw. der Seele aufrecht zu erhalten, um eine überfällige Diskussion liebgewonnener Tabus zu verhindern.

Chomsky ist der Ansicht, daß es zahlreiche Hinweise auf eine genetisch bedingte gemeinsame Struktur aller geistigen Fähigkeiten des Menschen gibt, denen abstrakte mentale (geistige) Organe zugeordnet werden können, wie sie z.B. die Sprachfähigkeit darstellt [Chomsky81], [Dudel96], [Cruse98]. Marvin Minsky hat diese Idee in seinem Werk "Mind Children" sehr anschaulich weitergeführt, und die technische Realisierung verschiedener Teilaspekte der intellektueller Fähigkeiten angedeutet, siehe auch [Minsky86].

Ich will noch einmal darauf hinweisen, daß diese materialistische Betrachtung keineswegs als Grundlage für ethische, moralische bzw. politische Schlußfolgerungen herangezogen werden darf, und daß auch der Verstand gegenüber dem Gefühl nicht bevorzugt werden soll, da beide als unverzichtbare Bestandteile des Erkenntnisapparates angesehen werden müssen.

Es wäre darum töricht, würden wir heute beschließen, daß der naturwissenschaftliche Ansatz prinzipiell abzulehnen ist, gleiches gilt auch für die "Vernunft", weil sie in ihrer jetzigen Form (Instrumentalismus, ...) als nicht hinreichend erkannt wurden. Die adäquate Antwort auf dieses Problem soll der hier vertretene "erweiterte dialektische Materialismus" geben.


 

iiiii. Beiträge der Naturwissenschaften zum Verständnis der Umweltkrise (We-2)

"Der Mensch ist ein Geschöpf der Natur und zugleich Schöpfer und Träger eines ihr fremden, wenn nicht entgegengesetzten Prinzips, der Kultur. Im Laufe der Epochen hat man/frau den Unterschied zwischen Natur und Kultur verschieden verstanden und erlebt. In der Antike war es der Unterschied zwischen physis und techne, d.h. zwischen denjenigen Dingen, die von sich aus entstehen und denjenigen, die von Menschenhand gemacht werden. Techne machte die Dinge zu etwas anderem, hinderte somit ihre natürliche Entstehung, und war immer mit einem Moment der Gewalt (bia) verbunden" [Krieger97].

 

In diesem Unterkapitel bin ich einem umfassenden Verständnis für das ökologische Handlungsdefizit des 21 Jahrhunderts auf der Spur. Es handelt sich um die Zusammenführung aller bekannten, naturwissenschaftlichen Ansätze in einer neuen Disziplin, der sogenannten "Humanökologie". Sie versucht zunächst [Wehrt96], "die wichtigsten Teilergebnisse aus verschiedenen Wissenschafts- und Lebensbereichen zusammenzufassen, um angesichts der weltweiten Informationsvernetzung orientierende, konsensfähige Situationsbilder und Zielvorstellungen zu erarbeiten. Dabei müssen Systemstellen ausfindig gemacht werden, die für das ökologische Handlungsdefizit ursächlich sind; sodann wären mögliche Strategien aufzuzeigen, die zur Überwindung der Hemmnisse in Frage kommen." Als in Frage kommende Wissenschaften werden Religionswissenschaften, Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Ethnologie, Ökonomie, Physik und Chemie zitiert, im Grunde sind alle im menschlichen Leben verankerten Fachbereiche einzubeziehen.

Naturwissenschaftliche Grundlagen

Humanwissenschaften

Mathematik Analysis
Algebra
Logik, ...

Philosophie: Ethik,
Erkenntnistheorie,
Humanökologie, ...

Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung

Humanmedizin, Ernährungswissenschaften, ..

Physik: Mechanik, Akustik, Optik,
Thermodynamik
Atomphysik, Quantenph., ...

Geschichtswissenschaften:
Archäologie,
Paläontologie, ...

Chemie: org., anorganisch,
Biochemie

Anthropologie

Tabelle 1: Wissenschaftliche Disziplinen - Überblick

Gleichzeitig wird der spekulative Charakter einer solchen Unternehmung betont, insbesonders angesichts des dringlichen Handlungsbedarfes.

Ökologie

Umweltschutz

Biologie: Botanik, Zoologie
Physiologie, Verhaltensforschung
Genetik, Evolutionsforschung
Mikrobiologie
Geologie, Boden- und Standortkunde
Klimatologie, Meteorologie
Syn-, Autökologie, Kybernetik, ...

Toxikologie: Ökotoxikologie,
Humantoxikologie,
Lufthygiene, Abgasreinigung
Lärm- und Strahlenschutz, Altlastensanierung
Gewässerschutz, Abwassertechnik
Energietechnik und Anlagenbau
Bauökologie, Verkehrs- und Raumplanung

Tabelle 2: Wissenschaftliche Disziplinen — Überblick

Neben der klassischen philosophischen Rolle als Vermittlerin zwischen den heute stark isolierten Fachbereichen wünscht der eingangs zitierte Philosoph Kurt Egger [Wehrt96], daß sie auch auf offensichtliche Betriebsblindheit und Voreingenommenheit in Bezug ökologische und soziale Probleme reagiert. Mit anderen Worten, der bzw. die HumanökologIn hat die Verantwortung auch für Wissen zu übernehmen, welches aus "fremden" Fachrichtungen übernommen wurde.

 

 

Sozialwissenschaften

Systemwissenschaften

Kommunikationsw.

Ökonomie: Währung
Mikro-, Makroök.
Steuerungsinstrumente
Psychologie:
Wahrnehmung,
Sozialforschung,
gesell. Kommunikation
Rechtswissenschaften:
Umweltrecht,
Staatsrecht,
Gesellschaftsmodelle
Politikwissenschaften
Verhaltensforschung

Kybernetik
Systemanalyse und Design
Modellierungsmethoden
Modellierungswerkzeuge
Risikobewertung
Technikbewertung
Computersimulationen:
Stoffkreislaufmodelle
Schadstoffmodelle
Klimamodelle

Management
Raumplanung, Logistik

Kommunikationstheorie
Sprachwissenschaften
Informatik, Nachrichtentechnik
Soft- u. Hardwaretech.
Computernetze
Simulationen
Benutzerfreundlichkeit
Meßt.,Automatisation
Umweltdatennetze
GIS Systeme, Kartographie
künstliche Intelligenz
elektronische Demokratie
Datenschutz

Tabelle 3: Wissenschaftliche Disziplinen - Überblick

 

Deshalb sind Beiträge verschiedener naturwissenschaftlicher Disziplinen in diese Arbeit eingeflossen. Der vorangegangene Überblick erhebt allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die einzelnen Disziplinen der Naturwissenschaften und die Theologie haben verschiedene Sichtweisen der Umweltkrise hervorgebracht, die nun vorgestellt werden. Anschließend skizziere ich im "humanökologischen Ansatz" eine Synthese dieser Sichtweisen, die in den später diskutierten, neuen Ethikansatz einfließen wird.

a. Toxikologischer Ansatz (Poison - Anthropozentrische Umweltethik)

Angeregt durch: Humanmedizin und Chemie

Vorgeschlagene Indikatoren: Emission, Immission, Bilanz nach toxikologischer Gewichtung

In der verwandten "Anthropozentrischen Umweltethik" gilt die Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen als Grundwert [Krieger97], siehe auch 1.2.1.3.

Dieser Ansatz ist für eine Nachhaltigkeitsbewertung ungeeignet, und ethisch bedenklich, da er sich nur auf eine möglichst effiziente, kostengünstige Schutzwirkung bezüglich menschlicher Gesundheit und Besitztümer orientiert, und somit zweifellos mit der konservatistischen Strömung St-1,2(a) in Verbindung gebracht werden kann - siehe 2.1. Dieser Ansatz wird deshalb innerhalb der Sozialphilosophie der "einfachen", d.h. unreflektierenden Moderne zugeordnet. Ihre Institutionen sind sich nicht bewußt, daß bereits in der Auswahl von "Risikofaktoren", Umweltindikatoren und Toxizitätsbewertungen (z.B., Giftigkeitsindex von Substanzen) versteckte Werturteile gefällt werden, die niemals wirklich zur Diskussion standen. Aber heute als unbedenklich eingeschätzte Stoffe sind möglicherweise die Gifte von morgen. Mitbestimmung wird auf Fragen reduziert, die die Machthaber stellen. Der Umgang mit möglichen und wahrscheinlichen unerwünschten Folgen wird ausgeblendet, sie werden zu den "Sachzwängen" von morgen.

Die verkürzte Fragestellung lautet: "Was muß vermieden werden, um unmittelbar feststellbare Schäden zu verhindern, aus denen etwa Schadenersatzforderungen abgeleitet werden könnten?" Ein damit verbundenes verstecktes Werturteil wäre etwa die Orientierung an einer "durchschnittlichen". Leiden alle BewohnerInnen einer Region unter den selben Symptomen, können sie als "durchschnittlich" gesund betrachtet werden. Da solche Urteile ausschließlich die Elite der Industriegesellschaft fällt, werden Probleme der Irreversibilität, unkontrollierbarer Dynamik und Trends vernachlässigt, da sich die Überlegungen häufig auf Momentaufnahmen und statische Zustände stützen. Zu viel Vorsicht angesichts einer unkontrollierbaren Komplexität gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse würde die Geschäfte behindern, siehe 5.1.3 und 1.2.2.6.

Dieser Ansatz läßt sich zudem leicht mit Hilfe der "Papierbürokratie" realisieren. Äußerst bedenklich sind die damit verbundenen, oft sogar gesetzlich vorgeschriebenen Vergiftungsorgien an Lebewesen, zum Teil auch an unterprivilegierten Menschen, um die Toxizität von Stoffen "empirisch zu ermitteln". Dabei müssen Wechselwirkungen (allg.: "Strukturelle Interdependenz") meist vollständig ausgeblendet werden. Auch globale Hintergrundbelastungen sind in diesem Zusammenhang schwer zu beurteilen und werden durch die Orientierung an dem erwähnten "durchschnittlichen Gesundheitszustand" fast völlig vernachlässigt. Oft werden Meßwerte aus Angst vor einer unbegründeten Panik verschwiegen oder verfälscht, eine laufende Revision von Grenzwerten ist die Folge. Ein ständig überschrittener Grenzwert ist aus realpolitischer Sicht völlig unpraktikabel, zumindest solange die Bevölkerung nicht von einem Tag auf den anderen dahingerafft wird. Das Ozonproblem demonstriert heute sehr anschaulich die Grenzen dieses Ansatzes. Strukturelle Zerstörungen von Ökosystemen werden überhaupt nicht wahrgenommen.

Welche Bedeutung haben die lächerlichen Giftstoffe wie Formaldehyd, Dioxin, Furan, Ozon usw. für die österreichische Bevölkerung im Vergleich zu den "Ultragiften" Industriezucker (Karies, Pilzkrankheiten, Stoffwechselstörungen), Nikotin, Alkohol (geistige Umnachtung), Toilettenartikel (Ekzeme, Allergien), Zigarettenrauch (auch beim Mitrauchen), Fette & Kakaopulver (Akne), Kaffee (Kreislauf, mutagen) und akuter Bewegungsmangel zusammen mit Streß (Auto- und Handygesellschaft)? Kennt der/die geneigte LeserIn jemanden persönlich, der an einer Furanvergiftung leidet, dem das Sommerozon schweres Asthma beschert hat? Und wenn, wieviele Personen aus dem unmittelbaren Bekanntenkreis leiden an den erwähnten Alltagsgiften? Bei diesem Vergleich ist übrigens nicht die Giftigkeit bezogen auf eine Gewichtseinheit des Stoffes gemeint, sondern das Produkt aus der Giftigkeit und der tatsächlich konsumierten Menge.

Der Wiener Gesundheitsökonom Christian Köck wies darauf hin, daß die Raucherquote unter österreichischen Jugendlichen mit fast 60% weltrekordverdächtig ist. In einer groben volkswirtschaftlichen Rechnung wurde der Einnahmenüberschuß durch die Tabaksteuer abzüglich der Folgekosten mit 11 Milliarden öS ermittelt, zynischerweise wurden 7 Milliarden öS davon als Ersparnisse durch nicht ausbezahlte Pensionen von frühzeitig Verstorbenen ausgewiesen. In den letzten Jahren hat sich der lange gehegte Verdacht einer "verschwiegenen Epidemie" bestätigt: Rauchen beeinträchtigt nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die aller unmittelbar Anwesenden. Der sogenannte "Nebenstromrauch", d.h. der nicht inhalierte Rauch enthält eine hundertfach höhere Konzentration von toxischen Inhaltsstoffen. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei aber angemerkt, daß der Nebenrauch durch die Raumluft stark verdünnt wird, so daß der "direkte Zug" immer noch die größte Gefahrenquelle darstellt. Freilich gilt das nur beschränkt für schlecht belüftete Räume.

Das traurige Resümee im Zeitalter mit dem angeblich "größten Wissenszuwachs" in der Geschichte der Medizin: Bei einer Untersuchung österreichischer Schulkinder im Jahre 1996 wurde festgestellt, daß die Allergien von 5% bei den Sechsjährigen auf bis zu 18% bei den 18 jährigen Schulabgängern ansteigen, daß bereits von den SchuleinsteigerInnen 25% Zahnkaries, 15% Haltungsschäden und 10% eine herabgesetzte Sehschärfe haben, 10% leiden unter Asthma bronchiale, 25% an erhöhtem Cholesterinspiegel, ganz zu schweigen von sich rasant ausbreitenden Alkohol- und Drogenproblemen, die am Beispiel des Rauchens erläutert wurden. Aus der langjährigen Entwicklung dieser Gesundheitswerte läßt sich eine bis heute andauernde Verschlechterung in den letzen Jahren ablesen. 1998 wurden in Österreich etwa 30% der jährlichen Gesundheitsausgaben von ernährungsbedingten Krankheiten verschlungen. 42% aller ÖsterreicherInnen sind übergewichtig, 8,5% leiden an krankhafter Fettsucht.

Der "Giftigkeits-Ansatz" kann außerdem als Boulevardmedienliebling bezeichnet werden, denn er sorgt regelmäßig für reißerische Sensationen, und bietet die angesprochenen, unzulässigen Vereinfachungen, welche für dieses Medium von besonderer Bedeutung sind.

b. Ökologisch, Ökotoxikologisch (Natural Balance - Biozentrische Ethik, Holismus)

Angeregt durch: Biologie und Kybernetik

Vorgeschlagene Indikatoren: Beeinträchtigung bzw. Funktionsfähigkeit ökologischer Systeme

In der verwandten "Biozentrischen Umweltethik" gilt die Integrität der Lebensgemeinschaft als Grundwert, im Holismus die vernunft- und gefühlsmäßig akzeptierte Verbundenheit des Menschen mit der Natur [Krieger97], siehe auch 1.2.1.6 und 1.2.1.7.

Strukturelle Diversität im Substrat (z.B. ein verschlungenes, vielfältiges Bachufer) und genetische Vielfalt werden von BiologInnen als unverzichtbare Grundlagen für höher entwickeltes biologisches Leben angesehen [Kosz92]. Tragfähige Lebensräume sind nicht bloß durch die Abwesenheit von Giften und anderen schädlichen Einflüssen gekennzeichnet, sondern auch durch eine räumliche und zeitliche Harmonisierung. Die Berücksichtigung von Dynamik und Vernetztheit ist mit der herkömmlichen Papierbürokratie schwer bewältigbar, außerdem tritt der Schutz des Individuums in den Hintergrund (St-1,2 b).

Neue naturwissenschaftliche Methoden und organisatorische Maßnahmen berücksichtigen diese Erkenntnisse, sowie die mangelnde Einsicht in die Komplexität der Zusammenhänge. Ihre praktische Umsetzung erfordert kleine überschaubare Verwaltungseinheiten mit möglichst geschlossenen Stoff- und Energieströmen. Eine biologistisch orientierte Politik vernachlässigt allerdings oft humanistische Ideale, wie Solidarität und Toleranz (St1,2b, St-3), und bietet keine Antworten auf soziale Fragen der Verteilungsgerechtigkeit — sowohl von nutzbaren Produkten als auch von als notwendig erkannten Einschränkungen. Auch ist das Wissen um die Ansprüche und Zusammenhänge heimischer Tier- und Pflanzenarten immer noch sehr bescheiden, die außerdem von Standort zu Standort sehr unterschiedlich sein können.

Das große Problem biologistischer Thesen ist, daß eine offene Diskussion von Werten meist durch den Verweis auf "Naturgesetze" und die genetische Determiniertheit erschwert oder gar verhindert wird — siehe z.B. die Rassismusdiskussion in 2.2. Tatsächlich liefern die modernen Naturwissenschaften aber keine Anhaltspunkte für eine solche Determiniertheit, siehe z.B. 5.4.

c. Entropie (Entropy - Physiozentrische u. holistische Umweltethik)

Angeregt durch: Physik, Kybernetik, Ökologie, Ökonomie

Vorgeschlagene Indikatoren: Ökologisch- Ökonomische Systemvariablen, Irreversibilität

In der verwandten "Physiozentrischen Umweltethik" gilt das "sich Einfügen" in eine harmonische Weltordnung als Grundwert, im Holismus die vernunftmäßig erkannte Verbundenheit des Menschen mit der Natur durch die enge Vernetzung von Wechselwirkungen in offenen Systemen [Krieger97], siehe auch 1.2.1.8.

Dieser Ansatz dürfte dem naturwissenschaftlich orientierten Versuch der Eliminierung von Werturteilen entsprungen sein. Die physikalisch-objektive Realität soll subjektive, am Menschen orientierte Denkweisen ablösen, etwa im Sinne des abzulehnenden "naiven Realismus" bzw. Objektivismus, siehe 5.4.1, [Diettrich94], [Foerster97]. Damit einher geht meist eine gewisse Verklärung der Mathematik als mystische "Erkenntnisquelle", siehe 3.5.1. Als erklärtes Ziel folgt aus dem Entropieansatz der durchaus zu begrüßende, möglichst sparsame Umgang mit Energie und Ressourcen. So kritisiert etwa Günther Moewes das Bauwesen als die Branche mit der größten Energie-Entropie: In Deutschland wird 50% aller Endenergie im Bauwesen verbraucht. Im gesamten Verkehr, einschließlich Flug- und Schiffsverkehr werden 11% investiert.

Einsparung ist also unabdingbar: "Eine Beschränkung auf Solarenergie wäre also nur möglich, nachdem der Energieverbrauch von heute durch Einsparung auf einen Bruchteil reduziert worden wäre, vermutlich um mindestens 70% [Heimel95], [Moewes95], [Schmidt98].

Die Nachteile einer derartigen, naturwissenschaftlich verkürzten Sichtweise gleichen denen des biologischen Ansatzes. Außerdem wird der nicht deterministischen Natur einer durch die moderne Physik vermittelten Welt nicht Rechnung getragen, Quantenphänomene sind nicht vorhersagbar [Deutsch97]. Die oft vorausgesetzte Annahme abgeschlossener Systeme nahe dem Gleichgewichtszustand hat sich in der Praxis als unzureichend erwiesen. Diversität und Ordnung wird gegen Entropie (Unordnung) aufgerechnet, und somit eine Berechenbarkeit der Zukunft vorausgesetzt, die uns aus den genannten Gründen versagt bleibt.

Vernachlässigt werden außerdem die Grenzen der menschlichen Erkenntnis, die aus der Evolution des menschlichen Erkenntnisapparates (Augen, Gehirn, etc.) gefolgert werden können. Alle vom Menschen eingesetzten Methoden zur Gewinnung und Ableitung von Informationen lassen sich auf das menschliche Gehirn, bzw. auf den raffinierten Bauplan des menschlichen Körpers und die Verbindung zu dessen natürlichen Lebensraum zurückführen (vgl. "erweiterter Materialismus", "Koevolution": 3.1)

Da aber die gesamte Umwelt nicht in unsere Köpfe paßt, d.h. die in biologischen Gehirnen abbildbare Komplexität bei weiten übersteigt, werden unsere Prognosen immer nur vage Annäherungen bleiben. Die für den Entropieansatz unverzichtbare Systemmodellierung, mit deren Hilfe erlaubte Grenzen der Zerstörung und Tragfähigkeit ermittelt werden sollen, stößt deshalb in der Praxis auf unüberwindliche Grenzen. Entweder das mathematische Modell ist zu einfach, und weicht zu stark von der Realität ab, oder es werden zu viele Wechselwirkungen berücksichtigt, und weder eine analytische, noch eine heuristische Methode kann zur Lösung bzw. Analyse in einem vernünftigen Zeitrahmen herangezogen werden.

 

Abb: siehe beigelegte Ausdrucke!

 

 

Abbildung 7: Oszillionenmuster — Materie organisiert sich selbst (aus: Geo)

Aber auch die Natur der Materie selbst scheint sich der Berechenbarkeit zu entziehen (Mathematik: siehe 3.5.1), viele Gesetzmäßigkeiten der Physik gelten nur statistisch über eine große Zahl von Beobachtungen, vgl. etwa die angesprochenen Gesetze der Quantenmechanik und Quantenfeldtheorie [Hawking79,96], [Deutsch97].

Abgesehen davon läßt sich der Entropieansatz nur beschränkt auf biologische Systeme anwenden. Überraschende Ordnung entsteht auch in unbelebten Systemen, z.B. wenn winzige Bronzekugeln im Vakuum geschüttelt werden. Bei niedrigen Frequenzen bilden sich geometrisch exakte Formen wie quadratische Gitter, bei hohen Frequenzen Streifen, bei einer größeren Zahl von Kügelchen können Spiralen, reißverschlußähnliche Muster, kleine herumwandernde, vulkankraterartige "Oszillionen", sowie ganze Ketten und Kristalle solcher "Oszillionen" beobachtet werden, siehe Abbildung 7.

Die Chaostheorie und Untersuchungen der fraktalen Strukturen belebter und unbelebter Materie stellen teilweise den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auf den Kopf, da Ordnung durch den Mechanismus der Selbstorganisation und durch Wechselwirkungen mit der Umwelt gewonnen werden kann, ohne daß es einen übergeordneten Ordnungsmechanismus gibt [Diettrich94], [Dalenoort95], [Peak95]. Jeder Baustein gehorcht bestimmten, einfachen Gesetzen durch deren Zusammenspiel eine höhere Ordnung im zusammengesetzten System gewonnen wird. Noch ist nicht ganz geklärt, ob dieses Phänomen ausschließlich auf die "Offenheit" der Systeme zurückgeführt werden kann, denn die scheinbar verletzten Hauptsätze gelten nur für "abgeschlossene Systeme" nahe einem Gleichgewichtszustand. Es ist deshalb geradezu absurd, wenn zeitgeistige Journalisten oder Politiker die Entropie zu einem das menschliche Leben dominierenden Naturgesetz hochstilisieren, wie z.B. Falko Blask mit folgender Aussage: "In Anbetracht des Wärmetods des Universums ist es letztlich ziemlich gleichgültig, womit wir uns während unserer kurzen Lebensdauer beschäftigen. ... (darum) dürfen wir uns keinesfalls auch nur das kleinste Quentchen an Spaß, Ekstase und Exzeß entgehen lassen." Andererseits kann die Frage auch nicht sein, ob wir irreversibel in den Naturhaushalt eingreifen dürfen, das müssen wir wohl oder übel, sondern, ob wir durch unser Handeln eine ökologisch stabile, harmonisierte (synchronisierte) Beziehung zur Natur schaffen [Czhiak76], die sozial wünschenswerte Rahmenbedingungen für unsere Lebenswelt schafft und erhält.

d. Konvivialität (Conviviality - Theozentrische Umweltethik)

Angeregt durch: Ethik, Theologie, Kommunikations-, Politik- und Sozialwissenschaften

Indikatoren: Wert- & Rechtssystem, Maß für Beeinträchtigung und Zufriedenheit von Lebewesen

In der verwandten "Theozentrischen Umweltethik" gilt der Respekt vor dem Gesetz oder dem Willen Gottes (einer irrationalen Autorität) als Grundwert [Krieger97]. Ganzheitlicher aber auch individueller Schutz bzw. Ehrfurcht vor den Lebensgrundlagen aller Lebewesen kann durch die mangelnde Einsicht in die Komplexität natürlicher Systeme begründet werden, oder durch die besondere Stellung der "göttlichen Schöpfung" selbst. Werturteile werden offengelegt, oder zumindest als Glaubensfragen deklariert. Das Leben erhält meist eine Sonderstellung in der Wertehierarchie (Bio- und Pathozentrismus, siehe 3.1). Dieses meist belächelte Prinzip entspricht wohl auch am ehesten der ursprünglichen Aufgabe der Politik zur Wahrung des "Gemeinwohls". Überall dort, wo es zu Konflikten im Zusammenleben kommt, soll eine einvernehmliche, für die ganze Lebensgemeinschaft beste Lösung gefunden werden. Religiös oder sozial orientierte Ansätze beinhalten andererseits oft einen gewissen Skeptizismus gegenüber naturwissenschaftlichen Methoden, so daß meist die Schaffung einer von allen Beteiligten geteilten Wissensgrundlage für die sachliche Aufarbeitung von Problemen unterbleibt, und Konflikte zu einem fruchtlosen Glaubensstreit ausarten.

e. Ein neuer Ansatz: Der humanökologisch-ethische Ansatz

Dieser Ansatz versucht die naturwissenschaftlich begründbaren Grenzen des menschlichen Intellekts zu berücksichtigen [Piaget67], [Vollmer75], indem nur ethische Forderungen gestellt werden, für die Chancen auf Durchsetzbarkeit bestehen. Keineswegs aber dürfen die ethische Forderungen selbst aus einer solchen relativen, vom jeweiligen Wissensstand abhängigen "menschlichen Natur" abgeleitet werden. Auch können Forderungen nicht bloß mit dem Hinweis auf fehlende Durchsetzungsmöglichkeiten abgewiesen werden.

"Aus konstruktivistischer Sicht ist die Frage falsch gestellt, wie sich der Mensch am besten kulturell an seine natürliche Umwelt anpassen könne. Denn nach konstruktivistischer Auffassung existiert die Natur nicht außerhalb der Kultur, sie ist viel mehr ein Produkt derselben. Wenn von kultureller Evolution die Rede ist, dann höchstens im Sinne von der Anpassung der Kultur an sich selber. Die Frage lautet: Wie kann Kultur, die keine äußere Umwelt hat oder erkennen kann, intern so organisiert werden, daß sie "überlebensfähig" bzw. beständig und gleichzeitig flexibel bleibt [Krieger97]?"

Die Orientierung der Wissenschaften an der Analyse, und das Ausblenden einer nachfolgenden "Synthese" der zur genaueren Untersuchung zerlegten Teilbereiche ist eine weitere Problemquelle. Viel mehr wäre es an der Zeit, evolutionärbiologisch begründbare soziale und moralische Ansprüche (siehe 3.1.), die den Menschen aber auch viele sozial organisierte Tierpopulationen von anderen Lebewesen der Erde unterscheiden [Foerster97], [deWaal98], in ein am individuellen menschlichen Erleben orientiertes, adäquates Bild der Umwelt einfließen zu lassen [Vollmer75], [Piaget67], [Uexküll80], [Cruse98]. Ich gehe somit vom vierten Ansatz aus, der Konvivialität (iiiii.d).

Das unheilvolle Postulat der Dualität von Materie und Geist (René Descartes, 3.2) täuscht eine tiefe Kluft zwischen dieser Ansicht und der naturwissenschaftlichen Sichtweise vor. Die empirisch orientierte, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen des Geistes bzw. der Intelligenz wird dadurch verunmöglicht.

 

Abbildung 8: René Descartes (Quelle: Muhlenberg College Lib.) [Dunham96]

Die moderne Psychologie (1.4), Neuropsychologie (5.4.1), Sozialwissenschaften und Kybernetik (Konnektionismus [Köhle90], [Wennekers95], [Dalenoort95], künstliche Intelligenz: [Dreyfuß72], [Schefe86], [Minsky86], [Russell95], [Cruse98]) haben diese Kluft überwunden und damit auch den Weg für die evolutionäre Erkenntnistheorie und eine zeitgemäße Weltsicht geebnet.

In diesem Sinne ist ein dem heutigen Stand der Philosophie [Foerster97], Psychologie, Physik, Biologie usw. angepaßtes Bild des Menschen eine unverzichtbare Grundlage einer hier geforderten Umweltethik. Sie soll helfen, Beschränkung als natürlich zu akzeptieren, wie etwa die viel zitierten Gesetze der Schwerkraft. Ich habe aber schon mehrfach darauf hingewiesen, daß solche Einsichten nicht als unumstößliche Dogmen mißverstanden werden dürfen. Außerdem muß das stark verbreitete, dem Stand der Wissenschaft zuwiderlaufende lineare Denken durch neue, flexiblere Denkansätze abgelöst werden. Solchen Ideen stehen leider liebgewonnene Privilegien gewisser Eliten im Wege, so daß neben der naturwissenschaftlichen Argumentation auch der gesellschaftspolitische Aspekt derartiger Neuerungen nicht vernachlässigt werden darf.

Es sind nicht nur die Grenzen der menschlichen Erkenntnis, die uns in kurzfristigen, inflexibel und statisch-materiell orientierten Denkweisen gefangen halten, sondern die bereits angedeuteten hierarchischen gesellschaftlichen Organisationsformen, die immer noch auf der Kommunikationstechnologie des Mittelalters (Buch- und Zeitungsdruck) basieren: was nicht mit ein paar Beamten und Formularen verwaltet werden kann, oder mit gleichgeschalteten Massenmedien durchsetzbar ist, kann politisch nicht realisiert werden. Ein einziges, wenn auch schon völlig undurchschaubares Regelwerk soll alle Belange des öffentlichen und privaten Lebens regeln, wobei nur ökonomische Bewertungen von Bedeutung sind — denn dort liegen die hauptsächlichen Interessen der Verfechter dieses Systems.

Als Alternative bietet sich ein am Menschen orientiertes Wertesystem an, welches neben den bekannten ökologischen und entropischen Ansätzen Kategorien wie Mitgefühl und Mitgeschöpflichkeit berücksichtigt. Da bei einer Berücksichtigung von Gefühlen oft sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander stoßen, bedarf es einer verfeinerten, dezentralen Kommunikationsstruktur [Grunov98] und beschränkter, überschaubarer Verwaltungseinheiten [Kohr94], um ständig einen regionalen Konsens erarbeiten zu können. Die Bereitschaft, solche gemeinsam diskutierten Lösungen umzusetzen wird somit viel höher sein, wobei gleichzeitig die unrealistische Verantwortungsüberfrachtung einzelner Entscheidungsträger System vermieden wird [Nagler97].

Die Forderung nach einer ökologischen Technikfolgenbewertung bleibt aber aufrecht, wobei als oberstes Ziel "Menschlichkeit" und das "Mitgefühl" mit anderen Lebewesen, aber auch die Ehrfurcht vor der gesamten Schöpfung zu gelten hat. Diese müßte jedem Menschen mit dem in dieser Arbeit skizzierten Wissensstand über seine evolutionäre Entwicklung, über ökologische Zusammenhänge und seinen angeborenen und kulturell geprägten Gefühlsapparat unmittelbar einsichtig sein ("Ganzheitliches Erkennen und Bewerten"). Daraus folgt aber auch ein Vorverständnis für die vielzitierte Nachhaltigkeit im Sinne des entropischen und ökologischen Ansatzes, das natürlich trotz meiner Erläuterungen bis zu einem gewissen Grad eine Glaubensfrage bleibt.


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